Donnerstag, 09. August 2018

Verkehrte Welt

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Guten Tag!

Hirschberg/Heddesheim, 30. Januar 2010. Als TrĂ€ger öffentlicher Belange stellt die Gemeinde Hirschberg Forderungen in Sachen geplanter „Pfenning“-Ansiedlung in Heddesheim. „Pfenning“ zeigt sich davon unbeeindruckt und erwartet von BĂŒrgermeister Just, dass er vorstellig wird. Diese Haltung ist mehr als erstaunlich – sie ist arrogant.

Kommentar: Hardy Prothmann

In Heddesheim hat die Unternehmensgruppe „Pfenning“ irgendwann betont, dass sie ein „guter Nachbar“ sein wolle. Irgendwann heißt: Nachdem sie festgestellt hat, dass viele Heddesheimer den neuen Nachbarn nicht wollen.

Plötzlich prĂ€sentierten sich „Pfenning“-Vertreter mit einem Stand im Ort und verteilten Flyer. Es wurden Anzeigen geschaltet. Man nahm brav am so genannten Dialogkreis teil und schaltete eine Seite „Pro-Heddesheim“ im Internet frei.

Der Aufwand hatte ein Ziel: Möglichst viel gute Stimmung zu machen, denn die BĂŒrger sollten befragt werden, ob sie den neuen Nachbarn wollen oder nicht. 50,35 Prozent stimmten dafĂŒr 49,65 Prozent stimmten dagegen. Diese 0,7 Prozentpunkte oder 40 Stimmen mehr fĂŒr „Pfenning“ reichen dem Heddesheimer BĂŒrgermeister Michael Kessler und seinen UnterstĂŒtzern bei CDU, SPD und FDP, um zu argumentieren, die Heddesheimer wollten „Pfenning“.

Die Abstimmung war am 27. September 2009. Seitdem hat man vom guten Nachbarn „Pfenning“ in Heddesheim nichts mehr gesehen. Warum auch? Das Unternehmen hat sein Ziel erreicht, das Bebauungsplanverfahren lĂ€uft weiter.

Innerhalb dieses Verfahrens können nun TrÀger öffentlicher Belange zum Vorentwurf des Bebauungsplans ihre Stellungnahmen abgeben. Hirschberg fordert ein Gutachten, dass der Kreisel im Gewerbegebiet die bis zu 1000 zusÀtzlichen Lkw-Bewegungen sowie den zusÀtzlichen Pkw-Berufsverkehr wird aufnehmen können.

Denn der Bauamtschef Rolf PflĂ€sterer sieht Probleme: „Wir bezweifeln, dass der Kreisel ausreichend dimensioniert ist. Eventuell muss hier ein Bypass her“, sagte er dem hirschbergblog.

DarĂŒber hinaus besteht die Gemeinde Hirschberg auf einem „Verkehrslenkungsvertrag„. Der soll sicherstellen, dass keine „Pfenning“-Lkw ab 18 Tonnen ĂŒber die B3 fahren.

Wer will hier was von wem?

DarĂŒber haben auch der Mannheimer Morgen und die Weinheimer Nachrichten bereits berichtet – mit einem wortgleichen Artikel. Denn die beiden Zeitungen sind sich keine Konkurrenz – sie tauschen ihre Artikel aus.

Und die Hirschberger brauchen von den Zeitungen keine kritische Berichterstattung erwarten. Der Mannheimer Morgen hat es bis heute nicht geschafft, auch nur einmal kritischen Fragen nachzugehen und das Ergebnis einer solchen Recherche zu veröffentlichen.

Die Zeitung informiert klar im Sinne der BefĂŒrworter der geplanten Ansiedlung:

„Zur Frage eines Verkehrslenkungsvertrags mit Hirschberg sagte Pfenning-Pressesprecherin Pélagie Mepin, man stehe auch einem GesprĂ€ch mit BĂŒrgermeister Just offen gegenĂŒber, wolle aber zunĂ€chst abwarten, womit dieser konkret auf das Unternehmen zukomme.“

Wer einen solchen Satz aufschreibt, muss sofort denken: „Moment. Verkehrte Welt. Wer will hier was von wem?“

Doch das fĂ€llt den Redaktionen nicht ein. Nicht der BĂŒrgermeister Just muss auf „Pfenning“ zukommen, sondern „Pfenning“ auf Just. „Pfenning“ will sich ansiedeln und „Pfenning“ muss sich deshalb folgerichtig bemĂŒhen, um Zweifel und Bedenken auszurĂ€umen.

Immerhin will man angebliche 100 Millionen Euro investieren.

Jeder vernĂŒnftige Mensch wĂŒrde vor einer eventuellen BelĂ€stigung den Nachbarn darĂŒber in Kenntnis setzen, um ein gutes VerhĂ€ltnis zu bewahren. Und nicht warten, bis der Nachbar sich genervt meldet.

Hirschberg profitiert ĂŒberhaupt nicht von der geplanten Ansiedlung. Im Gegenteil. Mit großer Wahrscheinlichkeit bringt diese Hirschberg weitere Verkehrsbelastungen.

Die Bedenken aus Hirschberg sind dem Unternehmen lĂ€stig. Deswegen bemĂŒht man sich auch nicht, diese auszurĂ€umen. Wenn der Just was will, soll er halt einen Termin vereinbaren. Punkt. Aus. Fertig.

Diese arrogante Haltung kennt die kritische Heddesheimer Bevölkerung schon zur GenĂŒge. „Pfenning“ bewegt sich nur, wenn der Druck zu groß wird. Unter Druck ist auch der „Verkehrslenkungsvertrag“ entstanden.

Die Hirschberger sind gut beraten, wenn sie das berĂŒcksichtigen. Ohne Druck bewegt sich „Pfenning“ garantiert nicht.

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist GrĂŒndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten PortrĂ€ts und Reportagen oder macht investigative StĂŒcke.