Donnerstag, 06. September 2018

Geprothmannt: Yes, we Seidl – oder warum der “Gegenkandidat-€ Claudius Seidl der bessere ZDF-Intendant ist

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Rhein-Neckar/Mainz16. Mai 2011. Am Wochenende bin ich auf einen Text des Kollegen Claudius Seidl aufmerksam geworden – Herr Seidl bewirbt sich mit einem Artikel in der Sonntags-FAZ um den Posten als Intendant des Zweiten Deutschen Fernsehens (ZDF) in Mainz. Das ist nicht nur eine „außergewöhnliche“ Idee, dass ist sogar eine ganz hervorragende Idee. Denn das ZDF ist durch parteipolitischen Proporz so dermaßen zerdurchsetzt, dass eine tranparente, demokratische Erneuerung dringend notwendig ist.

Von Hardy Prothmann

Ob Claudius Seidl seine „Gegenkandidatur“ wirklich ernst gemeint hat, ist vollkommen nebensächlich.

Ich nehme seine Kandidatur ernst und offensichtlich 500 andere Menschen auch. Denn die haben bei Facebook wie ich „Gefällt mir“ für die Seite „Claudius Seidl als ZDF-Intendant“ geklickt (Stand: 15:41 Uhr).

Der erfahrene Journalist ist viel rumgekommen – Süddeutsche, Zeit, Spiegel und FAZ sind alles erste Adressen.

Der Lebenslauf:

Claudius Seidl wurde am 11. Juni 1959 in Würzburg geboren. Abitur 1977 in Bamberg. Studium in München, Theaterund Politikwissenschaft; Volkswirtschaftslehre zum Ausgleich. Genauso wichtig war das Studium der Filmgeschichte im Münchner Filmmuseum bei Enno Patalas. Erste Filmkritiken 1983 in der „Süddeutschen Zeitung“, seit 1985 auch in der „Zeit“. 1990 Eintritt in die Redaktion des „Spiegels“, als Chef eines kleinen Ressorts, das sich mit populärer Kultur befasste. 1996 Wechsel zur „Süddeutschen Zeitung“ als stellvertretender Feuilletonchef. Seit 2001 Feuilletonchef der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Bücher über den deutschen Film der fünfziger Jahre, über Billy Wilder, Uschi Obermaier, das barbarische Berlin und die Frage, warum wir nicht mehr (oder ganz anders) altern.

Claudius Seidl. Bild: FAZ

Der Mann kennt sich also aus, mit Kultur, mit Film, mit Fernsehen und dem Mediengeschäft. Er ist nicht als Parteigänger aufgefallen, dafür aber durch sehr gute inhaltliche Arbeit. Und er kommt von einer Zeitung, die dem ZDF in Hassliebe verbunden ist. Die FAZ kritisiert seit Jahren beständig die öffentlich-rechtlichen Sender. Nicht immer ganz zu recht, aber viel häufiger auch nicht zu unrecht.

Wenn einer wie Herr Seidl plötzlich als Kritiker Chef des Hauses wäre, müsste er es lieben und sich für sein Wohl einsetzen. Und dafür, dass die Bürgerinnen und Bürger, die diesen Medienklotz mit Milliarden an Zwangsgebühren pämpern, auch was bekommen für ihr Geld. Von allem ein bisschen wenigstens. Also auch ein bisschen mehr Journalismus neben dem ganzen Unterhaltungszeugs.

Der frühere hessische Ministerpräsident Roland Koch hat als eine seiner letzten Amtshandlungen erfolgreich einen der besten Chefredakteure, den die öffentlich-rechtlichen Anstalten je hatten, offen und unmissverständlich aus dem Amt geworfen.

Nikolaus Brender hat dem Sender Format gegeben und sich von der Politik nicht nur nicht einschüchtern lassen, sondern sich sogar erlaubt, selbstbewusst und kritisch aufzutreten. Der Noch-Intendant Markus Schächter war entweder vollkommen überfordert oder hat nicht genug Format gehabt, oder beides, um diesen Durchgriff der Politik in sein Haus zu verhindern.

Facebook-Unterstützer-Seite für den Gegenkandidaten Seidl.

Der Grund ist klar. Nikolaus Brender war der beste und logische Kandidat für die Intendanz, wenn Herr Schächter nicht mehr antritt. Und hätte einen wie Thomas Bellut locker in die Tasche gesteckt – doch der soll es nun werden, wie Spiegel online berichtete und die „Kungelei im Hinterzimmer“ beschreibt.

Brender wäre ein kritischer, unabhängiger, selbstbewusster Intendant gewesen, der sich von der Politik nicht reinreden lässt, ja, wer will so einen schon haben?

Die Antwort ist einfach: Die Politik ganz sicher nicht.

Meine Antwort ist: Ich will so einen haben.

Ich will eine Senderleitung, die den „Auftrag“ ernst nimmt. Klar, Sport und Unterhaltung gehören auch ins Programm. Aber nicht als billig-traurige Klone privaten Schwachsinns. Sondern als öffentlich-rechtliches Angebot mit Format.

Und ich will gute Nachrichten, echten Journalismus und kein seichtes „Bleiben-Sie-dran-Gegrinse“ und eine Religion des „Audience-Flow“. Das ist Fernsehen von gestern. Es braucht die Revolution für morgen (dazu ein Text von Georg Diez bei SPON).

Ich will ein Programm, dass ich aktiv einschalten will. Nicht, weil ich mich langweile, sondern weil ich mich informieren lassen möchte, was draußen in der Welt passiert.

Ich will eine ordentliche Korrespondentenarbeit und nicht irgendwelche Aufsager. Ich will Typen wie Ulrich Tilgner zurück, der vom ZDF geflohen ist und nun für’s Schweizer Fernsehen arbeitet und dort für seine Arbeit geschätzt wird.

Und ich hätte auch gerne einen Typen wie Nikolaus Brender zurück, der Claus Kleber von der ARD abgeworden hat, als der zunächst nicht Tagesthemenmoderator werden durfte, weil der Herr Wickert noch eine bisschen Lust hatte, den „Geruhsame-Nacht-Onkel“ zu geben.

Und ich will statt „smarty-toller“ „Reporter“ echte Reporter haben. Keine Effekthascher, sondern richtige Journalisten, die sich um wichtige Themen kümmern, statt sich selbst in Szene zu setzen.

"Nur leichte Kämpfe im Raum Da Nang" zeigt die Schrecken des Krieges. Quelle: ZDF

Solche Leute wie Hans-Dieter Grabe, der mit einem Film wie „Nur leichte Kämpfe im Raum Da Nang“ jeden Gebühren-Cent wert ist. Dieser Film hat mein Verhältnis „zum Krieg“ auf alle Zeiten nachhaltig und unumstößlich aufgeklärt. Dieser Film hat in mir ein Entsetzen ausgelöst, von dem ich zuvor nicht wusste, dass ich so etwas überhaupt empfinden kann. Stundenlang habe ich geheult und tue das in Erinnerung im Augenblick wieder. Gleichzeitig bin ich sehr dankbar dafür, dass Herr Grabe den Mut und die Kraft hatte, diesen Film zu machen. Er ist für mich ein großes Vorbild.

Ich will dagegen keinen Markus Lanz mit seinem seichten Pseudo-Journalismus. Und wenn es nach mir geht, kann Herr Steffen Seibert gerne in Berlin bleiben, ob als Regierungstwitterer oder sonstwas.

Die Maybritt Illner kann ich auch nicht leiden, aber meinetwegen soll sie bleiben, das Programm muss ja nicht auf meine Bedürfnisse zugeschnitten sein, sondern auch andere Bedürfnisse befriedigen.

Und wie gesagt – das ZDF muss sich sowieso neu aufstellen, weil sich die Mediennutzung verändern wird. Es muss Einschaltfernsehen werden, das mit Premium-Inhalten überzeugt. Es soll und muss öffentlich-rechtliches Fernsehen sein, kein privates und auch kein parteibestimmtes.

Von Herrn Seidl als Intendant erwarte ich, dass er Verwaltungs- und Fernsehrat umbaut und demokratischer gestaltet. Weiter erwarte ich von Herrn Seidl, dass er sich vehement dafür einsetzt, dass alle redaktionellen Inhalte kostenfrei über das Internet jederzeit für alle Bürgerinnen und Bürger zur Information zur Verfügung stehen. Da wird Herr Seidl gegen seinen früheren Arbeitgeber FAZ und andere Zeitungshäuser stehen müssen.

Aber ich bin sicher, dass Herr Claudius Seidl das kann und tun würde. Denn als Kritiker ist er die beste Wahl, um den Sender für die Zukunft zu stärken und auch für junge Menschen interessant zu machen.

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Porträts und Reportagen oder macht investigative Stücke.