Dienstag, 18. Juni 2019

"Ent"t├Ąuschende "Berichterstattung"

Geprothmannt: Bagatell- vs. Kollateralschaden

Bleiben am Ende nur noch Tr├╝mmer? Journalismus war mal ein angesehener Beruf - heute ist das Image besch├Ądigt. Archivbild

 

Mannheim/Viernheim/Rhein-Neckar, 18. Juni 2012. (red) Es gibt einen Brand, die Feuerwehr l├Âscht diesen schnell. Der Schaden bleibt eigentlich ├╝berschaubar und doch nicht. Das „Opfer“ ist das „Scheck In-Center“ in Viernheim. Aber es kommt noch ein weiteres hinzu, dass mit allem gar nichts zu tun hat: Die Bev├Âlkerung. Der Schadensverursacher: Journalisten. Der Schaden: Glaubw├╝rdigkeitsverlust in unbekanntem Ausma├č.

Von Hardy Prothmann

Der Ruf von Journalisten ist nicht der beste. Vollkommen zurecht. Sie fragen sich jetzt, wieso ein Journalist dem eigenen Berufsstand ein schlechts Zeugnis ausstellt? Die Antwort ist ganz einfach: Nur wenn man sich nach vorne verteidigt, kann man hoffen, weitere Sch├Ąden zu verhindern. Das ist durchaus egoistisch gedacht. Denn ich und meine Mitarbeiter achten sehr auf bestm├Âgliche Qualit├Ąt unserer Informationen – egal, ob wir ├╝ber leichte Themen wie Feste und Aktivit├Ąten berichten oder ├╝ber anspruchsvolle wie Kultur und Wirtschaft oder Politik und Sport.

Ganz klar machen auch seri├Âse Journalisten Fehler. Wenn diese passieren, sollten die Leserinnen und Leser aber dar├╝ber informiert werden. Doch das tun die meisten Medien nicht. Auch klar: Wenn wir einen Rechtschreibfehler entdecken oder auf Fehler hingewiesen werden, verbessern wir den auch ohne eine Korrekturmeldung, wenn es sich um eine Bagatelle handelt. Berichte mit kapitalen Fehlern legen wir in der Kategorie „Korrektur“ ab, damit Leserinnen und Leser sofort und ohne lange Suche eine zun├Ąchst fehlerhafte Berichterstattung sowie die Korrektur finden k├Ânnen. Auf dem Heddesheimblog sind dort seit dem Start vor drei Jahren „nur“ acht von ├╝ber 2.500 Berichten als fehlerhaft gekennzeichnet. Wir ├Ąrgern uns ├╝ber jeden Fehler und haben diese korrigiert.

Falscher Eindruck vermittelt

Der Mannheimer Morgen hat aktuell ├╝ber einen Brand im Viernheimer Scheck In-Center „berichtet“. Der „Bericht“ ist mit dem K├╝rzel „bhr“ gekennzeichnet. Der unbedarfte Leser denkt jetzt: „Ok, jemand, dessen Namen mit bhr abgek├╝rzt wird, war vor Ort oder nach sich zumindest telefonisch oder auf anderem Weg die Informationen besorgt, gepr├╝ft und dann seinen Bericht verfasst.“ Doch dieser naheliegende Gedanke ist in diesem Fall und leider viel zu oft ein Fehler. Denn kein Journalist des MM war vor Ort und es wurde auch sonst nichts recherchiert.

Tats├Ąchlich wurde also keine „journalistische Leistung“ erbracht. Durch das geschickte Setzen von An- und Abf├╝hrungszeichen liest sich der Text, als habe „bhr“ mit dem Pressesprecher der Feuerwehr Viernheim gesprochen, denn er zitiert ihn ja „w├Ârtlich“. Tats├Ąchlich ist dieser Eindruck aber eine T├Ąuschung. Auf Nachfrage best├Ątigte uns der Pressesprecher Andreas Schmidt, dass er mit niemandem vom MM in dieser Sache gesprochen hat:

Die haben automatisch eine email mit dem Pressetext bekommen, wie alle Redaktionen, die das wollen.

Ist die Nachricht aber falsch? Ja und nein. Sie erweckt den falschen Eindruck, als habe der Journalist mit dem Pressesprecher gesprochen. Und sie erweckt den Eindruck, der Journalist habe selbst├Ąndig recherchiert und den Bericht selbst verfasst. Die Fakten sind aus Sicht der Feuerwehr sicher zutreffend. Die Mutma├čung ├╝ber die Schadensh├Âhe ist es nicht.

Die Originalmeldung der Feuerwehr. Quelle: FFW Viernheim

 

Die geguttenbergte Version im Mannheimer Morgen. Quelle: SHM

Geguttenbergter Journalismus ist Betrug am Leser

Diese Form „journalistischer“ Arbeit ist g├Ąngig in vielen Redaktionen: Bei Zeitungen, Magazinen, im Radio und Fernsehen und im Internet. Man nimmt frei zug├Ąngliche Informationen, „etikettiert“ sie ein wenig um und schon hat man einen „eigenen“ redaktionellen Bericht. Das ist und bleibt Betrug am Leser.

Sie fragen sich, warum das passiert? Warum andere Redaktionen so verfahren? Warum es nicht alle ehrlich und transparent wie wir mit unseren Blogs berichten? Fragen Sie die Redaktion Ihres Vertrauens. Ich versichere Ihnen, man wird Sie nicht sonderlich ernst nehmen. Erst, wenn Sie das Abo k├╝ndigen wollen.

Wir tun das, was eigentlich eigentlich selbstverst├Ąndlich sein sollte. Wir benennen n├Ąmlich immer deutlich die Quelle, wie auch in diesem Fall ist der Text mit „Information der Feuerwehr Viernheim“ klar gekennzeichnet worden. Das hat mehrere Gr├╝nde. Der wichtigste: Wir respektieren die Arbeit von anderen. Wir schm├╝cken uns nicht mit „fremden Federn“. Der n├Ąchste Grund ist: Wo bei uns „Redaktion“ draufsteht, ist auch Redaktion drin. Daf├╝r sind wir verantwortlich. Und ein ebenfalls sehr wichtiger Grund ist: Wir k├Ânnen nur daf├╝r einstehen, was wir selbst recherchiert haben. Wir wollen uns weder fremde Inhalte aneignen, noch darin enthaltene Fehler.

Der Einsatzbericht der Feuerwehr beispielsweise ist ├╝berwiegend korrekt – hat aber den Eindruck eines gro├čen Schadens hinterlassen. Viele Kunden blieben heute deswegen dem Markt fern. Wir haben die Meldung ebenso gebracht, waren aber bis 14:00 Uhr das einzige Medium, das einen Reporter vor Ort hatte, um sich ein Bild zu machen und haben danach umgehend berichtet, dass es f├╝r Kunden keine Einschr├Ąnkungen gibt und der Schaden eher ├╝berschaubar ist.

Au├čerdem konnten wir recherchieren, dass in diesem Fall wohl eine „Klarstellung“ in der morgigen Ausgabe der Zeitung folgen soll – man darf gespannt sein. Denn die Scheck In-L├Ąden geh├Âren zur Edeka-Gruppe. Und dort ist man „not amused“ ├╝ber den scheinbar redaktionellen Bericht im Mannheimer Morgen. Die Edeka selbst ist ein sehr gro├čer Kunde der Zeitung und d├╝rfte pro Jahr Anzeigen im Wert von einigen Millionen Euro bei der Zeitung schalten. Ich versichere Ihnen, dass man bei der Zeitung in diesem Fall den ├ärger sehr ernst nimmt. Aber nicht, weil man „journalistisch“ besser oder wenigstens „korrekt“ arbeiten will, sondern um den Umsatz nicht zu gef├Ąhrden.

Bagatell- vs. Kollateralschaden

Nach dem Brand ist im Scheck In – anders als im Feuerwehrbericht gemutma├čt – nur ein „Bagatellschaden“ entstanden. Dieser Schaden wurde unn├Âtig durch Umsatzausf├Ąlle f├╝r das Unternehmen vergr├Â├čert. Der gro├če Kollateralschaden entsteht aber durch den allt├Ąglichen Guttenberg-Journalismus, bei dem nach Lust und Laune geklaut und abgekupfert, umetikettiert und abgeschrieben wird. Sie halten diesen „Fall“ f├╝r eine Bagatelle? Ist er nicht, weil er nur ein Beispiel f├╝r eine systematische T├Ąuschung vieler Mediennutzer ist. (Haben Sie die „Jogi“-F├Ąlschung bei der EM mitbekommen? Das ZDF zeigte eine „Live-Berichterstattung“, in die Aufnahmen hineingeschnitten wurden, die vor dem Spiel, also nicht „live“ entstanden sind. Das hat zu heftiger Kritik gef├╝hrt. FAZ: „Die Regie spielt falsch„)

Einen Brandschaden kann man beseitigen – eine besch├Ądigte Glaubw├╝rdigkeit ist nur schwer wieder zu bereinigen.

Darunter leiden aber nicht nur die Schummler, sondern auch alle, die sich gr├Â├čte M├╝he geben, einen herausragende oder zumindest ehrlichen Journalismus zu bieten. Leider tun das immer weniger und der f├╝r die Gesellschaft und Demokratie so wichtige Journalismus verliert weiter an Ansehen. Da k├Ânnen sich Politiker und Journalisten die Hand geben – aber es gibt auch in der Politik „anst├Ąndige“ Leute.

Die Leserinnen und Leser k├Ânnen ebenso wie Unternehmen aber deutlich machen, ob sie Qualit├Ąt wollen oder nicht.

Bei einer Wahl macht macht das mit einer Stimme. Im Markt hat man auch Macht: Minderwertige Produkte kann man abbestellen oder muss sie nicht kaufen. Und Werbung kann man im glaubw├╝rdigen Umfeld schalten, wo sie auch am besten wirkt.

Weitere Informationen:

Wie aus einer gemeindlichen Pressemitteilung ein Redakteursbericht wird, lesen Sie hier: „Ist der Mannheimer Morgen ein Sanierungsfall?

Wie die RNZ einen PR-Text eines Politikers zu einem Redakteursbericht macht, lesen Sie hier: „Nachgefragt: Wie wird aus einer politischen PR-Meldung ein redaktioneller Text in der RNZ?

In Sachen Guttenberg war die mediale Emp├Ârung gro├č. Dabei sind viele Medien selbst sehr erfahren in Plagiaten. „Plagiator-Formel: Dreist, dreister, Journalist ÔÇô wie Tageszeitungen tagt├Ąglich ÔÇťbeschei├čenÔÇŁ

Ein unabh├Ąngiger Reporter berichtet ├╝ber eine SPD-Hauptversammlung. Weit gefehlt. Der Reporter ist selbst Mitglied im Ortsverein. „Was von der Berichterstattung der RNZ unter dem K├╝rzel ÔÇťstuÔÇŁ zu halten ist

Auch wir machen Fehler – und reagieren angemessen: „Urheberrecht vermutlich missachtet

 

Anm. d. Red.: Um Missverst├Ąndnissen vorzubeugen: Die Freiwillige Feuerwehr wird ausdr├╝cklich nicht kritisiert. Die hat wie so oft ihren Job gemacht und einen gr├Â├čeren Schaden verhindert.

MM lobhudelt weiter

Neues von der Baustelle: Folge 9. Pfenning informiert „ausgew├Ąhlt“

"Pfenning"-Gesch├Ąftsf├╝hrer Uwe Nitzinger: Sagt immer nur so viel, wie er muss und h├Ąufig auch nur irgendwas, was sp├Ąter wieder ganz anders ist. Archivbild.

 

Heddesheim/Rhein-Neckar, 09. M├Ąrz 2012. Der Mannheimer Morgen f├Ąhrt mit seiner unkritischen Jubel-Berichterstattung in Sachen „Pfenning“ fort. Das war nicht anders zu erwarten. Und „Pfenning“ bedient die Zeitung exklusiv – unsere Redaktion wird vom „neuen, guten Nachbarn“ ausgegrenzt und nicht informiert. Folglich gilt das auch f├╝r unsere Leserinnen und Leser. Der Grund ist einfach: Wir berichten zu kritisch und Kritik ist nicht erw├╝nscht.

Von Hardy Prothmann

Das ist er also, der neue, gute Nachbar „Pfenning“. Ein Unternehmen, das bewusst in Kauf nimmt, gro├če Teile der Heddesheimer Bev├Âlkerung nicht zu erreichen. N├Ąmlich alle die, die den Mannheimer Morgen nicht abonniert haben und das sind sehr viele.

Dabei wei├č Gesch├Ąftsf├╝hrer Uwe Nitzinger sehr genau, dass die H├Ąlfte des Ortes gegen die montr├Âse, 650 Meter lange Bebauung auf 20 Hektar bestem Ackergel├Ąnde war. Nachdem der Bebauungsplan aber gegen alle klugen und kritischen Einw├Ąndungen durchgesetzt war, sah und h├Ârte man nichts mehr von Pfenning. Auch der Baustart wurde bis auf eine l├Ąppische Pressemeldung nicht kommuniziert.

Gesch├Ânte Berichte

Ab und an wirft „Pfenning“ mal einen Brocken hin und der MM schnappt ihn dankbar auf – immerhin hat „Pfenning“ ja auch schon einiges an Anzeigen dort geschaltet.

So erfahren die Zeitungsleser also, in welcher Reihenfolge die Hallen gebaut werden. Erst der n├Ârdliche Teil, von Ost nach West, dann der s├╝dliche Teil. Daf├╝r werden Fertigsystemteile des Bayerischen Unternehmens Max B├Âgl verbaut. B├Âgl hat sich auf diese Bauweise spezialisiert. Dazu gibt es Informationen, dass ein paar hundert Bauteile, St├╝tzen und Platten verbaut werden. Und rund 80 Bauarbeiter besch├Ąftigt sind, bis zu 300 sollen es im Sommer werden.

Wenn man sich Referenzobjekte auf der B├Âgl-Homepage anschaut, darf man berechtigte Zweifel haben, ob das „Pfenning“-Gel├Ąnde tats├Ąchlich Ende 2013/Anfang 2014 fertig gestellt sein wird, wie Uwe Nitzinger im Mannheimer Morgen behaupten darf.

Im s├╝dlichen Teil zur Benz-Stra├če hin wird ein Teil der Hallen 18 Meter hoch – wer hier was einlagern wird? Keine Information. Die Schiene kommt dann, wenn sie jemand braucht – also irgendwann oder nie. Die Schienenandienung war eins der Hauptargumente der CDU f├╝r die Logistikansiedlung. Jetzt erf├Ąhrt man, dass mindestens „36-Monate“ Vorlauf n├Âtig seien, falls denn mal jemand Interesse haben k├Ânnte.

Fragw├╝rdige ├äu├čerungen

Ebenso darf Nitzinger behaupten, niemand h├Ątte was davon gemerkt, dass „Pfenning schon da ist“ und das mit „Lkw-Verkehr“. Dazu wird unwidersprochen der Bauverkehr mit angeblich bis zu 800 Lkw-Bewegungen in der Spitze verglichen. Das ist haneb├╝chen.

Nat├╝rlich wei├č man schon lange, dass die Bauarbeiten begonnen haben – wir bringen aktuell unsere neunte Folge zur Baustelle. Im Gewerbegebiet werden Laternenmasten umgefahren und die Stra├čen sind h├Ąufig verdreckt – wie das halt so ist in der N├Ąhe von Baustellen. Wer allerdings f├╝r die Stra├čenreinigung aufkommt, ob „Pfenning“ oder der Steuerzahler? Wer wei├č, dazu gibt es keine Informationen.

Daf├╝r erh├Ąlt man aber einen Eindruck, wie das sein wird, wenn t├Ąglich hunderte zus├Ątzliche Lkw hier unterwegs sein werden. Im Hirschberger Kreisel ist der Aspahlt schwer besch├Ądigt und vor der Auf-/Abfahrt auf die A5 auf Hirschberger Seite hat sich eine deutliche Absenkung gebildet, die auf Reparatur wartet. Unsere Recherchen hierzu haben ergeben, dass das Regierungspr├Ąsidium zust├Ąndig ist, die Sache ans Landratsamt weitergereicht hat, aber keiner wei├č oder sagen kann, wann diese Sch├Ąden, die auch unfallgef├Ąhrlich sein k├Ânnen, behoben werden.

Offene Fragen

Uwe Nitzinger darf ├╝ber Kekse und Schokolade reden, die der neue Kunde „Kraft Foods“ hier lagern will. Ob der neue Kunde und die damit verbundenen Vertr├Ąge das „Pfenning“-Projekt ├╝berhaupt erst finanzierbar gemacht haben, wird nicht gefragt.

Es war schon seltsam, wie der strahlende Chef Karl-Martin Pfenning erst eine 100 Millionen-Euro-Investition verk├╝ndete, dann aber trotz Baugenehmigung nichts passierte. Es gab viele Ger├╝chte, ob die Finanzierung geplatzt sei. Harte Fakten gibt es nicht, weil der eigentliche Investor die Phoenix 2010 GbR ist – ein zwei-Mann-„Unternehmen“, das nicht publizit├Ątspflichtig ist.

Weiter darf Nitzinger behaupten, man halte sich an den Verkehrslenkungsvertrag – dabei werden immer wieder gro├če „Pfenning“-Lkw gesichtet, die durch den Ort fahren. Und die Aussage: „Der Verkehr kommt aus der Ferne und geht in die Ferne“, wird gar nicht erst vom MM aufgegriffen.

Leere Versprechen

Herzig ist die Information, es w├╝rde keinen regionalen Verkehr geben. Also nicht von Pfenning. Wenn Waren beispielsweise f├╝r Edeka eingelagert und von Edeka ausgeliefert werden, dann ist das ja kein „Pfenning“-Verkehr. Und wenn die regionalen Versorgungs-Lkw bis zu 12 Tonnen schwer sind, gilt f├╝r die auch nicht der Verkehrslenkungsvertrag. Wer immer noch an all die „Versprechungen“ glaubt, ist selbst schuld.

Angeblich sollen f├╝r den Kunden Kraft Foods zweihundert Leute arbeiten – davon aber die H├Ąlfte als Leihkr├Ąfte. Die Zahl „bis zu 1.000 Arbeitspl├Ątze“, mit der B├╝rgermeister Kessler, die CDU, SPD und FDP f├╝r das Projekt geworben haben, f├Ąllt in diesem Zusammenhang nicht mehr. Und – ach ja – vier Ausbildungspl├Ątze halte „Pfenning“ nach wie vor frei f├╝r Heddesheimer Berufsanf├Ąnger – bislang habe sich aber niemand gefunden, der zu „Pfenning“ passt. Das soll man alles so glauben, denn es steht ja in der Zeitung.

Ausgew├Ąhlte G├Ąste

Am 23. M├Ąrz gibt es eine „symbolische Grundsteinlegung“ – f├╝r ausgew├Ąhlte G├Ąste. Wir sind bislang noch nicht eingeladen worden und vermuten, dass es dabei bleibt. Der Mannheimer Morgen darf sicherlich in der ersten Reihe sitzen, damit man auch jedes Wort exakt so mitschreibt, wie man das von seiten der Verwaltung und Pfenning will.

Das wird so erwartet und auch erf├╝llt.

Zeitungsstreik: Journalismus hei├čt, Fragen zu stellen

Heddesheim/Mannheim/Stuttgart, 03. August 2011. Die streikenden Redakteure beim MM stehen unter Druck – einerseits durch die Forderungen der Verleger. Aber ganz immens auch, weil das Produkt Zeitung nicht mehr ankommt. 1.500 Abos hat der MM im zweiten Quartal verloren. Die Auflage ist im Sinkflug. Auch das Anzeigengesch├Ąft leidet. Der Vertrauensverlust der Leserinnen und Leser ist enorm. Angeblich streiken die Redakteure f├╝r „Qualit├Ąt“ und fordern „Solidarit├Ąt“. Man muss fragen, was sie damit meinen.

Von Hardy Prothmann

Dass ich insbesondere den Mannheimer Morgen massiv kritisiere, ist bekannt. W├╝rde ich in Stuttgart, in Mosbach, in Heidelberg, in Karlsruhe, in Bruschal, in Ludwigshafen oder Neustadt an der Bergstra├če leben, w├╝rde ich mir andere Zeitungen kritisch anschauen.

Vermutlich w├╝rde ich im Sinne der Leserinnen und Leser meiner Blogs auch an anderen Orten und damit Verbreitungsgebieten von Monopol-Zeitungen viel Kritik an der Berichterstattung ├╝ben k├Ânnen. Denn der Lokaljournalismus befindet sich in einer tiefen Krise.

Tats├Ąchlich kann ich aber am besten die Zeitungen beurteilen, deren Nachrichten ich durch eigene Recherchen ├╝berpr├╝fen kann. Das sind der Mannheimer Morgen, die Weinheimer Nachrichten und die Rhein-Neckar-Zeitung. Und alle kommen oft nicht gut weg, wobei klar gesagt werden muss, dass der MM besonders problematisch ist.

Meine Kritik an der Zeitung ist massiv, aber sie ist auch begr├╝ndet.

Aktuell haben streikende MM-Redakteure Kommentare gel├Âscht – denn Kritik oder andere als „gewogene“ Nachrichten sind nicht erw├╝nscht. So einfach kommen die streikenden Redakteure nicht davon. Sie k├Ânnen nicht so tun, als ob sie kritisch w├Ąren und gleichzeitig Informationen l├Âschen oder ignorieren.

Sie fordern Solidarit├Ąt, schlie├čen aber nicht gew├╝nschte Meinungen aus. Das geht so nicht.

Wer f├╝r Meinungsfreiheit und Qualit├Ąt der Berichterstattung vorgeblich eintritt, muss selbst auch aushalten k├Ânnen, sich der Kritik stellen und transparent informieren.

├ťber verschiedene Kontakte erhalte ich abenteuerlichste Informationen, was die MM-Redakteure von meiner inhaltlichen Kritik halten. Auf einen anonymen Kommentar habe ich dem Dumpfsinn entsprechend, aber trotzdem umfangreich geantwortet.

Die in dem anonymen Kommentar ├Ąu├čerst dumm unterstellten „Motive“ sind haneb├╝chen.

Ich habe mich deshalb in einem Kommentar auf Facebook an einen Redakteur gewandt, von dem ich eine hohe Meinung habe und davon ausgehe, dass er sich Fragen und Kritik stellt.

Es ist der Versuch eines Dialogs. Sicher nicht ohne Provokation. Aber mit der M├Âglichkeit zu Antworten, die die Zeitung und alle MM-Redakteure den Leserinnen und Lesern lange und l├Ąngst schuldig sind.

Der Redakteur wurde von mir ausgew├Ąhlt, weil ich vor zwanzig Jahren gut mit ihm zusammen gearbeitet habe und ich seine damals kritische Haltung sch├Ątzte. Und er ist aktiv am Streik beteiligt. Man kann ihn auf Fotos sehen und er postet auf Facebook.

Seit siebzehn Jahren haben wir nichts mehr miteinander zu tun. Wie gesagt, es ist ein Experiment – ich wei├č nicht, wie der Mann heute „tickt“, aber ich habe Hoffnung.

Denn eigentlich w├╝rde ich mir w├╝nschen, dass der MM eine st├Ąrkere Konkurrenz bietet, eine gr├Â├čere Herausforderung.

Der MM und meine Blogs haben eine Schnittmenge – also Menschen, die sowohl die Zeitung lesen, als auch die von mir verantworteten Blogs. Die Leserinnen und Leser, die nur meine Blogs lesen, wissen nicht, was in der Zeitung berichtet wird und umgekehrt.

Ich habe ├╝berhaupt keine Probleme, auf gute Stories im MM zu verweisen – sie m├╝ssen aber gut sein. Dann w├╝rde ich sogar empfehlen, die Zeitung zumindest tagesaktuell zu kaufen. Daf├╝r muss ich aber ├╝berzeugt sein, dass sich das f├╝r meine Leserinnen und Leser lohnt.

Hier sind die Fragen. Der Name ist unkenntlich gemacht, weil er nicht viel zur Sache tut. Jeder mit Facebook-Zugang wird ihn schnell recherchieren k├Ânnen, was vollkommen O.K. ist, da er ja unter Klarnamen ├Âffentlich sichtbar dort schreibt.

Vielleicht ist das ein Ansatz, um einen Austausch ├╝ber „qualitativen Journalismus“ in Gang zu bringen. Vielleicht auch nicht.

Viele Fragen - ob es Antworten geben wird?

Erg├Ąnzung

Heute hat Thorsten Hof reagiert. Er schreibt folgendes:

Facebook informiert per email ├╝ber einen Kommentar - weil die streikenden MM-Redakteure sich abschotten, ist eine direkte Antwort nicht m├Âglich.

Ich h├Ątte ja gerne darauf reagiert. Da aber mittlerweile nicht nur f├╝r meinen Hardy Prothmann-Account der Zugang zur „Streikmorgen“-Seite gesperrt ist, sondern die Pinnwand f├╝r alle „Nicht-Freunde“ gesperrt wurde, kann ich leider nicht auf Facebook darauf reagieren.

Die „Vorgeschichte“, die Herr Hof anspricht, meint den Kommentar „Das Drama der journalistischen Prostitution“, den ich im Februar 2010 auf dem http://heddesheimblog.de ver├Âffentlicht habe. Thema des Textes war die Kritik an einer dauerhaft unkritischen, gef├Ąlligen Berichterstattung durch die Redakteurin Anja G├Ârlitz.

Gegen diesen Text ist Frau G├Ârlitz juristisch vorgegangen. Insgesamt habe ich rund 5.000 Euro Anwalts- und Gerichtskosten bezahlen m├╝ssen. Ein Versuch der „g├╝tlichen“ Regelung wurde nicht unternommen.

Der Anwalt von Frau G├Ârlitz wollte zudem ein Ordnungsgeld von 3.000 Euro gegen mich durchsetzen, das Gericht hat das zur├╝ckgewiesen und ein Ordnungsgeld von 300 Euro verh├Ąngt.

Der Hintergrund: Zun├Ąchst wurde ich ├╝ber meine Privatadresse abgemahnt. Die weitere Post ging aber an mein Mannheimer B├╝ro, dass ich damals f├╝r mehrere Wochen nicht besucht hatte. Daher hatte ich s├Ąmtliche Einspruchfristen verpasst und mich entschieden, aus Kostengr├╝nden die mittlerweile erlassene Einstweilige Verf├╝gung zu akzeptieren. Der Anwalt von Frau G├Ârlitz hat das Maximum an Geb├╝hren angesetzt und der Versuch mit dem Ordnungsgeld zeigen eindeutig, dass es weniger um die „Ehre“ ging als darum, einen wirtschaftlichen Maximalschaden zu erzielen.

Interessant ist die Haltung von Herr Hof schon: Ein einziger Text vor eineinhalb Jahren ist ihm Grund genug, die Haltung der MM-Redakteure zu rechtfertigen. Das zeigt sehr sch├Ân den Korpsgeist dieser Bagage (danke f├╝r den Hinweis auf den Tippfehler, ist korrigiert).

Statt mit eigenen Leistungen zu gl├Ąnzen, sucht man Tippfehler, baggert den Graben aus und erh├Âht den Schutzwall auf Facebook. Auch nicht schlecht. ­čśë

 

Streikende MM-Zeitungsredakteure: Wer oder was nicht passt, wird gel├Âscht

Heddesheim/Mannheim/Stuttgart, 03. August 2011. ├ťberall im L├Ąndle streiken Zeitungsredakteure. Durchaus mit unterschiedlichem „Berufs“ethos. W├Ąhrend die einen unzutreffende Informationen korrigieren, l├Âschen die anderen zutreffende Informationen, die ihnen nicht passen. Was wiederum aber zum Image dieser speziellen „Redakteure“ passt. Wer sich Gedanken macht, ob er wirklich „Solidarit├Ąt“ mit den streikenden Redakteuren beim Mannheimer Morgen haben kann, sollte wissen, welche Haltung diese „Journalisten“ vertreten. Schade f├╝r die gutgl├Ąubigen K├╝nstler wie Xavier Naidoo, die auf die Verlogenheit hereinfallen.

Von Hardy Prothmann

Nochmal zur Erinnerung. Zeitungsredakteure sind im Ausstand, weil Berufseinsteiger nicht mehr mit rund 3.000 Euro Gehalt bei 14 Monatsgeh├Ąltern und einer 35-Stunden-Woche beginnen sollen, sondern mit bis zu 25 Prozent weniger. Und andere auf das Weihnachts- und Urlaubsgeld verzichten sollen, was rund f├╝nf Prozent weniger bedeutet.

Ich habe heute gegen 17:30 Uhr zwei Kommentare auf der Facebook-Seite der streikenden MM-Redakteure gepostet:

Auch die ARD hat im Morgenmagazin ├╝ber den Streik berichtet. http://www.tagesschau.de/multimedia/video/ondemand100_id-video953858.html

Und kurz darauf:

Weitere Hintergr├╝nde zu meiner Haltung hier. http://istlokal-medien.de/heddesheimblog/2011/08/02/in-eigener-sache-reaktionen-auf-den-beitrag-im-ard-morgenmagazin/

Die Kommentare waren nur f├╝r Stunden zu sehen, bis sie getilgt worden sind.

Gegen 19:30 Uhr waren nicht nur die beiden Kommentare verschwunden, sondern scheinbar die komplette Facebook-Seite. Zumindest f├╝r mich, denn ich wurde „geblockt“. Als geblockte Person ist die Seite nicht mehr aufrufbar. Das Zeichen war ein eindeutig. Kommentare von Hardy Prothmann sind auf der Seite der MM-Redakteure offensichtlich nicht erw├╝nscht.

Kommentare gel├Âscht - Nutzer blockiert. So sieht Meinungsvielfalt und Transparenz in den Augen der streikenden MM-Redakteure aus.

„Gef├Ąllt mir sehr, toll, unterst├╝tzenswert, super“ als Kommentar bleibt erlaubt.

Die Erkl├Ąrung ist vermutlich einfach: In den vergangenen zwei Jahren habe ich die Zeitung immer wieder mit Verfehlungen konfrontiert. Der MM an sich ist mir egal, aber ich kritisiere schlechte Recherche, unterschlagene Meldungen oder abgepinselte Pressemitteilungen. Oder thematisiere die st├Ąndige Bratwurstberichterstattung, die nichts weiter tut, als mit verschwurbelten Texten ├╝ber Wetterg├Âtter zu fantasieren. Schlechte Zust├Ąnde zu kritisieren, sollte eine journalistische Grundtugend sein. Und es darf keine „Bei├čhemmung“ gegen├╝ber ├Ąu├čerst schlechtem „Journalismus“ geben.

Das passt nat├╝rlich ├╝berhaupt nicht zum Selbstbild, denn immerhin streiken die MM-Redakteure ja f├╝r „Qualit├Ątsjournalismus“ (zumindest, was sie darunter verstehen) und f├╝r eine entsprechende Bezahlung.

Die MM-Redakteure behaupten sogar, dass es um die „Zukunft des Qualit├Ąsjournalismus“ ginge:

Auf der Blogseite liest sich das etwas ehrlicher – da gehts ├╝berwiegend ums Geld und ganz zum Schluss ein bisschen um „die Demokratie“. Und angeblich streiken sie auch f├╝r „unsere Leser“.

Um was geht es? Um Demokratie? Eher doch ums Geld.

Tats├Ąchlich halten die streikenden MM-Redakteure aber „unseren Lesern“ missliebige Informationen vor. Oder warum l├Âschen sie sonst Kommentare, die weder beleidigend noch anst├Â├čig sind? Sondern zus├Ątzliche Informationen enthalten, mit den sich Leserinnen und Leser eine eigene Meinung bilden k├Ânnen? Mal abgesehen davon, dass es in beiden verlinkten Informationen gar nicht „direkt“ um die streikenden MM-Redakteure selbst ging und ich im ARD-Interview sogar die Verlegerseite ordentlich kritisiert habe?

Oder darf-┬á nicht Meinung sein, was nicht der Meinung der streikenden MM-Redakteure entspricht? Oder d├╝rfen die keine Stimme haben, die man nicht leiden kann? Ist es das, was diese Redakteure mit „wir streiken f├╝r unsere Leser“ meinen? Unter Transparenz, Meinungsvielfalt? Unter „Kritik“ und streitbarem Journalismus?

MM-Streiker vs. Tagblatt-Streiker

Ganz anders der Umgang bei den Streikenden vom „Schw├Ąbischen Tagblatt“. Die verlinken von sich aus auf den ARD-Beitrag, allerdings mit einer fehlerhaften Information und nennen mit einen „bloggenden Ex-Redakteur“. Ich korrigiere das h├Âflich und verlinke ebenfalls zwei Texte, die aus Sicht der Zeitungsredakteure sicher nicht „angenehm“ sind.

Die Reaktion ist anst├Ąndig: Der Kommentar wird frei geschaltet, der Fehler korrigiert. Auch wenn ich nicht wei├č, wie die Berichterstattungsqualit├Ąt des Schw├Ąbischen Tagblatts ist, habe ich zumindest durch diese Verhalten einen positiven Eindruck gewonnen. Das ist das einzig zu erwartende Verhalten.

Die Streikenden beim Schw├Ąbischen Tagblatt haben Kritik zugelassen.

Immerhin: Man k├Ânnte auch annehmen, dass vielleicht nur die MM-Streikenden f├╝r die „L├Âsch-Aktion“ verantwortlich sind, die die Facebook-Seite betreuen. Aber das w├Ąre nur eine billige Ausrede f├╝r die Gesamt-Bagage.

Wer einen Funken Ehre im Leib hat, was ich bei vielen nicht vermute, m├╝sste sofort auf diese Aktion reagieren und sein Missfallen ausdr├╝cken. Das aber ist doch mehr als unwahrscheinlich. (Ich bin fast sicher, dass sich niemand f├╝r diese „L├Âsch“-Aktion entschuldigt oder sie kritisiert.)

Leider haben die MM-Redakteure im Ausstand noch nicht verstanden, dass sie l├Ąngst nicht mehr alleine „Meinungen bilden“, also nicht mehr bestimmen k├Ânnen, ├╝ber wen und was sie wie informieren oder was sie lieber „unterdr├╝ckt“ sehen wollen.

Das Internet macht die Welt transparenter. Und zeigt, wie dumm oder hilflos manche Journalisten, die eigentlich daran mitwirken sollten, reagieren.

Absurd wird es, wenn dieser Haufen das Wort „Qualit├Ątsjournalismus“ f├╝hrt. Sie stehen weder f├╝r Qualit├Ąt noch Journalismus noch f├╝r die Kombination aus beidem.

Ich unterst├╝tze die Forderungen der Verleger kein bisschen – aber im Fall der MM-Streikenden w├Ąre ich sogar mit der ein oder anderen fristlosen K├╝ndigung vollkommen einverstanden.

Es w├Ąre sicher kein allzu gro├čer Verlust.

Denn die MM-Redakteure fordern Solidarit├Ąt, die sie selbst nicht bereit sind zu geben. Dieser Kommentar wartet immer noch auf Freischaltung.

Solidarit├Ąt mit dem journalistischen Prekariat, den "Freien"? Nicht bei den streikenden MM-Redakteuren.

P.S.
Das Internet l├Ąsst sich nicht so einfach kontrollieren, „verehrte Kollegen“, wie ihr das denkt. Und das ist gut so. Schlecht ist: Das habt ihr leider noch nicht verstanden und vermutlich werdet ihr das auch nicht verstehen.

Zeitungsstreik: Solidarit├Ąt? Wieso, weshalb, warum?

Heddesheim/Mannheim/Stuttgart, 03. August 2011. Die streikenden Zeitungsredakteure fordern Solidarit├Ąt ein. Denn ihnen drohen Lohnk├╝rzungen und schlechtere Arbeitsbedingungen. Doch ist deren „Emp├Ârung“ wirklich nachvollziehbar? Haben sie sich „Solidarit├Ąt“ verdient?

Von Hardy Prothmann

Es gibt sie noch, die sehr guten Redakteure. Vereinzelt. Aber deren Einfluss ist gering. Sie haben schon l├Ąngst keine Lobby mehr und im Zweifel finden die, die kritisch berichten und die Folgen tragen m├╝ssen, keine Solidarit├Ąt bei den „Kollegen“. Der Gesamtzustand der Branche ist desolat.

Ob der Kommentar jemals frei geschaltet wird? Knapp acht Stunden nach dem Erstellen auf der MM-Streikseite wartet er immer noch auf "Freischaltung".

Es gibt genau eine Perspektive, unter der man die Emp├Ârung der streikenden Zeitungsredakteure verstehen kann: Noch verdienen die meisten Verlage satte Renditen, h├Ąufig im zweistelligen Bereich. Wenn die Arbeitgeber vor diesem Hintergrund bis zu 25 Prozent unter dem bisherigen Tarif Berufsanf├Ąnger besch├Ąftigen wollen, dann ist das skandal├Âs und grob sittenwidrig. Damit endet die eine Perspektive.

Honorardumping ist der Normalzustand

Die anderen sehen so aus:

Skandal├Âse „Auftragsverh├Ąltnisse“ sind der „Normalzustand“, mit dem man die Einkommensituation von vielen freien Journalisten oder „Mitarbeitern“ beschreiben kann.

Deswegen hat es sich auch schon mit meiner Solidarit├Ąt gegen├╝ber den Zeitungsredakteuren. Ich werfe den meisten von ihnen Kumpanei, Mitt├Ąterschaft, Honorar-Dumping, Untertanentum, Eitelkeit, ├ťberheblichkeit, Weltentr├╝cktheit und Respektlosigkeit vor. Sie sind Teil eines mafiosen Systems und haben solange still gehalten, solange sie ihren Teil der Beute abbekommen haben. Jetzt sind sie im Streik, weil ihnen ihr „Anteil“ zu klein scheint.

Und ich wei├č, wovon ich rede. Denn ich bin seit 20 Jahren freier Journalist und meine „Abnehmer“ waren ├╝ber 18 Jahre lang Redakteure. Mit vielen davon habe ich sehr gut zusammengearbeitet. Fr├╝her. Doch die Zeiten haben sich ge├Ąndert. Die Zusammenarbeit wurde immer schwieriger – nicht unbedingt, aber auch inhaltlich. Vor allem aber wirtschaftlich.

HorrorHonorargeschichten

1994 bin ich nach drei Jahren mit meinem Universit├Ątsabschluss vom lokalen in den ├╝berregionalen Journalismus gewechselt. Denn nur dort waren einigerma├čen gute Honorare zu erwirtschaften.

Was ich niemals erlebt habe, war ein „Bonus“ f├╝r eine au├čergew├Âhnlich gute Arbeit, der mir einfach angeboten oder ├╝berwiesen worden w├Ąre. Was ich ab und an erleben durfte, waren ein klein wenig h├Âhere Honorare, wenn ich diese mit guten Argumenten nachgefordert hatte. Was ich meistens erlebt habe, waren „Honorare“ die ihrem Namen keine Ehre machten. Die Zeilen- oder Beitragshonorare waren niemals ├╝ppig, selten gut, oft „gingen sie grad so“, meist waren sie nicht akzeptabel. Jedenfalls, wenn man davon leben wollte.

Beim Mannheimer Morgen habe ich 55 Pfenning (27 Cent) die Zeile „verdient“. Brutto. Ein mittlerer zweispaltiger Bericht mit 80 Zeilen ergab demnach 44 Deutsche Mark. Rechnete man im Schnitt eine Stunde Wegstrecke, 1,5 Stunden Schreiben, 1,5 Stunden vor Ort, eine Stunden Vor- und Nachbereitung, kam man auf einen Stundenlohn von 8,80 Deutsche Mark.

In den drei Jahren beim MM habe ich rund 1.000 Artikel geschrieben. Ich war als „freier Mitarbeiter“ damit ganz gut „im Gesch├Ąft“. Einwandfreie Qualit├Ąt wurde selbstredend immer erwartet. Alle Artikel wurden ver├Âffentlicht. Manchmal waren 100 Zeilen bestellt, 70 wurden abgedruckt und nur 70 wurden zun├Ąchst bezahlt. Weil ich gut war und gebraucht wurde, hatte meine Intervention Erfolg – ich bekam die bestellten und abgelieferten Zeilen bezahlt, sollte dazu aber gegen├╝ber anderen Mitarbeitern stillschweigen.

In diesen drei Jahren ist es mir in einem einzigen Monat gelungen, 1.700 Deutsche Mark zusammenzuschreiben. Der Grund: Viele Redakteure waren in Urlaub, also gab es mehr als sonst zu tun und es gab ein paar spannende Themen und viele Vereinsfeste. Damals war ich 25 Jahre alt. Im Schnitt habe ich rund 800 Mark mit meinem freien Journalismus verdient. Brutto.

„Das Thema kriegen wir nicht durch.“

Davon musste ich ein Auto unterhalten, ein B├╝ro, Computer, Telefon. Irgendeine „Kostenpauschale“ stand nicht zur Disposition. Ein paar Redakteure bestellten ab und an zehn Zeilen mehr als sie f├╝r den Abdruck vorgesehen hatten. Die 5,5 Mark waren sowas wie ein „Anerkennung“, weil ich immer einsatzbereit war.

Termine kamen aus der Redaktion, die meisten Themenvorschl├Ąge von mir. Meist wurden sie angenommen, aber immer wieder h├Ârte ich den Satz: „Das Thema kriegen wir nicht durch.“

Ab 1994 ├Ąnderten sich meine Verh├Ąltnisse mit einem Artikel f├╝r Die Zeit. Dort erhielt ich 2,8 Mark die Zeile und sogar ein Fotohonorar von 150 Euro. Zusammen waren das f├╝r einen „Job“ 430 Euro. Das war sensationell. Fortan konzentrierte ich mich auf gr├Â├čere Zeitungen, Wochenzeitungen, Magazine sowie ├╝berwiegend den ARD-H├Ârfunk, der am l├Ąngsten ganz gut bezahlte und auch heute noch akzeptable Honorare bietet.

Und ich habe oft „Angebote“ ausgeschlagen, die immer wieder angefragt wurden, weil ich den „Markt“ nicht kaputt machen wollte. Unter 350 Mark habe ich keine Magazinseite geschrieben. Niemals unter einer Mark eine Zeile (au├čer f├╝r die taz, die 70 Pfenning die Zeile zahlte).

Dazu habe ich an Zeitschriftenentwicklungen mitgewirkt, das brachte am meisten Geld, Redaktionsvertretungen gemacht, Vortr├Ąge und Seminare gehalten.

Um auf das Einstiegsgehalt eines Zeitungsredakteurs von damals rund 4.000 Mark Brutto zu kommen, musste ich rund 6.000 Mark verdienen und zus├Ątzlich Geld f├╝r die „Infrastruktur“ wie Auto, Telekommunikation, Computer, Kamera. Manchmal hat das funktioniert, manchmal nicht.

Nochmal zur Verdeutlichung: Bei 55 Pfenning pro Zeile und 150 Zeilen t├Ąglich w├Ąre ich bei einer 5-Tage-Woche auf 1.650 Mark gekommen. Rechnet man noch sechs Wochen Urlaub ein, w├Ąren rund 1.440 Mark brutto geblieben. Krank durfte man nicht werden, Nein sagen auch nicht. Und es gab damals Zeitungen, die nur 25 Pfenning pro Zeile zahlten.

Durch meinen Wechsel in die „h├Âhere Honorarliga“ war ich in der gl├╝cklichen Lage, nicht jeden Mist machen zu m├╝ssen, sondern mir Themen und Auftr├Ąge aussuchen zu k├Ânnen.

Die meisten Kollegen versuchten, irgendwie eine Festanstellung zu bekommen. Nicht, um journalistisch interessanter arbeiten zu k├Ânnen, sondern um versorgt zu sein.

Doch die „T├Âpfe“ f├╝r „Honorare“ wurden zunehmend geringer. Viele Kollegen klagten nur noch, schlugen sich mehr schlecht als recht durch, auch ich hatte Einbu├čen, aber es ging noch ganz gut.

FAZ: 70 Cent pro Zeile sind „normal“

Als ich 2003 einen exklusiven Text mit einem enormen Rechercheaufwand geschrieben hatte, bekam ich 70 Euro ├╝berwiesen. F├╝r einen 100-zeiligen Artikel. Also 70 Cent pro Zeile. Ich habe mich daraufhin beim Herausgeber Schirrmacher beschwert, der mir zur├╝ckgeschrieben hat, dass dies einem „durchaus ├╝blichen Honorar“ entspr├Ąche, ich aber eine Nachzahlung von 90 Euro erhielte. Eine weitere Zusammenarbeit war nicht mehr gew├╝nscht.

Als ich 2004 zuf├Ąllig zum Tsunami auf der thail├Ąndischen Insel Phuket war, berichtete ich 18 Tage lang f├╝r mehrere deutsche Medien. Darunter Spiegel, Spiegel Online, Spiegel TV, Focus, Handelsblatt, Zeit, tagesspiegel, Berliner Morgenpost, Welt, SWR und noch ein paar andere. In knapp drei Wochen habe ich rund 15.000 Euro Umsatz gemacht.

Ich war 16-20 Stunden im Einsatz, habe am Tag nach der Katastrophe 600 Leichen gez├Ąhlt, um die Zahl der Opfer absch├Ątzen zu k├Ânnen, habe unter anderem eine Reportage ├╝ber die Arbeit der DVI-Teams (Desaster Victims Identification) geschrieben, Tage im Krankenhaus verbracht und ├╝ber das Leid und die Hoffnung berichtet.

5.000 Euro die Woche? Kein schlechtes „Honorar“. Doch zu welchem Preis? F├╝r welchen Einsatz? H├Ątte ich ein „psychologisches“ Problem bekommen, einen Unfall erlitten – wer h├Ątte f├╝r mich gesorgt? Es gibt f├╝r freie Journalisten selten eine Kostenerstattung und so gut wie nie eine Absicherung durch die „Auftraggeber“. Aber es gibt noch Jobs f├╝r alle die, die „gut“ verdienen wollen – ├╝berall da, wo es gef├Ąhrlich ist. Denn da gehen die Redakteure nicht hin.

Tagess├Ątze von unter 250 Euro habe ich niemals akzeptiert. Mein Normalsatz waren 350 Euro. Heutzutage sind 75 Euro kein Ausnahmefall.

Lokalberichterstattung ist Ausbeutung auf h├Âchstem Niveau

Im „Lokalen“ sieht es am bittersten aus. Da bleiben f├╝r Freie meist nur die „Krumen“. Feste und Vereine. Eben alles das, wof├╝r sich die Redakteure meist zu schade sind. Plus Abend- und Wochenendtermine, weil die meisten Redakteure dann frei haben. H├Ąufig sind das Rentner, die nicht unbedingt dazu verdienen m├╝ssen oder Hausfrauen. Oder ehemalige Praktikanten wie ich, die dann f├╝r Hungerl├Âhne Zeilen schinden und anfangen, irgendwas blumig zu erdichten.

Zeitungsredakteure geben das in Auftrag, nehmen es ab und ver├Âffentlichen diesen Schund. Diese Bratwurstberichterstattung ├╝ber Wetterg├Âtter, allgemeine Zufriedenheit, k├╝hlen Gerstensaft und leckere Bratw├╝rste. Sie suchen die N├Ąhe der „M├Ąchtigen“ und schreiben den meisten nach dem Maul – au├čer, der Herr Verleger oder der Chefredakteur haben jemand „auf dem Kieker“ – der wird dann „runtergeschrieben“. Ansonsten dient man sich an.

Redakteure bilden den unsolidarischst-vorstellbaren Haufen

Es gibt keinen unsolidarischeren Haufen als diese Zeitungsredakteure, die sich einen Dreck drum scheren, wie es „ihren“ freien Mitarbeitern geht. Meist erlebt man Arrogantlinge, die vor Selbst├╝berheblichkeit kaum noch laufen k├Ânnen und mit ihrer Schere im Kopf st├Ąndig bem├╝ht sind, keinen ├ärger zu bekommen, statt „Anwalt des Lesers“ zu sein und „Missst├Ąnde aufzudecken“. Sie halten sich f├╝r „unabh├Ąngig“ – wie wenig sie das sind, zeigt ihr Streik.

Redakteure, die es genie├čen, hoffiert zu werden, die selbstverst├Ąndlich immer ihre „Extra-Wurst“ einfordern, sich auf Reisen einladen lassen, sich beschenken lassen und „Presserabatte“ einfordern. Und ihr Sal├Ąr gerne mal mit einer „Moderation“ aufarbeiten und gar nicht so selten in ihrer Freizeit „Berichte“ f├╝r Unternehmen oder Politiker schreiben, die sie als „Pressemitteilung“ dieser Unternehmen oder Politiker dann als „Grundlage“ f├╝r ihre „journalistischen Berichte“ verwenden.

Sie agieren dabei genauso, wie viele Chefredakteure und Redaktionsleiter, die in teure Hotels zu wichtigen Konferenzen eingeladen werden, wo Unternehmen, Politiker, Verb├Ąnde und Lobbyisten dann „Themenstrecken“ und Anzeigenbuchungen aushandeln. Und vor allem, ├╝ber was nicht berichtet wird.

Man kann vermuten, dass einige Redakteure bei Tageszeitungen journalistisch auch einfach zu inkompetent sind, um dieses Zusammenh├Ąnge verstehen zu wollen, geschweige denn zu sehen. Man liegt aber auch richtig, wenn man annimmt, dass viele dies schweigend zur Kenntnis nehmen und wissen, was sie und was sie nicht zu berichten haben.

Transparenz ├╝ber die Hintergr├╝nde ihrer Arbeit findet man von den Redakteuren in den Zeitungen so gut wie niemals.

Und diese Leute fordern nun Solidarit├Ąt. Also einen Zusammenhalt, eine Haltung?

Arrogante Verlogenheit

Wer sich und andere ├╝ber Jahrzehnte selbst bel├╝gt, kann wahrscheinlich die eigene Verlogenheit irgendwann nicht mehr erkennen.

Mit dem Blick von au├čen sehe ich aber keinen Grund, mich mit diesen Leuten zu solidarisieren, von denen ich und die allermeisten freien Journalisten in Deutschland niemals „Solidarit├Ąt“ erfahren haben.

Und wenn Leserinnen und Leser w├╝ssten, wie respektlos und despektierlich sich „Redakteure“ oft ├╝ber ihre Kunden auslassen – sie w├Ąren entsetzt. „Die da drau├čen“ sind f├╝r viele Redakteure einfach nur dumme Leute. Solange es kaum eine M├Âglichkeit gab, die „Kontrolleure“ zu kontrollieren, mussten die Leute „glauben, was in der Zeitung steht“.

Das Internet hat das ver├Ąndert – heute gibt es so viele Quellen und so viele M├Âglichkeiten sich per email, Facebook oder anderen Medien zu informieren und auszutauschen. Und es gibt viele Redakteure, die ihre Verachtungshorizont auf das Internet ausgeweitet haben, wo man angeblich „nur Dreck findet“. Und es gibt nicht wenige, die stolz darauf sind, dass sie das Internet nicht benutzen.

Darin unterscheiden sie sich nicht von denen, gegen die sie gerade streiken – die Verleger als Arbeitsgeber.

Nachtrag:
Alle Redakteure, mit denen ich gut zusammengearbeitet habe und dies weiterhin tue, schlie├če ich selbstverst├Ąndlich aus und hoffe, dass sie ihren schweren Stand weiter halten k├Ânnen.

Das Drama der journalistischen Bedeutungslosigkeit – der Fall Kachelmann ist beispielhaft f├╝r den „Fall“ des Mannheimer Morgens


Journalistisch nur verloren und nichts gewonnen hat vor allem der MM. Quelle: MM

Mannheim/Rhein-Neckar/Deutschland, 31. Mai 2011 (red) ├ťberall in Deutschland wurde gestern schon ├╝ber den Freispruch von J├Ârg Kachelmann berichtet. Der Prozess um eine mutma├čliche Vergewaltigung hat seit gut einem Jahr deutschlandweit Schlagzeilen gemacht. Bunte, Focus, Bild und Spiegel haben die Berichterstattung „vorangetrieben“. Ein wenig auch die Agenturen. Mit Sicherheit auch „das Internet“. Keine Rolle hingegen spielte der Mannheimer Morgen.

Von Hardy Prothmann

Um eines klipp und klar festzustellen: Die meisten gro├čen Medien haben im „Fall Kachelmann“ nicht nur versagt, sondern deutlich gemacht, wie erb├Ąrmlich es um den „Journalismus“ in Deutschland bestellt ist. Allen voran Alice Schwarzer, die sich f├╝r sich f├╝r Bild ins Zeug gelegt hat und Gisela Friedrichsen f├╝r den Spiegel.

Schl├╝pfriger Journalismus

Scheckbuch-Journalismus ├â┬í la Bunte, 50.000 Euro f├╝r ein Interview mit einer Ex-Geliebten, die schl├╝pfrige Details erz├Ąhlt, die nichts, aber auch gar nichts mit dem Prozess an sich zu tun haben, ist nur Blick in den pornografischen Abgrund des „Unterhaltungsjournalismus“ gewesen.

Bis heute fehlt eine Distanzierung durch den „allseits geachteten“ Dr. Hubert Burda ├╝ber die Verfehlungen in und durch seine Medien in diesem „spektakul├Ąren“ Prozess.

Verlierer-Journalismus

Der Mannheimer Morgen kommentiert heute: „Nur Verlierer.“ Und urteilt wahr und richtig. Der angebliche Vergewaltiger Kachelmann ist ein Verlierer. Das angebliche Vergewaltigungsopfer, eine Radiomoderatorin, ist eine Verliererin. Das Mannheimer Landgericht ist ein Verlierer. Die Staatsanwaltschaft ist eine Verliererin.

Und der Mannheimer Morgen hat auf ganzer Linie versagt und verloren. Der lokale Platzhirsch spielte journalistisch auch nicht den Hauch ein Rolle in diesem Drama. Kennen Sie eine exklusive Meldung der Zeitung in dem Fall? Eine Nachricht von Bedeutung? Die eine Rolle gespielt h├Ątte? Die etwas oder jemanden bewegt h├Ątte? Nein? Ich auch nicht.

Die Presseerkl├Ąrung des Landgerichts besch├Ąftigt sich fast nur am Rande mit dem Prozess und dem Urteil. Zentraler Inhalt ist ein Frontalangriff auf „die Medien“.

Frontalangriff auf die Medien

Und dieser Angriff aus der Verteidigungsposition heraus ist sogar nachvollziehbar. Die Richter waren in ungekanntem Ausma├č Teil der Berichterstattung. Vor allem negativer. Wie fatal unprofessionell die Richter sich verhalten haben, reflektieren sie dabei nicht. Sonst m├╝ssten sie sich ja nicht in diesem unerwarteten Ma├č beschweren und rechtfertigen.

Dieser Frontalangriff galt mit Sicherheit nicht dem Mannheimer Morgen. Der hat sich weder durch schl├╝prige Details noch durch andere Informationen hervorgetan, sondern alle anderen Medien in seinem Vorgarten spielen und eine riesige Verw├╝stung anrichten lassen.

Journalistischer Ehrgeiz? Kein Funke

Nicht einmal war der Funke eines journalistischen Ehrgeizes erkennbar. Der Wille, mit solider Recherche oder starker Meinung oder Lokalkompetenz so exklusiv und ├╝berzeugend zu sein, dass andere „gen├Âtigt“ werden zu schreiben: „Wie der Mannheimer Morgen berichtet…“

(Falls es doch einmal in einem Jahr gelungen sein sollte, erkenne ich das nach in Kenntnissetzung an und bitte um Hinweis auf Korrektur bevor eine mit Kosten verbundene Abmahnung geschrieben werden sollte.)

Heute morgen werden die Menschen in den Spiegel schauen und sich vielleicht die ein oder andere Frage dabei stellen.

Der Strafverteidiger Johann Schwenn wird vermutlich denken: Guter Job!

J├Ârg Kachelmann wird denken: Nein, danke.

Alice Schwarzer wird denken: Doch!

Gisela Friedrichsen wird denken: Wie ungerecht!

Die Radiomoderatorin wird denken: (Nicht-├Âffentlich)

Stefan Eisner (unbekannter MM-Redakteur, der den Kommentar geschrieben hat.) denkt: Nur Verlierer.

Horst Roth, der MM-Chefredakteur wird denken…

Keine Ahnung, was Herr Roth denkt.

Vermutlich denkt er. Irgendwas. Dass er auch nur im Ansatz dar├╝ber nachgedacht hat, wie man diesen Prozess journalistisch „top“ begleitet, darf man getrost in Frage stellen. Und wenn das so gewesen sein sollte, war er leider nicht erfolgreich.

Lordsiegelbewahrer der gepflegten Bratwurstberichterstattung

Herr Roth darf sich gerne aber als „Lordsiegelbewahrer“ f├╝hlen, denn er f├╝hrt eine lange Tradition fort. Ob „K├Ânigsmord der SPD„, Peter Graf-Prozess, Flowtex-Skandal, aktuell Bilfinger & Berger und die Nigeria-Connection – seit nunmehr fast 15 Jahren ist der Mannheimer Morgen kaum mehr in der Lage, eine „Nachrichtenquelle“ f├╝r andere Medien zu sein.

Terminberichterstattung, Fasnacht, Vereine, Bratwurstjournalismus und „desh├Ąmmerschunimmersogemacht“ bestimmen die journalistische Minderleistung dieser ehemals geachteten Zeitung.

Dabei ist Mannheim ein deutsche Metropole. Eine Top-Stadt, in der „was geht“ – immer wieder. Mit 300.000 Einwohnern ist die Stadt nicht sehr gro├č, aber sie hat gro├čes Potenzial. Politisch, kulturell, wirtschaftlich und sportlich.

Der Mannheimer Morgen bildet das leider so gut wir gar nicht ab. Er bedient die lokalen Zirkel und vor allem seinen Terminkalender, schaut dabei hilflos der sinkenden Auflage zu und feiert sich selbst daf├╝r… Wof├╝r? Vermutlich, dass es ihn ├╝berhaupt noch gibt.

Das Drama der journalistischen Bedeutungslosigkeit ist kaum an einer anderen Zeitung so „dokumentierbar“ wie am Mannheimer Morgen.

 

Vergurkte Berichterstattung – Panikmache made by „Qualit├Ątsjournalismus“


Mannheim/Weinheim/Heidelberg/Rhein-Neckar, 28. Mai 2011. (red) Die Erregung ├╝ber Erreger hat zwei Ursachen – einerseits ein Qualit├Ątsproblem bei der Erzeugung von Nahrungsmitteln. Andererseits ein Qualit├Ątsproblem bei der Erzeugung von Nachrichten. Die Verbraucher sind verunsichert – als Konsumenten von Nahrungsmitteln. Dabei sollten sie als Konsumenten von Informationen viel vorsichtiger sein. W├Ąhrend man dem Darmkeim auf der Spur ist und erkrankte Patienten behandelt, zeigt sich, dass der Journalismus als Massenprodukt chronisch krank ist und vielleicht auch chronisch krank macht.

Von Hardy Prothmann

Bildblog.de listet die millionenfach gelesenen falschen Schlagzeilen auf. Quelle: bildblog.de

Viele Spiegel-Leser fangen hinten an: „Dem R├╝cken die Stirn bieten“ (├ľffentlicher Anzeiger Bad Kreuznach), „Ehrliche Personen gesucht, auch Akademiker“ (Kleinanzeige Rheinpfalz), „Senioren sind mit 35 noch sehr r├╝stig“ (Rhein-Zeitung) und andere Kuriosit├Ąten gibt es im „Hohlspiegel“ zu lesen. Die Patzer, ob im Redaktionellen oder im Anzeigenteil sind teils wirklich am├╝sant bis saukomisch.

Gar nicht am├╝siert sind die Verbraucher ├╝ber kontaminiertes Gem├╝se, das beim Verzehr zur Infektion mit dem EHEC-Keim f├╝hren kann, woraus sich ein lebensbedrohliches h├Ąmolytisch-ur├Ąmischen Syndrom (HUS) ergeben kann.

Ebenfalls nicht am├╝siert, sondern stinksauer sind Landwirte und Handel.

Kaninchen, Kommunalpolitik, Killerkeime

In den meisten Redaktionen arbeiten keine kenntnisreichen Mediziner, die alles ├╝ber EHEC und HUS wissen. Vor allem in Lokal- und Regionalmedien arbeiten ├╝berwiegend Journalisten, die von der Kaninchenz├╝chterschau bis zur Kommunalpolitik ├╝ber alle m├Âglichen Themen berichten m├╝ssen. Sie sind aber meist auch keine kenntnisreichen Kaninchenz├╝chter oder Kommunalpolitiker.

Das m├╝ssen sie auch nicht sein. Die einfache L├Âsung, um die Welt zu verstehen, ist der gesunde Menschenverstand. Und den kann man durch Recherche erweitern, wenn es um Spezialwissen geht. Eine einfache Regel lautet: Informationen immer durch eine zweite Quelle ├╝berpr├╝fen.

Die Weinheimer Nachrichten warnen vor Salat und Tomaten "aus" Norddeutschland - wer warnt die Leser vor falschen Informationen? Quelle: WNOZ

Es gibt aber noch eine andere L├Âsung und die f├╝hrt zum Dauerd├╝nnpfiff vieler Redaktionen: Man l├Ąsst das mit dem ├╝berpr├╝fen weg und verl├Ąsst sich lieber auf andere. Im „gro├čen“ Teil der Zeitung, also Politik, Wirtschaft und Sport werden Informationen der Nachrichtenagenturen ungepr├╝ft ├╝bernommen. Der Glaube an die Korrektheit dieser Informationen ist immer noch sehr hoch. Dazu kommen Zeit- und Arbeitsdruck – eine ├ťberpr├╝fungsrecherche findet nicht mehr statt.

Krankheitsverlauf einer Meldung

Am Mittwochabend, den 25. Mai 2011, schickt die Deutsche Presseagentur eine Meldung zu EHEC an die Redaktionen. Diese Meldung wird am n├Ąchsten Tag landauf, landab in millionenfach verteilten Zeitungen stehen. Darin werden die Experten vom Robert-Koch-Institut (RPI) (angeblich) zitiert:

„Vorsorglich sollte man auf rohe Tomaten, Salatgurken und Blattsalate aus Norddeutschland komplett verzichten.“

Tats├Ąchlich ist das Zitat falsch. Nicht vor dem Verzehr von Gem├╝se „aus Norddeutschland“, sondern vor dem Verzehr „in Norddeutschland“ wurde in der Pressemitteilung des RKI gewarnt:

(…) empfehlen RKI und BfR ├╝ber die ├╝blichen Hygieneregeln im Umgang mit Obst und Gem├╝se hinaus, vorsorglich bis auf weiteres Tomaten, Salatgurken und Blattsalate insbesondere in Norddeutschland nicht roh zu verzehren.

Millionenfach verbreitete "D├╝nnpfiff"-Meldung - auch der MM warnt vor Gem├╝se "aus" Norddeutschland. Quelle: MM

Die Worte „in“ und „aus“ sind klein. Man k├Ânnte jetzt sagen: „Darum so ein Aufheben zu machen, ist doch dibbelschisserig.“ Tats├Ąchlich ist der vom Mediensystem erzeugte Schaden aber maximal. Verbraucher in ganz Deutschland sind verunsichert und die deutsche Landwirtschaft sowie der Handel haben einen massiven ├Âkonomischen Schaden, weil Tomaten, Salat und Gurken kaum noch gekauft werden. Diese Produkte sind frisch und verderblich – was nicht verkauft wurde, muss entsorgt werden.

Vergurkte Berichterstattung

Auch in der Metropolregion ver├Âffentlichen Mannheimer Morgen, Weinheimer Nachrichten und Rhein-Neckar-Zeitung die verseuchte inhaltlich falsche dpa-Meldung ohne Qualit├Ątskontrolle. Dabei w├Ąre die denkbar einfach: Ein Klick auf Robert-Koch-Institut f├╝hrt direkt zur Quelle.

Doch daf├╝r muss man wachsam sein und Informationen aufmerksam „verarbeiten“. Bei einem Redakteur muss die Alarmglocke anspringen, wenn er „rohe Tomaten, Salatgurken und Blattsalate aus Norddeutschland“ liest. Kann das sein? Denn die Konsequenz ist weitreichend. Dieses Gem├╝se wird sich nicht mehr verkaufen lassen. Auch andernorts wird sich Gem├╝se nicht mehr verkaufen lassen, wenn nicht klipp und klar feststeht „woher“ dieses stammt.

Kaum Herkunftsnachweise – kaum Kennzeichnungen

Leider nutzen viele Menschen das „geistige Nahrungsmittel“ Zeitung nicht mit derselben Aufmerksamkeit. Sie w├╝rden dann n├Ąmlich viel h├Ąufiger fragen, „woher“ die Informationen stammen, die ihnen da vorgesetzt werden.

Aufmerksame Leser wissen l├Ąngst, dass gro├če Teile im „gro├čen Teil“ der Zeitung nicht gegenrecherchierte Agentur- oder PR-Meldungen sind. Und selbst wenn es eigenst├Ąndig verfasste Artikel sind, gibt es h├Ąufig nur eine Quelle und die ist ebenfalls h├Ąufig auch noch tendenzi├Âs.

Auch die Lokal- und Regionalteile der Zeitungen sind voll von Informationen unbekannter Herkunft. Oft werden sie gar nicht angegeben oder verschleiert. Das K├╝rzel „zg“ beispielsweise steht f├╝r „zugeschickt“.

Zeitungsartikel als „C“-Ware

Was die Zeitungen gerne als „1A-Ware“ verkaufen, ist in wirklich nur „B“- oder „C“-Ware, ein wenig umverpackt und aufgeh├╝bscht, aber im Kern einfach nur ein Massenprodukt nicht lokaler oder regionaler Herkunft. Die Zeitungen k├Ânnen diese Agenturmeldungen billiger einkaufen, als wenn sie selbst Redakteure recherchieren lie├čen oder sogar ganz umsonst, wenn sie Pressemitteilungen ver├Âffentlichen. Oder sogar noch etwas verdienen, wenn sie als Artikel getarnte „PR-„Meldungen abdrucken.

Teuer bezahlen muss das der Kunde.

Die medienkritische und immer wieder lesenswerte Internetseite „Bildblog“ berichtete, dass die dpa und andere Agenturen klammheimlich in weiteren Meldungen das Wort „aus“ durch die korrekte Zitierung „in“ ersetzt haben. Ein deutlicher Hinweis an die Leserinnen und Leser fehlt im Mannheimer Morgen, in den Weinheimer Nachrichten und der Rhein-Neckar-Zeitung sowie vermutlich in allen deutschen Zeitungen.

Denn im „Fehler unterstellen“ sind deutsche Medien f├╝hrend – im Fehler eingestehen sind sie Schlusslicht. Qualit├Ąt geht anders. Doch vor einer Darmspiegelung hat das System Angst – man sp├╝rt die Geschw├╝re und will gar nicht genau wissen, wie schlimm es um den Patienten Zeitung schon steht.

Der Gurkenskandal wird vor├╝bergehen, der mediale D├╝nnpfiff wird bleiben. Die Ansteckungsgefahr innerhalb des Mediensystems ist enorm hoch.

Die RNZ berichtet am 26. Mai 2011 die falsche Information "aus Norddeutschland". Quelle: RNZ

Einen Tag sp├Ąter hei├čt es korrekt "in" - eine Klarstellung an die Leser fehlt. Quelle: RNZ

Gastbeitrag: „Der Presse Freiheit kann auch schmerzhaft sein.“


Guten Tag!

Rhein-Neckar/W├╝rzburg, 29. M├Ąrz 2011. (Main-Post/red) Die W├╝rzburger Main-Post leistet sich einen „Leser-Anwalt“. Anton Sahlender, Mitglied der Chefredaktion, nimmt Leserfragen und -beschwerden entgegen, pr├╝ft die Inhalte und ver├Âffentlicht im Anschluss die Ergebnisse. Ein vorbildlicher Service, wie wir meinen.

Vorbemerkung: Aktuell geht es um einen B├╝rgermeister, der seiner gesetzlich festgelegten Auskunftspflicht nicht nachkommt. Die Main-Post hat deshalb sogar eine Klage angestrengt und gewonnen. Die Reaktionen sind „schmerzhaft“ f├╝r die Zeitung – es werden b├Âse Unterstellungen ge├Ąu├čert und Abos abbestellt. Nur, weil die Zeitung die Presse- und damit die Meinungsfreiheit verteidigt, gegen einen B├╝rgermeister, der sich nicht an die Gesetze h├Ąlt und den Artikel 5 Grundgesetz ├╝ber die Meinungsfreiheit und das Presserecht mit F├╝├čen tritt.

"Leseranwalt" Anton Sahlender sorgt f├╝r Transparenz bei der W├╝rzburger Main-Post. Quelle: MP

Von Anton Sahlender, Leseranwalt der Main-Post

Der Leseranwalt: Der Presse Freiheit kann auch schmerzhaft sein – f├╝r Betroffene und f├╝r Redaktionen

Je nachhaltiger Journalisten ihre Freiheiten nutzen, desto mehr m├╝ssen sie selbst ertragen k├Ânnen. Denn der Presse Freiheit ist auch schmerzhaft. Zuerst f├╝r Betroffene, dann aber oft auch f├╝r Redaktionen.

Hier aktuelle Kostproben: Der B├╝rgermeister einer Kleinstadt wird in der Zeitung h├Ąufig f├╝r seine Amtsf├╝hrung kritisiert. ├ťber einen langen Zeitraum gibt er dazu immer wieder neu Anlass. Er pflegt eine wenig b├╝rgerfreundliche Geheimhaltung von Amtshandlungen und kommt seiner Auskunftspflicht gegen├╝ber Medien nur unzureichend nach. Das sagt nicht nur die Redaktion, sondern auch das Verwaltungsgericht in einer Entscheidung.

Auskunftpflichten gegen├╝ber Journalisten sind B├╝rgermeistern und Amtsleitern per Gesetz vorgeschrieben. Medien m├╝ssen in einer Demokratie ungehindert ├╝ber politisches und amtliches Handeln informieren k├Ânnen. In der Kleinstadt ist die Folge der redaktionellen Nachhaltigkeit f├╝r B├╝rgers Information nicht nur Lob. Proteste und sogar Abbestellungen sind eingetroffen. Darunter Zuschriften, in denen der Redaktion Menschenjagd und allerlei weitere journalistische Tods├╝nden vorgeworfen werden. Au├čerdem schimpft man: Die Zeitung schade der ganzen Stadt.

Ein anderer B├╝rgermeister wollte letzte Woche verbieten, dass Informationen ├╝ber den Haushalt, die er an Journalisten verk├╝ndete, ver├Âffentlicht werden, bevor der Stadtrat sie beschlossen hat. Diese Zeitung mochte Lesern aber nicht nur vollendete Tatsachen bieten. Sie hat gleich berichtet. Des B├╝rgermeisters Androhung presserechtlicher Schritte blieb wirkungslos: Denn Redaktionen haben die (Presse-)Freiheit, selbst ├╝ber die Bedeutung einer Nachricht zu entscheiden und somit dar├╝ber, wann sie erscheint.

Zu meiner Sammlung von Reaktionen auf die Freiheit, auch Meinungen vielf├Ąltig zu vertreten, geh├Ârt neuerdings diese Klage: ÔÇ×Lesen Sie die ├Ątzenden und abf├Ąlligen Kommentare eines Henry Stern gegen Franz Josef Strau├č und alle Nachfolger. Gewollt h├Ąssliche Bilder unserer Kanzlerin Merkel und b├Âsartige Karikaturen eines Dieter Hanitzsch schlagen in die gleiche Kerbe. ├ťberparteilichkeit stelle ich mir anders vor.ÔÇť – Ich ahne das Wie dieser Vorstellung. ├ťberdies war Strau├č schon nicht mehr unter uns, als Henry Stern M├╝nchner Korrespondent wurde.

Das waren Momentaufnahmen, keine Klagen. Journalisten muss man nicht m├Âgen. Verst├Ąndnis f├╝r Pressefreiheit in einer Demokratie aber, die muss jeder ertragen k├Ânnen. Mit der Abbestellung einer Zeitung kann man sie jedenfalls nicht abschaffen.“

Anmerkung der Redaktion:
Wir stehen mit Anton Sahlender vor allem ├╝ber Facebook in regelm├Ą├čigem Kontakt und sind in journalistischen Fragen nicht immer einer Meinung ;-).

Aber wir unterst├╝tzen nat├╝rlich gerne als Berufskollegen aus Solidarit├Ąt die Haltung hinter dieser Ver├Âffentlichung und haben darum gebeten, den Text ├╝bernehmen zu d├╝rfen. Herr Sahlender hat dem umgehend zugestimmt.

Wir handeln aber auch nicht ganz uneigenn├╝tzig, sondern im Interesse unserer Leserinnen und Leser, da wir das Ph├Ąnomen von auskunftsunwilligen Beh├Ârden sehr gut kennen. Der Heddesheimer B├╝rgermeister Michael Kessler ist so ein „Spezialfall“, der seiner Auskunftspflicht erst nachgekommen ist, nachdem er einen durch uns veranlassten „freundlichen Hinweis“ erhalten hat. Bis heute versucht er weiterhin unsere Arbeit mit allen m├Âglichen Mitten zu behindern.

Unterst├╝tzt wird er dabei vom Mannheimer Morgen – einer Zeitung der Solidarit├Ąt unter Journalisten nichts gilt. Ganz im Gegenteil. Man hat den Eindruck, dass es der Zeitung sehr recht ist, wenn „die Konkurrenz“ Probleme hat und man sich dadurch einen Vorteil verspricht. Das ist bedauerlich, liegt aber allein im Ermessen der Zeitung und geh├Ârt anscheinend zur „Unternehmenskultur“.

Der Mannheimer Morgen ist dabei in guter Gesellschaft – viele deutsche Monopolzeitungen haben sich mit ├Ârtlichen „Interessenvertretern“ aus Politik und Wirtschaft verbandelt. Dementsprechend manipuliert ist die Berichterstattung. Siehe Stuttgart21 beispielsweise. (stern ├╝ber den Filz von Politik, Geld und Medien)

Die Haltung der Main-Post ist aus unserer Sicht vorbildlich und entspricht dem, was man als Leserin oder Leser von Medien erwarten k├Ânnen muss: Eine unabh├Ąngige und kritische Berichterstattung.

Die parteiische Zeitung steuert die Wahrnehmung und manipuliert die freie Meinungsbildung


Guten Tag!

Rhein-Neckar, 15. M├Ąrz 2011. (red) Unsere Analyse hat eine absolut CDU-dominierte Berichterstattung durch den Mannheimer Morgen ergeben. Was hei├čt das f├╝r die Landtagswahl?

Von Hardy Prothmann

Die kommende Landtagswahl wird spannend. Quelle: LpB.

Unsere Prognose ist klar: Der CDU-Kandidat Georg Wacker wird den Wahlkreis Weinheim gewinnen.

Einige der Gr├╝nde sind klar: Die regierenden Parteien sind immer im Vorteil gegen├╝ber der Opposition.

Und je d├Ârflich-traditioneller es zugeht, um so sicherer gewinnt die CDU. Orte wie Hirschberg, Ladenburg und Heddesheim passen in das Schema. Sie liegen zwar im Speckg├╝rtel der Gro├čstadt, sind aber bislang h├Ąufig noch d├Ârflich-traditionell bestimmt.

Georg Wacker f├╝hrt "bevorzugt". Bild: CDU

Trotzdem gibt es einen Umbruch – nicht nur wegen Stuttgart21, sondern vor allem wegen der ver├Ąnderten Arbeits- und Lebensbedingungen. Und vor allem wegen der ver├Ąnderten Kommunikation – erst durch die Telekommunikation, dann durch das Internet.

Als „stabiler“ Faktor der Kommunikation wird immer noch die Zeitung begriffen. Die ist im s├╝ddeutschen Raum traditionell eher konservativ und „st├╝tzt“ dementsprechend auch die vermeintlichen W├╝nsche der Leser.

Uli Sckerl (Gr├╝ne) wird am wenigsten berichtet. Foto: hirschbergblog.de



Unsere quantitative Analyse der Berichterstattung ├╝ber die Kandidaten im Mannheimer Morgen hat ein eklatantes Missverh├Ąltnis von Bedeutung und Berichterstattung ├╝ber die Kandidaten ergeben.

Der Kandidat Georg Wacker (CDU) dominiert mit gro├čem Abstand die Berichte – rein quantitativ gesehen. Aber diese mediale Dominanz verschafft ihm nat├╝rlich enorme Vorteile bei der Wahl.

Interessant ist der Kandidat Gerhard Kleinb├Âck (SPD). Er liegt in unserer Betrachtung zwar hinter Georg Wacker auf Platz zwei – aber unsere Betrachtung ist keine diffizile wissenschaftliche Auswertung.

Bei genauer Betrachtung hat Herr Kleinb├Âck im Rhein-Neckar-Teil des Mannheimer Morgens vor allem im Februar jede Menge „Punkte“ durch die Debatte um eine Fu├čg├Ąngerzone in Ladenburg geholt.

Dadurch hat er sich von den anderen zwei Kandidaten abgesetzt – es w├Ąre allerdings ein Trugschluss zu glauben, dass er auch in der „Breite“ eine h├Âhere Wahrnehmung erhalten h├Ątte. Die Wahrnehmung ist auf die Fu├čg├Ąngerzonen-Debatte begrenzt.

Ohne diese Aufmerksamkeit w├Ąre Herr Kleinb├Âck wahrscheinlich mindestens um eine „halbe Note“ abgest├╝rzt – zumindest, was die Berichterstattung im Mannheimer Morgen angeht.

Gerhard Kleinb├Âck - hat in Ladenburg aufgeholt. Bild: SPD

Viel muss nicht gleichzeitig „gut“ hei├čen – Herr Kleinb├Âck hat sich durch einige seiner Auftritte und Forderungen keinen Gefallen getan, was ausgiebig im Mannheimer Morgen berichtet wurde. In der Rhein-Neckar-Zeitung kommt Herr Kleinb├Âck meist sehr gut weg, schlie├člich ist der „Ladenburger Korrespondent“ ein aktives SPD-Mitglied.

Umgekehrt hat der Kandidat Hans-Ulrich Sckerl (Gr├╝ne) bundesweit f├╝r Schlagzeilen gesorgt, weil er Mitglied im Untersuchungsausschuss zur Aufkl├Ąrung des „brutalen“ Polizeieinsatzes Ende September 2010 war. Hunderte von Verletzten aus den Reihen der Stuttgart21-Gegner hatte es gegeben. Und Sckerl war auch bundesweit in der Presse zitiert in Sachen Verdeckter Ermittler in Heidelberg. Ein Polizist hatte Studenten ausgespitzelt.

Doch diese „landespolitischen Themen“ haben in einem Provinzblatt wie dem Mannheimer Morgen kein gro├čes Gewicht – schon gar nicht im Regionalteil.

Stattdessen schiebt sich hier eine im Vergleich vollkommen bedeutungslose Hinterb├Ąnklerin, wie man Frau Dr. Birgit Arnold (FDP) bewertet werden kann, noch vor den vielzitierten und beachteten Gr├╝nen-Politiker Sckerl.

Mit einer objektiven Berichterstattung, die sich an Inhalten und Relevanz der Themen orientiert, hat die Berichterstattung im Mannheimer Morgen meist wenig zu tun. Viel eher mit der der Best├Ątigung der „redaktionellen Linie“, die es aber nicht gibt, weil die Redaktion keine Linie hat.

Beim MM wird von „oben“ durchgereicht, was und wer „ins Blatt“ kommt. Georg Wacker ist der Spitzenkandidat, der „bevorzugt“ berichtet wird.

Die anderen fallen demgegen├╝ber klar ab, auch wenn Herr Kleinb├Âck kurz eine „B├╝hne“ geboten wurde.

Das System der provinziellen Berichterstattung hat lange funktioniert – jedenfalls solange es kein Internet gegeben hat. Langsam aber sicher verschieben sich die Aufmerksamkeiten.

Mit ziemlicher Sicherheit darf man annehmen, dass die apokalyptischen Zust├Ąnde in Japan „vor Ort“ eine kleine Rolle spielen werden – vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass gerade die baden-w├╝rttembergische CDU die Atomenergie ohne Zweifel immer unterst├╝tzt hat.

Herr Wacker taugt als „Ausstiegskandidat“ ebensowenig wie Frau Dr. Arnold. Entweder hatten sie keine oder eine linientreue Haltung zur Atomenergie.

Im Mannheimer Morgen ist die Hinterb├Ąnklerin Arnold wichtiger als der Innenexperte Sckerl. Foto: hirschbergblog.de

Falls Sie sich ├Ąu├čern und in der Zeitung mit Aussagen zu einem Ausstieg zitiert werden sollten, darf man das getrost als „dummes Geschw├Ątz“ abtun, weil sie erstens keine Einflusstr├Ąger in der Sache sind und zweitens wenig Ahnung haben.

Gerhard Kleinb├Âck hingegen hat eine klare Linie bezogen – auch in unserer Umfrage unter Landtagskandidaten und seinem Beitrag „Was mir sonst wichtig ist…“. F├╝r ihn war vor Wochen schon der Atomausstieg eine klare Pr├Ąferenz.

Uli Sckerl ist vollkommen unverd├Ąchtig in Sachen Atompolitik einen Schlingerkurs zu fahren. Er fordert den Ausstieg schon lange konsequent und vern├╝nftig.

Das Problem aus seiner Sicht muss dabei sein, dass er im Gegensatz zu Herrn Wacker nur zu einem Drittel in der Zeitung ├╝berhaupt stattfindet.

Interessant ist, dass die Gr├╝nen teils konservativer als die „Konservativen“ sind, was die Medien angeht – deren Engagement in „alternativen“ Medien wie Internetauftritten, Foren und Blogs ist weitaus „├╝berzeugender“ als das der Gr├╝nen.

Noch bestimmen vielerorts die Zeitungen die „Wahrnehmung“ und manipulieren diese als Monopolisten.

Doch das wird sich ├Ąndern. Im Wettbewerb um Wahrnehmung beschreiten alle ein neues Feld mit dem neuen Medium Internet.

Und wer eine Google-Abfrage zu den Kandidaten macht, stellt fest, dass Georg Wacker auch hier mit ├╝ber 40.000 Treffern weit vorne liegt, vor Herrn Kleinb├Âck mit 27.000 Treffern und vor Frau Dr. Arnold mit 24.000 Treffern. Uli Sckerl landet bei gut 7.000 Treffern.

Obwohl der MM hier nicht direkt manipulieren kann, tr├Ągt doch die Dominanz der Berichterstattung, die auch im Internet gez├Ąhlt wird, dazu bei.

Die restliche fehlende Aufmerksamkeit ist selbstverschuldet.

Gebenzte Berichterstattung – wie der MM seine Leser t├Ąuscht


Guten Tag!

Mannheim, 31. Januar 2011. Die seit Tagen andauernde Berichterstattung des Mannheimer Morgens (MM) in Sachen „Benz“ hat gute Gr├╝nde. Erstens gibt es viel Werbung und zweitens versucht die Zeitung verzweifelt, sich als lokalpatriotische Stimme aufzuspielen. Ein ernstzunehmender Journalismus bleibt dabei auf der Strecke.

Von Hardy Prothmann

„Dieser Weg wird kein leichter sein, dieser Weg wird steinig und schwer“, zitiert der MM-Redakteur Martin Tangl den S├Ąnger Xavier Naidoo. Das gilt auch f├╝r diesen Artikel, Martin Tangl, Xavier Naidoo und den SWR. Und auch f├╝r die Leserinnen und Leser und Zuschauer des SWR.

Bunte Geschichten

Ich kenne den MM-Redakteur Martin Tangl noch aus meiner Zeit als Student und Freier Mitarbeiter beim Mannheimer Morgen (1991-1994). Er hat sich gerne als erfahrener Journalist dargestellt, aber irgendwie hat er mich schon damals nicht besonders beeindruckt.

Das dauert bis heute an, denn Martin Tangl hat ein „buntes St├╝ck“ geschrieben, in dem es sehr „bunt“ zugeht. Vor allem mit den Fakten, dem K├Ânnen und der journalistischen Haltung.

Beispielsweise zur Person „Xavier Naidoo“. Der sei ein „leidenschaftlicher Autofahrer“, schreibt Tangl und dass „Dieser Weg wird kein leichter sein, dieser Weg wird steinig und schwer“, auch den Autoerfinder Carl Benz meinen k├Ânnte.

Denn Herr Tangl berichtet ├╝ber einen Film im SWR-Fernsehen, der heute Abend um 18:15 Uhr in der „Landesschau unterwegs“ l├Ąuft: „Unser Benz! Der Autoerfinder bewegt die Kurpfalz.“ Autor: Eberhard Reu├č.

Pop-Berichterstattung

Wieso Herr Reu├č auf die Idee gekommen ist, einen notorischen Schnellfahrer, der ├╝ber lange Jahre den F├╝hrerschein wegen wiederholter Vergehen abgenommen bekommen hat und wegen Fahrens ohne F├╝hrerschein und Drogenbesitz vor dem Richter gestanden hat, ist klar.

Benz-Titelseite vom MM. Quelle: MM

Herr Reu├č wollte den Film „aufpeppen“ oder auch „aufpoppen“. Mit dem „zur Zeit wohl bekanntesten Sohn Mannheims“. Und der ist halt ein „leidenschaftlicher Autofahrer“. Diese Verbindung reicht heute im SWR-Fernsehen, um einen Zusammenhang herzustellen.

Herr Reu├č l├Ąsst Herrn Naidoo dann mehrmals „Mercedes Benz“ der Rock-Star-Legende Janis Joplin (1943-1970) singen, die auf der ├ťberholspur des Lebens mit 27 Jahren an einer ├ťberdosis Heroin gestorben ist. Drei Tage, bevor der Song „Mercedes Benz“ ver├Âffentlicht wurde: „Oh Lord, won-ÔéČÔäót you buy me a Mercedes Benz?“ – „Oh Gott, willst Du mir keinen Mercedes Benz kaufen?“ Die Zeile geht weiter: „My friends all drive Porsches, I must make amends“ – „Meine Freude fahren alle Porsche und ich muss aufholen.“

Der Joplin-Song ist eine massive Kulturkritik am Prestigedenken – dem Gegenteil also, was man mit einem „Mercedes Benz“ oder Porsche oder auch „Farbfernsehen“ verbindet, das damals noch ein Luxus war („So oh lord won’t you buy me a color TV“). F├╝r den SWR ist das nicht wichtig. Schlie├člich hat Joplin „Mercedes Benz“ gesungen und Herr Naidoo l├Ąsst sich dazu auch animieren. Und ist man nicht auch „color TV“? Also Luxus? Passt also.

„Eine wunderbare Erfindung von Benz, daf├╝r danke ich ihm“, sagt der Pop-Star nicht nur einmal im SWR-Film. Da Naidoo sonst gerne ├╝ber „Gott“ singt, und das sehr dankbar, gibt es da sicher aus Sicht von Herrn Reu├č wieder irgendeine Verbindung.

Propaganda-Rolle

Bei der Premiere des Films am 28. Januar 2011 im Ladenburger Carl-Benz-Museum war Herr Preu├č jedenfalls m├Ąchtig stolz. Das konnte man nicht ├╝bersehen.

Der Film funktioniert wie eine Propaganda-Rolle. Carl hei├čt nicht Karl Benz, ist der Erfinder des Autos und nicht „der Daimler“, die Kurpfalz ist den Schwaben voraus und ein „Youngtimer-Sammler“ hat viele Kinder und ein Hobby: Mercedes Benz. Der Clou – er arbeitet f├╝r Porsche. Dazu gibt es h├╝bsche Bilder und Werbespots von „Benz“ aus fr├╝heren Zeiten.

Verkauft wird das als „Dokumentation“.

Das muss sich einfach irgendwie alles zusammenf├╝gen und dann wird die Urenkelin von Benz noch mehrfach ins Bild gesetzt und das Carl-Benz-Museum in Ladenburg und dessen Kopf Winfried Seidel.

Der freut sich auch – dabei m├╝sste ihm die Freude angesichts des laschen Filmchens im Kontrast zu seiner harten Museumsarbeit vergehen. Seidel leistet herausragende Arbeit und ist ein akribischer Mensch. Aber nat├╝rlich freut er sich ├╝ber die Popularit├Ąt. Das ist auch sein gutes Recht.

Zur├╝ck zu Martin Tangl. Den freut nicht die Popularit├Ąt, sondern der muss eine bunte, sch├Âne Geschichte schreiben und kommt zum Ende:

„Dass in Mannheim Omnibusse und Lkw-Motoren produziert werden, h├Ątte Carl Benz gefallen, wie Jutta Benz erz├Ąhlt: „Er hat sein Augenmerk aufs Transportwesen gerichtet, Carl Benz wollte Lieferwagen bauen.“ Und bei der Geschwindigkeit seien dem Ur-Gro├čvater 50 km/h genug gewesen. Ob das allerdings Xavier Naidoo gefallen h├Ątte? Berichtet er doch, dass ihm einmal wegen zu schnellen Fahrens der F├╝hrerschein abgenommen wurde.“

Die L├╝ge

Diese unkritische ├ťbernahme der Filmbotschaft wird als L├╝ge in der Zeitung fortgesetzt: „Berichtet er doch, dass ihm einmal wegen zu schnellen Fahrens der F├╝hrerschein abgenommen wurde.“

Naidoo - Leidenschaft Auto - Hauptsache, alles bunt. Quelle: MM

Herr Tangl stellte sich vor 20 Jahren schon gerne als „erfahrener Journalist“ dar und sollte die Zeit genutzt haben, um „Erfahrungen“ zu sammeln. Eine ist: „Schau ins Archiv, um mindestens zu wissen, was schon berichtet worden ist.“

Am 16. Mai 2009 berichtet der Mannheimer Morgen:

„Naidoo ├╝bersteht einen jahrelangen Rechtsstreit mit Pelham, einen dramatischen Drogenprozess und jede Menge F├╝hrerschein-Schlagzeilen. Erst der absolute H├Âhepunkt seiner Popularit├Ąt, als „Dieser Weg“ zur Hymne des Fu├čball-Sommerm├Ąrchens 2006 wird, bringt die Schattenseiten des Ruhms ans Licht: Genervt zieht sich der gl├╝hende Lokalpatriot aus der ├ľffentlichkeit und teilweise auch aus Mannheim zur├╝ck.“

Am 02. Juni 2007 berichtet der Mannheimer Morgen:

„Die Amtsanwaltschaft Frankfurt best├Ątigte gestern, dass gegen den S├Ąnger ein Ermittlungsverfahren eingeleitet worden ist. Ihm wird vorgeworfen, einen angemieteten Porsche Cayenne an einen Freund weitergegeben zu haben, der selbst keinen F├╝hrerschein besa├č. Der Mann war im M├Ąrz 2006 in M├╝nchen von der Polizei erwischt worden. Naidoo h├Ątte sich als Halter des Wagens vom Vorhandensein einer Fahrerlaubnis ├╝berzeugen m├╝ssen, so der Vorwurf. Nun drohe ihm eine Geldstrafe oder bis zu ein Jahr Haft.“

Am 15. August 2006 titelt der Mannheimer Morgen:

„Xavier Naidoos F├╝hrerschein liegt bei den Akten
Zwei Monate Fahrverbot wegen Geschwindigkeits├╝berschreitung / Gibt es eine „Lex Popstar“?“

Am 27. Juli 2006 schreibt der Mannheimer Morgen:

„Popstar Xavier Naidoo (34) soll beim Dr├Ąngeln auf der Autobahn in eine Radarfalle gerast sein. Nun k├Ânnte ihm ein erneuter F├╝hrerscheinentzug drohen. Der Mannheimer sei mit seinem Porsche auf der A 5 in Richtung Karlsruhe zu dicht aufgefahren, best├Ątigte die Mannheimer Anwaltskanzlei Naidoos gestern entsprechende Medienberichte.“

Bis zum Jahr 2000 lassen sich ausweichlich des Archivs keine Berichte finden, aber im November 2000 schreibt der MM:

„Dass er im Dezember 1999 mit einem Porsche 944 der Mannheimer Polizei ins Netz gegangen war, hatte dem Autonarren schon eine Vorstrafe eingetragen: f├╝nf Monate auf Bew├Ąhrung. Seinen F├╝hrerschein hat Naidoo seit einer Alkoholfahrt im Jahr 1993 nicht mehr – obwohl er zwischenzeitlich eine Medizinisch-Psychologische Untersuchung bestanden hat. „Warum haben Sie nicht einfach den F├╝hrerschein wieder gemacht?“, wunderte sich Offermann. „Keine Zeit“, lie├č ihn der Angeklagte wissen.“ Angeblich sollte Naidoo bis zu 21 Monate Haft drohen, hei├čt es in dem Artikel.

Abh├Ąngige Berichterstattung

„Berichtet er doch, dass ihm einmal wegen zu schnellen Fahrens der F├╝hrerschein abgenommen wurde“, ├╝bernimmt Martin Tangl die Informationen aus dem SWR-Film. Ohne kritische Pr├╝fung, ohne Recherche, ohne journalistische Verantwortung.

Das ist auch wenig erstaunlich. Die „Benz“-Feier beim Mannheimer Morgen ist durch viel Werbung begleitet. Da wei├č die Redaktion, wo das Geld herkommt und was sie zu tun hat.

Gemeinhin nennt man das „Hofberichterstattung“. „Man bei├čt die Hand nicht, die eine f├╝ttert“, sagen andere.

Herr Martin Tangl muss sich als verantwortlicher Redakteur des Mannheimer Morgens fragen lassen, ob er und seine „unabh├Ąngige Zeitung“ mittlerweile auf das Niveau von miserablen Anzeigenbl├Ąttern abgestiegen sind.

Dabei geht es nicht um eine „Archiv-Schau“ oder darum, Herrn Naidoo seine Verfehlungen ewig nachzutragen. Der Pop-Star hat einen „harten Weg hinter sich“, seit ein paar Jahren scheint er „sauber“ zu sein und auch ein K├╝nstler hat ein Recht auf Privatleben. Dann l├Ąsst man das aber auch privat.

Wenn Herr Naidoo aber die ├ľffentlichkeit sucht und das in einem „Umfeld“, mit dem er ├╝ber lange Jahre „gro├če Schwierigkeiten“ hatte, muss die ├ľffentlichkeit auch im Kern ├╝ber „wesentliche Informationen“ informiert werden.

Das unterl├Ąsst Herr Tangl. Garantiert gegen besseres Wissen. Und wenn ers nicht besser w├╝sste, sollte er den Job sofort aufgeben.

Der SWR-Film bedient das Publikum, das auch zur Premiere erschienen ist. ├ťberwiegend etwas gesetzter. Man findet den Film „sch├Ą├Ą“, trinkt einen Prosecco, „der ist umsonst“ und knabbbert Brezeln, die als „B“ f├╝r „Benz“ gebacken sind. Nachdenken muss man beim „Benz-Film“ nicht.

Sondern bei der „Premiere“ dabei sein, so, als sei das ein wirklich wichtiges Ereignis.

So ist das Fernsehen leider oft.

Nachdenklich muss man allerdings werden, wenn der „Lokalpatriot“, als der sich der Mannheimer Morgen darstellen will, frei von Recherche und Fakten eine Geschichte wider besseren Wissens „nacherz├Ąhlt“ und dabei journalistisch versagt.

Denn wenn man nachdenkt, wird man wissen, dass sowohl der Film als auch viele der Berichte dazu, nicht wirklich informieren, sondern nur gefallen und verkl├Ąren wollen.

Werbung will gefallen. Das ist ihr Recht und nicht zu beanstanden.

Journalismus hat eine andere Aufgabe. Und das Versagen von Herrn Preu├č und Herrn Tangl ist sehr wohl zu beanstanden.

Denn sie werden dem, was sie vorgeben, in keinster Weise gerecht: Unabh├Ąngig, faktentreu und zutreffend zu berichten.

Zeitungskrise: Mehr, mehr, mehr… was eigentlich?

Guten Tag!

Hirschberg, 28. Oktober 2010. Die Tageszeitungen stecken seit gut zehn Jahren in der Krise – j├Ąhrlich verlieren sie an Auflage, Abonnenten und am schmerzhaftesten, an Werbung. „Treue Leser“ sterben weg, die Jugend darf getrost als „verloren f├╝r die Zeitung“ gelten. Und immer mehr Werbekunden fragen sich, warum sie teure Werbung in einer Zeitung schalten sollen? Die regionale Monopolzeitung Mannheimer Morgen startet jetzt eine Kampagne „Erkennen und gewinnen“. Wer mitmacht, kann „eine Digitalkamera und vier digitale Bilderrahmen“ gewinnen. Die ├Ąrmlichen Preise beschreiben die armselige Position einer ehemals geachteten Zeitung.

Von Hardy Prothmann

Der Mannheimer Morgen versucht ab der kommenden Woche so etwas wie eine „Innovation„. Tats├Ąchlich handelt es sich um eine Bankrott-Erkl├Ąrung, die viel mit dem zu tun hat, was ich tue.

Wer ├╝ber die aktuelle Berichterstattung unserer Blogs hinausblickt, wei├č, dass ich sehr aktiv die Entwicklung der Medien in Deutschland begleite. Das ist nicht weiter verwunderlich: Von 1994-2006 habe ich als freier Journalist sehr intensiv ├╝ber Medien berichtet.

Als Redakteur der Fachzeitschrift CUT (1997-2004), einem Blatt f├╝r Radio- und Fernsehmacher und von 1994-2006 f├╝r die gr├Â├čte unabh├Ąngige Medienfachzeitschrift in Deutschland, das MediumMagazin. Dar├╝ber hinaus habe ich f├╝r verschiedene Medienressorts geschrieben, darunter „BR-Medienmagazin“, „Die Zeit“, „taz“, „Tagesspiegel“, „epd medien“, „Rheinischer Merkur“ und andere.

Medienkompetenz.

Ich habe „unz├Ąhlige“ Portr├Ąts ├╝ber Chefredakteure, Programmmacher, Intendanten, herausragende Journalisten geschrieben und ├╝ber den Wandel des Berufs im Zuge der Digitalisierung. ├ťber L├╝gen und Wahrheit, ├╝ber Produktionsbedingungen, wirtschaftliche Zw├Ąnge, Einfl├╝sse der Politik, ├╝ber Pressefreiheit und vieles mehr.

Mit einem Wort: Ich kenne mich mit Medien einigerma├čen aus. Mit Zeitungen, mit Magazinen, mit Fachzeitschriften, mit Radio, Fernsehen und dem Internet.

In den 90-er Jahren galten die Medien als attraktives Berufsfeld – gro├č waren die Karrierechancen, die Ums├Ątze, die Hoffnungen. Mit dem Platzen der B├Ârsenblase um die Jahrtausendwende und vor allem mit dem Internet und einer hoffnungslosen Arroganz der „etablierten“ Medien gegen├╝ber dieser neuen Technik hat es zun├Ąchst einen bedeutenden Aufschwung gegeben und dann einen rabiaten Abschwung.

Seit 2001 verlieren vor allem die Tageszeitungen im Trend j├Ąhrlich gut zwei bis drei Prozent an Lesern und rund vier Prozent an Umsatz – es gibt auch viele Beispiele, wo die Verluste noch dramatischer sind. Die Jugend darf insgesamt f├╝r die Zeitungen als vollst├Ąndig verloren gelten.

F├╝r mich als freier Journalist, der gut 70 Prozent seines Umsatzes mit Zeitungen machte, war und ist dies eine bedrohliche Situation. Auch wenn ich mich in der Nische „investigative Recherche“, „Portr├Ąt“ und „Reportage“ ganz gut behaupten konnte.

Seit Mai 2009 mache ich fast ├╝berwiegend nur noch Journalismus f├╝r das Internet – angefangen mit dem heddesheimblog, dann dem hirschbergblog (das gerade bundesweit beachtet wurde) und dem ladenburgblog. Im November kommt das weinheimblog als viertes Angebot eines so genannten „hyperlokalen“ Journalismus hinzu.

Das Konzept, das ich verfolge, ist einfach und kein Geheimnis: Die lokale Nachricht ist die weltweit vor Ort „exklusivste“ Information, die es gibt. Und darauf setze ich.

Lokaler Journalismus hei├čt, nah an den LeserInnen, an den Menschen dran zu sein. Den Menschen von Angesicht zu Angesicht zu begegnen, die man aktuell f├╝r was auch immer kritisiert oder gelobt hat. Und sich nicht von den positiven oder negativen oder keinen Reaktionen beeinflussen zu lassen, sondern ganz klar zu wissen, dass man das Zeitgeschehen verfolgt, recherchiert, einordnet und kommentiert.

Herausforderung.

Journalismus ist f├╝r mich nach wie vor der absolute Traumberuf – es gibt keinen anderen „Job“, der so vielf├Ąltig und so herausfordernd ist. Wenn man ihn denn ernst nimmt und sich der Vielfalt und den Herausforderungen stellt.

Leider sinken auch mit den Verlusten der Branche die Anspr├╝che. Die lokaljournalistische Realit├Ąt ist vielerorten dramatisch. Belanglose, schlecht recherchierte, liebedienerische und im besten Fall belanglose Artikel sind das Ergebnis.

Ich habe daf├╝r den mittlerweile branchenintern bekannten Begriff „Bratwurstjournalismus“ gepr├Ągt: „Der Wettergott war den G├Ąsten gn├Ądig, die Luft vom Duft leckerer Bratw├╝rste erf├╝llt, der k├╝hle Gerstensaft floss in Str├Âmen“ – diese und andere bl├Âde Formulierungen f├╝llen jeden Tag die Lokalseiten. Sehr beliebt sind auch Floskeln wie „dankbar, lobte, stellte heraus, hob hervor“. Tipp: ├ťberfliegen Sie ausnahmsweise nicht Ihre Tageszeitung, sondern lesen Sie genau – das Grausen wird Sie packen.

Kampagne.

Aktuell startet der Mannheimer Morgen eine Kampagne und verspricht „Mehr Seiten, mehr Bilder, mehr Lokales“.

Dar├╝ber freue ich mich – weil ich das als Anerkennung meiner Arbeit verstehe, der ich gegen viele politische, wirtschaftliche und auch gesellschaftliche Widerst├Ąnde nachgehe.

Bei dieser Arbeit werde ich von einer (noch) ├╝berschaubaren Zahl von freien Mitarbeitern unterst├╝tzt, die mit viel Energie und Herzblut und ├ťberzeugung an der Idee eines unabh├Ąngingen Journalismus mitwirken, wof├╝r ich jedem danke (die Mitarbeiter wissen, wer gemeint ist).

Dazu kommen wirklich sehr viele B├╝rgerInnen, die mit „ihrer“ Zeitung nicht mehr zufrieden sind und die die Arbeit unserer Redaktion ganz enorm unterst├╝tzen. Sie wollen keine gesch├Ânten, einseitigen Berichte mehr, sondern eine unabh├Ąngige, engagierte Berichterstattung, wie wir sie liefern.

Als gro├čer Verlag f├╝hrt der MM sein Selbstbewu├čtsein ins Feld: „Mehr“. Die Zeitung k├╝ndigt „mehr“ an und wir sind gespannt, was das sein soll. Noch mehr Bratwurstjournalismus? Noch mehr nichtssagende, langweilige, inhaltsleere Artikel?

Was ist mehr?

Dem sehen wir getrost entgegen – gleichzeitig erkennen wir an, dass die „gro├če Tageszeitung“ offensichtlich nerv├Âs reagiert und versucht, ihre schwindende Bedeutung mit dem Lockangebot „einer digitalen Kamera und vier digitalen Bilderrahmen“ zu bewerben.

Da gab es schon bessere Angebote – und wenn das nur ein analoger Toaster oder eine analoge Kaffeemaschine war. Der MM ist derart bl├Âd, dass er gar nicht merkt, wie absurd es ist, mit digitalen Gewinnen f├╝r die analoge Zeitung zu werben.

Ich finde das sehr bedauerlich, weil ich meine erste Zeit als junger Journalist von 1991-1994 genau bei dieser Zeitung verbracht habe. Ich hatte damals das Gef├╝hl, dass Journalismus noch etwas wert war f├╝r diese Zeitung.

Miserable Zust├Ąnde.

Bis heute sch├Ątze ich gewisse Kollegen und halte die Zeitung nicht insgesamt f├╝r schlecht. Eine ├╝berwiegend miserable journalistische Arbeit wird aber vor allem in den „Au├čenbezirken“ geleistet, da, wo ich aktiv bin. In Heddesheim, Hirschberg und Ladenburg.

Als redaktionell getarnte umgeschriebene Pressemitteilungen oder vollst├Ąndig unkritische Berichte sind hier an der Tagesordnung. LeserInnen, die auf die Integrit├Ąt „Ihrer“ Tageszeitung bauen, werden vors├Ątzlich get├Ąuscht und betrogen.

Sie halten das f├╝r „harte Vorw├╝rfe“? Das ist die allt├Ągliche Realit├Ąt.

Seit Mai 2009 prangere ich immer wieder diese miserable Qualit├Ąt an – bislang musste ich nur ein Mal eine „einstweilige Verf├╝gung“ aktzeptieren, durch die mir verboten wurde, Details ├╝ber das „Drama der journalistischen Prostitution“ zu wiederholen (leider aufgrund von eingenen Vers├Ąumnissen – nobody is perfect…).

Immer wieder wurde ger├Ątselt, warum der MM so gar nicht auf meine journalistische Arbeit reagieren wolle. Er hat reagiert, von Anfang an. Erst in der Schockstarre, dann mit anderen Reaktionen, die sehr, sehr unfein waren und nun mit einer Aktion „Mehr“.

Ich freue mich darauf und bin gespannt, wie die Zeitung „Mehr“ realisieren will. Die freien Mitarbeiter werden miserabel bezahlt, die Fotografen k├Ąmpfen um ihre Existenz, die Redakteure schreiben Pressemitteilungen als eigene redaktionelle Berichte um und viele „hei├če“ Nachrichten werden erst gar nicht berichtet.

Ob es von all dem nun „Mehr“ gibt? Noch mehr Bratwurst? Noch mehr Belanglosigkeit? Noch mehr Liebedienerei und Hofberichterstattung? Noch mehr schlechte Bilder in schlechtem Druck?

Ab kommendem Dienstag, den 02. November 2010, soll es soweit sein.

Meine kleine Redaktion und ich lassen uns ├╝berraschen und sagen: „Konkurrenz belebt das Gesch├Ąft.“ ­čÖé

Unabh├Ąngig davon machen wir das weiter, was in der Branche als „Zukunft des Lokaljournalismus“ gilt.

Wie aus einer Pressemeldung ein „Artikel“ wird und wer hinter dem K├╝rzel „zg“ steckt

Guten Tag!

Hirschberg, 03. April 2010. Aufmerksame Zeitungsleser wundern sich ├╝ber einen sehr flei├čigen Autoren, der anscheinend f├╝r den Mannheimer Morgen, die Weinheimer Nachrichten, die Rhein-Neckar-Zeitung und viele andere Zeitungen arbeitet. Sein K├╝rzel: zg.

Von Hardy Prothmann

Kein Journalist hat f├╝r diesen Artikel nennenswert recherchiert - eine Pressemitteilung wurde ein wenig umgeschrieben und fertig ist ein "redaktioneller Artikel" im Mannheimer Morgen, der so tut als ob. Die durchgestrichenen Passagen fallen weg, die unterstrichenen Stellen sind Einf├╝gungen oder Umstellungen. Klicken Sie, um das gesamte Dokument und die Ver├Ąnderungen zu sehen."

Es gibt in Deutschland einen Vielschreiber, der niemals unter seinem Namen auftritt, sondern nur mit dem K├╝rzel „zg“.

„zg“ ist vielseitiger Schreiber: Vereine, Sport, Politik, Kultur, Wirtschaft, Verb├Ąnde – kein Thema ist vor ihm sicher. Er berichtet einfach zu allem und jedem.

Noch verwunderlicher ist: „zg“ schreibt f├╝r jede Menge Zeitungen – auch f├╝r solche, die miteinander „konkurrieren“, wobei die Konkurrenz meist nur in den Au├čenbezirken an den R├Ąndern der Erscheinungsgebiete stattfindet.

Und „zg“ ist meistens bestens informiert und liefert immer Informationen „aus erster Hand“.

So auch heute wieder im Mannheimer Morgen. Hier berichtet „zg“ ├╝ber den genehmigten Antrag zur gemeinsamen Werkrealschule von Hirschberg und Heddesheim.

Wer genau hinschaut und die Pressemitteilung der Gemeinden zum Thema kennt, stellt fest: So flei├čig ist „zg“ gar nicht. Mit ein paar K├╝rzungen, Umstellungen und marginalen Einf├╝gungen macht „zg“ flugs aus einer Pressemitteilung einen „eigenen“ Artikel.

„zg“ ist das K├╝rzel f├╝r „zugesandte“ Texte.

Das R├Ątsel um den Vielschreiber „zg“ ist schnell gel├Âst. Es gibt ihn nicht. Das K├╝rzel „zg“ steht f├╝r „zugeschickt“ oder „zugesandt“.

Das bedeutet: Alle „Artikel“ (und das sind jede Menge), die das K├╝rzel „zg“ tragen, sind nicht von Journalisten der jeweiligen Redaktion verfasst worden, sondern in den meisten F├Ąllen Pressemitteilungen oder Vereinsnachrichten, die ein wenig „aufgeh├╝bscht“ werden und dann so tun, als seien sie eigenst├Ąndige redaktionelle Leistungen der Zeitung.

K├Ânnte man auch sagen, hier t├Ąusche jemand eine eigene redaktionelle Leistung vor? So weit will ich nicht gehen (in Zeiten, in denen man ganz schnell f├╝r Meinungs├Ąu├čerungen abgemahnt wird, muss man vorsichtig sein). Immerhin werden die „zg“-Texte ja ein bisschen bearbeitet, was aus Sicht von Zeitungen dann doch eine redaktionelle „Leistung“ darstellt. Das ist eben Ansichtssache.

Der Schein der Vielfalt.

Leider, leider, werden aber die Leserinnen und Leser nicht ├╝ber dieses Verfahren aufgekl├Ąrt und k├Ânnen nicht erkennen, ob sie einen eigenst├Ąndig recherchierten Artikel oder eine umgeschriebene Pressemitteilung vor sich haben.

Das wollen die Zeitungen nicht. Sie wollen etwas anderes erreichen: Sie suggerieren eine gro├če Vielfalt von „eigenen“ Autoren, die aber keine eigenen sind. Es sind „als ob“-Autoren.

So auch im Text ├╝ber die Werkrealschule, in den die Redaktion besonders dreist noch eingef├╝gt hat: „…in einer Pressemitteilung“, obwohl der Text selbst zu gesch├Ątzten 90 Prozent aus eben dieser Pressemitteilung besteht. (Klicken Sie auf das Bild, um sich selbst ein Bild zu machen.)

Korrekt w├Ąre, wenn die Zeitungen einfach dr├╝ber oder drunter „Pressemitteilung von xy“ schreiben w├╝rden – dann w├╝ssten die Leser Bescheid, wie sie den Text einzuordnen haben.

Zeitungen tauschen aber auch gerne Artikel untereinander aus. Beispielsweise schreibt im Mannheimer Morgen ├╝ber Hirschberg h├Ąufiger ein Autor, der mit „hr“ zeichnet.

Ausgeschrieben ist das Hans-Peter Riethm├╝ller, Redakteur bei den Weinheimer Nachrichten. Umgekehrt erscheint in den Weinheimer Nachrichten auch mal „ag├“, richtig Anja G├Ârlitz vom Mannheimer Morgen.

Und im Mannheimer Morgen gibt es auch mal die Kombination WN/ag├ – das ist dann eine Text├╝bernahme der Weinheimer Nachrichten mit „redaktioneller Bearbeitung“ durch ag├Â.

Auch durch diese Praxis wird so getan als ob. Korrekt w├Ąre ein Hinweis, dass hier Artikel aus anderen Zeitungen ├╝bernommen wurden. Wie Redaktionen ihre Leserinnen und Leser ├╝ber die Inhaltsstoffe informiert, die im Produkt Zeitung drin sind, entscheiden die Redaktionen selbst.

Umgeschriebene Pressemitteilungen sind g├Ąngige Praxis.

F├╝r Recherche bleibt keine Zeit – schlie├člich muss „zg“ jede Menge „Artikel schreiben“. Diese Praxis, umgeschriebene Pressemitteilungen als eigene Artikel zu verkaufen, ist Gang und G├Ąbe in deutschen Zeitungsredaktionen. Journalisten, die eigentlich bei einer Nachrichtenagentur angestellt sind, werden so schnell auch mal zu „Von unserem Mitarbeiter xy“.

Das hirschbergblog arbeitet anders: Nat├╝rlich ├╝bernehmen wir wie jede Redaktion manchmal Informationen aus Pressemitteilungen und anderen Informationsquellen. Das machen wir in den allermeisten F├Ąllen durch die Nennung der Quelle deutlich. Die Informationen f├╝gen wir neu und eigenst├Ąndig zusammen und erg├Ąnzen sie durch eigene Recherche. Das Ergebnis ist ein echter redaktioneller Artikel und nicht eine Mogelpackung, die so tut als ob.

Dar├╝ber hinaus verlinken wir zu Informationsquellen oder dokumentieren die Originalpressemitteilungen – dadurch erm├Âglichen wir eine gro├če Transparenz f├╝r unsere Leserinnen und Leser.

Drescher oder Rudolf? – MM bl├Ąst zum Halali

Guten Tag!

Hirschberg/Heddesheim, 27. Februar 2010. Die beiden B├╝rgermeister Manuel Just und Michael Kessler sowie die jeweiligen Mehrheiten der Gemeinder├Ąte haben einen „modifizierten“ Antrag auf eine „Werkrealschule neuen Typs“ auf den Weg gebracht. Damit m├╝ssen die Stellen der Schulrektoren neu ausgeschrieben werden. Der Mannheimer Morgen bl├Ąst zum Halali.

Kommentar: Hardy Prothmann

Der Artikel ist kurz und knapp – und formuliert doch eine Entscheidung: Es kann nur einen geben. Durch die gemeinsame Werkrealschule der Gemeinden Hirschberg und Heddesheim wird ein Rektorenteam ├╝berfl├╝ssig.

Der Mannheimer Morgen (MM) hat bei den Schulleitern „am Rande“ Erkundigungen eingezogen – also gewisserma├čen „recherchiert“ oder sich auch „rangeschlichen“ – wie man das auch immer interpretieren will.

Tats├Ąchlich macht der MM etwas anderes: Der Bericht bringt die beiden P├Ądagogen Jens Drescher (Hirschberg) und Hiltrud Rudolf (Heddesheim) in eine Konkurrenzsituation und folgt damit der politischen Logik. Wie immer.

Wer den Kampf gewonnen hat, l├Ąsst sich schon aus der ├ťberschrift erahnen: „Rektor Drescher will sich bewerben“. Oder sp├Ątestens beim Blick auf das Foto. Das zeigt Herrn Drescher – ein Foto von Frau Rudolf gibt es nicht.

Herr Drescher, also der, der kandidieren will, ist ausweislich der Klammer „(34)“ 34 Jahre alt. Frau Rudolf ist ├Ąlter – auf eine Altersangabe verzichtet der MM. W├Ąhrend sich Drescher bewerben will, „mochte sich Frau Rudolf nicht zu ihren Pl├Ąnen ├Ąu├čern“.

Was soll das? Soll hier „Spannung“ erzeugt werden? ├ťber ein Personenkarussell?

Das heddesheimblog hat bereits am 18. Februar 2010 die „Entscheidungsfrage“ aufgegriffen – allerdings mit einer klaren Einsch├Ątzung und nicht mit einer perfiden Andeutung. Dazu mussten wir weder Herrn Drescher fragen, noch Frau Rudolf.

Durch die Entscheidung der Gemeinden war klar, dass eine Schulleitung weichen muss. Es war auch klar, dass sich ein junger Mann wie Herr Drescher selbstverst├Ąndlich bewerben wird. Es ist auch klar, dass sich eine verdiente Schulleiterin wie Frau Rudolf nicht zu einer solch plumpen Anfrage ├Ąu├čern w├╝rde.

Das hat sie ihrem Kollegen Drescher voraus – Erfahrung.

Herr Drescher wiederum ist sein Ehrgeiz ├╝berhaupt nicht vorzuwerfen. Es ist absolut legitim, sich derart zu ├Ąu├čern. Die Frage ist, ob man diese Frage, die auf der Hand liegt, an die Personen stellen muss.

Was die B├╝rgermeister als gute L├Âsung verkauft haben und was vom Gemeinderat in aller Verantwortlichkeit entschieden wurde, dokumentiert der MM jetzt als Konkurrenz zwei Schulleiter, die sich diesen „Kampf um die F├╝hrung“ nicht ausgesucht haben, sondern durch die Verantwortlichen in diese Situation gedr├Ąngt wurden.

Sch├Ân ist das f├╝r keinen der beiden – schon gar nicht, wenn der MM sich dieses „Themas“ in dieser Art „annimmt“.

Vergessen hat der MM zu berichten, dass Herr Drescher sich bewerben will und kann – aber durchaus auch noch andere potenzielle Schulleiter. Das w├Ąre dann noch eine Story wert.

Die Werkrealschule der Politik zeigt nun ihre Auswirkungen.

Lesetipp: „Rudi macht nicht mehr mit“

Anmerkung der Redaktion: „MM“ steht auch f├╝r die Weinheimer Nachrichten, „wn“. Die Redaktionen der beiden Zeitungen tauschen Artikel aus – um sich gegenseitig „auszuhelfen“.
Beide Zeitungen ver├Âffentlichen aber auch durchaus „origin├Ąre St├╝cke„.

Verkehrte Welt

Guten Tag!

Hirschberg/Heddesheim, 30. Januar 2010. Als Tr├Ąger ├Âffentlicher Belange stellt die Gemeinde Hirschberg Forderungen in Sachen geplanter „Pfenning“-Ansiedlung in Heddesheim. „Pfenning“ zeigt sich davon unbeeindruckt und erwartet von B├╝rgermeister Just, dass er vorstellig wird. Diese Haltung ist mehr als erstaunlich – sie ist arrogant.

Kommentar: Hardy Prothmann

In Heddesheim hat die Unternehmensgruppe „Pfenning“ irgendwann betont, dass sie ein „guter Nachbar“ sein wolle. Irgendwann hei├čt: Nachdem sie festgestellt hat, dass viele Heddesheimer den neuen Nachbarn nicht wollen.

Pl├Âtzlich pr├Ąsentierten sich „Pfenning“-Vertreter mit einem Stand im Ort und verteilten Flyer. Es wurden Anzeigen geschaltet. Man nahm brav am so genannten Dialogkreis teil und schaltete eine Seite „Pro-Heddesheim“ im Internet frei.

Der Aufwand hatte ein Ziel: M├Âglichst viel gute Stimmung zu machen, denn die B├╝rger sollten befragt werden, ob sie den neuen Nachbarn wollen oder nicht. 50,35 Prozent stimmten daf├╝r 49,65 Prozent stimmten dagegen. Diese 0,7 Prozentpunkte oder 40 Stimmen mehr f├╝r „Pfenning“ reichen dem Heddesheimer B├╝rgermeister Michael Kessler und seinen Unterst├╝tzern bei CDU, SPD und FDP, um zu argumentieren, die Heddesheimer wollten „Pfenning“.

Die Abstimmung war am 27. September 2009. Seitdem hat man vom guten Nachbarn „Pfenning“ in Heddesheim nichts mehr gesehen. Warum auch? Das Unternehmen hat sein Ziel erreicht, das Bebauungsplanverfahren l├Ąuft weiter.

Innerhalb dieses Verfahrens k├Ânnen nun Tr├Ąger ├Âffentlicher Belange zum Vorentwurf des Bebauungsplans ihre Stellungnahmen abgeben. Hirschberg fordert ein Gutachten, dass der Kreisel im Gewerbegebiet die bis zu 1000 zus├Ątzlichen Lkw-Bewegungen sowie den zus├Ątzlichen Pkw-Berufsverkehr wird aufnehmen k├Ânnen.

Denn der Bauamtschef Rolf Pfl├Ąsterer sieht Probleme: „Wir bezweifeln, dass der Kreisel ausreichend dimensioniert ist. Eventuell muss hier ein Bypass her“, sagte er dem hirschbergblog.

Dar├╝ber hinaus besteht die Gemeinde Hirschberg auf einem „Verkehrslenkungsvertrag„. Der soll sicherstellen, dass keine „Pfenning“-Lkw ab 18 Tonnen ├╝ber die B3 fahren.

Wer will hier was von wem?

Dar├╝ber haben auch der Mannheimer Morgen und die Weinheimer Nachrichten bereits berichtet – mit einem wortgleichen Artikel. Denn die beiden Zeitungen sind sich keine Konkurrenz – sie tauschen ihre Artikel aus.

Und die Hirschberger brauchen von den Zeitungen keine kritische Berichterstattung erwarten. Der Mannheimer Morgen hat es bis heute nicht geschafft, auch nur einmal kritischen Fragen nachzugehen und das Ergebnis einer solchen Recherche zu ver├Âffentlichen.

Die Zeitung informiert klar im Sinne der Bef├╝rworter der geplanten Ansiedlung:

„Zur Frage eines Verkehrslenkungsvertrags mit Hirschberg sagte Pfenning-Pressesprecherin P├â┬ęlagie Mepin, man stehe auch einem Gespr├Ąch mit B├╝rgermeister Just offen gegen├╝ber, wolle aber zun├Ąchst abwarten, womit dieser konkret auf das Unternehmen zukomme.“

Wer einen solchen Satz aufschreibt, muss sofort denken: „Moment. Verkehrte Welt. Wer will hier was von wem?“

Doch das f├Ąllt den Redaktionen nicht ein. Nicht der B├╝rgermeister Just muss auf „Pfenning“ zukommen, sondern „Pfenning“ auf Just. „Pfenning“ will sich ansiedeln und „Pfenning“ muss sich deshalb folgerichtig bem├╝hen, um Zweifel und Bedenken auszur├Ąumen.

Immerhin will man angebliche 100 Millionen Euro investieren.

Jeder vern├╝nftige Mensch w├╝rde vor einer eventuellen Bel├Ąstigung den Nachbarn dar├╝ber in Kenntnis setzen, um ein gutes Verh├Ąltnis zu bewahren. Und nicht warten, bis der Nachbar sich genervt meldet.

Hirschberg profitiert ├╝berhaupt nicht von der geplanten Ansiedlung. Im Gegenteil. Mit gro├čer Wahrscheinlichkeit bringt diese Hirschberg weitere Verkehrsbelastungen.

Die Bedenken aus Hirschberg sind dem Unternehmen l├Ąstig. Deswegen bem├╝ht man sich auch nicht, diese auszur├Ąumen. Wenn der Just was will, soll er halt einen Termin vereinbaren. Punkt. Aus. Fertig.

Diese arrogante Haltung kennt die kritische Heddesheimer Bev├Âlkerung schon zur Gen├╝ge. „Pfenning“ bewegt sich nur, wenn der Druck zu gro├č wird. Unter Druck ist auch der „Verkehrslenkungsvertrag“ entstanden.

Die Hirschberger sind gut beraten, wenn sie das ber├╝cksichtigen. Ohne Druck bewegt sich „Pfenning“ garantiert nicht.

Warum „Pfenning“ ein gro├čes Thema f├╝r Hirschberg ist

Guten Tag

Hirschberg, 27. Januar 2010. Bislang spielte das Thema „Pfenning“ in Hirschberg keine gro├če Rolle auf der politischen Agenda. Das k├Ânnte sich schnell ├Ąndern – wenn es der GLH gelingt, die Hirschberger daf├╝r zu sensibilisieren. Die geplante Ansiedlung des Logistik-Unternehmens in Heddesheim hat in der Nachbargemeinde f├╝r einen enormen politischen Streit gesorgt – die Front verl├Ąuft quer durch den Ort. Ein ├ťberblick.

Von Hardy Prothmann

Man k├Ânnte meinen, in Heddesheim gibt es seit dem Fr├╝hjahr 2009 nur ein Thema: „Pfenning“. Tats├Ąchlich gibt es noch andere Themen – „Pfenning“ dominiert sie aber alle.

pfenning_plan

Die geplante "Pfenning"-Ansiedlung. Das 200.000 Quadratmeter gro├če Gel├Ąnde soll bis 2013 bebaut sein (Zum Vergleich: Das Baugebiet "Sterzwinkel" hat 7,48 Hektar, ist also nur ein Drittel so gro├č). Links verl├Ąuft die Schienenanbindung. Klicken Sie f├╝r eine gr├Â├čere Darstellung. Quelle: Gemeinde Heddesheim

Am 04. Februar 2009 wurde die Standortentscheidung bekannt – das Viernheimer Unternehmen (2000 Mitarbeiter, 220 Mio. Euro Umsatz 2008) will nach Heddesheim umsiedeln. Auf das Areal „N├Ârdlich der Benzstra├če“ (andere Seite von Edeka im Heddesheimer Gewerbegebiet).

Der Gemeinderat, inklusive der Fraktion B├╝ndnis90/Die Gr├╝nen (3 Sitze) hatte sich f├╝r die Ansiedlung ausgesprochen. Die Gr├╝nen fanden die Idee gut, dass es einen Gleisanschluss ans Netz der Deutschen Bahn AG geben solle. Damit w├╝rde ein Teil des Warentransports von der Stra├če auf die Schiene kommen.

Pro und Kontra

Die Argumente f├╝r die Ansiedlung: Keine Erschlie├čungskosten durch die Gemeinde, Ansiedlung in „einem Rutsch“, „erhebliche“ Gewerbesteuereinnahmen, bis zu 1000 Arbeitspl├Ątze.

In einer ersten Stufe sollen dort auf einer Fl├Ąche von 200.000 Quadratmetern ein Logistikzentrum mit 110 Toren sowie ein Verwaltungsgeb├Ąude, ein Werbepylon und ein Parkhaus entstehen. Ein Teil der Lagerhallen sollen bis zu 18 Meter hoch gebaut werden. Das Verwaltungsgeb├Ąude soll 24 Meter hoch werden. Der Pylon ├Ąhnlich dem im Hirschberger Gewerbegebiet ├╝ber 30 Meter hoch. Die Unternehmensgruppe hat sich eine Option auf mindestens weitere 15 Hektar gesichert.

Am 21. April 2009 stellten B├╝rgermeister Michael Kessler und Vertreter des Unternehmens das geplante Projekt im B├╝rgerhaus der ├ľffentlichkeit vor. Ende April erschien ein erster Flyer der IG neinzupfenning, der f├╝r hitzige Diskussionen im durch Verkehr, insbesondere Schwerverkehr stark belasteten Ort sorgte.

Ende April entstand auch das heddesheimblog – zun├Ąchst als Recherchesammlung von Informationen zur geplanten Ansiedlung. Kurze Zeit sp├Ąter als redaktionelles Angebot.

Durch die Aktivit├Ąten der IG neinzupfenning und den journalistischen Informationen des heddesheimblogs sowie einem politischen Sinneswandel der Gr├╝nen-Fraktion kamen Zweifel am Sinn und Zweck der Ansiedlung auf.

Gr├╝ne „gewinnen“ Kommunalwahl durch Streit um Pfenning

Bei der Kommunalwahl schlie├člich kam es zu einem Sieg der Gr├╝nen: Diese wurden zwar nicht st├Ąrkste Fraktion, verdoppelten aber ihre Sitze (von 3 auf 6). Die CDU verlor 2 Sitze (von 10 auf 8), die SPD einen Sitz (von 6 auf 5), die FDP (von 3 auf 2) konnte zun├Ąchst 3 Sitze halten, verlor dann aber doch einen Sitz, weil ein neu gew├Ąhlter Gemeinderat die Fraktion verlies (siehe Anmerkung der Redaktion am Textende).

Um die v├Âllig aus dem Ruder gelaufene ├Âffentliche Kommunikation durch die Gemeinde wieder zu „reparieren“, wurde das Bensheimer PR-Unternehmen IFOK engagiert. Kostenpunkt: 35.000 Euro. Das Ziel: Die ├ľffentlichkeit ├╝ber „Dialogrunden“ in die Debatte einbeziehen. Doch die Informationspolitik des B├╝rgermeisters Kessler bleibt ├╝berwiegend intransparent. Bis heute behindert Kessler die journalistische Arbeit des heddesheimblogs.

B├╝rgerbefragung ergibt hauchd├╝nne Mehrheit f├╝r Pfenning

erreichbar

Hallen sind noch nicht gebaut - werden aber bereits vermarktet. Quelle: Pfenning

Am 27. September gab es zeitgleich zur Bundestagswahl eine B├╝rgerbefragung. Das Ergebnis war denkbar knapp: Die Bef├╝rworter der geplanten „Pfenning“-Ansiedlung erhielten 40 Stimmen mehr (50,35 Prozent zu 49,65 Prozent). Diese Mehrheit von 0,7 Prozentpunkten wurde durch CDU, SPD, FDP und den B├╝rgermeister als Wille der Bev├Âlkerung „bewertet“, dass die Ansiedlung weiter betrieben werden soll.

Der Ansiedlungswunsch der Unternehmensgruppe „Pfenning“ (KMP Holding GmbH) ist nachvollziehbar: Das Grundst├╝ck ist einfach zu erschlie├čen und liegt verkehrsg├╝nstig an der A5. Einer der gr├Â├čten Kunden, die Henkel AG, produziert ihre Waschmittel direkt in G├╝terwaggons und verlangt von den angeschlossen Spediteuren die Ware von der Schiene zu ├╝bernehmen.

B├╝rgermeister Kessler, die Mehrheiten von CDU und SPD sowie die FDP, sehen vor allem die m├Âglichen Gewerbesteuereinnahmen als starkes Argument sowie die Arbeitspl├Ątze. Gewerbetreibende hoffen auf Auftr├Ąge – was nat├╝rlich auch f├╝r das Hirschberger Gewerbe gelten k├Ânnte.

Gro├če Versprechungen zweifelhaft – zweifellos wird der Verkehr kommen

Tats├Ąchlich scheint es damit aber nicht weit her: Aus „bis zu 1000 Arbeitspl├Ątzen“ wurden konkret erst einmal 300, aus Gewerbesteuereinnahmen „in betr├Ąchtlicher H├Âhe“ wurden konkrete rund 200.000 Euro gemessen an den eigenen Zahlen von „Pfenning“.

Die Gegner argumentieren, dass die Ansiedlung den Ort „erdr├╝ckt“ und bis zu 1000 Lkw-Bewegungen pro Tag nicht zu verkraften sind. Au├čerdem bringe sich die Gemeinde in eine existenzielle Abh├Ąngigkeit, die vom Wohl und Wehe von „Pfenning“ abh├Ąngig werde.

Weiter wird die „Verschandelung“ der Landschaft kritisiert, die Feinstaubbelastung oder die mindere Qualit├Ąt der Arbeitspl├Ątze. Auch die m├Âglichen Auftr├Ąge f├╝r das ├Ârtliche Gewerbe werden in Zweifel gezogen, da ein solch gro├čes Projekt von ausw├Ąrtigen Firmen umgesetzt wird.

Intransparente Informationspolitik als Prinzip

Pikant: Anders als ├Âffentlich zun├Ąchst dargestellt ist keineswegs „Pfenning“ der Investor, sondern eine zwei-Mann-Gesellschaft „Phoenix 2010 GbR„: Karl-Martin Pfenning (wohnt in Hirschberg) und der Immobilienunternehmer Johann Georg Adler (Viernheim). Eine GbR hat keine Offenlegungspflichten. Von wem die ben├Âtigten 100 Millionen Euro kommen, wer alles eventuell hinter diesen beiden M├Ąnnern steht, bleibt damit im Dunklen.

„Pfening“ oder konkret „pfenning logistics“ wird nur Mieter sein.

Durch die Recherchen des heddesheimblogs kamen weitere pikante Details ans Tageslicht: Zun├Ąchst plante „Pfenning“ ein Chemielager mit gef├Ąhrlichen Stoffen. Dies wurde nun ausgeschlossen. Au├čerdem vermarktet „Pfenning“ die bislang weder genehmigten noch gebauten Hallen bereits seit Fr├╝hjahr 2009.

Das Unternehmen musste ebenfalls eingestehen, dass „bis zu“ tats├Ąchlich nur „m├Âglicherweise“ bedeutet. Konkret werden nun 300 Arbeitspl├Ątze genannt – ├╝berwiegend im Billiglohnbereich, sprich Lagerarbeiter. Auch die im Verh├Ąltnis eher bescheidenen 200.000 Euro Gewerbesteuerzahlungen hat das heddesheimblog recherchiert und bekannt gemacht.

„Pfenning“ hatte vor einigen Jahren sehr viel „schlechte Presse“: Ein Betriebsrat soll zusammengeschlagen worden sein, Mitarbeiter wurden in neue Firmen umgesetzt, um Abfindungen zu sparen, die Pleite drohte. Auch diese Informationen wurden durch das heddesheimblog zusammengetragen und ver├Âffentlicht.

Verkehrslenkungsvertrag soll die B├╝rger beruhigen

Auf der anderen Seite gibt es eine vollkommen unkritische Berichterstattung durch den Mannheimer Morgen, der bislang noch keine selbst recherchierte „Story“ zum Thema gebracht hat.

lagerwaggon

Gutes Argument: Waren werden per Schiene angeliefert (hier "Pfenning"-Lager in Viernheim). Schlechte Nachricht: Die Ware wird per Lkw weitertransportiert. Bild: hblog

B├╝rgermeister Kessler und „Pfenning“ versuchten die ├ľffentlichkeit mit einem „├Âffentlich-rechtlichen Verkehrslenkungsvertrag“ zu beruhigen, wie ihn nun auch die Hirschberger GLH und B├╝rgermeister Just fordern.

Nach diesem deutschlandweit einmaligen Vertrag, der juristisches Neuland betritt, zahlt das Unternehmen f├╝r jeden Lkw ├╝ber 18 Tonnen, der doch durch den Ort f├Ąhrt eine Strafe von 20 Euro – sofern jemand das anzeigt. Dieser Vertrag soll nun auch mit der Gemeinde Hirschberg geschlossen werden.

Aus Sicht der Heddesheimer Gr├╝nen sind die Verkehrskreisel in den Gewerbegebieten nicht in der Lage, den zus├Ątzlichen Lkw-Verkehr sowie Arbeitnehmer-Verkehr zu verkraften. Dem schlossen sich die Hirschberger GLH und B├╝rgermeister Just an. Ein Gutachten soll Klarheit schaffen. Als Tr├Ąger ├Âffentlicher Belange will die Gemeinde Hirschberg dies als Einwand gegen den Planungsvorentwurf einbringen.

Wenn Sie sich ├╝ber die Ansiedlung informieren m├Âchten, empfehlen wir Ihnen neben allen ├Âffentlich zug├Ąnglichen Quellen unsere Berichterstattung auf dem heddesheimblog, wo hunderte Artikel im vergangenen Jahr zum Thema erschienen sind.

Sie k├Ânnen dort ├╝ber die Suche, ├╝ber das Men├╝ oder ├╝ber die Schlagworte (rechte Spalte) alle dort ver├Âffentlichten Informationen frei recherchieren. Selbstverst├Ąndlich k├Ânnen Sie f├╝r Nachfragen die Redaktion per email oder Telefon kontaktieren.

Anm. d. Red.:
Hardy Prothmann ist Journalist und verantwortlich f├╝r das hirschbergblog und das heddesheimblog. Im Februar kommt mit dem ladenburgblog ein weiteres redaktionelles Angebot hinzu.

Diese neue Form der Lokalberichterstattung findet bundesweit Aufmerksamkeit und gilt als „Zukunft des Lokaljournalismus“. Lesen Sie hier Berichte ├╝ber das heddesheimblog.

In Heddesheim ist Hardy Prothmann als parteiloser Kandidat auf der FDP-Liste (Platz 11) in den Gemeinderat gew├Ąhlt worden. Er gewann die Liste mit 20 Prozent Vorsprung vor dem Fraktionsvorsitzenden Frank Hasselbring. Nach kurzer Verhandlung verlie├č Prothmann die FDP-Fraktion und ├╝bt als partei- und fraktionsloser Gemeinderat ein freies Mandat aus. Sechs Wochen vor der Wahl hatte er mit der Berichterstattung ├╝ber „Pfenning“ begonnen.