Freitag, 10. August 2018

Themenabend im Olympia-Kino - Asylbewerber, zwischen Hoffnung und Verzweiflung

„In meiner Heimat habe ich keine Chance“

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Das Olympia-Kino ermöglicht immer wieder Einblicke in das Leben von Menschen – aktuell das von Asylbewerbern. Durch die Kriege in Afghanistan und Syrien kommen viele FlĂŒchtlinge auch zu uns in die Region.

 

Hirschberg/Ladenburg, 10. Dezember 2013. (red/csk) „Can’t be silent“ zeigt die Gruppe „Strom & Wasser“ auf Konzerttour in Deutschland – zusammen mit Asylbewerbern aus verschiedenen LĂ€ndern. Regisseurin Julia Oelkers dokumentiert das Leben der FlĂŒchtlinge. Der Film berĂŒhrt durch Lebensfreude und gleichzeitiger Beklemmung. Im Anschluss an die VorfĂŒhrung im Olympia-Kino folgte eine Fragerunde mit zwei derzeit in Ladenburg untergebrachten Asylbewerbern.

Von Christina SchÀfer-Kristof

Maryam Gholami und Hassan Nazeri stehen etwas verloren am Rand der BĂŒhne des Olympia-Kinos. Maryam und Hassan sind afghanische FlĂŒchtlinge. Sie werden dem Publikum vorgestellt, bevor „Can’t be silent“ gezeigt wird. Rund 30 Interessierte sind gekommen.

„Can`t be silent“ zeigt Asylbewerber in Deutschland. Einer von ihnen ist Sam aus Gambia. Er lebt in einem Asylantenheim in Reutlingen. Die Besucher sehen die Ivorer Revelino und Jaques. Und da ist der Afghane Hosain, der auf seiner Flucht das erlebt hat, was aktuell in den Nachrichten ist: Viele, die mit ihm auf einem Boot ĂŒber das Wasser nach Europa flĂŒchteten, ertranken.

Zwischen Hoffnung und Verzweiflung

Die Akteure im Film sind Musiker. „Can`t be silent“ zeigt neben dem Alltag der FlĂŒchtlinge im Kontrast ihre Konzerttour durch Deutschland. Mit dem Musiker Heinz Ratz und seiner Band treten sie auf, stehen abends als „Strom & Wasser feat. the Refugees“ auf der BĂŒhne. In ihrer Musik verarbeiten sie ihr Leben in der Heimat – wie auch das als Asylbewerber in Deutschland.

Ihre Wohnheime empfinden sie als GefĂ€ngnis, die an sie gebundene Residenzpflicht nimmt ihnen jegliche Freiheit. Regisseurin Julia Oelkers lĂ€sst in ihrem Film allein die Bilder sprechen. Sie verzichtet auf jegliche Hintergrundmusik, Off-Kommentare und Geschnörkel. Sie benutzt die GegensĂ€tze der RealitĂ€t – die bunte BĂŒhne, die Lebensfreude, die Freiheit.

Dann der Schnitt zum Dreibettzimmer im Wohnheim. Kahle WĂ€nde. Die KĂŒche nichts mehr als Herd und SpĂŒle. Stuhl oder Tisch fehlen. Doch das sind Äußerlichkeiten. Wirklich beklemmend ist, wenn Hosain ĂŒber die Ertrinkenden erzĂ€hlt. Scheinbar emontionslos. Distanziert. Vermutlich, um das Grauen nicht immer wieder zu erleben, wenn er davon erzĂ€hlt.

Das ist beklemmend. Macht atemlos. Und dieser Kontrast. Sam und die anderen leben zwischen öffentlichem Applaus und Desinteresse, zwischen eigener Lebensfreude und Niedergeschlagenheit. Ein tÀglicher Spagat:

Musik hÀlt mich am Leben,

sagt Sam im Film. Wie auch all die anderen lebt er in stÀndiger Angst vor der Abschiebung.

 

Maryam und Hassan haben diese Angst derzeit nicht. Hassan ist 42 Jahre alt und Filmemacher. Sechs Jahre arbeitete er an einem Film ĂŒber den Hinduismus. Der Film wurde in Afghanistan verboten:

Jetzt bist du dran, jetzt bringen wir dich um,

so die Drohung der Taliban. Hassan flieht. Ein Schleuser besorgt ein Visum fĂŒr Griechenland. Dort angekommen organisierte er sein Visum fĂŒr Deutschland. Zwei Monate war er unterwegs. Nun lebt er in Ladenburg.

Unbekannte Zukunft

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Hassan Nazeri (links, rechts Übersetzer) ist Filmemacher und wurde von den Taliban wegen seiner Arbeit mit dem Tod bedroht.

Insgesamt sind 50 Asylbewerber afghanischer Herkunft in der alten Martinsschule untergebracht. Darunter auch sieben Angehörige der Familie von Maryam Gholami. Sie ist 18 Jahre alt, SchĂŒlerin. Zwei Stunden darf sie am Tag in die Schule. Danach wird sie nach Hause geschickt.

Ihr fĂ€llt es sichtlich schwer, ĂŒber ihren Weg zu berichten. Ihre Stimme erstickt. TrĂ€nen in den Augen. Anders als Hassans kurze Flucht, dauerte ihre vier Jahre. Ihre Familie lebte ein Jahr im Iran, ehe sie nach Europa einreisen konnte. In Ungarn hat der Schlepper sie hĂ€ngengelassen. Maryam und ihre Familie beantragten Asyl, bleiben 20 Monate in dem Land. Die menschenunwĂŒrdige Unterbringung und andauernde DemĂŒtigung lassen sie weiterziehen – nach Deutschland.

Seit sechs Monaten ist sie mit ihrer Familie nun hier. Zuerst drei Monate in Karlsruhe, seit August in Ladenburg. NĂ€chstes Jahr wird sie – wie Hassan auch – umgesetzt nach Schwetzingen. Ihre Unterkunft in Ladenburg biete ihr Sicherheit, sagt Maryam. Im Gegensatz zu den Akteuren des Films empfindet sie ihr Wohnheim nicht als GefĂ€ngnis. Sie möchte hier bleiben, ihren Schulabschluss machen, studieren, ein gutes Leben haben.

Eine Chance habe ich in meiner alten Heimat nicht,

sagt die junge Frau.

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Leider interessierten sich nur rund 30 Zuschauer fĂŒr das Thema Asyl.

Die Aussicht auf ein solches Leben in Deutschland scheint eher gering. Der in Ungarn gestellte Asylantrag der Familie wurde gewĂ€hrt. Sie besitzen ein fĂŒnfjĂ€hriges Bleiberecht. Damit fallen sie unter die Drittstaatenregelung. Maryams Familie wird – gemeinsam mit insgesamt 72 aus Ungarn ausgereisten Afghanen – von einem Anwalt vertreten. Der versucht, eine Abschiebung durch die deutschen Behörden nach Ungarn zu verhindern.

Ob das gelingt, ist eher unwahrscheinlich. Dann wĂŒrde es Maryam so gehen, wie einigen der Musiker: Sam, Jaques, Hosain – alle drei erhalten den Bescheid ĂŒber die Ablehnung ihres Asylantrags. Sie sind aufgefordert Deutschland zu verlassen.

Ich bin hier nicht erwĂŒnscht,

stellt Sam fest. Kein Pathos, keine TrÀnen. Was aus den Musikern letztlich geworden ist, diese Frage beantwortet Julia Oelkers Film nicht. Das kann er auch nicht. Es bleiben Fragen. Auch, was aus Hassan und Maryam wird.