Dienstag, 20. November 2018

Stefan Schlegel meisterte das härteste Radausdauerrennen der Welt

4.800 Kilometer in zwölf Tagen – auf dem Rad

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Stefan Schlegel (rechts) trägt sich zur Freude des Bürgermeisters Manuel Just ins Goldene Buch der Gemeinde ein.

 

Hirschberg, 27. Juli 2012. (red/la) Stefan Schlegel hat das härteste Radrennen der Welt „hinter sich gebracht“ – als bester Deutscher und insgesamt 10. von 42 Teilnehmern schaffte er das „Race across America“. In zwölf Tagen durchfahren die Extremsportler dabei die USA. Die Streckenlänge beträgt 4.800 Kilometer. Das sind im Schnitt 400 Kilometer am Tag. Und der Wahnsinn fährt mit…

Von Reinhard Lask

Ob es Tag oder Nacht war wusste Stefan Schlegel damals nicht mehr genau. Er weiß jedoch noch genau, dass er neben sich auf der Straße den 1911 gesunkenen Passagierdampfer „Titanic“ fahren sah. Der Hirschberger wusste zwar, dass er haluzinierte, aber sah das Schiff trotzdem deutlich neben sich.

„Normalerweise schaffen es 50 Prozent nicht“

Stefan Schlegel war einer der Teilnehmer am wohl härtesten Radausdauerradrennen der Welt: Das 4.800 Kilometer lange „American Cross Country Race“, dass der Pazifik- zur Atlantikküste quer durch die USA führt. Der Clou: Die Teilnehmer müssen die Strecke in zwölf Tagen absolviert haben. 33.000 Höhenmeter legen die Teilnehmer dabei zurück. „Das ist soviel wie dreimal den Mount Everest rauf und runter zu fahren“, sagt Schlegel und lächelt dabei. 42 Teilnehmer waren gestartet, 9 kamen nicht ins Ziel. „Das war ein gutes Feld“, sagt Schlegel. „Normalerweise schaffen es 50 Prozent nicht.“

Eineinhalb Jahre hatte sich der Personal Trainer auf das Rennen vorbereitet. „Das bedeutete neben meiner Arbeitzeit von rund 40 bis 50 Wochenstunden, noch mal 30 Stunden fürs Training“, erläutert er. Konkret hieß das, wenn die Freundin ins Bett geht, setzt er sich aufs Rad und fährt in den Odenwald. Akribisch bereitete es sich auf die unterschiedlichen Abschnitte wie die Appalachenbergkette oder die Mojave-Wüste vor.

Zwölf Tage Qualen

Sein Begleitteam bestand aus acht ehrenamtlichen Helfern, darunter eine Physiotherapeutin, Radmechaniker, Ernährungsspezialisten und Wohnmobilfahrer. Seit 2001 läuft Schlegel Marathon und hat an etlichen Iron Man teilgenommen:

Der Iron Man ist im Vergleich zu diesem Rennen ein Kindergeburtstag.

Zum Vergleich: Beim Iron Man in Hawaii schwimmen die Teilnehmer erst 3,9 Kilometer im Pazifik, fahren 180 Kilometer Rad und laufen dann noch knapp 42 Kilometer. „Der Unterschied ist: Beim Iron Man ist alles nach einem Tag vorbei. Beim Rennen wird es erst nach ein paar Tagen richtig hart.“„Ich kann mich an viele Sachen erinnern, die ich wirklich gesehen habe, aber seltsamerweise nicht, ob ich sie Tags oder Nachts gesehen habe.“ Nach drei Vierteln der Strecke wurden die Illusionen und Halluzinationen häufiger:

Mitunter dachte ich, dass der Himmel entgegenkommt und ich mich auf dem Rad wegducken müsste.

Alle Teilnehmer beim Race Across America haben maximal zwölf Tage Zeit, die Strecke zu bewältigen. Das ganze Leben findet in der Zeit bei Temperaturen zwischen 2 und 45 Grad Celsius auf dem Fahrrad statt. Egal ob Zähne putzen, Essen, Trinken oder Notdurft. Feste Nahrung gab es kaum:

In den elf Tagen hab ich zwei trockene Brote, zwei kleine Stücke Wassermelone und elf Weintrauben gegessen – es waren die köstlichste Trauben meines Lebens.

Ansonsten bestand die Ernährung aus hochkalorienreichen Suppen. Geschlafen hat Schlegel täglich gerade mal zwei Stunden. Das allerdings nicht auf dem Rad, sondern im Wohnmobil:

Das hieß für mich, dass ich über Kopfhörer gesagt bekam ‚Runter vom Rad‘. Ich hielt an, stieg vom Rad, musste gestützt werden, um ins Wohnmobil zu kommen. Dort fiel ich aufs Bett und sofort begann die Physiotherapeutin mich zu massieren. Nach zwei Stunden wurde ich geweckt, meine Freundnis hat mich angezogen und zum Fahrrad begleitet und ich bin wiedert losgerollt.

Wunder Hintern

Auch bei der Orientierung gab es Hilfe per Funk. Am schlimmsten seien nicht die Muskelschmerzen gewesen, sondern der vom Radsattel wunde Hintern. Mitunter habe er geheult vor Schmerz:

Irgendwann hab ich mir dann gesagt: Schmerz, Du gehst nicht weg, also nehme ich Dich als Freund mit.

Was nicht funktionierte war die Idee jeden Kilometer für 15 Euro zu verkaufen. Der Erlös sollte einem guten Zweck zukommen. „Leider kamen am Ende nur 300 Euro zusammen, von denen 250 das Team gespendet hat.“

Zwischen Scherz und Konzentration

Das Rennen stand auf seinen „Löffelliste“, einer Liste von Dinge, die er erleben möchte, bevor er den Löffel abgibt. Einen Baum zu pflanzen, Skilanglauf in Skandinavien bei
Sonnenaufgang zu machen und den Jacobsweg zu pligern stehen noch drauf. Will er nochmal starten? „Nur wenn es stärkere finanzielle Unterstützung gibt.“

Bei jeder Bewegung strahlt Schlegel eine unglaubliche positive Energie aus. Er scherzt, ist locker. Wenn er aber von seinen Strapazen berichtet. ist er wieder hochkonzentriert.

Am Ende kam Schlegel nach elf Tagen, fünf Stunden und einer Minute in Annapolis an. Sein Spruch im goldenen Buch lautet:

Es ist mir eine große Ehre. Du kannst alles im Leben erreichen, was Du willst – Du musst es nur wollen.

 

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Porträts und Reportagen oder macht investigative Stücke.