Donnerstag, 20. Juni 2019

Gemeinderat Peter Johe beendet 2014 seine kommunalpolitische Karriere

„Ich habe noch einige Träume für Hirschberg“

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Zu den Gemeinderatswahlen 2014 tritt er nicht mehr an: Peter Johe (Freie Wähler) war dann 43 Jahre kommunalpolitisch aktiv.

 

Hirschberg, 23. Juli 2013. (red/aw) Er ist ein Urgestein der Hirschberger Kommunalpolitik: Peter Johe, 73 Jahre alt und seit 42 Jahren Mitglied im Gemeinderat. Im nächsten Jahr aber ist Schluss. Für die Gemeinderatswahlen 2014 steht er nicht mehr als Kandidat zur Verfügung. Dies ist kein „Nachruf“, wie Herr Johe selbst unsere Gesprächsanfrage kommentierte. Viel mehr ein Rückblick auf all das, was ihn und die Gemeinde Hirschberg in den vergangenen Jahrzehnten beschäftigte. Und auch ein Ausblick. Denn eins ist für Johe klar: „Die Probleme werden der Gemeinde nicht ausgehen!“

Interview: Alexandra Weichbrodt

Herr Johe, Sie möchten im nächsten Jahr, mit Ende der Wahlperiode aus dem Hirschberger Gemeinderat ausscheiden. Worin liegen die Beweggründe für diesen Schritt?

Peter Johe: Der Beweggrund ist mein Alter. Diese Entscheidung stand für mich aber bereits die gesamte aktuelle Wahlperiode fest. Ich habe vor der letzten Wahl schon mit dem Gedanken gespielt und sogar den Wunsch geäußert auszuscheiden. Aber es ist immer ein schwieriges Unterfangen Kandidaten zu finden, die bereit sind, sich auf die Liste schreiben zu lassen. Da bin ich damals mit 68 noch einmal dabei geblieben. Bis diese Periode zu Ende ist, bin ich 74. Zum Ende der nächsten wäre ich 79 Jahre alt. Da denke ich dann nicht daran, noch einmal zu kandidieren.

Anzutreten und dann eventuell nach zwei Jahren wieder auszuscheiden, ist für mich keine Alternative.

Ihnen geht es aber gesundheitlich gut und Sie machen jetzt auch keinen altersmüden Eindruck.

Johe: Natürlich denkt jeder, er wäre fit bis ins allerhöchste Alter. Aber man weiß es ja nicht, irgendwann lassen die Kräfte vielleicht doch nach. Für mich gibt es nichts Schlimmeres, als Leute, die in Gremien sitzen und meinen, sie wären noch der Allerschlauste, aber in Wirklichkeit können sie den Geschehnissen nicht mehr folgen. Das ist nichts, was ich für mich möchte.

Wie reagierten Ihre Parteikollegen auf ihren Entschluss? Immerhin sind Sie seit 42 Jahren im Gemeinderat tätig.

Johe: Sie akzeptieren meinen Entschluss. Auch, wenn es natürlich Gespräche gab, in denen ich gebeten wurde, noch weiter zu machen. Wie bereits erwähnt, war meine Entscheidung ja aber keine spontane, sondern meinen Parteikollegen lange bekannt. Anzutreten und dann eventuell nach zwei Jahren wieder auszuscheiden, ist für mich keine Alternative. Die Möglichkeit besteht ja für Mitglieder, die mindestens zehn Jahre im Gemeinderat tätig waren. Aber das war für mich nie eine Option.

Sie sprachen es bereits an, Kommunalpolitik hat häufig Probleme mit der Personalpolitik. Bleiben Sie den Freien Wählern trotz des Ausscheidens aus dem Gemeinderat als engagiertes Mitglied erhalten?

Die Freien Wähler Hirschberg sind ja auch ein wenig mein „Kind“.

Johe: Nun, ich habe den Verein der Parteilosen Wählervereinigung 1974, als Großsachsen noch eigenständig war, mitgegründet. Vorher gab es ja nur einen losen Zusammenschluss von Bürgern ohne feste Mitgliedschaft. Ich habe nicht vor jetzt auszutreten. Die Freien Wähler Hirschberg sind ja auch ein wenig mein „Kind“.

Damals, Anfang der 70er, als Ihr Engagement in der Gemeinde Großsachsen begann, waren Sie als Richter am Landgericht Mannheim tätig. Auch kein stressfreier Job. Wie kam es zu Ihrem Interesse an der Kommunalpolitik? Worin lag Ihre Motivation?

Johe: Ich bin der Meinung, dass man sich als Bürger einfach einbringen muss in das Gemeinwesen. Soweit man die Kraft hat, sollte man diese der Allgemeinheit zur Verfügung stellen. Ich empfinde es im Grunde als eine Bürgerpflicht. Die Arbeit auf Gemeindeebene ist interessant. Die Themen sind überschaubar, wenn auch zum Teil groß. Aber man kann sie in der Regel lösen.

Mein Engagement ist Bürgerpflicht.

Wie steht es denn aktuell um die Freien Wähler in Hirschberg? Sie werden nach Ihrem Ausscheiden aus dem Gemeinderat eine Lücke hinterlassen, die es zu füllen gilt. Gibt es ausreichend „Nachwuchs“?

Johe: Es steht eigentlich nicht so schlecht um die Freien Wähler. Unsere Mitgliederzahl ist stark. Aber wir brauchen auch Mitglieder, die eine Kandidatur annehmen wollen. Vor allem bei jüngeren Mitgliedern ist es schwer, sie dafür zu gewinnen. Da sind wir aber eigentlich ganz zuversichtlich.

Wir haben bei den Freien Wähler momentan mehr Probleme auf Bundesebene. Die Gruppierung, die sich ebenfalls „Freie Wähler“ nennt und sich aktuell um den Einzug in den Bundestag bemüht, hat mit unserer kommunalpolitischen Freien Wählervereinigung nichts zu tun. Wir streben keinen Sitz in Landes-, Bundes- oder gar Europa-Parlament an. Wir sind nur auf kommunaler Ebene tätig. Wir haben gegen die Nutzung unseres Namens geklagt, aber leider Gottes verloren.

Diese Entwicklung halte ich allerdings für sehr bedenklich. Auf der einen Seite will man „freier“ Wähler sein, auf der anderen Seite will man aber auch in das Parlament einziehen. Ich halte das für einen Widerspruch. Wir sind eine rein kommunalpolitische Organisation und wollen das auch bleiben. Unser Schwerpunkt sind die Kommunen, bis hin zum Kreis- und Regionalverband. Darüber hinaus aber haben wir keine Ambitionen.

Unser Schwerpunkt sind die Kommunen.

Wie optimistisch sind Sie, dass die Freien Wähler es schaffen, im nächsten Jahr wieder fünf Sitze im Gemeinderat zu erreichen? 

Johe: Ich hoffe, dass wir die fünf Plätze halten können. Die Frage der Platzverteilung hängt natürlich immer mit der Politik zusammen, die wir in den vergangenen Jahren gemacht haben. Und sie ist vor allem von den Kandidaten abhängig. Wenn sie gute Kandidaten haben, erhalten sie auch Stimmen. Die Wähler entscheiden sich für Kandidaten, denen sie zutrauen, das Beste für die Gemeinde und die Bürgerinnen und Bürger zu tun. Wenn wir da gute Leute aufstellen, anerkannte Leute, dann haben wir gute Chancen.

Werden Ihre derzeit aktiven Gemeinderatskollegen für eine neue Wahlperiode zur Verfügung stehen?

Johe: Das kann ich leider noch nicht verbindlich sagen. Aber ich hoffe es. Bei vielen weiß ich es zwar, aber manche sind noch etwas reserviert. Ich wünsche mir, dass sie wieder kandidieren.

Die Gründung der Gemeinde Hirschberg 1975 war der größte Meilenstein.

Wenn Sie mal auf die Jahre im Gemeinderat zurückblicken, was sehen Sie für große Meilensteine der Hirschberger Geschichte? Was waren für Sie herausragende Ereignisse, bei denen Sie im Nachhinein stolz sind, mitgewirkt zu haben?

Johe: Der größte Meilenstein war sicherlich die Gründung der Gemeinde Hirschberg im Jahr 1975. Ich war bereits seit 1971 im Großsachsener Gemeinderat tätig und habe die Gründung der sogenannten Einheitsgemeinde komplett miterlebt und mitgestaltet.

Hirschberg-PeterJohe-12072013-004-7618Diese Entscheidung war damals eine große Herausforderung. Es stellte sich sogar die Frage, ob Großsachsen zwangsweise nach Weinheim eingemeindet wird. Auch Leutershausen drohte eine solche Maßnahme. Daher entschieden wir uns für einen Zusammenschluss, von dem wir ausgingen, dass wir mit dieser Größe als Gemeinde überleben können. Wir wollten nicht der äußerste Vorort einer Stadt sein.

Großhausen und Leutersachsen….

Die Namensfindung im Zuge der Fusion war allerdings ganz schön schwierig. Keiner wollte seinen Namen aufgeben. Doppelnamen waren im Gespräch: Großhausen, Leutersachsen und all solche Vorschläge. Bis wir uns auf Hirschberg einigten war es ein langer Prozess.

Und dann natürlich die damalige Bürgermeisterwahl. Es gab ja mehrere Kandidaten, letztlich gewann Werner Oeldorf. Auch, wenn wir damals nicht für ihn stimmten, muss ich rückblickend sagen, dass er Hirschberg ein sehr guter Bürgermeister war. Mit Herrn Oeldorf habe ich all die Jahre sehr gut zusammengearbeitet und wir sind auch privat gut bekannt. Aktuell sind wir immer noch gemeinsam im Vorstand des Partnerschaftsvereins aktiv.

Herr Oeldorf war von 1975 bis 2007 durchgehend im Amt. 2007 folgte der Wechsel. Seitdem ist Manuel Just Bürgermeister.

Johe: Ja, auch diese Wahl war dann natürlich etwas Besonderes. Hier gab es ebenfalls andere Kandidaten, sich zu einigen war wieder nicht einfach. Diesmal standen wir mit unserer Wahl aber auf der Gewinnerseite. Aber auch jede Gemeinderatswahl und Kommunalwahl hatte etwas Aufregendes. Das sind immer einschneidende Ereignisse, die Kräfte fordern.

Hinzu kommen die vielen Bauvorhaben der letzten Jahrzehnte. Der permanente Wunsch, einen weiteren Anschluss an die Autobahn über die Kreisstraße nach Muckensturm zu erhalten, oder die Diskussionen um die Ortsumgehungsstraßen. Hier gab es immer viel Handlungsbedarf und wird es auch weiterhin geben. Viele Probleme und Vorhaben sind noch ungelöst.

Wer in Hirschberg eine weiterführende Schule haben will, muss Ja zur Gemeinschaftsschule sagen.

Die Frage, die im Moment die Gemeinde Hirschberg am meisten bewegt, ist die nach einer Gemeinschaftsschule.

Johe: Ja, das ist die nächste große Herausforderung. Kommt die Gemeinschaftsschule, oder kommt sie nicht? Kommt sie nicht, müssen wir damit rechnen, ich sag es jetzt mal ganz vorsichtig, in absehbarer Zeit nur noch Grundschulen haben.

Dies entscheiden jetzt die Bürger per Bürgerentscheid am 22. September. Wie denken Sie persönlich über die Weiterentwicklung der Werkrealschule zu einer Gemeinschaftsschule?

Johe: Wir, die Freien Wähler, hatten ja den Antrag gestellt die Bürgerinnen und Bürger mehr in diese Entscheidung einzubinden und eine Bürgerversammlung durchzuführen. Bei einem Bürgerentscheid, hat der Gemeinderat nun kein Entscheidungsrecht mehr, wenn das erforderliche Quorum von 25 Prozent erreicht wird.

Insgesamt ist es natürlich eine sehr schwierige Entscheidung. Als wir damals die Werkrealschule eröffnet haben, dachten wir, wir haben hier eine gute Realschule in Hirschberg. Aber die Jahre haben gezeigt, dass die Werkrealschule weder bei den Eltern noch bei den Betrieben und Unternehmen als richtige Realschule anerkannt worden ist. Der Abschluss der Werkrealschule wird unter dem Niveau des normalen Realschulabschlusses wahrgenommen. Ob dies gerechtfertigt ist, bleibt dahingestellt.

Mit dem Wegfall der verpflichtenden Schulempfehlung stehen wir jetzt also vor dem Problem, dass wir nur noch wenige Anmeldungen für die Werkrealschule haben. Ich gehe daher davon aus, dass die Werkrealschule auf lange Sicht nicht weitergeführt werden kann. Über kurz oder lang wird sie verschwinden. Und wenn man dann in Hirschberg eine weiterführende Schule halten will, muss man zur Gemeinschaftsschule „Ja“ sagen.

Die zu lösenden Probleme werden der Gemeinde nicht ausgehen.

Wenn Sie im nächsten Jahr aus dem Gemeinderat ausscheiden, geben Sie auch einen gewissen Einfluss auf die Entwicklungen in Hirschberg auf. Was würden Sie sich für die Zukunft von Hirschberg wünschen?

Johe: Ich würde mich freuen, wenn im Gemeinderat weiterhin ein gutes Klima herrscht. Dass man zwar heftig streitet und diskutiert, aber sich anschließend wieder an einen Tisch setzt, um gemeinsam Lösungen zu finden.

Ich würde mir auch wünschen, dass wir ein Ortsbild erhalten können, dass eine heimelige Umgebung für den Bürger darstellt. In dem er sich wohl fühlt. Und auch die vielen Aktivitäten der Hirschberger Vereine erhalten bleiben. Man weiß ja derzeit am Wochenende gar nicht wo man zuerst hingehen soll, so viel ist hier im Ort los. Überall wird etwas geboten und das ist gut so. So etwas freut die Bürger.

Weiter hoffe ich, dass wir unseren Wald pflegen und hegen können. Das ist ja einer unserer ganz großen positiven Faktoren in Bezug auf das Wohlbefinden der Bevölkerung. Auch wünsche ich mir, dass das Gastronomiewesen nicht vollständig zum Erliegen kommt. Derzeit ein großes Problem, viele Gaststätten haben wir ja nicht mehr.

Und nicht zu letzt hoffe ich auf eine Verbesserung der Verkehrssituation in Großsachsen und einer Entlastung der B3. Die Probleme werden der Gemeinde nicht ausgehen. Ich hab also schon noch einige Träume für Hirschberg.

Zur Person:

Peter Johe erblickte in Großsachsen das Licht der Welt und besuchte von 1950 bis 1959 das Gymnasium in Weinheim. Bevor er sein Jurastudium an der Heidelberger Universität begann, war er eineinhalb Jahre Soldat bei der Bundeswehr. Peter Johe war Richter beim Amtsgericht Villingen und am Landgericht Mannheim. 1975 erfolgte die Ernennung zum Ersten Staatsanwalt in Heidelberg.

Für seine Verdienste in der Kommunalpolitik wurde Peter Johe 1992 mit der Ehrenmedaille des Gemeindetags Baden-Württemberg geehrt. Die Gemeinde Hirschberg verlieh ihm 1996 den Ehrenring für 25 Jahre Aktivität im Gemeinderat und der damalige Bundespräsident Horst Köhler ehrte ihn mit dem Bundesverdienstkreuz. Seit 2000 ist er außerdem Ehrenvorsitzender der Freien Wähler Hirschberg.

Peter Johe ist neben dem Gemeinderat auch in vielen anderen Ämtern aktiv. Er ist beispielsweise Vorstandsmitglied im Partnerschaftsverein der Gemeinde Hirschberg, Vorsitzender des Angehörigenbeirats der Diakoniewerkstatt für behinderte Menschen in Weinheim und im Beirat der Lebenshilfe Weinheim.