Sonntag, 18. November 2018

Akkreditierungsbedingungen schränken Pressefreiheit ein

„Im Arsch“ – kein Bericht zu Jan Delay

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„Im Arsch“ – feat. Udo Lindenberg.

 

Ladenburg/Rhein-Neckar, 02. Juli 2012. (red/pro) Jan Delay ist aus unserer Sicht der Top-Star der deutschen Musikszene. Trotzdem veröffentlichen wir keine Konzertkritik. Der Grund ist eine unerfreuliche Auseindersetzung mit dem Veranstalter Demi Promotion und der pressefeindliche Umgang mit unabhängigen Journalisten.

Von Hardy Prothmann

Nach dem Jan Delay-Konzert stehe ich noch auf dem Platz. Pl√∂tzlich kommt ein Mann, will mich sprechen. Wie ich dazu k√§me, mich „nicht an die Regeln zu halten“. Ich h√§tte mir „unrechtm√§√üig“ Zugang verschafft. Mein Verhalten sei „asozial“ gegen√ľber anderen Journalisten. Ich solle sofort alle Bilder auf meiner Kamera l√∂schen. Es gebe „klare Regeln“ und an die habe sich jeder zu halten. Der Mann hat sich nicht vorgestellt, ich frage deshalb, wer er eigentlich ist: „Gissel, ich bin der Veranstalter.“ Der Wutausbruch von Dennis Gissel dauert gute zehn Minuten, er hei√üt mich dies und jenes, zum Ende l√§uft er weiter und macht eine wegwerfende Handbewegung.

Indiskutable Einschränkung der Pressefreiheit

Der Grund f√ľr die Aufregung: Ich habe w√§hrend des Konzerts ein paar Fotos gemacht – so wie die meisten anderen G√§ste auch. Weil ich aber „professionell“ bin, ist das mir nur w√§hrend der ersten drei Lieder erlaubt. Wer das vorschreibt, ob der K√ľnstler, dessen Management oder der Veranstalter, ist relativ egal. Es handelt sich dabei um eine leider mittlerweile fast „normale“ Einschr√§nkung der Pressefreiheit. Eigentlich vollkommen indiskutabel – weil viele Medien sich diesen unzumutbaren Diktaten aber beugen, kommen viele Management-Firmen und Veranstalter damit durch.

Der Hintergrund f√ľr das Verfahren: Das Interesse f√ľr den K√ľnstler „d√ľrfen“ Medien schon haben. Und √ľber Pressemitteilungen versucht man gezielt und gesteuert Werbung durch Aufmerksamkeit f√ľr den K√ľnstler zu machen. Aber die Vermarktung oder Imagesteuerung soll voll im Griff des Managements und der Veranstalter bleiben – ebenso die eigene k√ľnstlerische Arbeit der Journalisten.

Wer kritisch berichtet, wird auch schon mal nicht mehr „zugelassen“. Wer sich auf Unabh√§ngigkeit beruft, wird in Kenntnis gesetzt, dass eine Veranstaltung privat ist und damit der „Hausherr“ bestimmt, was er zul√§sst und was nicht.

Eine paradoxe Situation: Ohne √Ėffentlichkeit ist alle Kunst nichts – aber die √∂ffentliche Meinung soll sich nur so bilden, wie es den K√ľnstlern undoder deren Vermarktungsfirmen passt. Wer eine solche Haltung vertritt, hat das hohe Gut der Pressefreiheit nicht verstanden.

Unabh√§ngige Journalisten „nehmen anderen K√ľnstlern“ nichts weg, sondern erarbeiten hart eigene Inhalte und bereichern damit die √∂ffentliche Meinung und durch positive Berichte auch das Ansehen der K√ľnstler. Negative Berichte k√∂nnen K√ľnstler als „Warnzeichen“ sehen, dass etwas schief l√§uft, und wenn sie klug sind dazu nutzen, um sich und ihre Kunst zu verbessern.

Urheber beschneiden Urheber

In der Konsequenz beschneiden damit Urheber andere Urheber: Musikgruppen sind K√ľnstler, Pressefotografen ebenfalls. Die erhalten f√ľr ein Foto, das in der Tagespresse ver√∂ffentlicht wird ein Honorar, das sich nach der Auflage richtet. Bei einer Zeitung wie dem Mannheimer Morgen rund 40-50 Euro. Die von der Hirschberger Agentur Demi Promotion an die Fotografen √ľbermittelten „Regeln“ besagen, dass der Fotograf nur in dem Medium ver√∂ffentlichen darf, f√ľr das er „akkreditiert“, also angemeldet und „zugelassen“ ist. Mithin hat der Fotograf keine Chance mehr, das mickrige Honorar durch weitere Verk√§ufe zu einem einigerma√üen anst√§ndigen Honorar zu machen.

Manche K√ľnstler zeigen dann gewisse Kost√ľme oder Show-Einlagen erst, wenn die Runde f√ľr die Pressefotografen vorbei ist. Jetzt √ľbernehmen Fotografen, die vom Management oder Veranstalter gebucht sind. Deren Bilder sind „exklusiv“ und werden f√ľr sehr viel mehr Geld als Pressefotografen f√ľr ihre Arbeit erhalten, an Medien verkauft. Die machen das Spiel mit, weil sie keinen Fotografen vor Ort haben oder eben das „exklusivere“ Bild bringen wollen.

In der Vergangenheit ist dieses Vermarktungssystem teils vollends pervertiert. K√ľnstler oder deren Management gingen sogar so weit, jedes zu ver√∂ffentlichende Bild erst genehmigen und alle Bilder f√ľr sich selbst honorarfrei (!) verwenden zu wollen.

Knebelverträge

Ob Robbie Williams, Coldplay, Bon Jovi, Destiny‚Äôs Child, Fleetwood Mac, Bob Dylan und B√∂hse Onkelz oder Silbermond – nach Informationen der Journalistengewerkschaft DJV legen diese und andere „Knebelvertr√§ge“ vor nach dem Motto: Fri√ü oder stirb. Das hei√üt f√ľr Pressefotografen: Du h√§lst die an die „Regeln“ oder bist drau√üen.

F√ľr wirklich journalistische Pressefotografen, also nicht die Eventknipser, die unkritisch alles mitmahcen, kommt diese „Regelung“ einer beruflichen Kastration gleich. Denn deren „Sprache“ ist das Bild – will ein Fotojournalist ein Geschehen, also das Konzert „beschreiben“, muss er die M√∂glichkeit haben, vom Anfang bis zum Ende zu – um damit „seinen Blick“ zu dokumentieren. Wenn er das nicht kann, w√§re das so, als w√ľrde man auch schreibenden Journalisten „Regeln diktieren“, sie d√ľrfen nur √ľber die ersten drei Lieder schreiben oder die ersten drei Kapitel eines Buches besprechen oder das erste Drittel eines Kunstwerks. Das w√§re absurd – aber f√ľr Fotografen ist das in der Veranstaltungsbranche die „Normalit√§t“.

Dagegen gab es schon fr√ľher Proteste: Beispielsweise blieben Agenturfotografen Konzerten fern. Der Druck wirkte – sie wurden wieder f√ľr die volle L√§nge zugelassen. Aber nur sie – andere Fotografen nicht. „Solidarit√§t“ ist unter Journalisten oft ein Fremdwort.

Schädliche Vermarktungsgier

Aus Sicht der K√ľnstler oder auch Sportler (gerade beim Fu√üball geht es noch heftiger zu) mag die Vermarktungsgier zun√§chst in Ordnung sein – doch langfristig schadet man sich selbst, fehlt doch eine unabh√§ngige und kritische Berichterstattung in Wort, Ton, Bild und Video. Der „scherzende“ L√∂w bei der EM ist ein gutes Beispiel, wie Manipulationen T√ľr und Tor ge√∂ffnet sind.

Gerade beim Sport entwickeln sich daraus mafi√∂se Systeme (aktuell in Italien, Tour de France, Boxsport usw.) und ausgerechnet die K√ľnstler, die freie Systeme nutzen, um durch Gesten, Kleidung, Verhalten und ihre Musik auch Freiheit zu provozieren, wollen die Freiheit anderer K√ľnstler einschr√§nken? Das ist pervers. Und dumm.

In L√§ndern, wo es keine freie Presse gibt, h√§tten diese K√ľnstler keine Chance, die meisten von ihnen w√ľrden unterdr√ľckt und bis zum Tode bedroht (Salman Rushdie, Shahin Najafi). Die aufgestellten „Regeln“ bedrohen in unserer „freien“ Welt gerade kleine Medien oder freie Journalisten ebenfalls existenziell.

Wir haben das Management von Jan Delay angeschrieben und uns erkundigt, ob es wirklich der Wille des K√ľnstlers ist, dass diese „Regeln“ durchgesetzt werden – vielleicht behauptet das ja nur der Veranstalter Demi Promotion um ein wenig „gro√üer Veranstalter“ zu spielen? Wenn nicht, bin ich absolut entt√§uscht von Jan Delay, dessen Musik und Performance ich als „Fan“ sehr sch√§tze. Er ist ein ganz gro√üartiger K√ľnstler. Aber ich w√§re sehr entt√§uscht von ihm, wenn er tats√§chlich die Pressefreiheit so gering achtet.

F√ľr Jan Delay m√ľssen aber „nur 2.500 G√§ste“ ebenfalls entt√§uschend gewesen sein – der Mann bekommt mit seiner tollen Band woanders weit mehr Zuschauer zusammen – ob hier die „Vermarktung“ des Veranstalters Demi Promotion nicht funktioniert hat? Wer wei√ü.

Demi Promotion haben wir √ľbrigens schon mehrfach angeboten, bei uns Werbung f√ľr ihre kommerziellen Veranstaltungen zu schalten. Es gab nie eine Reaktion, daf√ľr aber immer eifrig die Zusendung von „Presseinformationen“, die die Veranstaltungen kostenlos bewerben sollen.

Einerseits tut man also so, als sei man Veranstalter eines f√ľr die √Ėffentlichkeit interessanten Events, dann aber ist man wieder „privat-kommerziell“ – eine seltsame „Auffassung“. Es geht bei solchen Konzerten sicher nicht ums Gemeinwohl, sondern klar ums Gesch√§ft.

Unabh√§ngiger Journalismus vs. „Partnerunwesen“

Vielleicht war Herr Dennis Gissel auch deswegen so ungehalten – weil wir als einzige Redaktion nicht nach seiner Marketing-Pfeife tanzen. Ob verwandtschaftliche Beziehungen von anderen Lokaljournalisten in Ladenburg und Mitarbeitern bei Demi Promotion oder die Medienpartnerschaften von Demi Promotion mit dem Mannheimer Morgen, „Lokalmatador“ und der Rhein-Neckar-Zeitung, die wir h√§ufig f√ľr miese journalistische Leistungen kritisiert haben, auch eine Rolle spielen, dar√ľber kann sich jeder selbst seine Gedanken machen.

Wir werden sehen, ob wir nach dieser Kritik k√ľnftig noch von Demi Promotion zu Veranstaltungen eingeladen oder zugelassen werden – auch dar√ľber halten wir unsere Leserinnen und Leser auf dem Laufenden. F√ľr die n√§chste Zeit ist uns aber erstmal die Lust vergangen und wenn die „Regeln“ so bleiben, werden wir vermutlich weiter verzichten – klar, dass ist schade f√ľr die Fans und f√ľr alle, die unsere unabh√§ngige Berichterstattung sch√§tzen.

W√ľrden alle Medien im Raum mitziehen, w√ľrden sich die „Regeln“ schnell √§ndern – nur leider ist es mit der eigenen Achtung der Pressefreiheit, mit der Solidarit√§t gegen√ľber einem unabh√§ngigen Journalismus und dem eigenen Selbstverst√§ndnis einer unabh√§ngigen Berichterstattung bei vielen Medien nicht besonders weit her.

Die Geschichte nach dem Jan Delay-Konzert ging √ľbrigens noch weiter: Kurz vor dem Ausgang passten mich zwei muskelbepackte Ordner drohend ab und verlangten, dass ich sofort alle Bilder meiner Kamera l√∂schen sollte. Ich habe das verweigert und die Polizei hinzugezogen. Die kl√§rte die nicht sehr hellen Ordner auf, dass man mich des Platzes verweisen, sicher aber keine L√∂schung der Bilder verlangen k√∂nne. Wegen des Vorgangs wurden meine Personalien „f√∂rmlich“ aufgenommen (die Polizisten kannten mich zwar, aber das nimmt dann seinen beh√∂rdlichen Lauf). Ich konnte das Gel√§nde ohne Platzverweis dann nach weiteren 20 Minuten unseliger Diskussion verlassen.

Fotografen-Vereinigung Freelens zu „Silbermond“

Der Tagesspiegel: „Abgeblitzt“ – √ľber uns√§gliche Arbeitsbedingungen f√ľr Pressefotografen

Der Deutsche Journalistenverband (DJV) √ľber Knebelvertr√§ge

Unsere „Fotostrecke“ finden Sie auf dem Ladenburgblog.de

Anm. d. Red.: Zu Dieter Thomas Kuhn, ebenfalls von Demi Promotion veranstaltet, haben wir letztmalig eine Fotostrecke gezeigt. Darauf m√ľssen die K√ľnstler, die Knebelbedingungen diktieren, zumindest bei uns k√ľnftig verzichten.

√úber Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gr√ľndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Portr√§ts und Reportagen oder macht investigative St√ľcke.