Sonntag, 18. November 2018

Gabis Kolumne

Shades of Grey: Schund oder heiße Erotikliteratur?

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Rhein-Neckar, 10. September 2012. Ferienzeit ist auch immer Lesezeit und an einem Buch kam man in diesem Sommer wohl kaum vorbei: „Geheimes Verlangen“ oder „Shades of Grey“ führt seit Wochen die Bestsellerlisten in den USA und in Großbritannien an und auch bei uns liegt der „Softporno“ auf Platz Eins und direkt an den Kassen in den Buchläden. Einen ähnlichen Siegeszug konnte man bei „Harry Potter“ und zuletzt bei der Twilightsaga um Bella und den Vampir Edward beobachten – doch das waren Jugendbücher und bewegten sich in dem Raum der Fantasy. Gabi hat den Roman gelesen und sich darüber so ihre Gedanken gemacht.

Anfang des Sommers hörte ich zum ersten Mal von „Shades of Grey“, ein „Softporno mit Sadomaso-Sex“, raunte mir eine Bekannte zu und kurz darauf ließ es sich kaum ein Medium nehmen, vom Spiegel bis zu allen Frauenzeitschriften, Kommentare zu der schlüpfrigen Verkaufssensation abzugeben.

Klar, dass wir im Freundeskreis darüber diskutiert haben. „Absolut heiß“, sagte eine Freundin, „ich kann kaum abwarten, weiter zu lesen“. „Der absolute Schund“, sagte eine andere. „Eine Sprache wie aus einem Dreigroschen-Roman und fürchterliche Sex-Szenen“, fuhr sie fort.

Okay, dachte ich mir, dieses Buch sollte ich mir auch zu Gemüte führen. Und ich hab’s gelesen.

Ich gebe beiden Recht, die rund 600 Seiten sind schrecklich schlecht geschrieben und besonders gern verwendet die Autorin „Wow, dachte ich“, doch dazwischen fand ich es ziemlich heiß und romantisch.

Was ist das Geheimnis, was ist neu an dem „Softporno“ der Schottin E. L. James?

Als absoluter Twilight-Fan hat sie zunächst die Vampir-Love-Story um Bella und Edward auf ihren Seiten im Internet weiter gesponnen. Und führte die blutleeren Gestalten aus ihrer nahezu körperlosen Liebe zum heißen Sex – so ähnlich muss man es sich zumindest vorstellen, will man der Story um die biedere Hausfrau im Blümchenkleid, die im wirklichen Leben Erika Leonard heißt, Glauben schenken. Die Geschichten wurden immer schärfer und sie beschloss ein Buch herauszubringen und ein kleiner australischer Verlag erkannte wohl die Gunst der Stunde.

Die Story ist einfach Man meets Girl. Er steinreich, atemberaubend attraktiv, geheimnisvoll, mit schrecklicher Kindheit und nicht wirklich zu haben. Sie jung, hübsch, naiv und Jungfrau und möchte ihn haben und ihn retten. Sie träumt den Traum aller Mädchen (und Frauen) von dem einen, wahren Prinzen.

Und es ist eine Geschichte von Unterwerfung, Sex, Macht, Schmerz, und von einem System aus Bestrafung und Belohnung.

„Skandalös“, sagte eine Bekannte, nach all der Emanzipation wollen sich Frauen plötzlich wieder unterwerfen? Aber vielleicht haben wir einfach auch genug davon, in allen Lebenslagen zu sagen, wo es lang geht, im Job, in der Familie, und vielleicht haben wir keine Lust mehr auf Kuschelsex, wo der Mann gezeigt bekommt muss, auf welches Knöpfchen er drücken soll.

Und es ist keine Geschichte der Unterwerfung, denn schließlich sagt die Frau, wo es lang geht, letztlich verstößt sie gegen alle seine Vorstellungen und er liebt sie um so mehr.

E. M. Jamie hat vorgesorgt und es nicht bei einem Buch belassen. Nach „Geheimes Verlangen“ folgte jetzt im September der zweite Teil „Gefährliche Liebe“. Und da hat die Protagonistin ihren Kerl, wo sie ihn haben wollte, anstelle von Sadomaso-Spielchen und dunkler Kammer, Bettgekuschel und Blümchensex.

„Aber den haben wir doch alle, wollen wir davon wirklich lesen“, fragte mich eine Freundin, die obwohl schon vom ersten Teil nicht wirklich überzeugt, gleich mal den zweiten Teil gekauft und gelesen hat.

Was wir wollen …

Was wollt ihr denn nun, fragte mich mein Mann, als wir über das Buch diskutierten. Was wir wollen ist doch ganz einfach, der Mann soll sagen, wo es lang geht, aber dabei soll er unsere Wünsche erraten. Und das, wenn möglich in allen Lagen des Lebens, bei der Familienplanung, der Urlaubsgestaltung, bei Geburtstagsgeschenken und natürlich auch im Bett.

Und da, wenn man sich die Verkaufszahlen von allein 40 Millionen Exemplaren anschaut, darf es ruhig auch etwas härter und fantasievoller sein – zumindest bis die Frau „Stopp“ sagt. Selbst Alice Schwarzer hat sich schon zu „Shades of Grey“ geäußert. Die Feministin Alice Schwarzer fordert einen unverkrampften Umgang mit dem umstrittenen Sadomaso-Buch. Es sei das Gegenteil von Pornografie, heißt es im Tagesspiegel.

Die Frau werde nie zum passiven Objekt degradiert, sondern bleibe denkendes und handelndes Subjekt. Die junge Protagonistin des Romans lasse sich zwar ein Stück weit auf die Welt ihres dominanten Geliebten ein, ziehe dann aber die Reißleine. „Warum sollte das ein Rückschlag für die Emanzipation sein?“, fragte Schwarzer. „Eine Frau schreibt über männlichen Sadismus – denn der ist das eigentliche Thema! – und über ihre weiblichen Fantasien. Das ist eher emanzipiert.“

Die Heldin unterwerfe sich dem Mann letztlich eben nicht. „Und genau das macht wohl die Faszination für die Millionen Leserinnen aus: das Spiel mit dem Feuer, das sie selber löschen können“, erklärte die Feministin den Erfolg des Romans.

Verkaufserfolg durch E-Books?

Angeblich, so mutmaßt die Autorin selbst, sei der sensationelle Erfolg – wahrscheinlich vor allem im oft prüden Amerika – durch die E-Books ermöglicht worden. So könne man im Verborgenen selbst in der U-Bahn die erotischen Szenen lesen.

„Aber ich verstehe dennoch nicht, was macht den Erfolg dieses Romans aus. Die Sprache ist schlecht, die Story eher banal und erotische Literatur gab es ja schon immer, denkt bloß an Lady Chatterley, Fanny Hill oder Boccaccios Decamerone“, sagt eine meiner Freundin und schüttelt den Kopf über die 40 Millionen verkaufte Bücher. „Ich glaube die Leserinnen von Shades of Grey lesen normalerweise Rosamunde Pilcher und da steht höchstens „sie schaute ihn errötend mit leidenschaftlichem Blick an und er schloss die Schlafzimmertür“.

Ist es das, wollen Millionen von Frauen wissen, wie es hinter der Tür weitergeht? Träumen Millionen von Frauen von Fesselspielen oder auch einfach nur von dem Kick und dem Mann, der das Leben besonders macht? Ich habe inzwischen begonnen den zweiten Teil zu lesen und ich muss meiner Freundin Recht geben, die Sprache ist noch schlechter – aber das mag man verzeihen – und die erste erotische Begegnung von Ana und Christian in „Gefährliche Liebe“ ließ mich nicht erröten.

Doch warten wir es ab und schließlich erscheint im November Teil drei, der mit dem Titel „Befreite Lust“ noch mal große Erwartungen weckt und zudem ist das Marketing-Team um die schottische Hausfrau E. L. James schon fleißig dabei, die passende Erotikwäsche auf den Markt zu bringen.

Kleiner Nachtrag: Ich bin inzwischen bei Seite 400 angelangt und es ist sehr romantisch und auch heiß.

gabi

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