Donnerstag, 20. Juni 2019

Serie: Privatleben – Tankstelle oder Ballast fĂĽr Berufstätige?

Guten Tag!

Hirschberg, 15. April 2010. Berufs- und Privatleben passen nicht immer harmonisch zusammen – sie stehen in Konkurrenz. Damit die Beziehung nicht auf der Strecke bleibt, muss sie gepflegt werden, sagt unsere Autorin Antonia Scheib-Berten und gibt Tipps wie man aus der Krise kommt und besser: Gar nicht erst in eine gerät.

Von Antonia Scheib-Berten

Erfolg ist das SchlĂĽsselwort unserer Zeit. Wer wollte nicht erfolgreich sein? Doch der Weg dorthin ist oft steinig.

Beruflich eine Karriere zu machen, kostet unter den heutigen Bedingungen viel Kraft, Ausdauer und viel Energie.

Erfolgreich zu bleiben, Umsatzzahlen zu halten, das Unternehmen zu konsolidieren und gar auszubauen erfordert kontinuierliches Engagement. Die Arbeitszeit richtet sich für viele Menschen nicht nach Tarifverträgen.

Die Gedanken, die um das eigene Unternehmen oder die verantwortungsvolle FĂĽhrungsposition kreisen, lassen sich nach Feierabend nicht einfach ausknipsen wie ein Lichtschalter.

Beruf und Privatleben – eine Konkurrenz?

Oft gibt es einen Feierabend im klassischen Sinne gar nicht. Der Beruf steht morgens mit uns auf und geht abends mit uns ins Bett.

Da bleibt oft nicht viel übrig für die persönlichen Beziehungen. Viele beruflich engagierte, erfolgreiche Menschen stellen fest, dass die Partnerschaft, die Familie und die privaten Kontakte zu kurz kommen. „Ich bräuchte einfach mehr Zeit,“ stöhnen sie und sehen sich weiterhin im Strudel ihrer beruflichen Aufgaben untergehen.

So mancher stand schon unversehens vor den Trümmern der Ehe. „Erst als mein Sohn Abitur machte fiel mir auf, dass ich von seiner Kindheit so gar nichts mitbekommen habe,“ resümiert der Geschäftsführer einer mittelständischen Firma. Er bedauert dies und kann heute nicht mehr verstehen, warum er über zwanzig Jahre die Familie eher als Ballast sah.

Doch was bedeutet Partnerschaft, Familie und soziales Umfeld fĂĽr beruflich Engagierte? Die Tankstelle, an der sie Rast machen und „auftanken“? Oder eher Ballast, der das Arbeitsleben noch beschwerlicher und anstrengender macht?

Die Anforderungen, die Beruf und persönliches Umfeld an uns stellen, sind groß, ja wachsen für viele von uns beständig. Gefragt und „in“ ist der Allround-Erfolgreiche, der überall mitreden kann, der überall mitmischt.

Zeit ist kostbar – unsere Beziehungen auch.

Das kostet vor allem auch Zeit. Doch unser Zeitbudget ist begrenzt. Der Tag hat nun mal nur 24 Stunden!

„Wann bleibt Zeit für die Beziehung? Mein Freund spielt so langsam nicht mehr mit. Ich falle wochentags todmüde ins Bett. Am Wochenende sind wir ständig ausgebucht mit Terminen. Auch hier der reinste Stress. Es kann so nicht mehr weitergehen,“ klagt eine 34jährige Einzelhandelskauffrau mit eigenem Ladengeschäft. „Außerdem hatte ich mir immer Kinder gewünscht. Aber gerade jetzt läuft der Laden so gut. Ich kann mich einfach nicht entscheiden.“

In der Tat: Berufliches Engagement und Karriere haben ihren Preis. Prioritäten mĂĽssen gesetzt werden, Entscheidungen sind zu treffen – ein permanentes Leben „auf der Ăśberholspur“ mit voller Kraft ist nicht möglich.

Es heißt Rastplätze einzurichten. Freiräume, in denen die Seele baumeln darf, wo Gefühl aufgetankt werden kann, wo der innovative Karrieremann, die durchsetzungsfähige Karrierefrau auch einmal schwach sein darf. Ein solcher Freiraum kann die Partnerschaft sein.

Eine Partnerschaft braucht Balance.

NatĂĽrlich kann das nur im Geben und Nehmen auf Dauer funktionieren. Immer wieder gilt es, sich mit dem Partner auseinanderzusetzen. Wenn nur einer gibt, die Balance nicht mehr stimmt, wird dies unweigerlich Folgen haben.

Gut ist es, wenn ein Paar über Unzufriedenheiten reden kann, wenn Frustrationen sich nicht ansammeln und auftürmen. Solche kleinen Alltagsfrustrationen, aufgestaut über Jahre, können letztendlich eine Beziehung zum Scheitern bringen.

Wichtig ist es also, immer im Gespräch zu bleiben und die Kommunikation nicht auf solche Floskeln wie „Gib-€™ mir mal die Butter“, „Jetzt ist das Shampoo schon wieder leer.“ Oder „Was schenken wir deiner Mutter dieses Jahr zum Geburtstag?“ zu reduzieren.

Kommunikation ist sehr viel mehr. Selbst der engagierteste Karrieremensch sollte sich hierfĂĽr Zeit nehmen. Denn der Partner braucht Wertschätzung – wie wir auch.

Beziehungen, die eine Priorität auf den Beruf legen, werden nur dann langfristig und erfolgreich funktionieren, wenn beide an einem Strang ziehen. Stellen wir uns ein Tandem vor. Zwei Menschen auf einem Rad. Hier kann mit gemeinsamer, doppelter Kraft viel erreicht werden.

Wenn natürlich der Hintermann bremst, so kann der andere sich noch so sehr „abstrampeln“. Es heißt also, klare Abmachungen zu treffen, gemeinsame Ziele zu stecken. Unbefristet mitstrampeln, sich anstrengen und kein Ziel haben, da wird keiner von uns lange durchhalten.

191 900 Scheidungen im Jahr 2008

Diese Zahl spricht fĂĽr sich. Wie viele „Partnerschaften ohne Steuerklassenänderung“, also sogenannte nichteheliche Gemeinschaften, pro Jahr aufgelöst werden – darĂĽber gibt es keine Statistik.

Insgesamt sind Hunderttausende von Menschen – Frauen, Männer und Kinder – betroffen. Die psychologischen Schäden, die der Einzelne aus den teilweise dramatisch verlaufenden Trennungen davonträgt, erscheinen in keiner Statistik.

Manche werden gar beziehungsunfähig, tragen die Altlasten ihr restliches Leben mit sich herum. „Seitdem ich mich vor zehn Jahren von meinem Mann getrennt habe, kann ich mich nicht mehr auf eine Beziehung einlassen. Ich bin immer in „Hab-€™-acht-Stellung“. Die alten Wunden sind noch immer nicht vernarbt,“ äußert die attraktive Fünfzigjährige, deren Ehe nach eigenen Worten „ein einziges Desaster“ war.

Der ultimative Beziehungstipp

Es sind die kleinen, alltäglichen Dinge, die eine Beziehung am Leben erhalten. Wann haben Sie Ihrer Frau zum letzten Mal gesagt, dass Sie sie attraktiv finden?
Wann haben Sie trotz aller Zeitnot den letzten Kuschelabend mit Ihrem Partner im Bett verbracht?
Wann haben Sie einen Samstag Vormittag investiert, um mit Ihren Kindern Fahrrad zu fahren?
Kleinigkeiten, die aber der Selbstverständlichkeit entgegenwirken können.

„Keine Zeit! Keine Chance bei meinem vollen Terminkalender,“ werden Sie vielleicht einwerfen.

Es soll einmal einen klugen Mann gegeben haben, sehr engagiert, sehr erfolgreich. Er hat aus seinem Terminkalender einfach jedes zweite Wochenende ein Kalenderblatt herausgerissen. Offiziell gab es diesen Tag also gar nicht. Der Mann konnte keinen Termin vereinbart werden, kein Tennis mit Freunden, kein informelles Treffen mit Mitarbeitern und Kollegen.

Was tat dieser Mann nun an diesem Tag? Er hatte Zeit – ein geschenkter Tag fĂĽr sich und seine Frau.

Freundschaften wollen gepflegt werden

Ăśber die Familie hinaus Freundschaften zu pflegen ist wichtig und sinnvoll – aber fĂĽr beruflich Engagierte aus zeitlichen GrĂĽnden kaum möglich.

Dennoch: Es tut es gut, sich ab und zu über ganz andere Themen zu unterhalten, mal über den eigenen beruflichen und familiären Tellerrand hinwegzusehen.

Eine Einladung zum Klassentreffen annehmen, die alten Kumpels wieder sehen, kann manchmal inspirierender sein, als einen Abend ĂĽber einem Konzept zu brĂĽten.

Vielleicht kommt die innovative Idee gerade dann, wenn man einmal so richtig abschaltet. Und auĂźerdem: Gute Freunde sind auch in schlechten Zeiten fĂĽr uns da!

Und wenn es mit gutem Willen alleine nicht mehr geht?

Jeder geht in aller Selbstverständlichkeit zu seinem Steuerberater. Es ist keine Schande, bei Rechtsfragen einen Rechtsanwalt zu konsultieren. Natürlich gehen wir zum Orthopäden, wenn der Knochen knirscht und warten nicht bewegungslos auf den Rollstuhl.

Es sollte (spätestens zu dem Zeitpunkt, wenn die Beziehung zu ächzen und knirschen beginnt oder ganz einfach leer ist) kein aufgeklärter Mensch Scheu davor haben, auch hier einen Fachmann, einen kompetenten Partnerberater zu konsultieren.

Manchmal macht es auch Sinn, einen alten, schlecht verheilten Bruch – um im Bild des Orthopäden zu bleiben – mit kompetenter Begleitung neu zu betrachten. Vielleicht sieht alles schlimmer aus als es ist. Es gibt den so genannten „Phantomschmerz“. Manchmal tut etwas weh, was längst nicht mehr da ist. Das muss nicht so sein.

Leider ist der Fachmann in Sachen Beziehung noch viel zu wenig bekannt. Partner- und Sexualtherapeuten oder -berater sind Ärzte, Psychologen oder Sozialpädagogen mit Zusatzausbildung. Sie bieten in freier Praxis ihre Beratungen an.

Partnerschafts-TĂśV

Wir alle murren und knurren, wenn wir unser Auto regelmäßig beim TĂśV vorfahren mĂĽssen. – wir murren und tun es dennoch, denn sonst wĂĽrde Strafe drohen. Vielleicht sollte aus GrĂĽnden unserer eigenen Sicherheit auch ein gesetzlich vorgeschriebener TĂśV in Sachen Beziehung eingefĂĽhrt werden.

Regelmäßig – und nicht nur alle zwei Jahre – ein Check, Beziehung auf Herz und Nieren ĂĽberprĂĽfen und weiterhin gemeinsam erfolgreich sein.

logo_herzwerkstattZur Person:
„herzwerkstatt“ hat Antonia Scheib-Berten ihre Ehe-, Partner- und Sexualberatung genannt, die sie seit 1995 anbietet.

Als erfahrene Fachfrau in Sachen Beziehung und Liebe setzt sie neben Publikationen zum Thema den Schwerpunkt ihrer Arbeit in die Einzel- und Paarberatung von Menschen jeden Lebensalters. Auch Menschen im mittleren Lebensalter, Ältere oder Angehörige finden bei ihr fachliche Unterstützung.

Die Beratung findet im geschĂĽtzten Rahmen der „herzwerkstatt“ in Weinheim statt. Termine nur nach Vereinbarung!

Weitere Informationen unter: www.herzwerkstatt.com

Serie: FrĂĽhlingsgefĂĽhle

Guten Tag!

Hirschberg, 01. April 2010. Auch Beziehungen folgen dem „Jahreswechsel“, meint unsere Autorin Antonia Scheib-Berten. Das FrĂĽhjahr hat begonnen – auch in Ihrer Beziehung?

Von Antonia Scheib-Berten

Nun ist er also da – der FrĂĽhling. Und mit ihm die FrĂĽhlingsgefĂĽhle.

Frau zeigt wieder Bein und Mann riskiert ein Auge. Alle wirken vitaler und lebendiger. Wirklich alle?

Wie sieht es aus mit „altgedienten Paaren“, die schon so manchen gemeinsamen Winter überstanden haben?

Die Gefahr, vom partnerschaftlichen Winterschlaf in die emotionslose FrĂĽhjahrsmĂĽdigkeit zu taumeln, ist groĂź.

Zwar ist es nicht so, dass keine Energien freigesetzt werden: Das Auto wird poliert, die Fenster werden geputzt, die letzte Winterdeko verschwindet im Keller und wird durch frĂĽhlingsbunte Primeln sowie Töpfen mit Osterglocken und Krokussen ersetzt – da bleibt kein Staubkörnchen trocken.

Eine ähnliche Aktion empfiehlt sich auch für die so langsam aus dem Winterschlaf erwachenden Beziehungen.

Wirbeln sie ein wenig Staub auf! Vertreiben sie den Wintermuff nicht nur aus ihrer Wohnung – sondern auch aus ihrer Partnerschaft.

Stellen sie sich vor, sie wĂĽrden ihre Partnerin oder ihren Partner erst seit kurzer Zeit kennen:

Säßen sie mit ungekämmten Haaren und hinter der Zeitung versteckt am Frühstückstisch?

WĂĽrden sie ein Knoblauch-Steak essen, wenn ihre Liebste zuhause im Bett auf sie wartet?

Wäre eine Gesichtsmaske in kalkweißer Farbe ein guter Auftakt für einen gemeinsamen Abend mit ihrem Liebsten?

Beziehung, Partnerschaft und Erotik sind zarte Pflanzen, die gut gepflegt sein wollen.

Manchmal braucht es eine individuelle Begleitung beim „Beziehungs-Frühjahrsputz“.

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Als erfahrene Fachfrau in Sachen Beziehung und Liebe setzt sie neben Publikationen zum Thema den Schwerpunkt ihrer Arbeit in die Einzel- und Paarberatung von Menschen jeden Lebensalters. Auch Menschen im mittleren Lebensalter, Ältere oder Angehörige finden bei ihr fachliche Unterstützung.

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Serie: Salvatore (20 Jahre) hat ein Problem

Guten Tag!

Hirschberg, 25. März 2010. Sexualität ist immer noch fĂĽr viele Menschen ein groĂźer Mythos, schreibt unsere Autorin Antonia Scheib-Berten. Gerade junge Männer lassen sich oft unter Druck setzen – unnötigerweise.

Von Antonia Scheib-Berten

Salva*, wie er von seinen Freunden, deutschen und italienischen, genannt wird, wurde in Mannheim geboren. Er fĂĽhlt sich als deutscher Italiener.

Nach der mittleren Reife absolvierte er eine Ausbildung zum Maschinenschlosser. Salva wohnt noch bei seinen Eltern, teilt sich mit seinem zwei Jahre jĂĽngeren Bruder ein Zimmer.

„Das ist überhaupt kein Problem. Wir arbeiten beide Schicht. Oft sehe ich Marco tagelang nicht,“ meint er. Und „Ich werde erst dann ausziehen, wenn ich eine Freundin habe, mit der ich dann zusammenziehen kann.“

Ejaculatio Praecox

Salva fährt einen Golf GTI und hat ein Problem.

Der erste Kontakt mit Salva fand ĂĽber den Anrufbeantworter statt. Eine junge Männerstimme sprach etwas unsicher „Guten Tag, hier spricht Herr G. Ich brauche bei ihnen einen Termin fĂĽr eine Beratung. Sie können mich auch unter Handy zurĂĽckrufen…“

Beim Anruf der Beraterin kam er nach einigem Zögern auf sein Problem zu sprechen. „Ich habe einen vorzeitigen Samenerguß. Können sie mir da helfen?“
Die Diagnose Ejaculatio Praecox hatte er, wie sich auf RĂĽckfrage ergab, selbst gestellt. Wir vereinbarten einen Termin.

Ja, er war schon beim Urologen, hatte sich untersuchen lassen. Organisch sei alles bei ihm in Ordnung, berichtete der smart aussehende junge Mann, der mir einige Tage später gegenüber saß.

Seiner Mutter habe er auch schon von seinem Problem erzählt, sonst noch niemandem.

GroĂźe Ă„ngste, allein zu bleiben.

Derzeit habe er keine Freundin, leider. Als eine seiner drei größten Ängste nennt er „die Angst alleine zu bleiben, keine Frau zu finden“. Was war passiert?

Salva hatte „versagt“.

„Bei Steffi kam ich schon, als ich sie nur nackt sah. Sie tröstete mich und zog sich wieder an. Das wars dann.“

Salva war damals 18. Mit 20 lernte er Nicole kennen. Sie war 17 und Jungfrau.

„Ich war total unter Druck, ob ich wieder „nicht kann“. Sie ĂĽberlieĂź mir alles, dachte ich hätte Erfahrung. Ja, die hatte ich: Erfahrung, aber schlechte,“ sinniert er voller Selbstzweifel.

„Natürlich ging es wieder schief. Ich fühlte mich beschissen. Wir haben es danach nicht mehr probiert. Kurze Zeit später machte sie mit mir Schluss. Seitdem habe ich Angst. Ich traue mich gar nicht mehr, mit einem Mädchen näher in Kontakt zu kommen.“

Einmal versagt – immer Versager?

Verzweifeltes Macho-Image.

Die Zweifel an seiner männlichen Potenz konnte Salva schnell genommen werden. Er berichtete von spontanen Erektionen, von regelmäßiger Masturbation.

„Wenn ich alleine bin, dann ist das alles ganz locker. Zwar geht es auch da ziemlich schnell, aber das ist ja auch okay. Nicht, dass sie denken, ich sei verklemmt. Sex ist toll“, meint Salva und hält damit sein Macho-Image verzweifelt aufrecht.

Auf meine Frage, was denn typisch männlich sei, antwortet er: „Versuchen, das starke Geschlecht darzustellen. Ein Auto haben. Viel Geld haben. In jungen Jahren das Leben auskosten.“ Und: „Jeder junge Mann will eine Familie, Kinder, ein Haus. Manche wollen dies früher, manche später.“ Als typisch weiblich bezeichnet er: “Leicht Ziele aufgeben. Freundlich sein. Treu sein. Familienwunsch.“

Salva hat Angst; Angst wieder zu versagen. Er setzt sich unter einen enormen Druck, berichtet, dass er sich und seine Erregung ständig beobachtet.

Männer – das starke Geschlecht?

Sex ist toll. Männer sind allzeit bereit und immer potent. Männer sind das starke Geschlecht – fĂĽr Salva nur auf Video. „Ich als Italiener und „keine Amore“? Und meine Ehre?“

Ja, hier geht es um mehr, als nur ein gestörtes sexuelles Erlebnis. Für Salva ist sein „Versagen“ eine Tragödie, es geht um seine Identität als Mann.

Doch hat er überhaupt versagt? War es nicht eher so, dass er durch Stress, Unkenntnis, Unsicherheit und dem hohen Männlichkeits-Anspruch an sich selbst unter Druck stand und sein Körper recht gesund reagierte, nämlich diesen Druck abbaute?

„Der Mann ist natürlich dafür verantwortlich, dass die Frau einen Orgasmus bekommt.“, verkündet er. „Wie äußert sich der Orgasmus einer Frau überhaupt? Woran spüre ich, dass sie einen Orgasmus hat?“ fragt er etwas kleinlaut hinterher.

„Muss ich direkt nach dem Geschlechtsverkehr und dem Abziehen des Präservativs mein Glied waschen? Das ist bei uns daheim so kompliziert, weil ich über den Flur muss und da sind ja auch noch meine Eltern,“ erzählt er.

Gut, er benutzt Kondome. Ich lobe ihn und relativiere seinen Reinlichkeitssinn.

Männliche Identität bei jungen Migranten
dritter Generation und sexuelle Dysfunktionen.

Gerade junge Migranten und auch ihre deutschen Altersgenossen mit geringem Bildungsniveau definieren sich über Zilbergelds „Mythen der Männer“ (Zilbergeld, 1994).

Solche Thesen wie: „Beim Sex zeigt ein wirklicher Mann was er kann“, „Beim Sex geht es um einen steifen Penis und was mit ihm gemacht wird“ und „Ein Mann muss seine Partnerin ein Erdbeben erleben lassen“, setzen gerade junge Männer enorm unter Druck und bilden einen guten Nährboden für psychisch verursache, sexuelle Dysfunktionen.

„Die Mythen lassen immer groĂźe Ă„ngste … aufkommen. Sie tragen dazu bei, daĂź sexuelle Probleme ĂĽberhaupt erst entstehen … und stehen ganz allgemein … einfach gutem Sex im Wege“, meint Zilbergeld.

Im Kreise der Gleichaltrigen wird ĂĽber Schwäche, Versagen oder Probleme nicht gesprochen – der junge Mann steht mit dem RĂĽcken zur Wand. Es geht um seine Männlichkeit, es geht um seine Ehre.

Ein Fünftel der deutschen Männer
leidet unter „SchnellschĂĽssen“.

Salva, der deutsche Italiener aus unserem Beispiel, fand den Weg zur herzwerkstatt. Er erfuhr, dass etwa ein Fünftel der deutschen Männer unter „ungewollten Schnellschüssen“ leidet.

Er lernte, dass befriedigende Sexualität nicht nur Genitalität ist, sondern viel mehr.

Salva weiß heute, dass Zärtlichkeit, Verständnis und Nähe von Frauen weitaus mehr geschätzt und gewünscht werden als „stundenlanges Rammeln“.

Er fand im Laufe der Beratungen heraus, dass er ein liebenswerter und begehrenswerter Mann sein kann, auch wenn er nicht immer alles besser kann und weiĂź als seine Partnerin.

Er ĂĽbte Techniken der Ejakulationskontrolle und erfuhr, wie wichtig ein geschĂĽtzter Rahmen (Zeit, Ungestörtheit…) fĂĽr befriedigende Sexualität ist.

Außerdem erhielt er Entlastung: Der Mann ist nicht alleine für die Befriedigung der Partnerin zuständig. Auch sie trägt ihren Anteil bei.

Zum guten Schluss bekam er noch „Coolness und Humor“ mit auf den Weg. Sollte er in Zukunft wieder einmal mit zuviel „Speed“ bei der Sache sein, so wurde ihm empfohlen, dies mit einem „Ups…Du bist einfach zu genial“ zu kommentieren, keinen Stress aufkommen zu lassen und es nach einem zärtlichen Zwischenspiel mit der Partnerin neu anzugehen.

*Name von der Redaktion geändert

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„herzwerkstatt“ hat Antonia Scheib-Berten ihre Ehe-, Partner- und Sexualberatung genannt, die sie seit 1995 anbietet.

Als erfahrene Fachfrau in Sachen Beziehung und Liebe setzt sie neben Publikationen zum Thema den Schwerpunkt ihrer Arbeit in die Einzel- und Paarberatung von Menschen jeden Lebensalters. Auch Menschen im mittleren Lebensalter, Ältere oder Angehörige finden bei ihr fachliche Unterstützung.

Die Beratung findet im geschĂĽtzten Rahmen der „herzwerkstatt“ in Weinheim statt. Termine nur nach Vereinbarung!

Weitere Informationen unter: www.herzwerkstatt.com

Serie: Sexualität beginnt im Kindesalter

Guten Tag!

Hirschberg, 18. März 2010. „Doktorspiele“ sind wichtige Erfahrungen fĂĽr kleine Kinder, sagt unsere Autorin und Expertin Antonia Scheib-Berten. Die kindlichen Erfahrungen helfen den Kindern, sich und ihre „Umwelt“ zu entdecken und somit eine „natĂĽrliche“ Sexualität zu entwickeln. Strafen verhindern das, „Kontrolle“ muss aber trotzdem sein.

Von Antonia Scheib-Berten

Nadine und Torben sind schon längere Zeit im Kinderzimmer. Es ist erstaunlich ruhig, kein Lachen, Toben oder Gezanke. Nach einiger Zeit will die Mutter nachschauen und findet die beiden gemeinsam im Bett liegen und kuscheln.

Die Kinder haben sich ausgezogen und die Mutter kann ein aufgebrachtes: „Was macht ihr denn da?“ nicht vermeiden. Sie schimpft laut und die Kinder sind verunsichert und weinen. Nadine und Torben sind fünf Jahre alt.*

Doktorspiele

Kinder gehen in der Regel in unbedarfter Art und Weise mit Körperlichkeit, Nähe und Sexualität um.

Unter -€šDoktorspielen-€™ verstehen wir in unserer Gesellschaft das kindliche Erforschen der Sexualität. Meist sind es eher die erwachsenen, gesellschaftlichen Phantasien, die kindliche Neugierde in strafbare sexuelle Handlungen ummünzen.

Eltern werden natürlich auch mit ihrer eigenen Sexualität konfrontiert sehen, wenn sie mit kindlicher, sexueller Neugierde in Berührung kommen. Sie stellen sich Fragen wie folgende: Ist mit meinem Kind etwas nicht in Ordnung, wenn ich es bei Doktorspielen erwische? Ist es normal, wenn ein fünfjähriger Junge an seinem Penis spielt? Wie soll ich mich verhalten, wenn ich es beobachte? Was passiert, wenn man ein Verbot ausspreche? Was ist, wenn ich Dinge erlaube, die andere Eltern verbieten?

Warum machen Kinder Doktorspiele?

Kinder sind von Anfang an sexuelle Wesen. Schon beim Stillen genieĂźen Babies die Mutterbrust und das Saugen. Zwischen dem 6. und 8. Monat fangen viele Babys an, mit ihren Geschlechtsteilen zu spielen und sind in der Lage, dabei Lust und SpaĂź zu empfinden.

Die an und für sich unnatürliche, in unserer Gesellschaft jedoch übliche Hygienemaßnahme der Plastikwindel verhindert dies, aber im Sommer, wenn die Kinder frei in der Luft liegen können, oder auch beim Wickeln werden sie beobachten können, dass Kinder ganz natürlich auch an ihre Geschlechtsteile fassen.

Das Kind empfindet seinen gesamten Körper als Einheit – alles ist gut! Erst die Erziehung, gesellschaftliche und religiöse Prägungen teilen den menschlichen Körper in -€šsaubere-€™ und -€šschmutzige-€™, also verbotene Teile auf.

Ab dem Alter von etwa zwei Jahren nimmt das Interesse der Kinder fĂĽr ihre Geschlechtsorgane weiter zu. Die Zeitspanne von 3 und 6 Jahren ist das typische Alter fĂĽr sogenannte „Doktorspiele unter Freundinnen und Freunden“.

Harmloses Vergleichen

Im Prinzip wird Arzt gespielt, es wird nachgeahmt. Der „Patient“ oder die „Patientin“ liegt auf dem Bett oder dem Boden, währenddessen der „Arzt“ oder die „Ă„rztin“ sie oder ihn grĂĽndlich untersucht. Im Prinzip geht es um das Erkunden des anderen Körpers, d. h. das Kind lernt andere Körper als den eigenen kennen, geht also ĂĽber die eigenen körperlichen Grenzen.

Die Kinder ziehen sich dazu aus, zeigen sich gegenseitig die Geschlechtsteile und betasten sich. Vielen Kindern wird hierbei erstmalig der Geschlechtsunterschied von Mädchen und Jungen deutlich. Besonders Einzelkinder, die sich nicht mit Geschwistern vergleichen können, haben hier die Möglichkeit von grundsätzlich harmlosen Vergleichen.

Die Kinder probieren vieles aus und spĂĽren so, was SpaĂź macht und was unangenehm ist. Da die Kinder in diesem Alter in der Regel gelernt haben, „Nein“ zu sagen, kann von gegenseitigem Einverständnis ausgegangen werden.

Diese Doktorspiele werden meist in dem Moment langweilig , in dem Kinder die wichtigsten Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen verstanden haben. Dann wenden sie sich wieder anderen, neuen, spannenden Dingen zu.

Grundsätzlich sind Doktorspiele oder auch Selbstbefriedigung im Klein-Kindesalter im Rahmen der Entwicklungspsychologie etwas sehr Normales. Sie sind als Teil der kindlichen Entwicklung einzustufen.

Gesellschaftliche Phänomene

Manche Erwachsenen egal in welchem Lebensalter verdrängen ihre eigenen Unternehmungen in der Kindheit diesbezüglich und reagieren so, als wäre etwas ganz Unvorstellbares passiert. Damit stigmatisieren sie das normale Verhalten des Kindes als Krankhaft oder als Sünde.

Blicken wir zurück in die 70Jahre des 20. Jahrhunderts. In antiautoritären Kinderläden wurden Kinder förmlich dazu angehalten, frühzeitig sexuelle Erkundungen vorzunehmen. Die Eltern, selbst meist in der Verklemmtheit der 30er, 40er und 50er Jahre aufgewachsen, fielen von einem Extrem ins andere. Sie wollten ihren Kindern die Freiheit bieten, die ihnen selbst verwehrt geblieben war.

Studien bei den später erwachsenen Kinderläden-Kindern ergaben, dass es ihnen häufig eher unangenehm war, diese übertriebene sexuelle Freiheit mit FKK-Strand, gemeinsamer Sauna und Nacktheit in der WG zu leben.

Wichtig scheint also, ein gesundes, natürliches Mittelmaß zu finden! Sexuelles Tabuisieren ist offensichtlich genau so schädlich wie grenzenlose Sexualisierung.

Wie man sich „am besten“ verhält

Interessant ist, sich mit dem Begriff der Sexualerziehung im Allgemeinen auseinander zu setzen. Diese fängt in der Tat viel früher an als man denkt: Bei Sexualerziehung geht es um Berührung, Trösten, Nähe und körperliche Wärme. Sexualerziehung ist das Unterstützen und Fördern der Eltern in der Körperlichkeit des Kindes.

Dein Körper ist okay. Dein Geschlechtsteil ist nicht „bä und pfui“, sondern ein Teil von der Dir. Der Inhalt deiner Windel ist nicht eklig. Auch das ist ein Teil des Kindes.

Gehen Sie mit Sexualität unverkrampft und unkompliziert um, dann ebnen sie eine ausgezeichnete Basis fĂĽr ein glĂĽckliches, erfĂĽlltes Leben und sind ein wunderbares Vorbild fĂĽr ihr Kind! Ăśberfordern sie ihr Kind nicht und beantworten sie nur Fragen, die das Kind auch stellt. Aufklärung erfolgt in Etappen – ihr eigener Instinkt wird ihnen zeigen, wann welche Themen dran sind.

Und: Vergegenwärtigen sich immer wieder dass Sexualität ein ganz natürliches, menschliches Bedürfnis ist wie Essen und Trinken.

Sexualität darf keine Abwertung erfahren

Einmischen sollten sie sich dann, wenn ihr Kind „danach“ bedrĂĽckt wirkt und stiller auftritt als sonst. Problematisch könnte es sein, falls ein Kind wesentlich älter ist und die anderen dominiert.

Spitze Gegenstände o. ä. können natürlich nicht toleriert werden. Hier sollte man behutsam eingreifen. Wichtig ist, dass die Kinder sich nur auf das einlassen, was sie möchten.

Vermeiden sie solche Aussagen wie: „Das darf man nicht. Davon bricht er ab.“, oder das früher vielfach angewandte „Davon wird man dumm.“, wenn der kleine Sohn beim Masturbieren erwischt wurde.

Vielleicht kann sich der eine oder andere Leser, vielleicht auch eine Leserin an solche Killerphrasen aus der eigenen Kindheit erinnern und die Ängste und Sorgen, die in Kinderseelen damit eingepflanzt werden. Sexuelle Spielereien dürfen unter keinen Umständen mit Drohungen und Strafen belegt werden.

Sexualität darf also nicht mit Abwertung oder Verurteilung in Verbindung gebracht werden.

Am Wichtigsten ist eine Eltern-Kind-Beziehung, die von Vertrauen, Sicherheit und Geborgenheit geprägt ist. Alles, was einem Kind diese Werte vermittelt, stellt eine positive Sexualerziehung dar. Denn was Kinder in den ersten Jahren in der Familie erlebt haben, das wird spätere Liebesbeziehungen und Sexualität prägen.

Und wenn ich es einfach verbiete?

Alle Eltern wissen, dass ein Verbot Dinge erst interessant macht. Je massiver Eltern also gegen Doktorspiele einzuschreiten versuchen, desto spannender wird es fĂĽr die Kinder werden.

Wird die sexuelle Betätigung der Kinder (Doktorspiele, Selbstbefriedigung) bestraft oder verlacht, so ist damit zu rechnen, dass generell sexuelle Regungen mit Angst vor Strafe oder Angst vor Erniedrigung besetzt werden, und zwar über die Kindheit hinaus. Menschen sind im Erwachsenenalter mit den möglichen Konsequenzen konfrontiert, die sich in der Vermeidung sexueller Kontakte, Impotenz und sexueller Lustlosigkeit äußern können.

Häufig wird den Betroffenen der Zusammenhang zwischen diesen Problemen und den frühkindlichen Erfahrungen in der Herkunftsfamilie erst im Rahmen einer Beratung oder Therapie bewusst.

Liebe und Lust als Erfahrung fĂĽrs Leben

Durch Doktorspiele lernen Kinder unter anderem, den Geschlechtsunterschied zwischen Mann und Frau zu begreifen. Als Teil der normalen kindlichen Entwicklung stellen sie nichts Beunruhigendes dar.

Eltern sollen dem Kind ermöglichen, den eigenen Körper und den anderer zu erforschen und dafür nicht bestraft zu werden. Eltern sollen selbstverständlich darauf achten dass Doktorspiele nur im Einvernehmen der Kinder gespielt werden.

Bei groĂźem Altersunterschied der Kinder oder bei auffälligem Verhalten eines Kindes „danach“ sollten Eltern das Gespräch suchen. Gegebenenfalls kann eine Beratungsstelle hilfreich zur Seite stehe

Wenn das Kind im angstfreien, natürlichen und altersentsprechenden Rahmen Erfahrungen sammeln kann, wird es im späteren Leben fähig sein, körperliche Liebe mit viel Lust zu empfinden. Sexualität sollte als eine Art und Weise begreifbar sein, Liebe zu zeigen.

Wird die sexuelle Betätigung der Kinder (Doktorspiele, Selbstbefriedigung) bestraft oder verboten, so führt dieses zu schwerwiegenden sexuellen Störungen über die Kindheit hinaus kommen.

*Nadine und Torben dienen nur als beispielhafte Namen, Anm. d. Red.

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„herzwerkstatt“ hat Antonia Scheib-Berten ihre Ehe-, Partner- und Sexualberatung genannt, die sie seit 1995 anbietet.

Als erfahrene Fachfrau in Sachen Beziehung und Liebe setzt sie neben Publikationen zum Thema den Schwerpunkt ihrer Arbeit in die Einzel- und Paarberatung von Menschen jeden Lebensalters. Auch Menschen im mittleren Lebensalter, Ältere oder Angehörige finden bei ihr fachliche Unterstützung.

Die Beratung findet im geschĂĽtzten Rahmen der „herzwerkstatt“ in Weinheim statt. Termine nur nach Vereinbarung!

Weitere Informationen unter: www.herzwerkstatt.com

Serie: Sex bei Opa und Oma? Lassen Sie uns darĂĽber reden!

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Guten Tag!

Hirschberg, 11. März 2010. Wir starten heute eine neue Serie. Im Fokus steht die Sexualität… im Alter – die hat aber viel mit der Lebens- und Liebeserfahrung davor zu tun, weswegen auch hierzu Texte veröffentlicht werden. Zum Start der Serie haben wir unsere Autorin, Antonia Scheib-Berten, interviewt. Die Expertin weiĂź: Sexualität im Alter ist ein schwieriges Thema – aber eins, ĂĽber das man reden kann und sollte. Dann finden sich auch Antworten.

Von Hardy Prothmann

Frau Scheib-Berten, im neuen „Spiegel Wissen“ beschreibt ein Text eine Frau, die Demenzkranken und Behinderten als Sexualassistentin Gespräche und Massagen anbietet, die auch zum Orgasmus fĂĽhren (sollen). Ihre Kunden sind älter, einige besucht die Frau im Altenheim. Ist so eine Arbeit anstößig, ist das Prostitution?

Antonia Scherb-Berten: „Die Tätigkeit der Sexualassistentin nichts Neues. In Holland gibt es diese Variante der Assistenz im Rahmen der Arbeit mit jĂĽngeren Behinderten schon seit Jahren. Teilweise wurden, zumindest in der Vergangenheit, die Kosten durch offizielle Kostenträger ĂĽbernommen.

BegrĂĽndet wurde es damit, dass auf diesem, sozusagen natĂĽrlichen Wege Spannungen abgebaut werden und somit Medikationen zur Beruhigung oder zur Aggressionshemmung ĂĽberflĂĽssig wĂĽrden.

Dass Frauen wie Nina de Vries mit Dementen reden, sie streicheln und massieren, das lässt sich wohl kaum im Bereich der Anstößigkeit einordnen.

Der Spiegel-Text beschreibt auch eine Frau, deren 80-jähriger Ehemann Nacht fĂĽr Nacht Sex will. Lässt sich das mit „Sexualassistenz“ beruhigen?

Scherb-Berten: Im benannten Fall der durch den drängenden Mann überforderten Ehefrau (80) wäre gegebenenfalls eher die Gabe eines Medikaments zur Reduktion des Sexualtriebes für den Patienten ärztlich zu prüfen. Die pflegenden Angehörigen müssen manchmal durch die Ärztin oder den Arzt vor Übergriffen geschützt werden. Außerdem ist die überbordende Triebhaftigkeit für den Patienten sehr belastend und stressend.

Angehörige trauen sich leider zu wenig über den
gesteigerten Sexualtrieb beim „Opa“ zu reden.

Leider trauen sich zu wenige Angehörige, das Thema in der ärztlichen Beratung zu besprechen.

Es gibt Fälle, in denen im Rahmen einer Demenz die Sexualität plötzlich eine neue, dominierende Rolle bekommt. Manchmal zeigt sich dies in Masturbation. Hier hilft meist schon, dem Patienten einen geschĂĽtzten Rahmen zu schaffen und ihn nicht zu bestrafen oder moralisch zu verurteilen.“

 

Antonia Scheib-Berten berät in Sachen Beziehung, Liebe, Sexualität. Bild: asb

Antonia Scheib-Berten berät in Sachen Beziehung, Liebe, Sexualität. Bild: asb

Eine Sexualassistenz dĂĽrfte aber bei vielen Menschen als unmoralisch gelten?

Scheib-Berten: „Was anstößig ist, das liegt im Auge der Betrachterin und des Betrachters. Es gibt hier keine generelle Antwort. Als Sexualberaterin sage ich, durch Assistenz kann kranken Menschen Entspannung und GlĂĽcksgefĂĽhl geboten werden.

Wenn gelebte Sexualität natĂĽrlich im Rahmen der Paarbeziehung möglich ist, so ist dies auf jeden Fall zu bevorzugen. Liebe kaufen kann man sich natĂĽrlich nicht!“

Im Spiegelbericht werden sowohl Angehörige als auch Seniorenheime und sogar die Prostituiertenorganisation „Hydra“ mit ihren Zweifeln in Sachen „Sexualassistenz“ darstellt. Es steht zwar nicht im Text, aber die Frage ist auch in Vorgesprächen zu diesem Interview aufgekommen: Ist das nicht vielleicht irgendwie „pervers“?

Scheib-Berten: „Was heiĂźt eigentlich „pervers“? Bei Perversionen geht es um die Abgrenzung von in einer Gesellschaft herrschenden Moralvorstellungen. Vielleicht spielen auch unsere eigenen Phantasien im Zusammenhang mit den Aktivitäten von Frauen wie Nina de Vries eine groĂźe Rolle. Was stellt sich die BĂĽrgerin, die Altenpflegerin, der Sohn des Patienten oder auch der Pfarrer vor, wenn er den Artikel bei Spiegel-Wissen liest? Vermutlich gehen die eigenen Phantasien weit ĂĽber das hinaus, was letztendlich geschieht.“

Es gibt auch juristische Fragen.

Rein juristisch geht es natürlich auch um die Persönlichkeitsrechte des Patienten. Müsste, wenn Frau de Vries ganz offiziell zum Einsatz kommen sollte, sogar der gesetzliche Betreuer seine Zustimmung geben? Eine Frage an die Juristinnen!

Sollte keine gesetzliche Betreuung bestehen, so wäre die Inanspruchnahme von Diensten einer Assistenz vielleicht nur das Fortführen einer lebenslangen Gewohnheit des Dementen. Vielleicht ist er während seines gesamten erwachsenen Lebens regelmäßig zu Prostituierten gegangen? Wäre es dann nicht sogar ein Entzug von -€šregelmäßig wiederkehrenden Diensten-€™, also eine Ungleichbehandlung gegenüber Nicht-Dementen?

Auch Frauen belästigen Männer durch Übergriffe.

Geht es eigentlich bei der Frage nur um Männer?

Scheib-Berten: „Interessant ist, dass bei diesem Thema nie von weiblichen Dementen die Rede ist. Dass auch Frauen ĂĽbergrifflich werden, dass männliche Altenpfleger in der Balintgruppe von Belästigungen durch Heimbewohnerinnen sprechen, scheint nicht im Bereich des Möglichen – ist jedoch Realität.“

Sex und Alter ist oft ein noch größeres Tabuthema als Alter und Tod. Immer wieder gibt es Umfragen und Statistiken, welches Volk das sexuell aktivste ist, wer in welchem Alter wie oft… Bei gefĂĽhlten 60 oder 65 Jahren gibt es aber keine Informationen mehr. Hört ab diesem Alter das Sexualleben auf?

Scheib-Berten: „Zum einen halte ich absolut nichts von Statistiken, die es vermutlich gibt, die mich persönlich aber nicht interessieren. Wie heiĂźt es so schön: „Traue nur der Statistik, die du selbst gefälscht hast.“ Also: Keine Konkurrenz zwischen feurigen Italienern, stolzen Spaniern und unseren deutschen Männern! Schon gar nicht ausgetragen ĂĽber Zahlen.

In der Tat wird Sexualität und Liebe, zwei Nomen, die ich gerne auch im Zusammenhang nenne, fast ausschließlich mit Jugend, attraktiven Körpern, Fortpflanzungsfähigkeit und Vitalität in Verbindung gebracht. Ich erinnere mich, dass ich bereits 1993, als ich bei der pro familia in Mannheim als Geschäftsführerin gearbeitet habe, auf die Dringlichkeit hinwies, dass sich Sexualberater der Generation 50 plus zuwenden müssen.

Sexualität spielt in jedem Alter eine wichtige Rolle.

Seinerzeit wurde ich belächelt. Mittlerweile merken auch die professionellen Berater, dass Sexualpädagogik ab dem mittleren Lebensalter ein wichtiger Baustein der Arbeit ist. Ich hatte eine Frau in der Beratung, die erst nach Ende der Menopause mit einem neuen Partner orgasmusfähig wurde. Welche Befreiung, welches Glück!

Fakt ist, dass die Liebesfähigkeit grundsätzlich nie aufhört. Hormone beeinflussen unseren Körper und steuern auch unsere Libido. Doch das ist nur eine Seite der Stimulation. Nur in Verbindung mit gĂĽnstigen Rahmenbedingungen wird gespĂĽrte Lust zu gelebter Lust! Ein alleinstehender Mann, der kein Zielobjekt von körperlicher Lust hat, wird möglicherweise versuchen, seine sexuelle Energie umzuleiten. Eine unglĂĽckliche Paarbeziehung ist nicht gerade der richtige Ort fĂĽr körperliche Nähe und lebenslustige Sexualität – egal in welchem Alter.“

Was wĂĽnschen sich ältere und alte Menschen in Sachen Sexualität? Sind diese WĂĽnsche anders oder entsprechen sie den „durchschnittlichen“ Vorstellungen?

Scheib-Berten: (lacht) „Was sind die durchschnittlichen Vorstellungen? Selbstverständlich werden im höheren Alter keine anstrengenden Kamasutra-Ăśbungen auf der Tagesordnung stehen, wenn die Arthrose plagt und der RĂĽcken schmerzt. Auch mĂĽssen wir unseren Fokus hinsichtlich Sexualität erweitern. Das hingebungsvolle Streicheln, das Kuscheln, das innige Sich-nahe-sein – all das subsummiere ich unter dem Begriff Sexualität.

Im Alter wird gekuschelt – aber auch genitale Sexualität gewĂĽnscht.

Dass natĂĽrlich auch genitale Sexualität gewĂĽnscht wird, das ist die Regel. Schade ist, dass ältere und alte Paare häufig nicht ĂĽber ihre WĂĽnsche sprechen. Und tragisch ist, dass Einschränkungen klaglos als Gegebenheiten angenommen werden. Manchmal wĂĽrde der Besuch eines kompetenten (!) Urologen ĂĽber Potenzschwierigkeiten hinweghelfen oder ein Gespräch mit der Gynäkologin wĂĽrde Erleichterung bringen.“

Haben alle älteren Menschen das Bedürfnis nach sexueller Befriedigung?

Scheib-Berten: „Durch die Beschäftigung mit dem Thema „Sexualität im Alter“ sollte kein Leistungsdruck aufgebaut werden! Jedes Paar sollte fĂĽr sich selbst entscheiden, ob, wie und wie oft sexuelle Aktivitäten ihre Beziehung bereichern. Wenn beide beschlieĂźen, in ihrem Leben einen anderen Fokus zu setzen, so ist das völlig in Ordnung! Wenn allerdings eine oder einer von beiden ein Defizit verspĂĽrt, so sollte man nochmals näher hinschauen. Interessanterweise ist es nicht immer der Mann, der sich mehr Aktivitäten wĂĽnscht!

„Use it or loose it,“(Benutze es oder verliere es!) ist hier auch eine wichtige Maxime. In der Regel werden Menschen, denen Sexualität während des gesamten Lebens nicht so wichtig war, auch im Alter kein Defizit verspĂĽren – falls sich nicht die Rahmenbedingungen ändern! Eine neue Liebe wirkt hier manchmal Wunder!

Warum erfährt man so gut wie nichts zu dem Thema? An den Volkshochschulen gibt es oft sehr viele Kurse – nur das Wort Sex kommt dort meist nicht vor – schon gar nicht in Verbindung mit „Alter“.

Scheib-Berten: Das liegt zum Teil auch daran, dass dieser Begriff in der Ausschreibung möglicherweise Menschen geradezu davon abhält, zur Veranstaltung zu kommen! Die Scheu ist hier sehr groĂź! Ich habe vor ein paar Jahren an der Volkshochschule einen Gesprächskreis „Mut zum GlĂĽck“ angeboten. Wir beschäftigten uns auch mit dem Thema Sexualität. Sollte ich wieder angefragt werden, so stehe ich gerne zur VerfĂĽgung!“

„Sexualität im Alter“ gehört in jeden Lehrplan – alles andere ist ein Defizit.

Muss beispielsweise ein Seniorenheim nicht damit rechnen, als unseriös zu gelten, wenn dort das Thema Sex behandelt wird?

Scheib-Berten: „Ganz im Gegenteil. Ich habe bereits bei einigen Trägern Fortbildungen fĂĽr Pflegekräfte, auch im ambulanten Bereich angeboten. Das Thema ist latent präsent und gerade auch jĂĽngere Pflegende sind häufig ĂĽberfordert. Im Ăśbrigen steht „Sexualität im Alter“ mittlerweile auf dem Lehrplan der Ausbildung zur Altenpflegerin/Altenpfleger. Wenn ein Bildungsträger dies noch nicht anbietet, so bestĂĽnde hier ein Defizit!“

Schauen Sie mal in die Zukunft. Deutschland im Jahr 2050. Wie werden die heute 20- bis 40-jährigen dann über Sexualität im Alter sprechen oder diese leben? Ist Sex bei Opa und Oma immer noch ein Tabuthema?

Scheib-Berten: „Ich hoffe, dass das Thema Sexualität und Alter keinen Sonderstatus mehr benötigt, weil es zur Selbstverständlichkeit geworden ist.“

logo_herzwerkstattZur Person:
„herzwerkstatt“ hat Antonia Scheib-Berten ihre Ehe-, Partner- und Sexualberatung genannt, die sie seit 1995 anbietet. Als erfahrene Fachfrau in Sachen Beziehung und Liebe setzt sie neben Publikationen zum Thema den Schwerpunkt ihrer Arbeit in die Einzel- und Paarberatung von Menschen jeden Lebensalters. Auch Menschen im mittleren Lebensalter, Ă„ltere oder Angehörige finden bei ihr fachliche UnterstĂĽtzung. Die Beratung findet im geschĂĽtzten Rahmen der „herzwerkstatt“ in Weinheim statt. Termine nur nach Vereinbarung!

Weitere Informationen unter: www.herzwerkstatt.com