Donnerstag, 09. August 2018

Kinderbetreuung basiert auf Tatsachen und Hoffnungen

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Guten Tag!

Hirschberg, 26. Februar 2010. Sp├Ątestens ab August 2013 greift das Kinderf├Ârderungsgesetz (Kif├ÂG), das Mitte Dezember 2008 verabschiedet wurde. Dann m├╝ssen die Kommunen eine Betreuungsquote f├╝r jedes dritte Kind garantiert zur Verf├╝gung stellen.

Von Hardy Prothmann

B├╝rgermeister Just stellte zuerst die gute Nachricht dar: Schon heute gibt es f├╝r Kinder ab drei Jahren in Hirschberg genug Kindergartenpl├Ątze. Genug hei├čt, die gesetzlichen Vorgaben werden erf├╝llt. Ein Drittel der Kinder kommt unter.

Zumindest, was die momentane Nachfrage angeht. In Hirschberg leben zur Zeit 293 Kinder zwischen drei und sechseinhalb Jahren. Insgesamt bieten die drei Kinderg├Ąrten der Kirchen 316 Pl├Ątze. Auch die Zahl der Pl├Ątze ist geregelt. Das hei├čt aber auch, die zul├Ąssige Gruppenzahl ist nicht voll ausgesch├Âpft: Der Rechtsanspruch wird erf├╝llt.

Bei den Kindern unter drei Jahren liegt Hirschberg unter Bundesdurchschnitt von rund 20 Prozent. In Hirschberg leben 250 Kinder unter drei Jahren. F├╝r die gibt es 20 Pl├Ątze – das sind acht Prozent.

Das kann man wie die „Weinheimer Nachrichten“ f├╝r eine „gute Nachricht“ f├╝r Eltern halten – man kann es aber auch anders sehen.

Der Gemeinderat hat einen Ausbau der Betreuung beschlossen. Das kann er gar nicht anders – au├čer die Gemeinde will Prozesse riskieren. Eltern haben einen Rechtsanspruch, den die Gemeinden erf├╝llen m├╝ssen.

Im Fall der Kleinkinder unter drei Jahren sind das 85 Pl├Ątze. Zur Zeit gibt es zehn Pl├Ątze beim evangelischen Kindergarten Gro├čsachsen und noch einmal so viele beim Verein Postillion. Das macht 20 Pl├Ątze. Weitere 40 Pl├Ątze will die Kommune bis zum Jahr 2013 schaffen. Das macht 60 Pl├Ątze. Um auf die gesetzlich vorgeschriebene Zahl zu kommen, greift die Gemeinde auf 24 Pl├Ątze bei Tagesm├╝ttern zur├╝ck.

SPD-Gemeinderat Dr. Horst Metzler sagte: „Der Bedarf ist nicht gedeckt, wenn man davon ausgeht, dass die Versorgung durch Tagesm├╝tter nicht stabil genug ist – manchmal ├Ąndern sich Gesetze sehr schnell.“

Wenn man „davon ausgeht“, wie die CDU, die Freien W├Ąhler und die FDP schon. B├╝rgermeister Just gibt Gemeinderat Metzler recht: „Das ist nicht ganz unzutreffend. Eine Gesetzes├Ąnderung sehe ich nicht. Die Erfahrung mit den Tagesm├╝ttern ist gut – trotzdem m├╝ssen wir das im Auge behalten. Unsere Bem├╝hungen k├Ânnen nur der Anfang sein.“

B├╝rgermeister Just sieht nach „lockeren Anfragen“ einen Bedarf von 65 Pl├Ątzen – also ungef├Ąhr dem, was die Gemeinde bis 2013 schaffen will.

Zwei Tagesm├╝tter haben sich vor einigen Wochen bei der CDU eingefunden, die diese wohlwollend unterst├╝tzen. Trotzdem bleiben sie ein Unsicherheitsfaktor – eine rechtlich gesicherte Betreuung wie die Kirchen oder Betreuungsvereinen wie Postillion k├Ânnen sie nicht bieten. Daf├╝r sind sie sehr viel g├╝nstiger. Es darf nur keine krank werden oder sich ein Bein brechen – denn dann h├Ątte die Gemeinde sehr schnell ein Prozessrisiko am Hals – das wei├č der B├╝rgermeister.

Ob der „Modellcharakter“ der Unterst├╝tzung von Tagesm├╝ttern, den Gemeinderat Hartmut Kowalinski erkannt hat, der richtige Weg ist, muss sich erst zeigen. Bei diesem Thema ist der Ansatz, „der Markt regelt die Nachfrage“, ein hei├čes Eisen.

Wenn das die Gemeinder├Ąte, die mit der Betreuungssituation in Hirschberg „zufrieden“ sind, auch wissen, haben sie das aber nicht deutlich gemacht. Auch die GLH stimmt dem Antrag der Verwaltung zu – verzichtet aber auf eine Lobhudelei.

Die Tendenz ist klar: Immer mehr Frauen erziehen alleine, immer mehr Frauen m├╝ssen dazu verdienen oder wollen arbeiten. Daraus folgt ein immer gr├Â├čerer Bedarf an Betreuungspl├Ątzen – rund 34 Prozent sind gesetzlich garantiert. Die Frage ist, ob eine Gemeinde nur das Gesetz bedienen oder nicht eher der Lebenssituation seiner B├╝rgerinnen Rechnung tragen will.

F├╝r konservative Parteien wie die CDU und die Freien W├Ąhler und auch die FDP beginnt hier sicherlich ein harter Weg der Anerkennung einer sich wandelnden Gesellschaft.

├ťber Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gr├╝ndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Portr├Ąts und Reportagen oder macht investigative St├╝cke.