Montag, 13. August 2018

Was tun gegen Telefonterror?

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Guten Tag!

Hirschberg, 14. Januar 2010. Das Telefon klingelt. Mehrmals am Tag, in der Woche, im Monat – immer wieder will Ihnen irgendjemand irgendetwas verkaufen. Das hirschbergblog gibt Tipps, wie Sie den Telefonterror stoppen können.

Mitte Dezember forderte die Baden-WĂĽrttembergische Verbraucherzentrale, das „Gesetz gegen unerlaubte Telefonwerbung“ mĂĽsse nachgebessert werden.

Die Verbraucherzentrale fordert, dass nach Werbeanrufen telefonisch geschlossene Verträge nur noch mit einer schriftlichen Bestätigung des Verbrauchers gĂĽltig werden – das erst im August 2009 in Kraft getretene Gesetz gegen unerlaubte Telefonwerbung versagt offensichtlich.

Telefonwerbung ohne vorheriges Einverständnis ist verboten

Denn eigentlich darf Sie niemand ohne Ihre ausdrĂĽckliche Einwilligung „vor“ dem Anruf mit Telefonwerbung behelligen – eigentlich. Tatsächlich gehen Experten davon aus, dass aktuell Monat fĂĽr Monat 900.000 illegale Anrufe getätigt werden, weit ĂĽber 300 Millionen Telefonterrorakte im Jahr.

Auch die Nachfass-Werbung ist untersagt – beispielsweise von einem Zeitschriftenverlag, wenn Sie dort ihr Abo gekĂĽndigt haben.

Aggressiv und hartnäckig bearbeiten die Anrufer Verbraucher, Vertragsabschlüssen zuzustimmen. Teilweise behaupten sie auch, es bestünde bereits eine Vertragsbeziehung, obwohl das nicht der Fall ist. Immer wieder berichten Verbraucher zudem von unberechtigten Abbuchungen von ihrem Konto.

Die Verbraucherzentrale hat hierzulande über 3.500 Anfragen zu telefonischer Gewinnspielwerbung im vergangenen Jahr bearbeitet. Lotterie- und Gewinnspielfirmen wie die -€šDeutsche Gewinner Zentrale-€™ oder -€šDSC 24-€™ ignorieren offensichtlich ungerührt das neue Gesetz gegen unerlaubte Telefonwerbung.

Es geht immer noch dreister.

Doch es geht noch dreister: Mit Telefonterror unter dem Deckmantel des Verbraucherschutzes treiben auch andere Anbieter ihr Unwesen und rufen unerlaubt Verbraucher an, um sie abzukassieren. So bietet der „Verbraucher Werbeschutzbund e.V.“ gegen einen Mitgliedsbeitrag von 89,95 Euro angeblichen Schutz von unerlaubter Werbung und Datenmissbrauch – ein Versprechen, das sich nicht halten lässt.

Für Verbraucher, die eine Vertragsbestätigung erhalten, obwohl sie am Telefon keinen Vertrag abgeschlossen haben oder die einen telefonisch geschlossenen Vertrag innerhalb der Widerrufsfrist widerrufen möchten, bietet die Verbraucherzentrale unter www.vz-bw.de/telefon-terror Musterbriefe zum Download an.

Das hirschbergblog gibt Tipps, damit es erst gar nicht soweit kommt.

Regel 1: Gewinnspiele vermeiden
Die wichtigste Regel ist: Vermeiden Sie Gewinnspiele. Der schöne Mercedes oder Porsche wirkt seriös, die Firma, die ihn zum Gewinn anbietet, ist es aber vielleicht nicht. Sobald Sie einmal Ihre Adressdaten auf die kleinen Zettelchen geschrieben haben, kann Ihr Leben zur Hölle werden. Hunderte oder tausende Male verkauft sind Sie im Netz der Telefonterroristen gefangen.

Das gilt auch fĂĽrs Internet. Hände weg von Gewinnspielen. Bei vielen ist der einzige Sinn und Zweck des „Spiels“ an Ihre Daten zu kommen. Nichts weiter. Deswegen: Seien Sie Spielverderber.

Regel 2: Telefonverhalten ändern
Sobald Sie Werbeanrufe erhalten, sollten Sie Ihr Telefonverhalten ändern. Haben Sie sich bislang sehr höflich mit „Guten Tag, hier spricht XY“ gemeldet, sollten Sie darauf verzichten. Sie können trotzdem jeden Anrufer höflich mit einem nett gesprochenen „Hallo“ oder „Guten Tag“ begrĂĽĂźen. Wenn Sie den Anrufer nicht erkennen, erkundigen sich Sie zuerst: „Mit wem spreche ich?“.

Ganz clevere Telefonterroristen werden einen Trick probieren: „Frau XY, sind Sie am Apparat?“ oder „Spreche ich mit Frau XY?“ oder knapp „Frau XY?“ Dabei schwingt die Stimme bedeutungsvoll bis unsicher, auf jeden Fall so, dass es fĂĽr Sie interessant klingt. Seien Sie auf der Hut – die Telefonwerber sind geschulte Leute, die nicht nett sind, sondern verkaufen sollen. Sie wollen kein nettes Gespräch, sondern Ihr Geld.

Fallen Sie auf die Fragen nach Ihrer Person nicht darauf mit einem spontanen „Ja“ herein. Sie geben sich erst zu erkennen, wenn Sie eindeutig zu wissen glauben, wer am anderen Ende der Leitung ist. Ist das nicht möglich, beenden Sie das Gespräch: „Ich glaube, Sie haben sich verwählt.“ Und dann legen Sie auf – egal, was der freundliche Mensch Ihnen noch sagen möchte oder was er Verlockendes verspricht.

Wenn Sie der Meinung sind, Sie lassen sich nicht dazu zwingen, unhöflich zu sein. Es dankt Ihnen nur der Werbeanrufer.

Regel 3: LĂĽgen Sie
LĂĽgen Sie, was das Zeug hält. Auf „Frau XY, sind Sie das?“, antworten Sie ganz einfach: „Ne, so heiĂź ich nicht.“ Oder auch: „Die wohnt nicht mehr hier.“ Oder: „Ich Putzfrau. Nix wissen.“

Regel 4: Legen Sie auf
Sofern die Werbeanrufe gleich erkennen, legen Sie auf. Ein ums andere Mal. Sie werden gewinnen. Weil die auf der anderen Seite haben tausende von Adressen vor sich liegen und mĂĽssen AbschlĂĽsse machen. Keiner wird es mehr als ein oder zwei Mal versuchen. Dann heiĂźt die Telefonterror-Devise: „Lass ihn zischen – nimm nen frischen.“

Regel 5: Drohen Sie
Drohen Sie: „Sie sagen mir jetzt, von welcher Firma Sie anrufen, ich gebe das dann an meinen Anwalt weiter.“ Wundern Sie sich nicht. Die Anrufer kennen keine Höflichkeitsregel, sondern werden sofort auflegen und einen Vermerk machen, dass Sie ein schwieriger Kunde sind, den man besser nicht anrufen sollte.

Regel 6: Verlangen Sie die Löschung Ihrer Daten
Haben Sie sich doch identifizert oder eines Ihrer Kinder und Sie sind definitiv nicht an der Werbung interessiert, dann verlangen Sie die Löschung der Daten: „Ich fordere Sie hiermit auf, sofort alle meine Daten bei Ihnen zu löschen.“ Handelt es sich um eine seriöse Firma, wird Ihnen das bestätigt werden und Sie sagen nicht: „Auf wiederhören“, sondern „Guten Tag.“

Regel 7: Schulen Sie Ihre Kinder
Sofern Ihre Kinder ans Telefon gehen, sollten Sie mit Ihnen ĂĽber Regel 2 sprechen. Denn wenn der Anrufer fragt: „Hallooo, ist das XY?“ und das Kind ruft: „Mami, da ist jemand fĂĽr Dich“, wurde die Adresse als korrekt bestätigt. Sie wird weiterverkauft werden und jemand anderes ruft an.

Regel 8: Letzter Ausweg – wechseln Sie Ihre Telefonnummer
Sind die Anrufer nicht nur lästig, sondern mehr als störend, sollten Sie überlegen, die Telefonnummer zu wechseln.

Regel 9: Der Gang zum Anwalt lohnt nicht
Sie können natürlich auch Datum und Uhrzeit des Gesprächs notieren der versuchen herauszubekommen, wer Sie da anruft oder woher die Adresse stammt. Sparen Sie sich die Mühe. Das ist ein Kampf gegen Windmühlen.

Regel 10: Eine Regelverletzung und es geht von vorne los
Beachten Sie die ersten neun Regeln. Wenn Sie konsequent bleiben, erhalten Sie vielleicht noch ein, zwei Anrufe die Woche. Das ist verschmerzbar. Und denken Sie dran: Sobald Sie einmal am Telefon etwas bestellen und seien es nur Prospekte – ist Ihre Adresse eine Qualitätsadresse. Der Werber hatte Erfolg, seine Firma wird die Adresse weiterverkaufen – und es geht von vorne los.

Einen schönen Tag wünscht
Das hirschbergblog

Ăśber Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Porträts und Reportagen oder macht investigative Stücke.