Sonntag, 12. August 2018

Mariettas Kolumne: Zwischen Wechseljahren und Midlife Crisis – oder einfach nur in der Lebensmitte?


Rhein-Neckar, 24. Juli 2011 (red) Marietta berichtet aus ihrem bewegten Alltag. Ihre Geschichten kosten keinen Eintritt und sind mitten aus dem Leben – manchmal geht die Phantasie mit ihr durch, aber vielleicht auch nur wegen der RealitĂ€t. Doch was ist real, was phantastisch? Bei Marietta mischen sich da manchmal die SphĂ€ren. Und wie ist das mit den Wechseljahren, der Midlife Crisis und mit den MĂ€nnern? Kompliziert. Soviel steht fest.

Von Marietta Herzberger

Schwaches Geschlecht?

Mit ungefÀhr Mitte vierzig ist es erstrebenswert, persönliche Ziele, soweit vorhanden, annÀhernd erreicht zu haben oder sich zumindest in einem gewissen Zustand der Zufriedenheit zu befinden.

Gehen wir davon aus, das Projekt „Zielerreichung“ oder „angenehmer Zufriedensheitspegel“ wurde in weiten Teilen umgesetzt, so lehnt man sich zurĂŒck, schaut sich das Ganze bewusst an und resĂŒmiert: Alles wunderbar. Kann so bleiben.

Dann erwischt sie dich, die Erkenntnis, dass du massiv auf die Wechseljahre zusteuerst oder schon direkt drin bist. So genau kann das keiner sagen, weil diese individuellen Befindlichkeiten bei Frauen gut 15 Jahre dauern können. Die Grenzen zwischen Beginn und Ende sind fließend und können nicht mal hundertprozentig ĂŒber einen Hormontest fixiert werden. Je nach Tageszeit, Laune, Fett- und Antibiotikumgehalt der Vortagesmahlzeit.

Mal ehrlich: Haben wir als Frau nicht sowieso schon, und völlig ungerechtfertigterweise, den Stempel des schwachen Geschlechtes? Kurz aufgelacht. Wir pubertieren im Laufe eines weiblichen Lebens gleich zweimal und zwischendrin bekommen wir im schlimmsten Fall einmal im Monat schreckliche BauchkrĂ€mpfe, welche sich immer den besten Zeitpunkt, wie zum Beispiel den jĂ€hrlichen Urlaub, aussuchen. In jungen Jahren werden wir schlagartig mit Östrogenen zugeschĂŒttet, die BrĂŒste wachsen, die HĂŒften werden rund, die Pickel sprießen. Nach einer Weile lichtet sich das Hormonchaos und wir haben uns daran gewöhnt, mehr oder weniger.

Totale Fehlplanung

Knappe dreißig bis fĂŒnfunddreißig Jahre spĂ€ter spult der Film rĂŒckwĂ€rts. Das Östrogen hat keine Lust mehr und zieht sich zurĂŒck. Der langsame RĂŒcklauf jedoch funktioniert nicht in allen Bereichen so wie wir es gerne hĂ€tten. Ich gebe zu, die Zeit ohne diesen monatlichen Dorn stelle ich mir recht angenehm vor. Die dĂ€mlichen Begleiterscheinungen jedoch mĂŒssten nicht sein. Hat das Östrogen damals Brust und HĂŒften wachsen lassen, lĂ€uft das jetzt nicht unbedingt umgekehrt. Blöde Sache. Der BrĂŒste schrumpfen zwar, das Gewebe aber bleibt und zieht nicht nur deine Selbstachtung nach unten. Die HĂŒften schrumpfen allerdings nicht. Schön wĂ€re es. Nein, sie wachsen weiter, weil der sich der Stoffwechsel ohne sein Östrogen auch nicht mehr so frisch fĂŒhlt und in aktive Altersteilzeit wechselt. Er ist zwar noch da, arbeitet jedoch nur noch anteilig. Wir setzen mehr Fett um die Körpermitte an, um das in kalten Wintern zu schĂŒtzen, was wir dann sowieso nicht mehr brauchen. Totale Fehlplanung.

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Könnten wir nicht auf die letzten Meter noch mal schön schlank, glatt und gestrafft sein? Nein, können wir nicht, weil die Natur vorsieht, nur die GebĂ€rfreudigen und -fĂ€higen ins Beuteschema fallen zu lassen. Verabschiedet sich bei uns das letzte Ei, können die Herrschaften noch so lange Nachwuchs zeugen, bis sie tot ĂŒberm Pissoir hĂ€ngen. Das ist der Gipfel der EvolutionsunverschĂ€mtheiten. Wenn dann kein finanzielles Polster zur besonderen VerfĂŒgung trĂ€ge auf dem Konto liegt, um die Vielfalt der Schönheitschirurgie auszutesten, wird man sich weise und erhaben dem ganz natĂŒrlichen Prozess ĂŒberlassen mĂŒssen. Wenn ich es mir so recht ĂŒberlege, ich das angesichts der zuhauf in den Medien vertretenen Botox-Monster sicher nicht das Falscheste.

Wir Frauen mĂŒssen irgendwann mal wĂ€hrend der Schöpfung ganz laut „Hier!“ geschrien haben. Hier, wir nehmen das kĂŒnftige Leid aller Menschen auf uns, sind einmal im Monat unrein und gebĂ€ren unter Schmerzen unsere Kinder – so wurde es zumindest – und wird es manchmal auch immer noch, von den verschiedenen Religionen gepredigt. Ein gut funktionierendes Modell? Nach dem Motto: „Never change a running system“?
Und die MĂ€nner? Das starke Geschlecht? Meine lieben Damen, liebe MĂŒtter und VerbĂŒndete. Mal ehrlich, wie vielen MĂ€nnern gebt ihr die Chance eine Geburt zu ĂŒberleben? Richtig. Keine. Die Menschheit wĂ€re ausgestorben, wĂŒrden wir diesen Part dem starken Geschlecht ĂŒberlassen!

Wechseljahre oder Midlife Crisis. Was ist besser?

In der Jugend kĂ€mpfen sie ebenfalls mit der PubertĂ€t, den sprießenden Pickeln und – davor bleiben wir verschont – dem einhergehenden Stimmbruch. Kommen wir in die Wechseljahre, kommen sie in die Midlife Crisis. Das klingt besser. Ist es auch.

Haben wir SchweißausbrĂŒche, weil die Hormone versuchen, sich auf Teufel komm raus gegenseitig zu ersetzen, haben sie SchweißausbrĂŒche, wenn die nette junge Nachbarin ein zartes, junges „Hallo“ haucht. Haben wir SchwindelanfĂ€lle, weil der Körper sich umstellt, ist ihnen schwindelig, wenn sie zu viel trinken oder sich mit Mitte fĂŒnfzig noch mal ins Cabrio setzen (das sie sich erst jetzt leisten können) und zu schnell fahren.

Was fĂŒr uns der Töpferkurs zur Selbstfindung, ist fĂŒr sie die neue junge Frau mit der Wahnsinnsfigur. Ist die Midlife Crisis nichts anderes, als der verzweifelte Versuch eines alternden Mannes, seine Samen nochmals erfolgreich in die Welt zu streuen? Das ResĂŒmee in der Lebensmitte? Reichen ihm Frau und Kinder? Ist der Job der richtige? Hat er alles getan, was er tun konnte? War es das jetzt? Er stellt seine Erfolge in Frage und sich in Szene. Einige setzen dann noch mal ganz neu auf.

Wenn ich detailliert darĂŒber nachdenke, dann haben wir Frauen nicht nur die Wechseljahre sondern zu allem Überfluss die Midlife Crisis gratis dazu. Auch wir ziehen ResĂŒmee und so manche fragt sich, ob es das jetzt war, mit dem ehemaligen Adonis, der inzwischen geschĂ€tzte 120 Kilos auf die Waage bringt, auf dem Sofa sitzt und weder seinen Geist noch seinen Hintern hochbekommt.

Wir versuchen, uns zu erhalten. Sie versuchen, sich zu vermehren. Ganz simpel eigentlich, wenn man es schwarz-weiß sieht. Tun wir aber nicht, dafĂŒr sind wir Frauen. Wir sind verstĂ€ndnisvoll und beleuchten immer alles von allen Seiten, um es allen anderen und uns selbst Recht zu machen. Wir sind stolz darauf, was wir sind und insgeheim wissen wir, dass das vermeintlich „starke Geschlecht“ unterhalb von Weicheiern begrenzt ist. Und trotzdem lieben wir es!

Warum erzĂ€hle ich das alles? Nun ja, mit Mitte vierzig ist man eben keine dreißig mehr.
In diesem Sinne

Eure Marietta

Marietta Herzberger.

Anmerkung der Redaktion: Marietta Herzberger lebt in Weinheim und schreibt in ihren Kolumnen ĂŒber den ganz normalen Wahnsinn des Alltags. Erfundene Geschichten, in denen doch das eine oder andere wahr ist. Die Personen gibt es meistens, manchmal nicht. Mal ist es, wie beschrieben, mal gnadenlos ĂŒberzogen. Es sind keine „journalistischen“ Texte mit dem Anspruch auf Faktentreue, sondern Lesetext mit dem Ziel, Lesefreude zu verbreiten. Sie hat jede Menge Weisheiten gerne, zwei sind: „Machen Sie sich erst einmal unbeliebt, dann werden Sie auch ernst genommen“ – Konrad Adenauer. Und: „Wer kĂ€mpft, kann verlieren. Wer nicht kĂ€mpft, hat schon verloren“ – Bertolt Brecht. Wir wĂŒnschen unseren Lesern viel Lesespaß mit ihren Texten!