Sonntag, 16. Juni 2019

02. bis 08. Dezember 2013

Diese Woche: Tipps und Termine

Rhein-Neckar, Tipps und Termine für den 02. bis 08. Dezember 2013. Montags erscheinen unsere Veranstaltungstipps für die laufende Woche. Die Redaktion nimmt gerne weitere Termine und Anregungen auf. Die Kontaktmöglichkeiten finden Sie am Ende der Seite.

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„Hilfe, ein Verrückter“ – Martin Münch spielt als „Freigeist“

Guten Tag!

Hirschberg, 20. April 2010. Martin Münch ist ein eigenwilliger Pianist – ein Freigeist, der Musik interpretiert, statt sie nur zu spielen. In Brasilien glaubt man, dass in Deutschland „Tomaten fliegen“, so wie er Mozart spielt. Münch spielt virtuos auch ganz dunkle Stücke. „Es kommt darauf an, zwischen den Zeilen zu lesen“, sagt der Künstler.

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Martin Münch spielt vielfältig und virtuos - ob "dunkel" oder "belebt". Bild: hirschbergblog/sap

Von Sabine Prothmann

Mit „Musikalische Freigeister“ war der Klavierabend mit dem Pianisten und Komponisten Martin Münch in der Konzertreihe „Concerto è piu“ in der Hirschberger Alten Synagoge betitelt.

Zwischen den Stücken erfährt das Publikum Interessantes und Anekdotisches zu den Komponisten und zu deren Werken.

Freigeist der Musik.

Und schon in dem ersten Ravels „Bolero“ spürte man den Freigeist der Musik, der sich im Laufe des Abends auch immer mehr steigerte.

Martin Münch erzählt, Maurice Ravel habe bei einem Interview erwähnt, bei der Uraufführung seines „Boleros“ 1928 habe eine Frau mit den Worten „Hilfe, ein Verrückter“ den Saal verlassen. „Sie hat das Stück verstanden“, soll der Komponist gesagt haben.

Als nächstes spielt Münch Mozarts „Fantasie in d-moll“. Seine Interpretation ist eigenwillig und lebhaft. In Brasilien, nach einem Konzert, habe man ihn gefragt, ob er sich auch in Deutschland traue auf die Weise Mozart zu spielen oder ob er dann fürchten müsse, dass Tomaten flögen.

Das große Vorbild des Russen Alexander Skrjabin sei Chopin gewesen. Doch er ging in seinen Stücken über diesen hinaus. Die Übergänge von der Tonalität zur Atonalität in seinem Oeuvre nähmen eine kontinuierliche Entwicklung. Ist Skrjabin in der „Sonate Nr. 2 gis-moll op. 19“ noch eher Chopin verhaftet ist das zweite Stück, das Münch nach der Pause spielt, die Sonate Nr. 9 op. 68 „Schwarze Messe“ streckenweise verstörend und expressiv. Virtuos spielt Münch diese schwierigen Stücke. Und erntet damit auch Bravorufe.

Münch komponiert selbst.

Skrjabin habe ihn selbst sehr in seinen Kompositionen beeinflusst, erzählt der Künstler.

Von Debussy spielt Münch die Stücke „Danse“ und „L-€™Isle joyeuse“. Debussy werde als Erfinder des Impressionismus in der Musik bezeichnet. „Danse“ entsteht noch in der seiner spätromantischen Phase, die er in „L-€™Isle joyeuse“ überwunden hat. Impressionismus in der Musik, heißt zwischen den Zeilen lesen, so Münch.

„Sie hören es vorher nicht, nachher nicht, sie hören es genau jetzt“, so beschreibt der Pianist seine Improvisation zu „Katharsis XXVII“.

Die Improvisationskultur habe noch bei Bach, Bruckner und Brahms hohes Ansehen genossen. Starb in der Klassik aber fast völlig aus, nachdem Robert Schumann behauptet habe, Improvisation sei keine Kunst – auch ein Seitenhieb gegen dessen Konkurrenten Liszt.

Kunst der Improvisation.

Die Improvisation erfuhr dann mit dem Jazz, der Avantgarde und der Ethno-Musik eine Wiedergeburt. Münch selbst habe 1996 seine erste klassische Improvisations-CD veröffentlicht und damit viel Beachtung gefunden.

Improvisation bezeichnet Münch als intensive musikalische Begegnung, „es ist immer etwas Neues, was sich ereignen wird, weiß ich nicht“.

Mit geschlossenen Augen „lässt“ Münch die Musik entstehen. Die Klänge sind dramatisch, bewegend. Die Töne steigern sich, verharren bei fast schmerzhaft hohen Tönen, um wieder in gefühlvolle, weiche Klänge überzugleiten. Künstler und Zuhörer durchleben gemeinsam eine schmerzhafte Reinigung – eine Katharsis.

Nach der Pause startet Münch mit seinem Werk „Märchen und Arabesken op. 32“, das 1996 für den Konzertsaal, aber auch für den Musikunterricht geschaffen wurde. Anstrengende, fast atonale Sequenzen wechseln sich ab mit harmonischen fast eingängigen Melodien. Er zeigt eine beeindruckende Bandbreite seines Schaffens.

Lust und Qual gehören zum Spiel.

Und noch einmal interpretiert der Freigeist Münch den Freigeist Mozart in dem Stück „Menuett und Gigue“. Mit dem Wechsel von schnellen Passagen zu langsamen, fast gequält gezogenen Stellen fordert der Pianist sich selbst und die Zuhörer.

Mit Ravels „La Valse“ beschließt Martin Münch sein Programm.

„La Valse“ – der Walzer schlechthin – ist Ravels Bekenntnis gegen den Krieg. Wie viele Intellektuelle habe Ravel den 1. Weltkrieg zunächst begrüßt, erfährt man von Münch. Doch schon 1916 sei dessen Begeisterung gekippt. Bei einer Reise nach Wien wollte sich der Künstler mit dem ehemaligen Kriegsgegner aussöhnen. Doch anstelle von Walzerseligkeit findet er nur bedrückende Eindrücke und kehrt damit ins Baskenland zurück,

Die erste Version von „La Valse“ entstand im Jahre 1919, die endgültige Fassung 2 Jahre später. Der „Tanz auf dem Vulkan“, wie „La Valse“ auch bezeichnet wird, beginnt musikalisch wie auch in dem szenischen Entwurf von Ravel düster. Die leichten Walzermelodien lassen dann doch bald ein helles, fröhliches Bild entstehen, das sich zum Ende wieder verdunkelt. Der schwarze Tod fordert die weißen Tänzer auf und nach und nach verdunkelt sich die Bühne und die Musik.

Mit großem Applaus und Bravorufen feiern die leider nur 35 Zuhörer dieses letzte Stück. Dessen atemberaubende Dramaturgie der Pianist Martin Münch vor den Augen und in den Ohren des Publikums entstehen ließ.

Mit einer Zugabe von Skrjabin endet ein beeindruckender Klavierabend.

Alle Fotos: hirschbergblog/sap
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Zur Person:
Martin Münch wurde 1961 in Frankfurt am Main geboren, studierte Schulmusik und Philosophie in Mainz, danach Komposition bei Wolfgang Rihm an der Musikhochschule Karlsruhe.

Der Künstler gibt jährlich an die 30 Konzerte. Er ist als Solist in fast allen Ländern Europas aufgetreten, u. a. im Mozarteum Salzburg und Gasteig München, in Rom, Paris, Madrid, Sofia u.a. Konzertreisen führten ihn bis nach Brasilien, Argentinien, Japan und in die USA. Bekannt wurde er durch seine abendfüllenden Interpretationen von Albéniz (gesamte Iberia-Suite), Balakirew und seine 2-tägigen Lecture-recitals über Skrjabin (alle Sonaten).

Rundfunk- und TV-Aufnahmen bei SDR, SWF, SWR, BR, Radio Nordzypern und Klassikradio Buenos Aires mit eigenen Kompositionen und Klavierwerken des späten 19./frühen 20. Jahrhunderts.

Sein bisher 40 Stücke umfassendes Å’uvre reicht von Klavier- über Kammermusik- bis hin zu Orchesterwerken. Die 1996 herausgekommene CD „Katharsis“ mit drei eigenwillig-prägnanten Klavierimprovisationen rief bemerkenswert positive Kritiken hervor, u. a. in der „Frankfurter Rundschau“, „Die Zeit“, „NMZ“. Die 2001 im Duo mit Jérôme Bloch eingespielte CD „barbaro cantabile“ ist ein „vierhändiges Repertoire-Juwel“ (Rhein-Neckar-Zeitung) französischer Klaviermusik.

Martin Münch, seit 1994 Dozent für Klavier an der Universität Bamberg, ist Gründer der „Jahrhundertwende-Gesellschaft“, Heidelberg, 1. Vorsitzender der Gesellschaft „piano international“ und künstlerischer Leiter der Klavierwoche Heidelberg, des Neckar-Musikfestivals und der Pianorama Florenz 2005.

2009 gewann er mit seiner Feuerwerk-Ouvertüre bei der Pyromusikale Berlin den 1. Preis.