Mittwoch, 25. Juli 2018

Das Forum für Ortsgestaltung und Ortserhaltung fragte: "Wie sollen sich unsere Ortskerne entwickeln?"

Was Hirschberg von Münchingen lernen kann

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Hirschberg, 18. Februar 2014. (red/csk) Das Hirschberger Forum für Ortsgestaltung und Ortserhaltung hatte eingeladen. Und gut 70 Gäste kamen. Die Entwicklung der Hirschberger Ortsteile – wo soll sie hingehen? Wie kann sie geplant und umgesetzt werden? Das waren die Fragen, mit denen sich die Bürger/innen – unter ihnen Gemeinderäte aller Fraktionen – an diesem Abend beschäftigten. Laut Philipp Dechow, einer der Referenten des Abends, sei es wichtig,  für das Thema ein Bewusstsein zu schaffen. Das hat das Forum zweifelsfrei erreicht. So voll wie an diesem Abend war der Anbau der Alten Turnhalle wohl noch nie.

Von Christina Schäfer-Kristof

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Architektin Anja Döhringer zeigte am Beispiel der Gemeinde Münchingen, wie ein Konzept zur Ortskerngestaltung entwickelt wird.

Münchingen – eine Gemeinde im Speckgürtel von Stuttgart. Ländlich, aufgegebene Höfe, große Scheunen im Ortskern, Bausünden vergangener Jahre inklusive, wenig attraktive öffentliche Plätze.

Ein schwäbisches Hirschberg? Nicht ganz. Münchingen hat, was Hirschberg noch nicht hat: ein Konzept für die Entwicklung seines Ortskerns. Ausgearbeitet wurde es vom Internationalen Stadtbauatelier Stuttgart (ISA). Anja Göhringer, Architektin am ISA, stellte es vor. Ihr ging es mit der Präsentation nicht darum, Vorschläge für Hirschberg zu liefern:

Das sind immer ganz individuelle Lösungen,

so die Expertin. Es ging vielmehr darum, den Weg aufzuzeigen: von der Analyse zum Konzept. Was sind die Charakteristika des Ortes, welche Strukturen liegen vor, was sind die Probleme, welche Bedürfnisse gibt es? All das wurde in Münchingen bereits untersucht. Das, was nach Forumsmitglied und Moderator des Abends Rembert Boese in Hirschberg als „Riesenveränderung“ bevorsteht, hatte Münchingen schon erfasst: Nicht nur die Höfe standen leer, etliche der ehemals landwirtschaftlich genutzten Scheunen waren ungenutzt, der Verfall vorprogrammiert. Was also tun?

Scheunen zu Wohnraum machen, leerstehende Höfe für Wohnraum nutzen, öffentliche Plätze beleben, Einkaufsmöglichkeiten in Fußläufigkeit schaffen und bei all dem die ortstypische Bausubstanz erhalten – das waren einige angeführte Punkte, die das Konzept für Münchingen vorsah. „Man muss klare Strukturen schaffen, damit das Flanieren wieder Spaß macht“, sagte Anja Göhringer. Dazu gehörten auch städtebauliche Eckpunkte, etwa bei der Sanierung des Bestands und entstehenden Neubauten: Gebäudehöhen, Giebelausrichtungen, Fassadengliederung, Farbanstriche – all das sei wichtig, damit sich ein harmonisches Ortsbild ergebe, so die Architektin.

Bürgerbeteiligung in Hirschberg bei -1

Was kann Hirschberg nun also von Münchingen lernen? Viel. Zum Beispiel Bürgerbeteiligung, die laut Rembert Boese in Hirschberg auf einer Skala bei -1 liegt. So stand in der Diskussion eine Frage im Raum: Wie kann man die Bürger mitnehmen? Durch Kommunikation, so die einhellige Meinung der Experten.

Sie müssen den Bürgern Gehör verschaffen, sie einbeziehen in die Planung,

sagte Anja Göhringer. Das war auch ihr Argument zu dem von CDU-Gemeinderat Matthias Dallinger geäußerten Bedenken hinsichtlich des Ausscherens einzelner Eigentümer von einer eventuellen Leitplanung. „So ein Konzept kann man den Bürgern nicht fertig vorsetzen“, verdeutlichte Anja Göhringer. Philipp Dechow ergänzte, dass auch eine gute Bauberatung seitens der Verwaltung helfe  und eine starre Reglementierung sogar ersetzen könne.

Haben Sie Mut zu Lösungen mit offenem Ausgang,

sagte der Architekt. Eine Gestaltungssatzung sah er nicht zwingend erforderlich.

 

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Machte „Mut zur Lösung mit offenem Ausgang“ –
Philipp Dechow, Architekt am Internationalen Stadtbauatelier Stuttgart

 

Das sah Gemeinderat Karl-Heinz Treiber (GLH) ganz anders: „Beratung ist gut – reicht aber nicht in Hirschberg.“ Ohne Satzung oder Bebauungsplan gehe gar nichts, sagte er. Er verstehe nicht, warum Verordnungen als Gängelung der Bevölkerung gesehen werden. Sie müssten sein, weil man in Hirschberg ansonsten weiter Stillstand habe wie schon seit Jahren.

Treiber lag damit auf einer Linie mit Bürgermeister Manuel Just, der in einer Gestaltungssatzung ein Instrument sah, um das Spannungsverhältnis, in dem sich der Gemeinderat bewege, zu lösen. Er meinte damit den Spagat zwischen dem „Erhalt der Historie, dem Eingriff oder der Beschränkung privateigentumsrechtlicher Nutzung sowie dem Willen nach Modernisierung.“ Hauptamtsleiter Rolf Pflästerer hatte in seinem Diskussionsbeitrag bereits auf das Spannungsverhältnis der Politik hingewiesen: Die von Anja Göhringer genannte maßvolle Innenverdichtung sei wünschenswert, kollidiere aber z.B. mit dem bestehenden Verkehrskonflikt.

 

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Volles Haus: Gut 70 Interessierte folgten der Einladung des Hirschberger Forums für Ortsgestaltung und Ortserhaltung.

Rembert Boese sagte nach Ende der Veranstaltung mit Blick auf die Verwaltung:

Die Interessen liegen sicher auseinander.

Das Forum setze aber auf Gespräche mit der Verwaltung. Rembert Boese zeigte sich diesbezüglich zuversichtlich:

Uns geht es darum, die Charakteristika der zwei sehr unterschiedlichen Ortsteile zu erhalten.

So etwas wie den Bebauungsplan Breitgasse/Drittelsgasse wolle das Forum vermeiden.

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Hirschberg früher und heute. Und Morgen? Damit beschäftigten sich viele Interessierte – darunter Gemeinderäte aller Fraktionen