Sonntag, 13. Januar 2019

Stadt Weinheim plant Geothermie-Kraftwerk

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So funktioniert schematisch ein Geothermie-Kraftwerk. Heißes Wasser wird hochgefördert, daraus lĂ€sst sich elektrische Energie und FernwĂ€rme gewinnen. Das abgekĂŒhlte Wassser wird wieder zurĂŒckgeleitet. Quelle: Stadt Weinheim

Weinheim/Rhein-Neckar, 17. Mai 2011 (red) Die Stadt Weinheim plant ein Geothermie-Projekt. Die bergbaulichen Rechte hat sich die Stadt gesichert – gesucht werden einer oder mehrere Investoren. Außerdem sollen die BĂŒrger umfassend beteiligt werden – dass ist auch nötig, denn so rosig, wie der 1. BĂŒrgermeister Dr. Torsten Fetzner das Projekt heute in einer Pressekonferenz vorgestellt hat, wird es nicht sein. Risiken und Chancen mĂŒssen abgewogen werden. Die Stadt Bruchsal beispielsweise ist alles andere als glĂŒcklich mit ihrem defizitĂ€ren Geothermie-Kraftwerk.

Von Hardy Prothmann

Soviel steht fest: Ohne eine umfassende BĂŒrgerbeteiligung wird dieses Projekt fĂŒr „Stress“ sorgen. Geothermie galt lange als Zukunftstechnologie – aber auch eine mit Risiken.

Zukunft oder Risiko?

Die Erdbeben in den StĂ€rken 2,7 und 2,4 der Richterskala, die im August und September 2009 im pfĂ€lzischen Landau aufgetreten sind, sind mit hoher Wahrscheinlichkeit auf den Betrieb der dortigen Geothermie-Anlage zurĂŒckzufĂŒhren. Einige HĂ€user erlitten leichte SchĂ€den. Die Anlage ist in etwa vergleichbar mit dem von der Stadt Weinheim vorgestellten Projekt. Mehrere BĂŒrgerinitiativen gegen die Anlage sind entstanden.

Die Ursache soll ein Betriebsfehler gewesen sein, sagt der von der Stadt Weinheim beauftragte Berater Dr. Jochen Bauer. Er sieht wegen andersartiger tektonischer Bedingungen eine nur sehr geringe Gefahr fĂŒr Erdbeben in unserer Region – ausschließen lĂ€sst sich dies aber nicht.

Das Projekt werden wir redaktionell umfangreich begleiten, da das Interesse der Öffentlichkeit sicherlich hoch ist.

Insgesamt soll das Kraftwerk rund 30 Millionen Euro kosten. Eine Million Euro werden die geologischen Untersuchungen kosten, je rund sieben Millionen Euro die BohrkanÀle bis in 3.000 Meter Tiefe.

Von dort soll dann rund 160-° Celsius heißes Wasser nach oben gefördert werden – rund 60-70 Liter pro Sekunde. Dieses heiße Wasser treibt eine Turbine an, die Strom erzeugt. In einem zweiten Schritt soll das Wasser auch FernwĂ€rme erzeugen, bevor es durch einen RĂŒckkanal wieder in die Tiefe zurĂŒckbefördert wird.

Vorteile und HĂŒrden.

Der Vorteil liegt auf der Hand. Das heiße Tiefenwasser sprudelt laufend – die Betreiber können unabhĂ€ngiger vom Energierohstoffmarkt ihre Preise kalkulieren. „Im Sinne einer energieautonomen Kommune ist das ein Zukunftsprojekt“, sagte Dr. Torsten Fetzner beim Pressetermin. Zudem werde kein CO2 erzeugt und im Gegensatz zur Windenergie die „Gegend nicht optisch beeintrĂ€chtigt“. Bis zu 5.000 Vier-Personen-Haushalte könnten mit Strom versorgt werden.

„Die mit Abstand grĂ¶ĂŸte HĂŒrde wird sein, einen Kapitalpartner zu finden“, sagte Dr. Bauer. Der Grund: „Solaranlagen sind erprobt, dafĂŒr Kapitalgeber zu finden, ist relativ einfach. Geothermie-Projekte sind zwar nicht neu, aber im Vergleich weniger erprobt – das heißt, das Risiko ist nicht so leicht kalkulierbar.“

Gemeint ist zuvörderst das finanzielle Risiko. Zwar ist sich der Berater sicher, dass man nach den geologischen Untersuchungen sehr genau wird bohren können, aber das Risiko einer Fehlbohrung (FĂŒndigkeitsrisiko) bleibt. Trifft man nicht die richtige Stelle, sind sieben Millionen Euro vergebens investiert worden.

Dr. Jochen Bauer, Referentin Jutta Ehmsen und BĂŒrgermeister Fetzner bei der Projektvorstellung. Bild: weinheimblog.de

Die Stadt hat sich deshalb an die großen EVUs (Energieversorgungsunternehmen) gewandt: „Wir wĂŒrden beispielsweise sehr gerne mit der EnBW zusammenkommen“, sagte Dr. Fetzner. Auf Nachfrage bestĂ€tigte er, dass aber auch ein Investorenkonsortium denkbar wĂ€re, eventuell in Verbindung mit einem Investorenfonds, an dem sich auch BĂŒrger beteiligen könnten. Auch ein Zusammenschluss mehrerer Kommunen fĂŒr die Investition und den Betrieb sei denkbar. Nicht denkbar ist hingegen, dass die Stadt Weinheim das Projekt alleine stemmt, denn dafĂŒr fehlt der verschuldeten Stadt das Geld.

Bislang wurden trotzdem bereits fĂŒr drei Gutachten rund 63.000 Euro investiert – das dritte Gutachten war mit 88.000 Euro das bislang teuerste, davon trĂ€gt die Stadt aber nur 28.000 Euro, der Rest wird von der Stadtwerke GmbH Weinheim bezahlt, die aber mehrheitlich der Stadt gehört.

Rechte, Nutzung, Belastung.

Bereits im Jahr 2007 hatte sich die Stadt „den Claim“, also die Bergbaurechte gesichert: „Damit bleiben wir handlungsfĂ€hig und verhindern, dass jemand anderes ohne uns das Projekt angeht.“ Hintergrund ist, dass das „Bergbaurecht“ das „Baurecht“ schlĂ€gt – heißt: Baubehörde ist zwar die Stadt, aber die Interessen eines Bergbauprojekts liegen höher.

„Der Rhein-Neckar-Raum eignet sich hervorragend fĂŒr geothermische Nutzung“, sagte der Berater Dr. Bauer. Die Temperaturen im Untergrund seien hier höher als in anderen Gebieten Deutschlands. Der besondere geologische Aufbau mache das Vorhandensein von „heißen Grundwasserspeichern sehr wahrscheinlich“.

Gleichzeitig seien Probleme, wie sie in Staufen und Basel aufgetreten seien, wegen der geologischen Bedingungen nicht zu erwarten. In Staufen kam es von 2007 bis Ende 2010 zu Erdbewegungen, weil eine „Gipskeuperschicht“ sich in Folge von Probebohrungen mit Wasser vollgesogen hatte. Infolgedessen hob sich das Erdreich pro Monat um etwa einen Zentimeter – rund 250 GebĂ€ude wurden dadurch beschĂ€digt, die Kosten werden auf rund 50 Millionen Euro geschĂ€tzt.

„Diese geologische Beschaffenheit gibt es hier nicht“, sagte Dr. Bauer.

„Aus unserer Sicht machen wir hier Pionierarbeit“, sagte Dr. Fetzner. Die Stadt Weinheim will das Projekt am 30. Mai 2011 um 19:30 Uhr im Alten Rathaus der Öffentlichkeit mit einem BĂŒrgergesprĂ€ch vorstellen. Bislang habe man nur an Weinheimer BĂŒrgerinnen und BĂŒrger gedacht.

Auf Nachfrage, weil mögliche geologische Risiken auch die Nachbargemeinden betreffen wĂŒrden, sagte Dr. Fetzner, dass man ĂŒberlegen werde, inwieweit auch diese miteinbezogen wĂŒrden.

Der „Claim“, den sich Weinheim gesichert hat, ist unter UmstĂ€nden nicht ausreichend. Man prĂŒft deshalb, diesen zu erweitern. Deshalb habe man auch mit Viernheim bereits GesprĂ€che aufgenommen, weil man neue Bergbaurechte auch das Gebiet der Stadt betreffen wĂŒrde (siehe Karte, Gebiete links der Markierung).

FĂŒr die Region um Weinheim sieht der Berater Dr. Bauer das geplante Projekt ĂŒbrigens erst als Anfang – bis zu zehn dieser Geothermie-Kraftwerke seien vorstellbar.

Realiserte Projekte mit Problemen.

Auf Weinheimer Gemarkung gibt es bereits ein Geothermie-Projekt. Das „Miramar“ hat eine Tiefenbohrung bis 1.000 Meter vorgenommen, um die WĂ€rme fĂŒr den eigenen Betrieb zu nutzen. Hier könnten aber nur ca. sieben Liter in der Sekunde gefördert werden, weil sonst zuviel Sand mittransportiert werde, der die Filter verstopft.

In Hirschberg wurde am heutigen Abend ebenfalls „heiß“ ĂŒber Geothermie diskutiert – wegen der geplanten tieferen Bohrung der Mirarmar-Geothermie. Dort wartet man nun ein Gutachten ab. Der Überlegung, ein eigenens Gutachten in Auftrag zu geben, stand BĂŒrgermeister Manuel Just eher skeptisch gegenĂŒber. Die Sorge einiger GemeinderĂ€te galt hier vor allem dem Grundwasser.

Beim Pressetermin wurde auch auf eine Geothermie-Anlage in Bruchsal verwiesen. Dort ist man gar nicht glĂŒcklich und will sich am liebsten aus dem Projekt zurĂŒckziehen, wie unsere Recherchen ergaben. Die Anlage, als Forschungsprojekt ausgewiesen, ist defizitĂ€r. 74,9 Prozent gehören den Stadtwerken Bruchsal, 25,1 Prozent dem Konzern EnBW, der wohl ĂŒberproportional mehr finanziert.

TatsĂ€chlich gibt es technische Probleme. Wie uns berichtet wurde, mĂŒssen außerplanmĂ€ĂŸig hĂ€ufig die Pumpen ausgetauscht werden. In Bruchsal wurde das Projekt jedenfalls schon „heiß“ diskutiert, wie bei bruchsal.org umfangreich dokumentiert.

Anmerkung der Redaktion:

bruchsal.org ist eine nicht-kommerzielle lokaljournalistische Online-Plattform, die vom Herausgeber des weinheimblogs, Hardy Prothmann, in den AnfÀngen journalistisch beraten wurde und zu der gute Kontakte bestehen.

bruchsal.org hat beispielsweise mit aufgedeckt, dass ein CDU-Stadtrat Wahlbetrug begangen hat und deswegen mittlerweile verurteilt worden ist.

Den rotumrandenten "Claim" hat Weinheim sich gesichert - eventuell sollen weitere Rechte links des Gebiets gesichert werden. Quelle: Stadt Weinheim

 

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist GrĂŒndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten PortrĂ€ts und Reportagen oder macht investigative StĂŒcke.