Montag, 10. Juni 2019

Gabis Kolumne

Ăśber weite und kurze Problemchen

LesebrilleRhein-Neckar, 02. Dezember 2013. (red) Unsere Kolumnistin Gabi hat wieder den Weitblick. Neue Kontaktlinsen machen es möglich. DafĂĽr reicht jetzt die Armlänge noch nicht mal mehr fĂĽr ein Buch aus – Kleingedrucktes auf Verpackungen kann sie schon gar nicht mehr lesen. Aber sie hat eine Lösung gefunden. Eine praktische, die aber wie so häufig theoretische Ăśberlegungen nach sich zieht. Ăśber das Leben – worĂĽber sonst? [Weiterlesen…]

Demografie-Woche vom 11.-18. Oktober 2012

Der demografische Wandel geht uns alle an

 

Rhein-Neckar, 02. April 2012. (red/pm) Die Bevölkerungszahl in der Metropolregion geht zurĂĽck, das durchschnittliche Alter steigt an. Die demgrafische Entschwicklung geht uns alle an – denn sie betrifft uns alle. Es wird Herausforderungen geben, aber auch viele neue Chancen. Kommunen, Unternehmen, soziale Einrichtungen, Parteien, Bildungseinrichtungen, Vereine und Kirchen haben die Möglichkeit, die Demografie-Woche aktiv zu gestalten.

Ein FĂĽlle von Informationen sind bereits heute auf der Website der Demografiewoche zu funden. Jeweils am ersten Mittwoch im Monat finden Regionalgespräche statt, so am kommenden Mittwoch von 15:00-17:00 Uhr in der Handwerkskammer Rhein-Neckar-Odenwald statt. Aktuell zu „Pflegezusatzversicherung und Sicherung der Altersvorsorge, „Das Gesetz zur Freistellung von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Pflegefall von Angehörigen“ und „Betriebliche Netzwerke zur Gestaltung des demografischen Wandels“.

Information des Verbands Region Rhein-Neckar:

„Das Netzwerk Regionalstrategie Demografischer Wandel (RDW) veranstaltet vom 11. – 18. Oktober 2012 in der Metropolregion Rhein-Neckar eine Demografie-Woche. Diese ist gedacht als regionsweite, dezentral organisierte Kampagne, um fĂĽr die Chancen und Herausforderungen angesichts des demografischen Wandels in der Metropolregion zu sensibilisieren. In der Aktionswoche sollen möglichst viele Veranstaltungen zu Themen stattfinden, die Wege zur erfolgreichen Gestaltung der Gesellschaft im voranschreitenden demografischen Wandel aufzeigen.

Die Demografie-Woche ist eingebunden in das „Europäische Jahr fĂĽr aktives Altern und Solidarität zwischen den Generationen 2012″. Das Aktionsjahr soll die Schaffung einer Kultur des aktiven Alterns in Europa erleichtern, deren Grundlage eine Gesellschaft fĂĽr alle Altersgruppen ist. Wohl wissend, dass der Begriff des demografischen Wandels noch weiter gefasst ist, glauben die Verantwortlichen der Regionalstrategie Demografischer Wandel, dass die konkreten Anregungen der Europäischen Union zum aktiven Altern, die Ziele der Demografie-Woche unterstĂĽtzen.

Die Verantwortlichen wünschen sich, dass möglichst alle gesellschaftlichen Akteure als Veranstalter an der Demografie-Woche teilnehmen. Eine besonders gute Gelegenheit zur Darstellung haben nach Einschätzung der Organisatoren insbesondere Kommunen, Unternehmen, Die Netzwerke der Region, Freiberufler, soziale Einrichtungen (wie z.B. Seniorenheime, Mehrgenerationenhäuser, Behindertenorganisationen, Integrationsprojekte), Politische Parteien, Schulen, Hochschulen, Vereine und Kirchen.

Organisatorisch ĂĽbernimmt die Regionalstrategie die Erstellung eines Gesamtprogramms der Veranstaltungen und bewirbt die Demografie-Woche im Allgemeinen. Auf diese Weise sollen alle BĂĽrgerinnen und BĂĽrger der Region, Kenntnis vom Gesamtangebot erhalten. FĂĽr die Veranstalter ergeben sich dadurch ausgesprochen gute Darstellungsmöglichkeiten. Potenzielle Teilnehmer sollen aus einem möglichst groĂźen Angebot wählen und bei ĂĽberschaubaren Reisezeiten an sehenswerten Veranstaltungen teilnehmen können.“

Zahl der „Hochbetagten“ hat sich seit den 1970er Jahren verfĂĽnffacht


Rhein-Neckar/Heidelberg, 19. Mai 2011. (red/pm) Die Zahl der „älteren MitbĂĽrger“ wächst – die Zahl der jĂĽngeren geht zurĂĽck. Der stetige Anstieg der Bevölkerungszahlen im hohen Alter hat vor allem fĂĽr den Bereich der PflegebedĂĽrftigkeit und die Sicherung der Pflegemöglichkeiten tiefgreifende Konsequenzen.

Information des Landratsamts Rhein-Neckar-Kreis:

Im Rhein-Neckar-Kreis leben derzeit 11.248 Menschen, die 85 Jahre oder älter sind. Diese Altersgruppe setzt sich zu knapp drei Viertel aus Frauen und lediglich zu gut einem Viertel aus Männern zusammen. Dies entspricht auch dem Trend in ganz Baden-Württemberg.

Hier gibt es derzeit rund 244.000 Personen, die 85 Jahre oder älter sind, davon 177.000 Frauen und 67.000 Männer. Die Zahl der Hochbetagten hat sich damit seit Anfang der 1970er Jahre sowohl im Rhein-Neckar-Kreis als auch in Baden-Württemberg fast verfünffacht; bis zum Jahr 2030 könnte sich deren Zahl mehr als verdoppeln und nach der Vorausberechnung des Statistischen Landesamtes Baden-Württemberg im Rhein-Neckar-Kreis rund 23.135 und in Baden-Württemberg 433.911 betragen.

Die Zahl der Personen unter 20 Jahren wird in den kommenden 20 Jahren abnehmen. Sind derzeit noch 105.854 Männer und Frauen unter 20 Jahren im Rhein-Neckar-Kreis wohnhaft, werden es 2030 voraussichtlich nur noch 88.714 sein. Im Vergleich: In Baden-Württemberg beträgt die Anzahl der Personen unter 20 Jahren im Moment noch 2.196.778, 2030 werden es nur noch 1.778.689 junge Menschen sein.

Ă„hnlich stellt sich die Abnahme der Personen bei der Gruppe zwischen 20 und 40 Jahren (derzeit 125.770 Personen – 2030 110.218 Personen) und 40 bis 60 Jahren (derzeit 168.868 Personen – 2030 134.107) im Rhein-Neckar-Kreis dar. Zunehmen wird dagegen die Gruppe der Menschen zwischen 60 und 85 Jahren von aktuell 123.544 auf 161.702 im Jahr 2030.

Baden-Württemberg weit leben im Moment 2.690.322 Menschen zwischen 20 und 40 Jahren, 2030 werden es noch 2.358.078 sein. Ebenso wird sich in Baden-Württemberg die Zahl der Menschen zwischen 40 und 60 Jahren von derzeit 3.261.448 auf 2.7006.281 im Jahr 2030 reduzieren. Zunehmen wird im „Ländle“ die Gruppe der Personen zwischen 60 und 85 Jahren von aktuell 2.366.317 auf 3.096.593 Menschen. Diese Angaben gehen aus einer aktuellen Erhebung des Statistischen Landesamtes Baden-Württemberg hervor.

„Die Gründe für die Entwicklung sind auf die Alterstruktur der Bevölkerung, aber auch auf die stetig steigende Lebenserwartung zurückzuführen“, erläutert Heinz Bönisch, Sozialdezernent im Rhein-Neckar-Kreis. Ein neugeborener Junge könne heute in Baden-Württemberg auf eine durchschnittliche Lebenserwartung von 78,8 Jahren hoffen, ein neugeborenes Mädchen sogar auf 83,4 Jahre. Damit liegt die Lebenserwartung Neugeborener nach Angaben des Statistischen Landesamtes um neun beziehungsweise zehn Jahre höher als Anfang der 1970er Jahre. Seinerzeit betrug die durchschnittliche Lebenserartung bei der Geburt 68,5 Jahre für Jungen und 74,5 Jahre für Mädchen.

Der stetige Anstieg der Bevölkerungszahlen im hohen Alter hat vor allem fĂĽr den Bereich der PflegebedĂĽrftigkeit und die Sicherung der Pflegemöglichkeiten tiefgreifende Konsequenzen. Wenn, wie zurzeit, auch kĂĽnftig ĂĽber ein Drittel der 85-Jährigen und Ă„lteren pflegebedĂĽrftig sein wird, so zeichnen sich fĂĽr die Zukunft erhebliche Anforderungen an die Pflegeleistungen der Familien, an die gesellschaftlichen Netzwerke der Altenhilfe und Altenbetreuung, an die Sicherung des Berufsnachwuchses in den Pflegeberufen, aber auch an die Leistungsfähigkeit der Volkswirtschaft ab, weil auch die Zahl der Transferleistungsempfänger stark zunehmen wird. So das Fazit des Sozialdezernenten.“

Einen schönen Tag wünscht
Das rheinneckarblog

Gabis Kolumne

Zeit für Träume

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Guten Tag!

Hirschberg, 22. März 2010. Träume sind Schäume – oder doch nicht? Wir alle werden älter, die Welt ist globalisiert. Wohin im Alter? In den eigenen vier Wänden bleiben, in die Toskana, an den Lago, nach Thailand oder Miami? Wer sich mit Freunden ĂĽber das Leben im Alter unterhält, wird ĂĽberrascht – es gibt so viele Träume. Und je mehr die Zeit läuft, umso mehr werden die Träume, meint Gabi.

„Also ganz klar, wir gehen später mal auf die Kanaren“, sagten Freunde kürzlich bei einem Abendessen.

Der Lago Maggiore - wie schön, seufz. Bild: hblog

„Hm“, denke ich, „nicht schlecht, aber möchte ich wirklich meinen Lebensabend mit anderen älteren deutschen Senioren in einer Bungalowsiedlung irgendwo am Meer verbringen?“

„Ich würde lieber, wenn die Kinder aus dem Haus sind, in eine Stadtwohnung ziehen, vielleicht nach Berlin. Da hat man das Theater, die Geschäfte, Ausstellungen und so weiter direkt vor der Haustür“, sagte eine andere Freundin.

Anonym im Alter oder mit der Familie?

„Auch nicht schlecht“, denke ich. Aber möchte ich dann ganz anonym leben, die Freunde und Kinder weit weg?

Sobald die ersten Kinder geboren waren, haben wir alle vom Eigenheim mit großem Garten auf dem Land geträumt.

Nach und nach haben wir uns unsere Träume verwirklicht. Zwar war der Garten nicht so groß oder auch nur ein Balkon. Und es war auch kein Landhaus in einem romantischen Ort in der Pfalz. Aber zumindest konnte man im Sommer den Grill rausstellen und den Kindern konnte man einen Sandkasten und eine Schaukel aufstellen.

Jetzt kommen die Kinder nach und nach in die Pubertät und mein Sohn erklärte mir schon vor zwei Jahren, „also in so einem Kaff will ich später bestimmt nicht mehr wohnen.“

Mein Mann und ich träumen gerne von einem Haus am Lago Maggiore.

Ah, der Lago.

Natürlich direkt am See mit Bootssteg. In einem kleinen Städtchen, so dass man abends durch enge Gassen bummeln und dann in einer kleinen Trattoria ein Glas Wein trinken kann.

Ja, das wäre nett.

„Aber Mensch, am Lago Maggiore ist es im Winter doch richtig kalt“, wirft eine Bekannte ein, „da kannste auch zu Hause bleiben. Ich geh-€™ lieber nach Thailand. Da ist es immer warm und du kriegst was für dein Geld.“

Auch keine schlechte Argumentation, denke ich.

Eine thailändische Traumanlage - fern der Heimat, aber immer warm. Bild: hblog

„Wichtig für mich sind doch vor allem die Kinder, die Freunde und die Familie. Ist das nicht ziemlich schwierig mit Mitte Sechzig irgendwo noch mal ganz neu anzufangen?“, sagt ein Freund.

Man sollte zumindest die Sprache sprechen, auf diese Grundvoraussetzung können wir uns alle einigen. Na ja, und die Kultur sollte doch auch ähnlich sein. Damit streichen wir Thailand von der Liste.

„Wie wär-€™s denn mit Florida?“, fällt einer Freundin begeistert ein. „Englisch sprechen wir alle einigermaĂźen und die amerikanische Mentalität ist uns doch sehr ähnlich.“ „Nee“, entgegnet ein Bekannter, „bevor ich nach Florida ziehe, gehe ich gleich ins Altersheim.“

Ganz schön schwierig.

„Alles ganz schön schwierig“, denke ich. Da ist die Welt schon so groĂź, die Kinder sind bald erwachsen und arbeiten muss man irgendwann auch nicht mehr und dennoch finden wir an jeder Idee wieder genĂĽgend auszusetzen.

„Ich hab-€™s: Also ich hätte am liebsten eine kleine Stadtwohnung und zusätzlich ein Häuschen im Süden und optimal wäre natürlich, man könnte auch noch sein Haus behalten, so dass die Kinder alle an Weihnachten kommen können und man die Freunde treffen kann. Und im Winter, wenn-€™s hier so richtig kalt und trostlos ist, fährt man für vier Wochen nach Thailand“, erklärt freudestrahlend eine Freundin.

„Super Idee“, denke ich.

„Und wovon willst du das alles bezahlen. Renten kriegen wir kaum noch und im Moment zahlen wir alle noch an unseren Häusern ab“, wirft der Kanarenfan ein. Und überzeugt mich mit seiner Sachlichkeit sofort.

Klang schön, aber vollkommen unrealistisch.

„Das werden wir heute nicht mehr klären“, denke ich.

Es bleibt viel Zeit für Träume.

Nur gut, dass es noch einige Jahre dauert, bis die Kinder wirklich aus dem Haus sind und wir die nächsten 20 Jahre oder mehr eh-€™ noch arbeiten müssen.

Da bleibt noch viel Zeit für Träume.

Und obwohl die Zeit immer mehr drängt – vielleicht werden sie ja wahr.

Serie: Sex bei Opa und Oma? Lassen Sie uns darĂĽber reden!

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Guten Tag!

Hirschberg, 11. März 2010. Wir starten heute eine neue Serie. Im Fokus steht die Sexualität… im Alter – die hat aber viel mit der Lebens- und Liebeserfahrung davor zu tun, weswegen auch hierzu Texte veröffentlicht werden. Zum Start der Serie haben wir unsere Autorin, Antonia Scheib-Berten, interviewt. Die Expertin weiĂź: Sexualität im Alter ist ein schwieriges Thema – aber eins, ĂĽber das man reden kann und sollte. Dann finden sich auch Antworten.

Von Hardy Prothmann

Frau Scheib-Berten, im neuen „Spiegel Wissen“ beschreibt ein Text eine Frau, die Demenzkranken und Behinderten als Sexualassistentin Gespräche und Massagen anbietet, die auch zum Orgasmus fĂĽhren (sollen). Ihre Kunden sind älter, einige besucht die Frau im Altenheim. Ist so eine Arbeit anstößig, ist das Prostitution?

Antonia Scherb-Berten: „Die Tätigkeit der Sexualassistentin nichts Neues. In Holland gibt es diese Variante der Assistenz im Rahmen der Arbeit mit jĂĽngeren Behinderten schon seit Jahren. Teilweise wurden, zumindest in der Vergangenheit, die Kosten durch offizielle Kostenträger ĂĽbernommen.

BegrĂĽndet wurde es damit, dass auf diesem, sozusagen natĂĽrlichen Wege Spannungen abgebaut werden und somit Medikationen zur Beruhigung oder zur Aggressionshemmung ĂĽberflĂĽssig wĂĽrden.

Dass Frauen wie Nina de Vries mit Dementen reden, sie streicheln und massieren, das lässt sich wohl kaum im Bereich der Anstößigkeit einordnen.

Der Spiegel-Text beschreibt auch eine Frau, deren 80-jähriger Ehemann Nacht fĂĽr Nacht Sex will. Lässt sich das mit „Sexualassistenz“ beruhigen?

Scherb-Berten: Im benannten Fall der durch den drängenden Mann überforderten Ehefrau (80) wäre gegebenenfalls eher die Gabe eines Medikaments zur Reduktion des Sexualtriebes für den Patienten ärztlich zu prüfen. Die pflegenden Angehörigen müssen manchmal durch die Ärztin oder den Arzt vor Übergriffen geschützt werden. Außerdem ist die überbordende Triebhaftigkeit für den Patienten sehr belastend und stressend.

Angehörige trauen sich leider zu wenig über den
gesteigerten Sexualtrieb beim „Opa“ zu reden.

Leider trauen sich zu wenige Angehörige, das Thema in der ärztlichen Beratung zu besprechen.

Es gibt Fälle, in denen im Rahmen einer Demenz die Sexualität plötzlich eine neue, dominierende Rolle bekommt. Manchmal zeigt sich dies in Masturbation. Hier hilft meist schon, dem Patienten einen geschĂĽtzten Rahmen zu schaffen und ihn nicht zu bestrafen oder moralisch zu verurteilen.“

 

Antonia Scheib-Berten berät in Sachen Beziehung, Liebe, Sexualität. Bild: asb

Antonia Scheib-Berten berät in Sachen Beziehung, Liebe, Sexualität. Bild: asb

Eine Sexualassistenz dĂĽrfte aber bei vielen Menschen als unmoralisch gelten?

Scheib-Berten: „Was anstößig ist, das liegt im Auge der Betrachterin und des Betrachters. Es gibt hier keine generelle Antwort. Als Sexualberaterin sage ich, durch Assistenz kann kranken Menschen Entspannung und GlĂĽcksgefĂĽhl geboten werden.

Wenn gelebte Sexualität natĂĽrlich im Rahmen der Paarbeziehung möglich ist, so ist dies auf jeden Fall zu bevorzugen. Liebe kaufen kann man sich natĂĽrlich nicht!“

Im Spiegelbericht werden sowohl Angehörige als auch Seniorenheime und sogar die Prostituiertenorganisation „Hydra“ mit ihren Zweifeln in Sachen „Sexualassistenz“ darstellt. Es steht zwar nicht im Text, aber die Frage ist auch in Vorgesprächen zu diesem Interview aufgekommen: Ist das nicht vielleicht irgendwie „pervers“?

Scheib-Berten: „Was heiĂźt eigentlich „pervers“? Bei Perversionen geht es um die Abgrenzung von in einer Gesellschaft herrschenden Moralvorstellungen. Vielleicht spielen auch unsere eigenen Phantasien im Zusammenhang mit den Aktivitäten von Frauen wie Nina de Vries eine groĂźe Rolle. Was stellt sich die BĂĽrgerin, die Altenpflegerin, der Sohn des Patienten oder auch der Pfarrer vor, wenn er den Artikel bei Spiegel-Wissen liest? Vermutlich gehen die eigenen Phantasien weit ĂĽber das hinaus, was letztendlich geschieht.“

Es gibt auch juristische Fragen.

Rein juristisch geht es natürlich auch um die Persönlichkeitsrechte des Patienten. Müsste, wenn Frau de Vries ganz offiziell zum Einsatz kommen sollte, sogar der gesetzliche Betreuer seine Zustimmung geben? Eine Frage an die Juristinnen!

Sollte keine gesetzliche Betreuung bestehen, so wäre die Inanspruchnahme von Diensten einer Assistenz vielleicht nur das Fortführen einer lebenslangen Gewohnheit des Dementen. Vielleicht ist er während seines gesamten erwachsenen Lebens regelmäßig zu Prostituierten gegangen? Wäre es dann nicht sogar ein Entzug von -€šregelmäßig wiederkehrenden Diensten-€™, also eine Ungleichbehandlung gegenüber Nicht-Dementen?

Auch Frauen belästigen Männer durch Übergriffe.

Geht es eigentlich bei der Frage nur um Männer?

Scheib-Berten: „Interessant ist, dass bei diesem Thema nie von weiblichen Dementen die Rede ist. Dass auch Frauen ĂĽbergrifflich werden, dass männliche Altenpfleger in der Balintgruppe von Belästigungen durch Heimbewohnerinnen sprechen, scheint nicht im Bereich des Möglichen – ist jedoch Realität.“

Sex und Alter ist oft ein noch größeres Tabuthema als Alter und Tod. Immer wieder gibt es Umfragen und Statistiken, welches Volk das sexuell aktivste ist, wer in welchem Alter wie oft… Bei gefĂĽhlten 60 oder 65 Jahren gibt es aber keine Informationen mehr. Hört ab diesem Alter das Sexualleben auf?

Scheib-Berten: „Zum einen halte ich absolut nichts von Statistiken, die es vermutlich gibt, die mich persönlich aber nicht interessieren. Wie heiĂźt es so schön: „Traue nur der Statistik, die du selbst gefälscht hast.“ Also: Keine Konkurrenz zwischen feurigen Italienern, stolzen Spaniern und unseren deutschen Männern! Schon gar nicht ausgetragen ĂĽber Zahlen.

In der Tat wird Sexualität und Liebe, zwei Nomen, die ich gerne auch im Zusammenhang nenne, fast ausschließlich mit Jugend, attraktiven Körpern, Fortpflanzungsfähigkeit und Vitalität in Verbindung gebracht. Ich erinnere mich, dass ich bereits 1993, als ich bei der pro familia in Mannheim als Geschäftsführerin gearbeitet habe, auf die Dringlichkeit hinwies, dass sich Sexualberater der Generation 50 plus zuwenden müssen.

Sexualität spielt in jedem Alter eine wichtige Rolle.

Seinerzeit wurde ich belächelt. Mittlerweile merken auch die professionellen Berater, dass Sexualpädagogik ab dem mittleren Lebensalter ein wichtiger Baustein der Arbeit ist. Ich hatte eine Frau in der Beratung, die erst nach Ende der Menopause mit einem neuen Partner orgasmusfähig wurde. Welche Befreiung, welches Glück!

Fakt ist, dass die Liebesfähigkeit grundsätzlich nie aufhört. Hormone beeinflussen unseren Körper und steuern auch unsere Libido. Doch das ist nur eine Seite der Stimulation. Nur in Verbindung mit gĂĽnstigen Rahmenbedingungen wird gespĂĽrte Lust zu gelebter Lust! Ein alleinstehender Mann, der kein Zielobjekt von körperlicher Lust hat, wird möglicherweise versuchen, seine sexuelle Energie umzuleiten. Eine unglĂĽckliche Paarbeziehung ist nicht gerade der richtige Ort fĂĽr körperliche Nähe und lebenslustige Sexualität – egal in welchem Alter.“

Was wĂĽnschen sich ältere und alte Menschen in Sachen Sexualität? Sind diese WĂĽnsche anders oder entsprechen sie den „durchschnittlichen“ Vorstellungen?

Scheib-Berten: (lacht) „Was sind die durchschnittlichen Vorstellungen? Selbstverständlich werden im höheren Alter keine anstrengenden Kamasutra-Ăśbungen auf der Tagesordnung stehen, wenn die Arthrose plagt und der RĂĽcken schmerzt. Auch mĂĽssen wir unseren Fokus hinsichtlich Sexualität erweitern. Das hingebungsvolle Streicheln, das Kuscheln, das innige Sich-nahe-sein – all das subsummiere ich unter dem Begriff Sexualität.

Im Alter wird gekuschelt – aber auch genitale Sexualität gewĂĽnscht.

Dass natĂĽrlich auch genitale Sexualität gewĂĽnscht wird, das ist die Regel. Schade ist, dass ältere und alte Paare häufig nicht ĂĽber ihre WĂĽnsche sprechen. Und tragisch ist, dass Einschränkungen klaglos als Gegebenheiten angenommen werden. Manchmal wĂĽrde der Besuch eines kompetenten (!) Urologen ĂĽber Potenzschwierigkeiten hinweghelfen oder ein Gespräch mit der Gynäkologin wĂĽrde Erleichterung bringen.“

Haben alle älteren Menschen das Bedürfnis nach sexueller Befriedigung?

Scheib-Berten: „Durch die Beschäftigung mit dem Thema „Sexualität im Alter“ sollte kein Leistungsdruck aufgebaut werden! Jedes Paar sollte fĂĽr sich selbst entscheiden, ob, wie und wie oft sexuelle Aktivitäten ihre Beziehung bereichern. Wenn beide beschlieĂźen, in ihrem Leben einen anderen Fokus zu setzen, so ist das völlig in Ordnung! Wenn allerdings eine oder einer von beiden ein Defizit verspĂĽrt, so sollte man nochmals näher hinschauen. Interessanterweise ist es nicht immer der Mann, der sich mehr Aktivitäten wĂĽnscht!

„Use it or loose it,“(Benutze es oder verliere es!) ist hier auch eine wichtige Maxime. In der Regel werden Menschen, denen Sexualität während des gesamten Lebens nicht so wichtig war, auch im Alter kein Defizit verspĂĽren – falls sich nicht die Rahmenbedingungen ändern! Eine neue Liebe wirkt hier manchmal Wunder!

Warum erfährt man so gut wie nichts zu dem Thema? An den Volkshochschulen gibt es oft sehr viele Kurse – nur das Wort Sex kommt dort meist nicht vor – schon gar nicht in Verbindung mit „Alter“.

Scheib-Berten: Das liegt zum Teil auch daran, dass dieser Begriff in der Ausschreibung möglicherweise Menschen geradezu davon abhält, zur Veranstaltung zu kommen! Die Scheu ist hier sehr groĂź! Ich habe vor ein paar Jahren an der Volkshochschule einen Gesprächskreis „Mut zum GlĂĽck“ angeboten. Wir beschäftigten uns auch mit dem Thema Sexualität. Sollte ich wieder angefragt werden, so stehe ich gerne zur VerfĂĽgung!“

„Sexualität im Alter“ gehört in jeden Lehrplan – alles andere ist ein Defizit.

Muss beispielsweise ein Seniorenheim nicht damit rechnen, als unseriös zu gelten, wenn dort das Thema Sex behandelt wird?

Scheib-Berten: „Ganz im Gegenteil. Ich habe bereits bei einigen Trägern Fortbildungen fĂĽr Pflegekräfte, auch im ambulanten Bereich angeboten. Das Thema ist latent präsent und gerade auch jĂĽngere Pflegende sind häufig ĂĽberfordert. Im Ăśbrigen steht „Sexualität im Alter“ mittlerweile auf dem Lehrplan der Ausbildung zur Altenpflegerin/Altenpfleger. Wenn ein Bildungsträger dies noch nicht anbietet, so bestĂĽnde hier ein Defizit!“

Schauen Sie mal in die Zukunft. Deutschland im Jahr 2050. Wie werden die heute 20- bis 40-jährigen dann über Sexualität im Alter sprechen oder diese leben? Ist Sex bei Opa und Oma immer noch ein Tabuthema?

Scheib-Berten: „Ich hoffe, dass das Thema Sexualität und Alter keinen Sonderstatus mehr benötigt, weil es zur Selbstverständlichkeit geworden ist.“

logo_herzwerkstattZur Person:
„herzwerkstatt“ hat Antonia Scheib-Berten ihre Ehe-, Partner- und Sexualberatung genannt, die sie seit 1995 anbietet. Als erfahrene Fachfrau in Sachen Beziehung und Liebe setzt sie neben Publikationen zum Thema den Schwerpunkt ihrer Arbeit in die Einzel- und Paarberatung von Menschen jeden Lebensalters. Auch Menschen im mittleren Lebensalter, Ă„ltere oder Angehörige finden bei ihr fachliche UnterstĂĽtzung. Die Beratung findet im geschĂĽtzten Rahmen der „herzwerkstatt“ in Weinheim statt. Termine nur nach Vereinbarung!

Weitere Informationen unter: www.herzwerkstatt.com