Donnerstag, 02. August 2018

Das Wohl der Schüler oder die Knetmasse der Politik? Ein Polylemma

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Guten Tag!

Hirschberg/Heddesheim, 24. Februar 2010. Wie zu erwarten war, hat der Hirschberger Gemeinderat dem „modifizierten“ Antrag zu einer Werkrealschule „neuen Typs“ zugestimmt. Der Grund: Es musste eine „gesetzeskonforme“, sprich zustimmungsfähige Lösung gefunden werden. Das „Wohl der Schüler“ ist genau durch dieses Gesetz längst auf der Strecke geblieben – die politischen Erklärungen „folgen diesem Zustand konsequent“.

Kommentar: Hardy Prothmann

Wer sich in einem Dilemma befindet, ist nicht zu beneiden. Denn so jemand befindet sich einer Zwickmühle. Jede positive Entscheidung erbringt im selben Moment eine negative.

Der Hirschberger Gemeinderat hat eine Entscheidung getroffen. Es soll ein „modifizierter“ Antrag für eine gemeinsame Werkrealschule Hirschberg-Heddesheim gestellt werden. Schnell, schnell, bevor über den „nicht-genehmigungsfähigen“ Antrag entschieden wird.

Es gibt ein neues Schulgesetz, gegen das alle Lehrerverbände geschlossen argumentieren. Aber es gibt auch eine baden-württembergische Schulpolitik, der das vollkommen egal ist. Diese Politik hat ein Ziel: Einsparungen. Und sie hat die Macht. Das heißt, Kultusminister Rau bestimmt, wo gespart wird.

Wie gewohnt, fängt das Sparen „unten“ an. Bei den Hauptschulen. Zwei Drittel gelten als „gefährdet“ – sprich vom und durch das Einsparen bedroht.

Aus „nicht optimal“ wird „optimiert“.

Das erste Hirschberger-Heddesheimer Modell war kein „optimales“, wie es Bürgermeister Just gerne verkaufen will. Es war ein „optimiertes“. Aber eines ohne Chance. Es hatte keine Chance auf Zustimmung durch die Schulbehörden.

Bürgermeister Just wusste das. Auch sein Heddesheimer Kollege Michael Kessler wusste das. Weshalb haben die beiden dann diesen aussichtslosen Weg gewählt? Ganz klar, weil beide auf der politisch vorgegebenen Verliererstraße noch gewinnen wollten. Umgangssprachlich heißt das: Das Beste draus machen.

Die Heddesheimer Johannes-Kepler-Schule ist ein bisschen besser ausgestattet und hat mehr Schüler, liegt aber abseits. Die Hirschberger Martin-Stöhr-Schule ist auch ganz gut ausgestattet, liegt aber näher am Odenwald und damit zentraler.

Beide Gemeinden haben zu wenig Schüler, um allein über die Runden zu kommen, Heddesheimer ist größer, Hirschberg hat andere Perspektiven.

Polylemma.

Schriesheim hat Hirschberg eine Abfuhr erteilt, in Weinheim muss Hirschberg gar nicht erst anklopfen. Heddesheim ist allein auf weiter Flur, Gespräche mit Ladenburg, wohin all die Gymnasiasten und Realschüler pendeln, verbieten sich aus tief empfundener Konkurrenz oder auch aus einem Frustgefühl von selbst.

Es bleibt also das Modell Hirschberg-Heddesheim. Würde Heddesheim Hauptstandort, wäre Hirschberg der Ableger. Das würde Hirschberg nicht akzeptieren. Man ist hier selbstbewusst.

Also wird Hirschberg Hauptstandort und Heddesheim Ableger, kriegt aber den „Schulzweckverband“. Das nennt man einen zweckmäßigen Tauschhandel zum gegenseitigen Nutzen.

„Moment“, sagen Sie? „Da war doch noch was?“

Richtig. Die Schüler, die Eltern und der Schulstandort.

Politische Inszenierung – Helden gesucht.

Deswegen tut man so, als würde man kämpfen. Das wiederum nennt man „politische Inszenierung“. Herr Just und Herr Kessler tun so, als hätten sie alles gegeben. Doch die beiden Siegfriede hatten gegen die Macht des Drachens aus Stuttgart keine Chance. Und beiden war das bewusst.

Der Botschafter des Drachens, Staatssekretär Georg Wacker (CDU) tut so, als wäre die Schlacht eine echte gewesen, gibt sich scheinbar geschlagen, aber auch kämpferisch und gibt das Signal, dass ein „Kompromiss“, also ein Waffenstillstand, möglich sei.

Ein Kompromiss also. Das klingt nach Demokratie. Nach Mitbestimmung. Nach Lösung.

Die Lösung ist gefunden: Ein „modifizierter“ Antrag. Und dieser muss schnell gestellt werden, denn sonst kommt es zur „Entscheidungsschlacht“, einer Ablehnung. Also stellt der Hirschberger Gemeinderat diesen Antrag. Mit fast 100-prozentiger Sicherheit wird der Heddesheimer Gemeinderat am Donnerstag genauso entscheiden. Für den Kompromiss, für die Kapitulation, die als Sieg verkauft werden wird.

So läuft das politische Spiel. Man baut eine Ziellinie auf, tut so, als gäbe es Möglichkeiten, diese zu verändern, rennt scheinbar dagegen an und erklärt zum Schluss, man habe alles gegeben. Auf dem Schlachtfeld gibt es Opfer.

In diesem Fall sind es nur Hauptschüler. Das ist angesichts der „politischen Verhältnisse“ zu „verschmerzen“.

Die Frage ist, ob das Publikum aus verantwortlichen Bürgern diesem Prinzip von „Brot und Spiele“ aufsitzt.

Schön geredete Notfalllösung.

Denn angeblich ging es den lokal Verantwortlichen, also den Bürgermeistern, der CDU und der FDP, die ganze Zeit darum, „leistungsschwächeren Schülern optimale Möglichkeiten zu bieten“. Konkret: Um die Unterrichtung vor Ort. Um die Orientierung in einem bekannten Umfeld. Um möglichst viel Konzentration auf das, was ihnen sowieso schwerer als anderen fällt.

Wenn der CDU-Gemeinderat Dr. Jörg Boulanger dann behauptet, dass das „modifizierte“ Modell „bildungspolitisch richtig“ sei, dann spricht er nicht für die Schülerinnen und Schüler, sondern nur für die Partei.

Wenn er behauptet, durch die Gewerbegebiete der Gemeinden gebe es „bildungspolitische Angebote“, schwätzt er aus lauter Not über die Entscheidungen der Landesregierung nur noch dummes Zeug.

Wenn er allerdings behauptet, das das „Pendeln der Kinder zwischen den Standorten“, die mehr als andere Stabilität brauchen, „keine Belastung darstellt“, dann wird er zynisch.

Und spätestens mit dem Satz: „Gymnasiasten machen das auch“, wird er komplett unglaubwürdig in Bezug auf die ursprüngliche Forderung, dass Hauptschüler möglichst in einem für sie optimalen, also vertrautem Umfeld unterrichtet werden sollten.

Der Gemeinderat Peter Johe stimmt stellvertretend für seine Fraktion der Freien Wähler zu. Man merkt ihm an, dass ihm das alles nicht gefällt und dass er froh ist, „keine Partei“ zu sein.

Das „Wohl der Schüler“ wird zur „geschmacklosen“ Aussage.

Während sich Boulanger stellvertretend für die CDU noch „souverän“ zu sein bemüht , überschreitet Hartmut Kowalinski (FDP) die Geschmacksgrenze: „Das Pendeln der Schüler ist durchaus eine Chance für die Schüler, Sozialkompetenz zu entwickeln“.“

Das ist nicht mehr zynisch, das ist absurd. Motto: Hauptsache was gesagt und die Welle gemacht.

Würde Herr Kowalinski das ernst meinen, müsste er keine Probleme haben zu fordern: „Wir schicken alle Hirschberger Hauptschüler nach Heddesheim. Denn die haben bessere Technikräume und durch das Pendeln über Jahre werden unsere Hauptschüler Experten in sozialer Kompetenz.“

So haben alle die vorgegebenen und manche ihre eigenen Dilemmas. Daraus wird ein vielfaches Dilemma, also ein Polylemma. Ob man das bedauern muss oder einfach nur hinnimmt, muss jeder im Gemeinderat selbst entscheiden. Und bei der nächsten Wahl der Wähler.

Nicht hinnehmen kann man die Darstellung des Bürgermeisters Just und des CDU-Gemeinderats Dr. Jörg Boulanger, eine Entscheidung für die Hauptschule sei eine gegen einen Werkrealschulabschluss für Hirschberger Schüler.

Dabei handelt es sich eindeutig um eine Falschinformation. Alle „künftigen“ Hauptschulen werden ihre Schüler dahingehend ausbilden, dass ihre Schüler nach der 9. Klasse die 10. Klasse einer Werkrealschule besuchen können.

Schade, dass ein Bürgermeister Just sich zur Knetmasse machen lässt. Oder macht?

Es ist schade, dass ein sonst sehr souveräner Bürgermeister Manuel Just dies nicht eindeutig klar gemacht hat und nicht klipp und klar erklärt, dass er eine Entscheidung trägt, die er nicht tragen will.

Es ist schade, dass eine CDU-Fraktion vor Ort sich mehr um die verquere Landespolitik und deren Image sorgt, als um die Hirschberger Schüler.

Insgesamt ist es schade, dass das „Wohl der Schüler“, die noch vor kurzem am meisten „Zuwendung und Förderung“ brauchten, zur Knetmasse der Politik und deren Wohl umdefiniert werden.

Mit einem Mal werden Hauptschüler mit Gymnasiasten gleichgesetzt und bekommen als Ausgleich für ihr Dilemma von der FDP das versprochen, was diese Partei garantiert nicht vertritt: „Sozialkompetenz“.

Hauptsache, es ist „gesetzeskonform“.

Lesen Sie hier unseren Kommentar: Das Wohl der Schüler oder die Knetmasse der Politik? Ein Polylemma

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Porträts und Reportagen oder macht investigative Stücke.