Freitag, 27. Juli 2018

Akkreditierungsbedingungen schr├Ąnken Pressefreiheit ein

„Im Arsch“ – kein Bericht zu Jan Delay

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„Im Arsch“ – feat. Udo Lindenberg.

 

Ladenburg/Rhein-Neckar, 02. Juli 2012. (red/pro) Jan Delay ist aus unserer Sicht der Top-Star der deutschen Musikszene. Trotzdem ver├Âffentlichen wir keine Konzertkritik. Der Grund ist eine unerfreuliche Auseindersetzung mit dem Veranstalter Demi Promotion und der pressefeindliche Umgang mit unabh├Ąngigen Journalisten.

Von Hardy Prothmann

Nach dem Jan Delay-Konzert stehe ich noch auf dem Platz. Pl├Âtzlich kommt ein Mann, will mich sprechen. Wie ich dazu k├Ąme, mich „nicht an die Regeln zu halten“. Ich h├Ątte mir „unrechtm├Ą├čig“ Zugang verschafft. Mein Verhalten sei „asozial“ gegen├╝ber anderen Journalisten. Ich solle sofort alle Bilder auf meiner Kamera l├Âschen. Es gebe „klare Regeln“ und an die habe sich jeder zu halten. Der Mann hat sich nicht vorgestellt, ich frage deshalb, wer er eigentlich ist: „Gissel, ich bin der Veranstalter.“ Der Wutausbruch von Dennis Gissel dauert gute zehn Minuten, er hei├čt mich dies und jenes, zum Ende l├Ąuft er weiter und macht eine wegwerfende Handbewegung.

Indiskutable Einschr├Ąnkung der Pressefreiheit

Der Grund f├╝r die Aufregung: Ich habe w├Ąhrend des Konzerts ein paar Fotos gemacht – so wie die meisten anderen G├Ąste auch. Weil ich aber „professionell“ bin, ist das mir nur w├Ąhrend der ersten drei Lieder erlaubt. Wer das vorschreibt, ob der K├╝nstler, dessen Management oder der Veranstalter, ist relativ egal. Es handelt sich dabei um eine leider mittlerweile fast „normale“ Einschr├Ąnkung der Pressefreiheit. Eigentlich vollkommen indiskutabel – weil viele Medien sich diesen unzumutbaren Diktaten aber beugen, kommen viele Management-Firmen und Veranstalter damit durch.

Der Hintergrund f├╝r das Verfahren: Das Interesse f├╝r den K├╝nstler „d├╝rfen“ Medien schon haben. Und ├╝ber Pressemitteilungen versucht man gezielt und gesteuert Werbung durch Aufmerksamkeit f├╝r den K├╝nstler zu machen. Aber die Vermarktung oder Imagesteuerung soll voll im Griff des Managements und der Veranstalter bleiben – ebenso die eigene k├╝nstlerische Arbeit der Journalisten.

Wer kritisch berichtet, wird auch schon mal nicht mehr „zugelassen“. Wer sich auf Unabh├Ąngigkeit beruft, wird in Kenntnis gesetzt, dass eine Veranstaltung privat ist und damit der „Hausherr“ bestimmt, was er zul├Ąsst und was nicht.

Eine paradoxe Situation: Ohne ├ľffentlichkeit ist alle Kunst nichts – aber die ├Âffentliche Meinung soll sich nur so bilden, wie es den K├╝nstlern undoder deren Vermarktungsfirmen passt. Wer eine solche Haltung vertritt, hat das hohe Gut der Pressefreiheit nicht verstanden.

Unabh├Ąngige Journalisten „nehmen anderen K├╝nstlern“ nichts weg, sondern erarbeiten hart eigene Inhalte und bereichern damit die ├Âffentliche Meinung und durch positive Berichte auch das Ansehen der K├╝nstler. Negative Berichte k├Ânnen K├╝nstler als „Warnzeichen“ sehen, dass etwas schief l├Ąuft, und wenn sie klug sind dazu nutzen, um sich und ihre Kunst zu verbessern.

Urheber beschneiden Urheber

In der Konsequenz beschneiden damit Urheber andere Urheber: Musikgruppen sind K├╝nstler, Pressefotografen ebenfalls. Die erhalten f├╝r ein Foto, das in der Tagespresse ver├Âffentlicht wird ein Honorar, das sich nach der Auflage richtet. Bei einer Zeitung wie dem Mannheimer Morgen rund 40-50 Euro. Die von der Hirschberger Agentur Demi Promotion an die Fotografen ├╝bermittelten „Regeln“ besagen, dass der Fotograf nur in dem Medium ver├Âffentlichen darf, f├╝r das er „akkreditiert“, also angemeldet und „zugelassen“ ist. Mithin hat der Fotograf keine Chance mehr, das mickrige Honorar durch weitere Verk├Ąufe zu einem einigerma├čen anst├Ąndigen Honorar zu machen.

Manche K├╝nstler zeigen dann gewisse Kost├╝me oder Show-Einlagen erst, wenn die Runde f├╝r die Pressefotografen vorbei ist. Jetzt ├╝bernehmen Fotografen, die vom Management oder Veranstalter gebucht sind. Deren Bilder sind „exklusiv“ und werden f├╝r sehr viel mehr Geld als Pressefotografen f├╝r ihre Arbeit erhalten, an Medien verkauft. Die machen das Spiel mit, weil sie keinen Fotografen vor Ort haben oder eben das „exklusivere“ Bild bringen wollen.

In der Vergangenheit ist dieses Vermarktungssystem teils vollends pervertiert. K├╝nstler oder deren Management gingen sogar so weit, jedes zu ver├Âffentlichende Bild erst genehmigen und alle Bilder f├╝r sich selbst honorarfrei (!) verwenden zu wollen.

Knebelvertr├Ąge

Ob Robbie Williams, Coldplay, Bon Jovi, DestinyÔÇÖs Child, Fleetwood Mac, Bob Dylan und B├Âhse Onkelz oder Silbermond – nach Informationen der Journalistengewerkschaft DJV legen diese und andere „Knebelvertr├Ąge“ vor nach dem Motto: Fri├č oder stirb. Das hei├čt f├╝r Pressefotografen: Du h├Ąlst die an die „Regeln“ oder bist drau├čen.

F├╝r wirklich journalistische Pressefotografen, also nicht die Eventknipser, die unkritisch alles mitmahcen, kommt diese „Regelung“ einer beruflichen Kastration gleich. Denn deren „Sprache“ ist das Bild – will ein Fotojournalist ein Geschehen, also das Konzert „beschreiben“, muss er die M├Âglichkeit haben, vom Anfang bis zum Ende zu – um damit „seinen Blick“ zu dokumentieren. Wenn er das nicht kann, w├Ąre das so, als w├╝rde man auch schreibenden Journalisten „Regeln diktieren“, sie d├╝rfen nur ├╝ber die ersten drei Lieder schreiben oder die ersten drei Kapitel eines Buches besprechen oder das erste Drittel eines Kunstwerks. Das w├Ąre absurd – aber f├╝r Fotografen ist das in der Veranstaltungsbranche die „Normalit├Ąt“.

Dagegen gab es schon fr├╝her Proteste: Beispielsweise blieben Agenturfotografen Konzerten fern. Der Druck wirkte – sie wurden wieder f├╝r die volle L├Ąnge zugelassen. Aber nur sie – andere Fotografen nicht. „Solidarit├Ąt“ ist unter Journalisten oft ein Fremdwort.

Sch├Ądliche Vermarktungsgier

Aus Sicht der K├╝nstler oder auch Sportler (gerade beim Fu├čball geht es noch heftiger zu) mag die Vermarktungsgier zun├Ąchst in Ordnung sein – doch langfristig schadet man sich selbst, fehlt doch eine unabh├Ąngige und kritische Berichterstattung in Wort, Ton, Bild und Video. Der „scherzende“ L├Âw bei der EM ist ein gutes Beispiel, wie Manipulationen T├╝r und Tor ge├Âffnet sind.

Gerade beim Sport entwickeln sich daraus mafi├Âse Systeme (aktuell in Italien, Tour de France, Boxsport usw.) und ausgerechnet die K├╝nstler, die freie Systeme nutzen, um durch Gesten, Kleidung, Verhalten und ihre Musik auch Freiheit zu provozieren, wollen die Freiheit anderer K├╝nstler einschr├Ąnken? Das ist pervers. Und dumm.

In L├Ąndern, wo es keine freie Presse gibt, h├Ątten diese K├╝nstler keine Chance, die meisten von ihnen w├╝rden unterdr├╝ckt und bis zum Tode bedroht (Salman Rushdie, Shahin Najafi). Die aufgestellten „Regeln“ bedrohen in unserer „freien“ Welt gerade kleine Medien oder freie Journalisten ebenfalls existenziell.

Wir haben das Management von Jan Delay angeschrieben und uns erkundigt, ob es wirklich der Wille des K├╝nstlers ist, dass diese „Regeln“ durchgesetzt werden – vielleicht behauptet das ja nur der Veranstalter Demi Promotion um ein wenig „gro├čer Veranstalter“ zu spielen? Wenn nicht, bin ich absolut entt├Ąuscht von Jan Delay, dessen Musik und Performance ich als „Fan“ sehr sch├Ątze. Er ist ein ganz gro├čartiger K├╝nstler. Aber ich w├Ąre sehr entt├Ąuscht von ihm, wenn er tats├Ąchlich die Pressefreiheit so gering achtet.

F├╝r Jan Delay m├╝ssen aber „nur 2.500 G├Ąste“ ebenfalls entt├Ąuschend gewesen sein – der Mann bekommt mit seiner tollen Band woanders weit mehr Zuschauer zusammen – ob hier die „Vermarktung“ des Veranstalters Demi Promotion nicht funktioniert hat? Wer wei├č.

Demi Promotion haben wir ├╝brigens schon mehrfach angeboten, bei uns Werbung f├╝r ihre kommerziellen Veranstaltungen zu schalten. Es gab nie eine Reaktion, daf├╝r aber immer eifrig die Zusendung von „Presseinformationen“, die die Veranstaltungen kostenlos bewerben sollen.

Einerseits tut man also so, als sei man Veranstalter eines f├╝r die ├ľffentlichkeit interessanten Events, dann aber ist man wieder „privat-kommerziell“ – eine seltsame „Auffassung“. Es geht bei solchen Konzerten sicher nicht ums Gemeinwohl, sondern klar ums Gesch├Ąft.

Unabh├Ąngiger Journalismus vs. „Partnerunwesen“

Vielleicht war Herr Dennis Gissel auch deswegen so ungehalten – weil wir als einzige Redaktion nicht nach seiner Marketing-Pfeife tanzen. Ob verwandtschaftliche Beziehungen von anderen Lokaljournalisten in Ladenburg und Mitarbeitern bei Demi Promotion oder die Medienpartnerschaften von Demi Promotion mit dem Mannheimer Morgen, „Lokalmatador“ und der Rhein-Neckar-Zeitung, die wir h├Ąufig f├╝r miese journalistische Leistungen kritisiert haben, auch eine Rolle spielen, dar├╝ber kann sich jeder selbst seine Gedanken machen.

Wir werden sehen, ob wir nach dieser Kritik k├╝nftig noch von Demi Promotion zu Veranstaltungen eingeladen oder zugelassen werden – auch dar├╝ber halten wir unsere Leserinnen und Leser auf dem Laufenden. F├╝r die n├Ąchste Zeit ist uns aber erstmal die Lust vergangen und wenn die „Regeln“ so bleiben, werden wir vermutlich weiter verzichten – klar, dass ist schade f├╝r die Fans und f├╝r alle, die unsere unabh├Ąngige Berichterstattung sch├Ątzen.

W├╝rden alle Medien im Raum mitziehen, w├╝rden sich die „Regeln“ schnell ├Ąndern – nur leider ist es mit der eigenen Achtung der Pressefreiheit, mit der Solidarit├Ąt gegen├╝ber einem unabh├Ąngigen Journalismus und dem eigenen Selbstverst├Ąndnis einer unabh├Ąngigen Berichterstattung bei vielen Medien nicht besonders weit her.

Die Geschichte nach dem Jan Delay-Konzert ging ├╝brigens noch weiter: Kurz vor dem Ausgang passten mich zwei muskelbepackte Ordner drohend ab und verlangten, dass ich sofort alle Bilder meiner Kamera l├Âschen sollte. Ich habe das verweigert und die Polizei hinzugezogen. Die kl├Ąrte die nicht sehr hellen Ordner auf, dass man mich des Platzes verweisen, sicher aber keine L├Âschung der Bilder verlangen k├Ânne. Wegen des Vorgangs wurden meine Personalien „f├Ârmlich“ aufgenommen (die Polizisten kannten mich zwar, aber das nimmt dann seinen beh├Ârdlichen Lauf). Ich konnte das Gel├Ąnde ohne Platzverweis dann nach weiteren 20 Minuten unseliger Diskussion verlassen.

Fotografen-Vereinigung Freelens zu „Silbermond“

Der Tagesspiegel: „Abgeblitzt“ – ├╝ber uns├Ągliche Arbeitsbedingungen f├╝r Pressefotografen

Der Deutsche Journalistenverband (DJV) ├╝ber Knebelvertr├Ąge

Unsere „Fotostrecke“ finden Sie auf dem Ladenburgblog.de

Anm. d. Red.: Zu Dieter Thomas Kuhn, ebenfalls von Demi Promotion veranstaltet, haben wir letztmalig eine Fotostrecke gezeigt. Darauf m├╝ssen die K├╝nstler, die Knebelbedingungen diktieren, zumindest bei uns k├╝nftig verzichten.

├ťber Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gr├╝ndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Portr├Ąts und Reportagen oder macht investigative St├╝cke.