Donnerstag, 13. Juni 2019

Wie aus dem Heddesheimblog ein Netzwerk geworden ist

Mit einer Recherche hat alles angefangen…

Das war das "erste" Heddesheimblog - als Unterseite von blogger.de

 

Heddesheim/Rhein-Neckar, 07. Mai 2012. (red) Vor drei Jahren ist das Heddesheimblog.de gestartet. ZunĂ€chst als privates Blog, auf dem der Journalist Hardy Prothmann als BĂŒrger seine Gedanken und Recherchen wegen einer umstrittenen Logistik-Ansiedlung veröffentlicht hat. Das Heddesheimblog hat sich in der Branche schnell einen Namen gemacht – als Zukunftsmodell fĂŒr einen modernen Lokaljournalismus. Mittlerweile ist daraus ein Blog-Netzwerk geworden – nicht nur in Nordbaden.

Von Hardy Prothmann

Im FrĂŒhjahr 2009 war aus Sicht des Mannheimer Morgens die Welt mehr als in Ordnung. Das Viernheimer Logistik-Unternehmen „Pfenning“ plante eine angebliche 100-Millionen-Euro-Investition in dem beschaulichen Dorf. Bis zu 1.000 ArbeitsplĂ€tze, Gewerbesteuer in HĂŒlle und FĂŒlle, ein glĂŒcklicher BĂŒrgermeister – die (bis dato nicht gefĂ€hrdete) Zukunft des Dorfes ist gerettet. So die Botschaft der Zeitung.

Schlechter Zeitungsjournalismus als Anlass

Mir ist selten eine so unkritische Hofberichterstattung untergekommen. Kritische Fragen? Recherchen? Nichts davon war bei dieser Jubelberichterstattung zu erkennen, geschweige denn zu erahnen.

Auch die ARD ist bereits auf das Heddesheimblog aufmerksam geworden. (Klick auf das Bild fĂŒhrt zum Artikel)

Weil ich als BĂŒrger in Heddesheim selbst vom starken Verkehrsaufkommen betroffen war, fing ich an, ein wenig zu recherchieren. Als erstes im Archiv des Mannheimer Morgens – so wie eigentlich ein Redakteur der Zeitung eine Recherche beginnen sollte. Und ich wurde fĂŒndig: Rund drei Dutzend Artikel gab das Online-Archiv her. Alle negativ ĂŒber dieses „Familienunternehmen Pfenning“, das ohne jeden Bezug zu den kritischen Berichten als „Heilsbringer“ fĂŒr Heddesheim gefeiert wurde.

Wohin mit meinen Recherchen? Dem Mannheimer Morgen als „Thema“ anbieten? Sicher nicht. Ich habe meine Texte zunĂ€chst bei blogger.de (siehe Foto oben) eingestellt. Der erste Text erschien am 28. Aprl 2009: „Alles gut oder alles schlecht mit Pfenning in Heddesheim?“ Und ist nach wie vor sehr lesenswert.

Großes Interesse – wachsende Zugriffszahlen

Die Zugriffszahlen gingen binnen weniger Tagen so schnell nach oben, dass die Seite oft nicht erreichbar war. Ich mietete deswegen eigenen Speicherplatz und veröffentlichte auch andere lokale Nachrichten.

Auch das fand Interesse und Anklag und nach wenigen Wochen reifte die Idee, ob es nicht möglich wĂ€re, eine eigene Lokalzeitung im Internet zu grĂŒnden. Ich hatte schon von Ă€hnlichen Projekten gehört, aber das waren oft nur „Versuche“.

Ich versuchte mit. Die erste Erfahrung war: „Mein“ Journalismus war in der nordbadischen Provinz eine Zumutung. Es enstanden schnell zwei Lager: Die einen jubelten, die anderen kotzten. Auch, weil ich kurz nach dem Start vom Heddesheimblog in den Heddesheimer Gemeinderat gewĂ€hlt worden war – diese Funktion habe ich nach einem Umzug nach Mannheim aufgeben mĂŒssen.

Auch wir sind Gegenstand von Berichterstattung - gut 300 Berichte wurden ĂŒber das Konzept und die Macher vom Heddesheimblog bereits verfasst.

Kritische Nachfragen? Meinungsstarke Kommentare? Investigative Recherchen? Das war man im Verbreitungsgebiet der Monopolzeitung Mannheimer Morgen nicht gewohnt. Die Zugriffszahlen stiegen rasant und auch bundesweit wurde das Heddesheimblog in der Journalistenbranche ein Begriff. „Was macht der Prothmann da?“, wurde gefragt. Ist das ein Ego-Projekt eines beißwĂŒtigen Journalisten oder vielleicht ein Zukunftsprojekt fĂŒr einen neuen Lokaljournalismus?

Zahlreiche Branchenberichte

Ende 2009 wĂ€hlte mich eine Jury in der Kategorie „Regionales“ auf Platz 3 unter die 100 Journalisten des Jahres 2009. Seit dem Start des Heddesheimblogs wurde ich als Redner, Seminarleiter oder Podiumsteilnehmer engagiert. Bei der Initiative Tageszeitung, dem Deutschen Journalistenverband, dem Bayerichen Journalistenverband, auf Kongresse, an Hochschulen, zu Unternehmer-Workshops.

Mittlerweile gibt es Dutzende von journalisten Studien- und Masterarbeiten, die das Heddesheimblog und andere lokale Internetmedien zum Thema gemacht haben und rund 300 Presse-Veröffentlichungen mit Bezug auf diese Form von Lokaljournalismus. Spiegel Online, FAZ, SĂŒddeutsche, taz, Welt, ARD, NDR, Tagesspiegel, Berliner Zeitung – die Liste der „bekannten“ Medien, die ĂŒber den Journalismus in der Provinz geschrieben haben, ist lang. Auch bei den Nachdenkseiten oder fefes Blog ist das Heddesheimblog Thema.

Oder das Prinzip. Das Heddesheimblog ist lĂ€ngst ĂŒber den Ort hinausgegangen. Ende 2009 kam das Hirschbergblog.de dazu, Anfang 2010 das Ladenburgblog.de, Ende 2010 das Weinheimblog.de, Anfang 2011 das Rheinneckarblog.de, das Viernheimblog.de und seit Anfang 2012 sechs weitere Gemeinden des Wahlkreises Weinheim.

Netzwerk weitet sich aus: istlokal

Mit dem Unternehmer Peter Posztos habe ich im Herbst 2011 die Firma Istlokal Medienservie UG gegrĂŒndet, weil wir unsere Erfahrungen auch anderne zur VerfĂŒgung stellen wollen. Peter Posztos macht die Tegernseer Stimme, ebenfalls eine lokale Zeitung im Internet. Seit Anfang 2012 vermarkten wir unser Produkt Istlokal OS und haben schnell neue Partner gefunden – beispielsweise in Bretten, Schweinfurt oder Weiterstadt.

DarĂŒber hinaus gibt es ein Netzwerk von weiteren lokal arbeitenden Journalisten, wie Stefan Aigner in Regensburg oder Hubert Denk in Passau. Auch Philipp Schwörbel in Berlin hat mit seinen Prenzlauer Berg Nachrichten schon viel Aufmerksamkeit erlangt.

Immer mehr Lokaljournalisten grĂŒnden Blogs und nutzen beispielsweise wie wir die Istlokal OS-Software.

 

Uns alle vereint, dass wir guten, seriösen und vor allem kritischen Journalismus anbieten wollen. Einen Journalismus, der sich traut, Fragen zu stellen und nicht nur vorgefertigte Informationen zu erhalten. Keine WohlfĂŒhl-Schwurbelei, sondern eine fĂŒr die Demokratie herausragende Aufgabe zu erfĂŒllen. Meinungen durch Informationen zu ermöglichen. Der Artikel 5 unseres Grundgesetzes ist die GeschĂ€ftsgrundlage.

Um diese Arbeit zu finanzieren, setzen wir auf Werbeeinnahmen – wie eh und je bei den Medien. Wir erzeugen Aufmerksamkeit und verkaufen diese. Das ist ein seriöses GeschĂ€ft.

Kleines, engagiertes Team

Zur Zeit arbeitet ein festes Team von sieben Mitarbeitern fĂŒr die „Rheinneckarblogs“ – dazu weitere freie Journalisten, Kolumnisten und freundschaftlich verbundene Kollegen. Im Vergleich zur Personalausstattung der anderen Medien im Berichtsgebiet sind wir sehr klein aufgestellt – im Vergleich mit anderen setzen wir aber immer wieder Themen, die Thema sind.

Im Herbst 2011 beispielsweise mit der Fischfutter-AffĂ€re. Der grĂŒne Bundestagsabgeordnete Hans-Christian-Ströbele hatte uns fĂŒr einen Bericht abgemahnt. SĂ€mtliche Berliner Zeitungen berichteten ĂŒber den Skandal, viele weitere Zeitungen und auch der NDR. Insgesamt wurde unser Bericht innerhalb weniger Tage gut 140.000 Mal aufgerufen, anfangs stĂŒrzte gar der Server wegen der massiven Zugriffe ab.

Zuletzt mahnte uns der GrĂŒnen-Bundespolitiker Hans-Christian Ströbele ab - und zog die juristische Attacke wieder zurĂŒck. Quelle: Die Welt

 

Die lokalen Zeitungen Mannheimer Morgen, Weinheimer Nachrichten und Rhein-Neckar-Zeitung hielten sich „zurĂŒck“, denn aus deren Sicht gibt es uns nicht. Die Fischfutter-AffĂ€re mitten im Berichtsgebiet? Kein Thema fĂŒr die „unabhĂ€ngigen“ Printjournalisten.

Aus unserer Sicht gibt es die Zeitungen – und vor allem viel schlechten Journalismus. Was wir immer wieder thematisieren, wenn deren geschönte und klientelabhĂ€ngige „Berichterstattung“ skandalös wird. So werden umgeschriebene Pressemitteilungen als eigene Berichte ausgegeben oder noch schlimmer – Themen hĂ€ufig gar nicht berichtet, wenn sie den Zeitungen nicht „passen“. Und das betrifft beim besten Willen nicht nur uns. Was nicht berichtet wird, ist auch nicht passiert.

Juristische Attacken

FĂŒr mich persönlich hat diese Arbeit auch viele Nachteile gebracht. Seit nunmehr 21 Jahren arbeite ich als Journalist, 18 Jahre ohne jegliche juristische Streitigkeiten. In den vergangenen drei Jahren habe ich 11 Abmahnungen erhalten. Einmal habe ich eine Einstweilige VerfĂŒgung wegen widriger UmstĂ€nde „akzeptiert“, einen Vergleich geschlossen, 9 Mal konnte ich die Abmahnung abwehren. Unterm Strich haben diese Prozesse gut 20.000 Euro gekostet, weil man nicht wollte, das publik wird, was öffentlich sein sollte. Und diese Prozesse kosten auch viele Nerven.

Sehr erfreulich ist der Kontakt zu den Leserinnen und Lesern. Viele unserer Artikel entstehen, weil wir Hinweise bekommen. Beobachtungen, Gedanken, Erfahrungen von Menschen, die sich Anteil haben und nehmen an unserer Gesellschaft und nicht gleichgĂŒltig sind. Diesen möchte ich stellvertretend fĂŒr das Team danken.

Ebenfalls erfreulich ist die Zusammenarbeit mit vielen Behörden, die die Meinungsfreiheit hoch achten. Explizit möchte ich die sehr gute Zusammenarbeit mit der Polizei loben und in weiten Teilen auch mit den Feuerwehren. In unserem Berichtsgebiet sind zwei Namen erwĂ€hnenswert, BĂŒrgermeister Manuel Just in Hirschberg und BĂŒrgermeister Rainer Ziegler in Ladenburg, die sich kommunikativ sehr hervortun. Auch BĂŒrgermeister Lorenz in Dossenheim möchte ich gerne als neuen Kontakt erwĂ€hnen, der uns beim Antrittsbesuch sehr freundlich empfangen hat. In den anderen Orten beginnen wir die Arbeit erst und die Kontakte stehen noch bevor.

Den Heddesheimer BĂŒrgermeister Micheal Kessler muss ich leider nach wie vor als ausgewiesenen Feind der Pressefreiheit besonders hervorheben. Sein AmtsverstĂ€ndnis kommt in diesem Bericht sehr eindeutig zur Sprache: „Ich bin die Gemeinde.“

UnabhÀngige Berichterstattung

Wie unabhĂ€ngig wir tatsĂ€chlich arbeiten, erkennt jeder, der unsere Berichterstattung verfolgt. Wir kritisieren „GrĂŒne“ ebenso wie „Schwarze“, scheuen uns nicht vor „Rot“ oder „Geld“ oder „Orange“. Aber auch hier bieten wir Meinungen an: Ganz verallgemeinernd stellen wir fest, dass die CDU, die SPD und die FDP in der Region unserer Berichterstattung nicht wohlgesonnen sind.

Explizit die Ladenburger und Weinheimer CDU möchten wir lobend ausnehmen – nicht weil diese mit unser Berichterstattung „zufrieden“ sind, sondern weil sie gesprĂ€chsbereit sind. In Hirschberg explizit die Freien WĂ€hler und in Weinheim explizit Herrn Carsten Labudda (Die Linke) und Weinheim Plus. Die genannten Personen und Parteien suchen den Ausstausch und die Kritik – was gut ist. Explizit muss auch der GrĂŒne Landtagsabgeordnete Uli Sckerl erwĂ€hnt werden – trotz kontrĂ€rer Meinungen haben er und seine Mannschaft sich immer korrekt auf unsere journalistischen Anfragen hin verhalten.

Mit Recherchen zum Logistik-Zentrum "Pfenning" hat das Heddesheimblog angefangen - unsere Berichte konnten den Bau des Klotzes nicht verhindern, aber zur AufklÀrung beitragen. "Das hab ich nicht gewusst", kann keiner mehr sagen.

 

Unentschieden ist noch das VerhĂ€ltnis zum Landratsamt. Nachdem wir dem stellvertretenden Landrat (Jurist) erst unter Verweis auf ein Bundesverfassungsgerichtsurteil klar machen konnten, dass wir „Presse“ sind, gibt es mittlerweile mit Stefan Dallinger (CDU) einen neuen, sehr kommunikativen (und fraktionsĂŒbergreifend gelobten) Landrat, der sich aber unser Ansicht nach noch ein wenig scheut, aktiv ĂŒber unsere Blogs mehr in Kontakt mit der Bevölkerung zu treten. Wir werden herausfinden, wie es wirklich ist.

Der Kontakt zum Mannheimer OberbĂŒrgermeister Dr. Peter Kurz basiert auf einer gemeinsamen Vergangenheit – als freier Mitarbeiter fĂŒr den Mannheimer Morgen habe ich den damaligen Stadtrat als sehr engagierte Persönlichkeit kennengelernt und ihn vor seiner Wahl zum OB portrĂ€tiert. Zuletzt hat sich dessen Engagement bei der Gegendemo zum NPD-Aufmarsch bestĂ€tigt (Hierzu unsere Reportage auf dem Rheinneckarblog: „Warten auf den rechten Pöbel„). Zu seinem Kollegen WĂŒrzner in Heidelberg besteht noch kein persönlicher Kontakt, aber das wird sich Ă€ndern.

Vernetzter Journalismus vor Ort

Die miteinander vernetztenden Ortsblogs haben ein Konzept: Wir veröffentlichen Nachrichten, die fĂŒr die Menschen vor Ort wichtig sind. Und wir zeigen auf, wie die Gemeinden miteinander vernetzt sind – auf vielfĂ€ltige Weise. Ob zu Verkehrs- oder Umweltschutzthemen, gemeinsamen VerbĂ€nden und VertrĂ€gen – unsere Gemeinden im Berichtsgebiet sind vielfĂ€ltig verbunden, ebenso die Leserinnen und Leser.

Vielleicht vermisst man die ein oder andere Nachricht – da bitten wir um Nachsicht. Unsere Redaktion arbeitet sehr engagiert und wir mĂŒssen manchmal den Mut zur LĂŒcke haben, weil wir (noch) nicht jeden Termin besetzen können.

Sicher ist es auch Zeit, sich auf wesentliche Dinge zu konzentrieren. Überbordende Berichte in den Zeitungen ĂŒber Vereinsfeste haben BedĂŒrfnisse geweckt, die fraglich sind. Was ist die Nachricht? „FĂŒrs leibliche Wohl wurde gesorgt?“ Meinetwegen: Der Satz erzĂ€hlt die gesamte Geschichte. Es gab zu Essen und zu Trinken. Und wenn das nicht reicht, ruft man auch höhrere Instanzen dazu: „Der Wettergott war den GĂ€sten gnĂ€dig, der kĂŒhle Gerstensaft floß in Strömen und die Luft war erfĂŒllt vom Duft leckerer BratwĂŒrste“.

Gegen die Bratwurst-Berichterstattung

Das ist fettigster Bratwurst-„Journalismus“ und hat mit Journalismus nichts zu tun. Ganz klar ist es wichtig und richtig ĂŒber Feste zu berichten. Wir machen das auch – bei Vereinsfesten oft nur mit kurzen Texten (Ein Fest hat stattgefunden), dafĂŒr aber mit vielen Fotos. Die erzĂ€hlen die Geschichte besser als zusammengeschwurbelte Nonsens-„Berichte“.

Sie, liebe Leserinnen und Leser, können aktiv daran teilhaben, das „Produkt“ Journalismus zu bewerten. Bringen Sie sich ein – schreiben Sie uns und anderen, was gefĂ€llt und was nicht. Journalismus muss man nicht hinnehmen, man kann seit dem Internet daran teilhaben. Sie können Kommentare schreiben und viel einfacher als frĂŒher die Redaktion direkt erreichen, sich mit Hinweisen, VorschlĂ€gen und Kritik einbringen. Jedenfalls bei uns.

Wir freuen uns ĂŒber die Beliebtheit unserer Montagskolumnen, der ausgewĂ€hlten Tipps & Termine und der regen Teilnahme ĂŒber Kommentare auf den Blogs oder bei unseren Facebook-Seiten.

Herzlichen Dank an die Leser und Kunden

Nach drei Jahren Heddesheimblog & Co, möchte ich Ihnen sehr herzlich genau dafĂŒr danken. FĂŒr UnterstĂŒtzung und Kritik – beides gab es zuhauf.

Hardy Prothmann ist seit 21 Jahren als Journalist tÀtig und seit drei Jahren als "Blogger".

FĂŒr die Zukunft wĂŒnsche ich mir noch mehr kritische Anteilnahme, weil wir alle gemeinsam mit unserem Interesse fĂŒr etwas einstehen, was ein absolutes Privileg ist: Freiheit, vor allem Meinungsfreiheit. Ohne diese ist Demokratie nicht möglich. Da ich viel im Ausland gelebt habe und auch von dort berichtet, weiß ich unser freiheitliche Grundordnung uneres Heimatlandes sehr zu schĂ€tzen.

Deswegen freue ich mich mit Ihnen und dem Team, wenn Sie uns weiter gewogen bleiben, uns mit Interesse und Informationen unterstĂŒtzen. Den anderen „Heddesheimblogs“, egal, ob am Tegernsee, im Prenzlauer Berg, in Regensburg, in Weiterstadt oder Bretten oder Schweinfurt oder in vielen anderen Orten wĂŒnschen wir viel Erfolg, immer den richtigen journalistischen Riecher und einen erfolgreichen Aufbau ihrer Angebote.

In diesem Sinne möchte ich mich bei allen Mitwirkenden bedanken, selbstverstĂ€ndlich sehr besonders bei meiner Frau und der Familie, fĂŒr das Engagement, das VerstĂ€ndnis, das Interesse und die aktive Teilnahme.

Im ersten Interview zum „Heddesheimblog“ hat mich der Kollege Thomas Mrazek gefragt, warum ich das mache, was meine Motivation ist?

Meine Antwort: Ich habe den Spaß meines Lebens.

Das gilt bis heute.

Herzlichst Ihr

Hardy Prothmann

Zeitungskrise: Mehr, mehr, mehr… was eigentlich?

Guten Tag!

Hirschberg, 28. Oktober 2010. Die Tageszeitungen stecken seit gut zehn Jahren in der Krise – jĂ€hrlich verlieren sie an Auflage, Abonnenten und am schmerzhaftesten, an Werbung. „Treue Leser“ sterben weg, die Jugend darf getrost als „verloren fĂŒr die Zeitung“ gelten. Und immer mehr Werbekunden fragen sich, warum sie teure Werbung in einer Zeitung schalten sollen? Die regionale Monopolzeitung Mannheimer Morgen startet jetzt eine Kampagne „Erkennen und gewinnen“. Wer mitmacht, kann „eine Digitalkamera und vier digitale Bilderrahmen“ gewinnen. Die Ă€rmlichen Preise beschreiben die armselige Position einer ehemals geachteten Zeitung.

Von Hardy Prothmann

Der Mannheimer Morgen versucht ab der kommenden Woche so etwas wie eine „Innovation„. TatsĂ€chlich handelt es sich um eine Bankrott-ErklĂ€rung, die viel mit dem zu tun hat, was ich tue.

Wer ĂŒber die aktuelle Berichterstattung unserer Blogs hinausblickt, weiß, dass ich sehr aktiv die Entwicklung der Medien in Deutschland begleite. Das ist nicht weiter verwunderlich: Von 1994-2006 habe ich als freier Journalist sehr intensiv ĂŒber Medien berichtet.

Als Redakteur der Fachzeitschrift CUT (1997-2004), einem Blatt fĂŒr Radio- und Fernsehmacher und von 1994-2006 fĂŒr die grĂ¶ĂŸte unabhĂ€ngige Medienfachzeitschrift in Deutschland, das MediumMagazin. DarĂŒber hinaus habe ich fĂŒr verschiedene Medienressorts geschrieben, darunter „BR-Medienmagazin“, „Die Zeit“, „taz“, „Tagesspiegel“, „epd medien“, „Rheinischer Merkur“ und andere.

Medienkompetenz.

Ich habe „unzĂ€hlige“ PortrĂ€ts ĂŒber Chefredakteure, Programmmacher, Intendanten, herausragende Journalisten geschrieben und ĂŒber den Wandel des Berufs im Zuge der Digitalisierung. Über LĂŒgen und Wahrheit, ĂŒber Produktionsbedingungen, wirtschaftliche ZwĂ€nge, EinflĂŒsse der Politik, ĂŒber Pressefreiheit und vieles mehr.

Mit einem Wort: Ich kenne mich mit Medien einigermaßen aus. Mit Zeitungen, mit Magazinen, mit Fachzeitschriften, mit Radio, Fernsehen und dem Internet.

In den 90-er Jahren galten die Medien als attraktives Berufsfeld – groß waren die Karrierechancen, die UmsĂ€tze, die Hoffnungen. Mit dem Platzen der Börsenblase um die Jahrtausendwende und vor allem mit dem Internet und einer hoffnungslosen Arroganz der „etablierten“ Medien gegenĂŒber dieser neuen Technik hat es zunĂ€chst einen bedeutenden Aufschwung gegeben und dann einen rabiaten Abschwung.

Seit 2001 verlieren vor allem die Tageszeitungen im Trend jĂ€hrlich gut zwei bis drei Prozent an Lesern und rund vier Prozent an Umsatz – es gibt auch viele Beispiele, wo die Verluste noch dramatischer sind. Die Jugend darf insgesamt fĂŒr die Zeitungen als vollstĂ€ndig verloren gelten.

FĂŒr mich als freier Journalist, der gut 70 Prozent seines Umsatzes mit Zeitungen machte, war und ist dies eine bedrohliche Situation. Auch wenn ich mich in der Nische „investigative Recherche“, „PortrĂ€t“ und „Reportage“ ganz gut behaupten konnte.

Seit Mai 2009 mache ich fast ĂŒberwiegend nur noch Journalismus fĂŒr das Internet – angefangen mit dem heddesheimblog, dann dem hirschbergblog (das gerade bundesweit beachtet wurde) und dem ladenburgblog. Im November kommt das weinheimblog als viertes Angebot eines so genannten „hyperlokalen“ Journalismus hinzu.

Das Konzept, das ich verfolge, ist einfach und kein Geheimnis: Die lokale Nachricht ist die weltweit vor Ort „exklusivste“ Information, die es gibt. Und darauf setze ich.

Lokaler Journalismus heißt, nah an den LeserInnen, an den Menschen dran zu sein. Den Menschen von Angesicht zu Angesicht zu begegnen, die man aktuell fĂŒr was auch immer kritisiert oder gelobt hat. Und sich nicht von den positiven oder negativen oder keinen Reaktionen beeinflussen zu lassen, sondern ganz klar zu wissen, dass man das Zeitgeschehen verfolgt, recherchiert, einordnet und kommentiert.

Herausforderung.

Journalismus ist fĂŒr mich nach wie vor der absolute Traumberuf – es gibt keinen anderen „Job“, der so vielfĂ€ltig und so herausfordernd ist. Wenn man ihn denn ernst nimmt und sich der Vielfalt und den Herausforderungen stellt.

Leider sinken auch mit den Verlusten der Branche die AnsprĂŒche. Die lokaljournalistische RealitĂ€t ist vielerorten dramatisch. Belanglose, schlecht recherchierte, liebedienerische und im besten Fall belanglose Artikel sind das Ergebnis.

Ich habe dafĂŒr den mittlerweile branchenintern bekannten Begriff „Bratwurstjournalismus“ geprĂ€gt: „Der Wettergott war den GĂ€sten gnĂ€dig, die Luft vom Duft leckerer BratwĂŒrste erfĂŒllt, der kĂŒhle Gerstensaft floss in Strömen“ – diese und andere blöde Formulierungen fĂŒllen jeden Tag die Lokalseiten. Sehr beliebt sind auch Floskeln wie „dankbar, lobte, stellte heraus, hob hervor“. Tipp: Überfliegen Sie ausnahmsweise nicht Ihre Tageszeitung, sondern lesen Sie genau – das Grausen wird Sie packen.

Kampagne.

Aktuell startet der Mannheimer Morgen eine Kampagne und verspricht „Mehr Seiten, mehr Bilder, mehr Lokales“.

DarĂŒber freue ich mich – weil ich das als Anerkennung meiner Arbeit verstehe, der ich gegen viele politische, wirtschaftliche und auch gesellschaftliche WiderstĂ€nde nachgehe.

Bei dieser Arbeit werde ich von einer (noch) ĂŒberschaubaren Zahl von freien Mitarbeitern unterstĂŒtzt, die mit viel Energie und Herzblut und Überzeugung an der Idee eines unabhĂ€ngingen Journalismus mitwirken, wofĂŒr ich jedem danke (die Mitarbeiter wissen, wer gemeint ist).

Dazu kommen wirklich sehr viele BĂŒrgerInnen, die mit „ihrer“ Zeitung nicht mehr zufrieden sind und die die Arbeit unserer Redaktion ganz enorm unterstĂŒtzen. Sie wollen keine geschönten, einseitigen Berichte mehr, sondern eine unabhĂ€ngige, engagierte Berichterstattung, wie wir sie liefern.

Als großer Verlag fĂŒhrt der MM sein Selbstbewußtsein ins Feld: „Mehr“. Die Zeitung kĂŒndigt „mehr“ an und wir sind gespannt, was das sein soll. Noch mehr Bratwurstjournalismus? Noch mehr nichtssagende, langweilige, inhaltsleere Artikel?

Was ist mehr?

Dem sehen wir getrost entgegen – gleichzeitig erkennen wir an, dass die „große Tageszeitung“ offensichtlich nervös reagiert und versucht, ihre schwindende Bedeutung mit dem Lockangebot „einer digitalen Kamera und vier digitalen Bilderrahmen“ zu bewerben.

Da gab es schon bessere Angebote – und wenn das nur ein analoger Toaster oder eine analoge Kaffeemaschine war. Der MM ist derart blöd, dass er gar nicht merkt, wie absurd es ist, mit digitalen Gewinnen fĂŒr die analoge Zeitung zu werben.

Ich finde das sehr bedauerlich, weil ich meine erste Zeit als junger Journalist von 1991-1994 genau bei dieser Zeitung verbracht habe. Ich hatte damals das GefĂŒhl, dass Journalismus noch etwas wert war fĂŒr diese Zeitung.

Miserable ZustÀnde.

Bis heute schĂ€tze ich gewisse Kollegen und halte die Zeitung nicht insgesamt fĂŒr schlecht. Eine ĂŒberwiegend miserable journalistische Arbeit wird aber vor allem in den „Außenbezirken“ geleistet, da, wo ich aktiv bin. In Heddesheim, Hirschberg und Ladenburg.

Als redaktionell getarnte umgeschriebene Pressemitteilungen oder vollstĂ€ndig unkritische Berichte sind hier an der Tagesordnung. LeserInnen, die auf die IntegritĂ€t „Ihrer“ Tageszeitung bauen, werden vorsĂ€tzlich getĂ€uscht und betrogen.

Sie halten das fĂŒr „harte VorwĂŒrfe“? Das ist die alltĂ€gliche RealitĂ€t.

Seit Mai 2009 prangere ich immer wieder diese miserable QualitĂ€t an – bislang musste ich nur ein Mal eine „einstweilige VerfĂŒgung“ aktzeptieren, durch die mir verboten wurde, Details ĂŒber das „Drama der journalistischen Prostitution“ zu wiederholen (leider aufgrund von eingenen VersĂ€umnissen – nobody is perfect…).

Immer wieder wurde gerĂ€tselt, warum der MM so gar nicht auf meine journalistische Arbeit reagieren wolle. Er hat reagiert, von Anfang an. Erst in der Schockstarre, dann mit anderen Reaktionen, die sehr, sehr unfein waren und nun mit einer Aktion „Mehr“.

Ich freue mich darauf und bin gespannt, wie die Zeitung „Mehr“ realisieren will. Die freien Mitarbeiter werden miserabel bezahlt, die Fotografen kĂ€mpfen um ihre Existenz, die Redakteure schreiben Pressemitteilungen als eigene redaktionelle Berichte um und viele „heiße“ Nachrichten werden erst gar nicht berichtet.

Ob es von all dem nun „Mehr“ gibt? Noch mehr Bratwurst? Noch mehr Belanglosigkeit? Noch mehr Liebedienerei und Hofberichterstattung? Noch mehr schlechte Bilder in schlechtem Druck?

Ab kommendem Dienstag, den 02. November 2010, soll es soweit sein.

Meine kleine Redaktion und ich lassen uns ĂŒberraschen und sagen: „Konkurrenz belebt das GeschĂ€ft.“ 🙂

UnabhĂ€ngig davon machen wir das weiter, was in der Branche als „Zukunft des Lokaljournalismus“ gilt.