Dienstag, 14. August 2018

Aus für Edeka in der Breitgasse: Die Stunde der Wahrheit

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Kurz vor der Fertigstellung des neuen Edeka-Marktes im Sterzwinkel wir das "Aus" für den "nah und gut"-Markt Breitgasse verkündet.

Guten Tag!

Hirschberg, 27. Oktober 2011. (red) Das Ende des „nah und gut“-Marktes Zeilfelder in der Breitgasse wurde gestern offiziell. In einer Pressekonferenz gaben Bürgermeister Manuel Just und der Edeka-Kaufmann Volker Zeilfelder die Entscheidung bekannt, dass „Zeili“ den alten Markt am 05. November schließt und der neue im Sterzwinkel am 09. November öffnet. Die Kritiker der Bürgerinitiative „Sterzwinkel“ dürfen sich bestätigt fühlen – sie hatten das Ende des Marktes befürchtet.

Von Hardy Prothmann

„Das ist jetzt nicht so ganz einfach“, beginnt Bürgermeister Manuel Just gestern im Rathaus die Pressekonferenz. Neben ihm sitzt ein bedrückt wirkender Volker Zeilfelder (51), bislang „nah und gut“-Betreiber des Edeka-Marktes in der Breitgasse und künftiger Betreiber des neuen Edeka-Marktes im Sterzwinkel.

Der Bürgermeister nimmt dem Kaufmann die Funktion des Überbringers schlechter Nachrichten ab: „Der neue Markt wird am 09. November öffnen. Der alte Markt in der Breitgasse wird geschlossen. Uns ist bewusst, dass wir uns jetzt dem Vorwurf ausgesetzt sehen, dass der „nah und gut“-Markt durch den neuen Standort geschlossen wird, aber das war zwangsläufig zu erwarten. Allerdings hätte ich mir eine Übergangszeit von bis zu eineinhalb Jahren gewünscht.“ Der Gemeinderat sei über die Entscheidung schon informiert.

„Nie eine Überlebenschance“

Während der Bürgermeister spricht, schaut Volker Zeilfelder auf den Notizblock vor sich. Man merkt ihm an, dass ihm der Termin überhaupt nicht gefällt. „Langfristig hatte ich dem Markt in der Breitgasse nie Überlebenschancen eingeräumt“, ergänzt Manuel Just. Er erläutert, dass man zwei Varianten geprüft habe, die Umstellung auf abgepackte Produkte als Selbstbedienungsmarkt und eine nur zeitweise Öffnung an bestimmten Tagen zu bestimmten Zeiten. „Beides hat sich als wirtschaftlich nicht tragfähig herausgestellt.“

Volker Zeilfelder erklärt, dass ein Umbau „30.000 Euro“ kosten würde, die bestehenden Theken seien nicht zu verwenden: „Das hole ich nicht mehr rein.“ Dazu kämen geschätzte Kosten von 5.000 Euro für den „Kassenplatz“: „Das ist wirtschaftlich nicht darstellbar.“ Eine Belastung hat er trotzdem – die Pacht für den 320 Quadratmeter großen Laden muss er noch eineinhalb Jahre zahlen, sofern sich kein anderer Mieter findet und der Eigentümer Herrn Zeilfelder aus dem Vertrag lässt: „Das ist eine feste Größe, die ich kalkulieren kann, den weiteren Betrieb aber nicht.“

Bürgermeister Just kündigte an, man wolle sich dafür einsetzen, den Standort als Geschäftssitz zu erhalten. Ob ein anderer Lebensmittelhändler dort einziehe? „Das hängt natürlich auch von der Entscheidung des Eigentümers ab, wie es dort weitergehen soll.“

(Anm. d. Red.: In Heddesheim gab es neben dem Edeka-Markt ein weiteres Lebensmittelgeschäft. Als der Betreiber ausgezogen war, stand der Laden fast zwei Jahre lang leer. Es gab unbestätigte Gerüchte, dass Edeka den Mietzins bezahle, damit dort kein anderer Einzelhandel einzieht. Jetzt ist ein Kleidungsdiscounter dort eingezogen. Der einzige Versorgermarkt im Ort ist und bleibt somit Edeka.)

Kurzfristige Erkenntnis

Auf Nachfrage verneint Herr Zeilfelder, dass diese Entscheidung eigentlich absehbar war: „Ich wollte den Markt, den es seit 1989 gibt, erhalten, erst vor kurzem ist mir klar geworden, dass das nicht geht“, sagt er. Darf man das glauben, dass er jetzt diese Erkenntnis gewonnen worden ist? Laut Herrn Zeilfelder ist das so.

Und jetzt? Mit dem Wechsel gibt es keinen fußläufig zu erreichenden Markt mehr im Quartier. Man muss den Berg hinab: „Das können Sie aus zwei Perspektiven sehen. Die anderen mussten den Berg hinauf. Die, die unten wohnen, kommen jetzt unbeschwerlicher zum Markt“, sagt Bürgermeister Just. „Und ich freue mich, dass Herr Zeilfelder für Senioren oder behinderte Menschen einen Shuttle-Service anbieten wird.“ Die Kosten für den Shuttle-Service will Herr Zeilfelder auf „unbestimmte Zeit“ übernehmen.

Geplant ist ein Ruftaxi, das an drei Tage in der Woche Kunden am alten Standort in der Breitgasse und an der katholischen Kirche in der Friedrich-Ebert-Straße abholt, zum Markt und zurückfährt. Die Kunden können einkaufen, ihren Einkauf mitnehmen oder im Markt lassen, von wo aus ein Lieferservice die Einkäufe dann nach Hause bringt: „Das machen wir heute schon“, sagt Herr Zeilfelder, und: „Man kann sogar telefonisch bestellen, wenn Kunden gar nicht aus dem Haus können.“ Das sei ganz im Sinne des neuen Slogans „Der Service machts“.

Herr Zeilfelder nimmt sein Dutzend Mitarbeiter mit in den neuen Markt – dort werden dann rund 15 „Vollkräfte“ arbeiten. Also durchaus mehr Personen, die insgesamt die Leistung von 15 „ganzen“ Arbeitsplätzen erbringen. Der neue Markt hat 800 Quadratmeter Verkaufsfläche, theoretisch sind auch 1.200 Quadratmeter möglich, sofern der Gemeinderat den Bebauungsplan ändert – laut Flächen- und Regionalplan wäre das zulässig. Laut Bürgermeister Just gibt es dafür aber zur Zeit keine Pläne.

„Solange die Kunden dort einkaufen“

Am 29. Januar 2010 hatten wir mit dem Sprecher von Edeka Südwest, Christhard Deutscher, ein Interview geführt:

Wieso aber baut Edeka einen vergleichsweise kleinen Markt, wo sonst Flächen erst ab 1.200 Quadratmeter aufwärts interessant sind? “Ihre Information ist korrekt, typischerweise ist das so. In Hirschberg gibt es aber nur diese zulässige Fläche, der Standort ist für uns attraktiv. Wir mussten das so akzeptieren.-€

Und weiter:

Es wird auch darüber spekuliert, dass der künftige Betreiber beider Märkte, Herr Volker Zeilfelder, den Markt “nah und gut – Markt-€ nicht über das Vertragsende im Jahr 2013 hinaus führen wird. Ist da was dran? “Das kann ich weder bestätigen noch dementieren. Es wird sich hier um eine kaufmännische Entscheidung handeln. Solange die Kunden dort einkaufen, wird er weiter betrieben werden-€, sagte Deutscher.

„Solange die Kunden dort einkaufen“, hieß es also damals. Diese Aussage erweist sich heute definitiv als falsch. Man darf gespannt sein, ob Edeka tatsächlich „akzeptiert“, dass es bei der Verkaufsfläche von 800 Quadratmetern bleibt oder nicht „Umstände“ dazu „zwingen“, den neuen Markt zu vergrößern. Die Option gibt es.

Illusionen vs. Fakten

Man darf sich keine Illusionen machen und es wäre ehrlicher gewesen, diese auch nicht zu erzeugen: Das Genossenschaftsunternehmen Edeka ist ein knallhart kalkulierender Wirtschaftsbetrieb und kein Wohlfahrtsunternehmen. Der deutschlandweit drittgrößte Handelskonzern steht in heftiger Konkurrenz mit anderen.

Die Regionalgesellschaft Edeka Südwest machte zuletzt einen Umsatz von rund 65 Milliarden Euro. Die Umsatzrendite betrug 0,9 Prozent. Um sich das plastisch vorzustellen: Von hundert Euro Umsatz bleiben 90 Cent Gewinn übrig. Der Warenumsatz muss gigantisch sein, um ein einigermaßen auskömmliches Geschäft zu betreiben.

Vor der Entscheidung, ob der Markt vergrößert wird, kommt eine weitere Zeit der Wahrheit. Nämlich zu dieser Aussage von Herrn Deutscher in Sachen Verkehrsbelastung:

“Es wird sicher ein bis zwei Lkw-Anfahrten pro Tag von unserem Heddesheimer Standort zum Hirschberger Markt geben. Beim Pkw-Verkehr gehen wir davon aus, dass viele Leute beim Vorbeifahren auf dem Nachhauseweg von der Arbeit hier ihren Einkaufsabstecher machen. Das heißt, das ist kein zusätzlicher Verkehr.-€

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Porträts und Reportagen oder macht investigative Stücke.