Freitag, 10. August 2018

Bürgermeister Just wird „ideologisch“ – ob ihm das gut tut, darf bezweifelt werden

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Guten Tag!

Hirschberg, 01. Juli 2010. Der noch sehr junge Bürgermeister Manuel Just (32) gilt als Dynamiker und hat sich und seiner Gemeinde Hirschberg zwei Projekte verschrieben, die ihn und seine Gemeinde an die Grenzen der Belastungsgrenze bringen werden. Das ist zur Zeit noch nicht „offensichtlich“, aber es ist absehbar.

Von Hardy Prothmann

Die Politik ist ein komplexes Geschäft – manchmal ist es so, dass sich jemand voller Elan einsetzt, in der Überzeugung das Richtige, Edle, Gute zu tun. Dabei wird man gefordert, unterstützt, bestätigt. Gelingt das Vorhaben, ist man gerne der Freund der Dynamik. Scheitert das Vorhaben, hat man es immer schon gewusst.

Der Hirschberger Bürgermeister Manuel Just ist ein Dynamiker. Ein quirliger, interessierter, aufmerksamer, fleißiger und blitzgescheiter Mensch.

Bürgermeister Just: "Ihre Ideologie wird meine nicht überzeugen." Bild: hirschbergblog

Und ein „Jungspunt“. Manuel Just weiß, dass er auch deshalb Bürgermeister der Gemeinde Hirschberg und deren Ortsteilen Großsachsen und Leutershausen geworden ist. Jung, dynamisch, aber ausreichend konservativ und ein Mann der Zahlen. Er ist mit Verlaub das, was er gerne über das Seniorenzentrum sagt: Eine Wollmilchsau, die auch noch Eier legen soll.

Die Ortsteile haben eine lange, komplizierte Geschichte und das „Verhältnis“ beider ist noch komplizierter. Die „Alten“ haben erkannt, dass sie einen Neuanfang brauchten, um gemeinsam weiterzukommen – Grabenkämpfe gehen letztlich aufs Geschäft.

Ein junger, unbelasteter Bürgermeister wie Just kam da gerade recht – sicher auch mit dem Kalkül im Hinterkopf der „Alten“, dass ein „Junge“ auch noch „formbar“ sei. Kalkuliert haben beide Seiten und sie versuchen, sich ihren Bürgermeister zu „formen“.

Das Ergebnis sind zwei Projekte in Leutershausen und Großsachsen. Zwei richtig große Projekte. Seniorenzentrum und Hilfeleistungszentrum – jedes für sich schon eine Herausforderung. Beide hat der Bürgermeister Just angenommen und widmet sich ihnen mit seinem typischen Elan.

Doch Einsätze fordern immer ihren Preis. Die Alten wissen das, der junge Just hat davon aber nur eine Ahnung. Intelligenz, Ehrgeiz und Leistungsbereitschaft haben noch niemals die Erfahrung ersetzt. Das erfährt Manuel Just jetzt.

Das Seniorenzentrum war als Idylle geplant und wird als Realität umgesetzt werden.

Hier streiten sich die Geister – die alten der Vereinsgeschichte des TVG, Aufbau, Entwicklung, Dynamik und als sei es ein Theaterstück, apodiktisch dagegen gesetzt, Abbau, ebenfalls Entwicklung, Pflege und betreutes Wohnen. Größer könnten die Gegensätze nicht sein.

Der Charme dieses Projekts spiegelt sich im Zustand der Gesellschaft wieder, die dynamisch sportlich sein will und doch immer älter wird und Betreuung braucht.

Das Hilfeleistungszentrum ist das viel bedeutendere Projekt – auch und gerade, weil darüber viel zu wenig diskutiert wird.

Der Zusammenschluss der beiden Feuerwehren, der beiden DRK-Vereine ist ein absolutes Politikum. Wenn diese Vereinigung vollzogen sein wird, verlieren Großsachsener wie Leutershausener einen großen Teil ihrer selbstverständlichen Verteidigung.

Mit einem Male wird es eine gemeinsame Wehr geben, ein gemeinsames Kreuz. Beide werden sich gleichberechtigt zum Wohl der Bürger einsetzen. Und viele werden versuchen, ihre Gründe zu sichern.

Es gab Anfang der siebziger Jahre eine Kommunalreform – die Ortsteile wurden „vereint“ – in Wirklichkeit ist Hirschberg trotz aller Beteuerungen gespalten. Und das ist schade. Verantwortlich dafür sind beide Seiten.

Jetzt leidet ausgerechnet dieses Integrationsprojekt an zu großen Vorstellungen und Kosten. Fast zehn Millionen Euro wurden eingedampft und eingedampft und eingedampft – bis 7,6 Millionen Euro übrig blieben.

Über „Details“ soll noch verhandelt werden.

Der junge Bürgermeister Just nimmt hier das erste Mal Schaden, hat er doch immer als Ziel vorgegeben, dass eine „6“ vorne stehen sollte.

Dieses Ziel kann er erreichen, durch Streichungen und Kürzungen.

Jeder Strich, jede Kürzung wird aber ihm zugerechnet werden. Die „Alten“, die „Ortsteile“ werden wissen, wer „schuld“ ist. Sie werden sich die Beute teilen.

In der Gemeinderatssitzung vom 29. Juni 2010 hat der Bürgermeister Just vor allem die Gemeinderätin Birgit Knoblauch direkt und unmissverständlich angegangen: „Ihre Ideologie wird meine nicht überzeugen“, sagte Just.

Das war aus zwei Gründen ein schwerer taktischer Fehler.

Erstens hat sich Manuel Just damit eindeutig gegen die insgesamt sehr erfolgreiche grüne Bewegung gestellt, die an Akzeptanz gewinnt, ganz ohne Parteipolitik, sondern aus der Lebenserfahrung der Menschen heraus.

Und zweitens hat Herr Just eine neue Dimension aufgemacht: Er ist nicht mehr nur jung, dynamisch, intelligent und ein „Rechner“, er wird ideologisch.

Und er hat sich eindeutig gegen die „GLH“ positioniert – vertreten durch Birgit Knoblauch, die in dieser Sitzung viel aushalten musste – auch wenn sie gerne und gezielt ausgeteilt hat.

Birgit Knoblauch hat dem Bürgermeister die Pistole auf die Brust gesetzt – vermutlich unwissentlich, weil sie sich einfach für die „ökologische Idee“ eingesetzt hat.

Manuel Just reagierte unwirsch und setzte deren Ideologie gegen seine: „Am Ende entscheide ich nach den Zahlen“, war seine Antwort auf die Frage, ob er wisse, wieviel Atomstrom die Gemeinde bezieht und ob es nicht ökologische Alternativen gebe. (Dazu werden wir weiter berichten)

Herr Just ist gut beraten, wenn er diese Haltung überdenkt – die Menschen sind über diese Position wahrscheinlich parteiübergreifend längst hinweg.

Finanzen, das Steckenpferd von Herrn Just, sind wichtig – die Fragen nach unserer Zukunft jenseits von Finanzen sind wichtiger für die Menschen.

Man kann nicht an den Menschen vorbeirechnen und -planen. Das wurde auch durch die Fragen der beiden Kinder klar, die vom Bürgermeister eine Antwort erwarteten.

Herr Just hat geantwortet – aber für Kinder nicht verständlich.

Herr Just hat eine „6“ vor dem Hilfeleistungszentrum angekündigt – jetzt sind es 7,6 Millionen. Herr Just hatte ein Seniorenzentrum mit Park im Blick – jetzt werden es „fünf Bäume“ wie Karlheinz Treiber sagt. Das werden auch die Erwachsenen nicht selbstverständlich verstehen wollen.

Herr Just hat sich viel Mühe gegeben, viel Einsatz gezeigt und war die meiste Zeit souverän. Und auch seinen Mitarbeitern hat der „Chef“ viel abverlangt.

Wenn er jetzt anfängt, „ideologisch“ zu werden, darf man getrost davon ausgehen, dass ihn das zerreiben wird.

Herr Just muss immer daran denken, dass er der Bürgermeister von Hirschberg ist, nicht der von TVG, Großsachsen, Leutershausen, CDU, FW und schon gar nicht der des „Investors“. Sondern von allen.

Wenn er daran denkt, ist er gut beraten.

Doch das erfordert nicht nur viel Dynamik und Kraft, sondern auch viel Kondition.

Die „ideologische“ Positionierung hat erstmals die Atemnot des Bürgermeisters Just gezeigt.

Jeder kann mal außer Atem geraten – das ist nicht schlimm.

Schlimm wird es immer, wenn „Ideologien“ aufeinander knallen.

Noch schlimmer wird es, wenn nicht klar ist, welche Ideologien vertreten werden.

Bislang galt der Bürgermeister Just als unabhängig – die Zukunft wird zeigen, ob das zutrifft.

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Porträts und Reportagen oder macht investigative Stücke.