Dienstag, 18. Juni 2019

Ausstellung im Rathaus: Ästhetik pur trifft Abstraktion

Guten Tag

Hirschberg, 20. September 2010. Der Kulturförderverein Hirschberg eröffnete unter dem Titel „Struktur und FlĂ€che“ am vergangen Freitag eine ganz besondere Ausstellung in der Rathausgalerie. 20 Bilder der Wieslocher KĂŒnstlerin Ingrid Westermann trafen auf 26 Fotografien des Mannheimers und WahlpfĂ€lzers Werner Hoppe.

Von Sabine Prothmann

Fast hundert Besucher sind in die Rathausgalerie gekommen, um sich die Ausstellungseröffnung anzuschauen.

BegrĂŒĂŸt werden sie von dem Vorsitzenden des Kulturfördervereins Dr. Ernst Bernhard und dem 1. Stellvertretenden BĂŒrgermeister Fritz Bletzer.

Beeindruckend ist die musikalische Umrahmung von Fabienne Partsch an der Harfe.

Die Kunsthistorikerin Dagmar Burisch schlĂ€gt in ihrer EinfĂŒhrung den Bogen von der Malerei zur Fotografie. Sie spricht von einem Dialog, von einer gewagten GegenĂŒberstellung.

Konkurrenz von Malerei und Fotografie?

Sie erinnert an das spannungsgeladene VerhĂ€ltnis zwischen Fotografie und Malerei. Seit Anfang des 20. Jahrhunderts sah sich die Malerei ihrer Aufgabe beraubt, „Wirklichkeit abzubilden“. Diese Konkurrenz sei einem gegenseitigen Durchdringen von Malerei und Fotografie gewichen. „Der Fotograf zeichnet mit Licht, der Maler mit Farbe“, der eine bilde den Moment ab wĂ€hrend das Schaffen des Malers durch den Farbauftrag bestimmt sei.

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Abstrakte Malerei von Ingrid Westermann.

Doch durch die Manipulierbarkeit der Fotografie entstehe ein verfĂŒhrerisches Spiel der Imagination und die Wirklichkeitstreue gehe verloren.

Burisch bezeichnet den Arbeitsplatz der Malerin Ingrid Westermann als Atelierlabor, hier arbeite sie mit erdfarbenen Pigmenten des Roussillons, mit WĂŒstensand, mit Marmormehl aus Griechenland, mit Korallenfragmenten, mit den fragilen Schalen von Eiern der Wasserschildkröten und Rostpigmenten.

„Sie lotet aus und ist experimentierfreudig mit den Naturmaterialien, die sie selbst mixt“. Farbtopografien entstehen, eine „Malerei um der Malerei willen“. Ein faszinierenden Wandel vom figurativ Bildhaften zur Abstraktion von Landschaft und Farbe wurde vollzogen.

Westermann malt die Landschaft nicht um abzubilden, sondern sie wird erinnert und interpretiert, es sei eine Innenschau, in der Natur erleben in Farbe und Form ĂŒbersetzt wĂŒrde. Eine stimmungsgetragene Malerei aus Dunst, Wolken, Wasser und Erde.

Der Fotograf Werner Hoppe durchstreife sein Revier und „sammelt imaginĂ€re Augenblicke“. Seine Bilder seien nicht nur die bloße Verdopplung der Wirklichkeit, sondern ein neues Sehen. Der Fotograf wĂ€hlt aus und setzt dies in Beziehung zum Ganzen.

Die gestaltete Fotografie beginne im Kopf als Komposition von Form und Farbe. Wenn Hoppe Stadt- und Industriearchitektur fotografiert, konzentriere er sich auf das Detail und arbeite Charakteristiken heraus.

Es entstehen klare Konstruktionen von Farben und FlĂ€chen. „In der NĂŒchternheit kostet er Pathos aus“ und daraus resultiere ein Produkt der Imagination.

Mit einem Zitat des Fotografen und Malers Man Ray schließt die Kunsthistorikerin Dagmar Burisch ihre EinfĂŒhrung.

Abstrakte Bildkompositionen.

Farben und Materialien aus der Natur vermischen sich in Ingrid Westermanns Bildkompositionen zu abstrakten Farbspielen, die die Wirklichkeit erahnen und haptisch erfassen lassen.

Ingrid Westermann ist eine leidenschaftliche Sammlerin auf ihren Reisen. Sie sammelt EindrĂŒcke und Farben und sie sammelt Sand, Vulkanasche, MauerstĂŒcke, Korallen. „Sammeln ist eine Sucht“, bekennt sie. Aus der WĂŒste Dubais bringt sie Sand mit, Korallenfragmente aus Sizilien, Marmorstaub aus Griechenland und Erdfarbpigmente aus dem Roussillon. Daraus entstehen großflĂ€chige Bilder, die Geschichten erfĂŒhlen lassen.

Das Bild „Vergessenes Dorf 2003“ erzĂ€hlt von einem zugeschneiten russischen Dorf. Der Natur nachempfunden, verarbeitet sie Waldboden und Tannennadeln, sie lĂ€sst erahnen und bleibt doch abstrakt. Eine bewegte Schneelandschaft entsteht durch die Verwendung von Marmorstaub, dazwischen scheinen rote Ziegel hervor zu scheinen.

Die Verarbeitung von Marmormehl beschreibt die KĂŒnstlerin als anstrengend, denn dieses Material „macht, was es will“, so Westermann. „Ich wollte meinem Schneegestöber eine bestimmte Richtung geben, aber der Marmorstaub wollte anders. Okay, sagte ich, wir sind wieder gut miteinander, ich gebe nach.“

Die Entstehung eines Bildes ist wie eine „stĂ€ndige Suche und das an sich selbst zweifeln“, charakterisiert Ingrid Westermann ihren Schaffensprozess. „Dabei arbeite ich weniger mit dem Kopf als mit dem Bauch“ und das fordere Energie, so die KĂŒnstlerin.

„Ihre Arbeiten sind ganz fantastisch, meine Erwartungen wurden weit ĂŒbertroffen“, sagt eine Ausstellungsbesucherin zu Westermann.

Eines ihrer Lieblingsbilder hat keinen Titel. Das Kunstwerk ist mit 1,50 auf 1,50 Meter das grĂ¶ĂŸte GemĂ€lde der Ausstellung. Konzentrisch angeordnete MauerstĂŒcke aus Berlin auf einer blauen Leinwand. Sie selbst gibt dem Bild die Namen Stonehenge oder Berlin. Der Betrachter wird wie in einen Tiegel gezogen, die angeordneten SteinstĂŒcke bringen Bewegung. AufwĂŒhlend modern und archaisch zugleich.

Auch, wenn ihr mal ihr Kunstprofessor gesagt hat, wenn man den Bildern Titel gÀbe, gibt man dem Betrachter vor, was er zu sehen hat, haben fast alle ihre Kunstwerke Namen. Die Namen ind wie topografische Erinnerungen an ihre Reisen und geben doch nur das wieder, was dem Ausstellungsbesucher sofort ins Auge springt.

In „Dubai-Impressionen 2006“ entsteht auf vier kleineren GemĂ€lden eine WĂŒstenlandschaft in lebendigen Gelb- und Ockertönen vermischt mit Sand und Marmorstaub. Wunderbare Farbabstufen in GrĂŒn – und Naturtönen im Triptychon „Costa Rica 2009“ und lebendige Variationen von Blau findet man in „Blaue Grotte 2008“. Nie wird die KĂŒnstlerin gegenstĂ€ndlich und doch entsteht eine Imagination der Wirklichkeit.

Momentaufnahmen der urbanen Wirklichkeit.

Dazu im krassen Gegensatz die Fotografien von Werner Hoppe. Momentaufnahmen der urbanen Wirklichkeit. Klare Linien und Farben finden sich auf seinen Bildern. Wenn Hoppe GebÀudeteile fotografiert löst sich die Architektur auf. Details stehen im Mittelpunkt.

Strahlendweiße Mauern wie in „Durchblick“ kombiniert mit einem tiefblauen Himmel erinnern an Griechenland. Den Himmel hat er digital nachgearbeitet, um den faszinierenden Kontrast zu erhalten. In „Rot allein“ hat er einen einzigen roten Stuhl unter vielen weißen entdeckt. Rote KrĂ€ne treffen sich zum „Sauriertreff“ und ein „Holzweg“ zieht sich durch graubraune Steine.

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Ästhetik pur von Werner Hoppe.

„Das Motiv finde mich“, sagt der KĂŒnstler. „Manchmal komme ich zwei bis drei Mal an einen bestimmten Ort bis ich das richtige Licht erwische“, so Hoppe. Der als Fotograf sei er immer vom Licht abhĂ€ngig.

Zuhause an seinem Mac bearbeitet er die Bilder nach, mal braucht es dazu zwei bis drei Stunden, mal nur wenige Minuten.

In Rom hat er eine Hausfassade fotografiert mit einem dĂŒnnen Rohr. Durch den Lichteinfall ist ein großer Schatten entstanden, so dass die Fotografie fast aussieht wie ein kubistisches GemĂ€lde.

Hoppe liebt die Schönheit der Formen und die fragile Architekturen. „Ich nehme den Ausschnitt und abstrahiere“. Er ist eindeutig ein Ästhet.

Aufnahmen aus einem modernen Museum in Lissabon zeigen sich in monochromen Grautönen. „Da hat es lange gedauert bis ich zufrieden war“, sagt der KĂŒnstler. Entstanden sind klare Fotografien in kontrastreichem Grau – Ästhetik pur.

Warum er nicht Menschen fotografiere, „dafĂŒr bin ich zu schĂŒchtern“, bekennt der gebĂŒrtige Mannheimer. Er fĂŒhle sich dabei indiskret, man mĂŒsse dazu ĂŒber eine Schwelle der Peinlichkeit treten, „davor schrecke ich zurĂŒck“.

Einmal wollte er auf dem Landauer Markt die HĂ€ndler an ihren StĂ€nden fotografieren, „ich packte meine Kamera aus, aber als der erste sich nicht fotografieren lassen wollte, habe ich es sein lassen“.

Aber er hat keine Scheu an Dinge nah ran zu gehen, und was er dem Betrachter damit zeigt, ließ einen Besucher sagen: „Ich verneige mich vor dir“.

Info:
Die Ausstellung ist noch bis zum 17. Oktober geöffnet und schließt mit einer Finissage um 11 Uhr. Dabei gibt es ein KĂŒnstlergesprĂ€ch mit Ingrid Westermann und Werner Hoppe, moderiert von der 2. Vorsitzenden des Kulturfördervereins Sabine von Wussow. Die Ausstellung kann tĂ€glich wĂ€hrend der Öffnungszeiten des Rathauses besichtigt werden.

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