Dienstag, 14. August 2018

„Eine großartige Musik, die in Beine und Herz geht“

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Guten Tag

Hirschberg, 29. März 2011. Das „Klezmer Quartett Heidelberg“ nahm die 130 Zuschauer, in dem bis auf den letzten Platz ausverkauften Olympia-Kino in Leutershausen, mit auf eine Reise.
Das wohl einzige Quartett der Welt, das aus fünf Musikern besteht, versetzte ab ihrem ersten Erscheinen und spätestens mit dem ersten Ton das Publikum in eine fremde Welt. In die Welt des Ostjudentums, des Zigeunerischen, des Osteuropäisch-Folkloristischen.

Von Sabine Prothmann

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Klezmer - Musik, die in die Beine und die Herzen geht.

Mit Fiddl (Geige), Kontrabass, Drums, Akkordeon, Klarinette, Tuba und Klarinette bewaffnet, ergossen die Musiker ein Feuerwerk der Fröhlichkeit und der Melancholie über die Zuschauer, die sofort mit Begeisterung reagierten.

Klezmer war die Musik, die auf Hochzeiten und anderen Feiern gespielt wurde. Es ist die Musik, die in den Straßen erklang, wenn Braut und Bräutigam durchs „Schtetl“ zogen und mit allen feierten. Aber es ist nicht die Musik, die in der Synagoge gespielt wurde, erfährt man von Martin Leckebusch, Geiger, Geschichtenerzähler und „Primarius“ des „Quartetts“. Und schon folgte der „Hochzeitsmarsch“, der sich lebhaft und rhythmisch steigert.

Während die fünf Musiker, Holger Teichert (verschiedene Klarinetten), Martin Leckebusch (Geige, Gesang), Jörg Teichert (Tuba, Gitarre, Trompete, Gesang), Roland Döringer (Kontabass, Drums) und Florian Scharnofske (Akkordeon), immer wieder ihre Instrumente wechselten, blieben sie immer im Dialog miteinander, kommunizierten, übertönten sich gegenseitig, spielten miteinander.

„Der Weg ins Schtetl ist weit“, erzählt Leckebusch und wenn zwei „Jiddeln mit den Fiddln“ unterwegs sind wird es mal fröhlich, mal melancholisch und dazu wird dann auch gesungen, diesen Part übernahmen mit Unterstützung der ganzen Band Jörg Teichert und Martin Leckebusch.

Oft wurden noch halbe Kinder verheiratet, da wurde auf einer Hochzeit schon mal „Lammentierliches“ gespielt bis der Bräutigam weinte, erzählt mit einem Augenzwinkern Martin Leckebusch.

Zupfend wirbeln die Hände von Roland Döringer über den Kontrabass und Florian Scharnofske gibt gemeinsam mit der Geige die tragischen Töne. Virtuos spielt Holger Teichert seine Klarinetten und flink wechselt Jörg Teichert seine vielen Instrumente, die er alle beherrscht.

Schon längst hört man zwischen den Stücken Bravo-Rufe, es wird mitgeklatscht, mitgewippt und zaghaft mitgesungen.

Die Heidelberger verstehen es ganz vortrefflich mit Humor, Witz, Charme und Können auf ihr Publikum einzugehen und es mitzunehmen mit immer wieder neuen Klangfolgen und überraschenden Arrangements.

1608 wurde in Straßburg erlassen, dass Klezmer-Musik nicht bei christlichen Veranstaltungen zugelassen wurde, erzählt Leckebusch. Denn diese Musiker spielten alles und konnten alles spielen und so spielt das Quartett einen „Russischen Tanz“.

„Denen glaubt man das Schtetl sofort“, sagt ein Zuschauer in der Pause. Und der Verkauf der mitgebrachten CD läuft gut. Diese Lebensfreude möchte man sich nach Hause holen.

Nach der Pause geht es weiter mit dem „Tantz vun di Tarantel“ im 7/8-Takt, den Jörg Teichert komponiert hat.

Es folgt ein rumänisch-bulgarisches Stück und „Alle Brieder“. Der Anekdotenerzähler Martin Leckebusch nimmt uns mit in die „Kretschme“, die Wirtschaft, in der der „Jiddl“ sein Geld versäuft, denn wie gesagt, der Weg ins „Schtetl“ ist weit.

Das Quartett, das eigentlich ein Quintett ist, – „wir waren vier und dann kam Florian dazu“, erklärt Holger Teichert ganz lapidar die Geschichte – kommt zum Ende, doch die Zuschauer wollen die Musiker, wollen diese Musik zwischen purer Lebensfreude und Traurigkeit nicht gehen lassen. Und willig geben die Musiker ihre Zugaben und endlich macht der Platz vor der Bühne Sinn, denn eine Gruppe beginnt zu tanzen. Die können das und machen das bestimmt nicht zum ersten Mal. Aber auch zwei Solisten finden sich ein und entwickeln ihre eigene Choreografie.

„Seit 1997 machen wir Kleinkunst im Olympia-Kino“, erzählte zu Beginn des Konzerts Wiebke Dau-Schmidt. Das waren gut 80 Veranstaltungen. Doch zum ersten Mal habe man hier Klezmer. „Diese großartige Musik, die in Beine und Herz geht, hat uns noch gefehlt.“ Klezmer sei in den 90er Jahren nach Deutschland gekommen und erfreue sich einer wachsenden Fangemeinde. Klezmer stamme aus dem Ostjudentum und sei durch die Auswanderer in die USA gelangt und von dort wieder nach Europa gekommen. Spätestens mit Giora Feidmann habe diese Musik auch in Deutschland große Erfolge gefeiert.

Und spätestens mit dem „Klezmer Quartett Heidelberg“ hat sich mit diesem Konzert die osteuropäische Musik auch in die Herzen und Beine der Hirschberger eingebrannt.

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Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Porträts und Reportagen oder macht investigative Stücke.