Donnerstag, 02. August 2018

Chance vertan? Die Entscheidung gegen den Fischladen im Sterzwinkel ist korrekt – aber auch klug?

Print Friendly, PDF & Email


Kein Fischladen fĂŒr den Sterzwinkel.

Hirschberg, 23. September 2011. (red) Wir holen den Toskana-Flair gern in unsere Gefilde. Zuweilen sieht man auch HolzhĂ€user im schwedischen Stil, BlockhĂ€user, die an Kanada erinnern und immer wieder geklinkerte HĂ€user, die eindeutig ihren Ursprung in den nördlicheren Teilen der Republik haben. Die Chancen fĂŒr ein Sylt Huis sind gering. Der Geschmack hĂ€tte es nicht richten können, wohl aber der Protektionismus – der Edeka-Markt im Sterzwinkel soll keine Konkurrenz bekommen, damit dessen GeschĂ€fte belebt werden.

Kommentar von Sabine Prothmann

Warum eigentlich nicht ein Sylt Huis im Sterzwinkel? Die Ausschussmitglieder in der Sitzung des Hirschberger ATU drĂŒckten deutlich ihr Missfallen gegenĂŒber der Bauvoranfrage zu einem Neubau eines Sylt-Huis mit Café und FischspezialitĂ€ten aus.

Dennoch geht es im ATU nicht um Gefallen, wie BĂŒrgermeister Manuel Just immer wieder betonte, sondern ĂŒber die Übereinstimmung mit dem Bebauungsplan. Und Reetdach hin oder her, solange die Dachfarbe rötlich bis braun ist, kann eigentlich nichts dagegen eingewendet werden, denn das Material bleibt frei gestellt.

Dem geplanten Café musste man notgedrungen zustimmen, auch wenn sich manch` Gemeinderat dieses eher im innerörtlichen Bereich vorstellen mochte. KĂŒnftige Sterzwinkler werden dabei nicht gefragt, ob ihnen vielleicht ein Café im Gebiet besser gefĂ€llt.

Aber ein Sansibar-Shop mit Verkauf von FischspezialitÀten, da hatte man nun endlich den Hebel, der das Vorhaben wahrscheinlich zu Fall bringt.

In dem Neubaugebiet Sterzwinkel sind zwar Gewerbebetriebe erlaubt, Einzelhandel wird davon aber konsequent ausgeschlossen. Warum eigentlich?

Mit RĂŒcksicht auf die EinzelhĂ€ndler in der Breitgasse, der Großsachsener Einkaufsmeile, sagt der BĂŒrgermeister habe man dies von vorne herein ausgeschlossen.

RĂŒcksicht also. Auf den Einzelhandel? Und dann baut man einen Vollsortimenter in den Ort? Das Argument ĂŒberzeugt nicht. Wohl aber die RĂŒcksicht, genau, auf den neuen Edeka-Markt.

Wo genau nochmal kann man FischspezialitĂ€ten in der Breitgasse kaufen? Im Edeka-Sortiment schon eher. Andererseits kann man ja auch keine Ausnahmen machen, versteht sich, EinzelhĂ€ndler ist EinzelhĂ€ndler. Und wenn die Fische kommen, kommen vielleicht auch andere SpezialitĂ€ten…

So hat der Hirschberger ATU folgerichtig und „korrekt“, der Bauvoranfrage bezĂŒglich des GebĂ€udes zugestimmt, Reetdach und Ortsbild hin- oder her.

Beim Nutzungsrecht aber, musste, und das auch „korrekt“, der Sansibar-Shop mit FischspezialitĂ€ten abschlĂ€gig beschieden werden, das Café hĂ€tte man noch toleriert.

Alles in allem also alles „korrekt“?

Wahrscheinlich wird damit das ganze Projekt scheitern, denn mit einem Café allein wird der Bauherr dieses Vorhaben sicherlich nicht umsetzen. Und wie Neu-Gemeinderat Thomas ThĂŒnker (FW) ebenfalls korrekt einwarf: Ein zukĂŒnftiges Projekt könnte mehr versiegelte FlĂ€che mit sich bringen und vielleicht noch unschöner ins Ortsbild passen.

Vielleicht hat Hirschberg damit eine große Chance vertan.

WĂŒrde ein solcher Blickfang den Ortsteil Großsachsen denn nicht auch aufwerten? Attraktiv machen fĂŒr die Region? Könnte dies nicht ein erfolgreiches Konzept werden und vor allem im Sommer Sylt-Feeling an die Bergstraße bringen? Zumal, wie es in der Bauvoranfrage heißt, auch kulturelle Veranstaltungen wie Literatur-Lesungen oder Klavierabende in ErwĂ€gung gezogen werden.

Der ATU hat korrekt gehandelt, nach den von ihm selbst definierten MaßstĂ€ben, bei jeder anderen Entscheidung hĂ€tte er seinem eigenen Bebauungsplan widersprochen.

Aber wĂ€re ein Sansibar-Shop mit markengeschĂŒtztem Sortiment und FischspezialitĂ€ten wirklich eine Konkurrenz fĂŒr die Großsachsener EinzelhĂ€ndler gewesen? Oder wollte man nur Ärger mit Edeka vermeiden?

Ich fĂŒr meinen Teil hĂ€tte gerne einen lauen Sommerabend in Sylt-AtmosphĂ€re direkt an der Bergstraße verbracht und vielleicht noch Fisch gekauft. Das muss ich jetzt halt woanders machen.

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist GrĂŒndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten PortrĂ€ts und Reportagen oder macht investigative StĂŒcke.