Montag, 10. Dezember 2018

Mariettas Kolumne: Zwischen Wechseljahren und Midlife Crisis – oder einfach nur in der Lebensmitte?


Rhein-Neckar, 24. Juli 2011 (red) Marietta berichtet aus ihrem bewegten Alltag. Ihre Geschichten kosten keinen Eintritt und sind mitten aus dem Leben – manchmal geht die Phantasie mit ihr durch, aber vielleicht auch nur wegen der Realität. Doch was ist real, was phantastisch? Bei Marietta mischen sich da manchmal die Sphären. Und wie ist das mit den Wechseljahren, der Midlife Crisis und mit den Männern? Kompliziert. Soviel steht fest.

Von Marietta Herzberger

Schwaches Geschlecht?

Mit ungefähr Mitte vierzig ist es erstrebenswert, persönliche Ziele, soweit vorhanden, annähernd erreicht zu haben oder sich zumindest in einem gewissen Zustand der Zufriedenheit zu befinden.

Gehen wir davon aus, das Projekt „Zielerreichung“ oder „angenehmer Zufriedensheitspegel“ wurde in weiten Teilen umgesetzt, so lehnt man sich zurück, schaut sich das Ganze bewusst an und resümiert: Alles wunderbar. Kann so bleiben.

Dann erwischt sie dich, die Erkenntnis, dass du massiv auf die Wechseljahre zusteuerst oder schon direkt drin bist. So genau kann das keiner sagen, weil diese individuellen Befindlichkeiten bei Frauen gut 15 Jahre dauern können. Die Grenzen zwischen Beginn und Ende sind fließend und können nicht mal hundertprozentig über einen Hormontest fixiert werden. Je nach Tageszeit, Laune, Fett- und Antibiotikumgehalt der Vortagesmahlzeit.

Mal ehrlich: Haben wir als Frau nicht sowieso schon, und völlig ungerechtfertigterweise, den Stempel des schwachen Geschlechtes? Kurz aufgelacht. Wir pubertieren im Laufe eines weiblichen Lebens gleich zweimal und zwischendrin bekommen wir im schlimmsten Fall einmal im Monat schreckliche Bauchkrämpfe, welche sich immer den besten Zeitpunkt, wie zum Beispiel den jährlichen Urlaub, aussuchen. In jungen Jahren werden wir schlagartig mit Östrogenen zugeschüttet, die Brüste wachsen, die Hüften werden rund, die Pickel sprießen. Nach einer Weile lichtet sich das Hormonchaos und wir haben uns daran gewöhnt, mehr oder weniger.

Totale Fehlplanung

Knappe dreißig bis fünfunddreißig Jahre später spult der Film rückwärts. Das Östrogen hat keine Lust mehr und zieht sich zurück. Der langsame Rücklauf jedoch funktioniert nicht in allen Bereichen so wie wir es gerne hätten. Ich gebe zu, die Zeit ohne diesen monatlichen Dorn stelle ich mir recht angenehm vor. Die dämlichen Begleiterscheinungen jedoch müssten nicht sein. Hat das Östrogen damals Brust und Hüften wachsen lassen, läuft das jetzt nicht unbedingt umgekehrt. Blöde Sache. Der Brüste schrumpfen zwar, das Gewebe aber bleibt und zieht nicht nur deine Selbstachtung nach unten. Die Hüften schrumpfen allerdings nicht. Schön wäre es. Nein, sie wachsen weiter, weil der sich der Stoffwechsel ohne sein Östrogen auch nicht mehr so frisch fühlt und in aktive Altersteilzeit wechselt. Er ist zwar noch da, arbeitet jedoch nur noch anteilig. Wir setzen mehr Fett um die Körpermitte an, um das in kalten Wintern zu schützen, was wir dann sowieso nicht mehr brauchen. Totale Fehlplanung.

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Könnten wir nicht auf die letzten Meter noch mal schön schlank, glatt und gestrafft sein? Nein, können wir nicht, weil die Natur vorsieht, nur die Gebärfreudigen und -fähigen ins Beuteschema fallen zu lassen. Verabschiedet sich bei uns das letzte Ei, können die Herrschaften noch so lange Nachwuchs zeugen, bis sie tot überm Pissoir hängen. Das ist der Gipfel der Evolutionsunverschämtheiten. Wenn dann kein finanzielles Polster zur besonderen Verfügung träge auf dem Konto liegt, um die Vielfalt der Schönheitschirurgie auszutesten, wird man sich weise und erhaben dem ganz natürlichen Prozess überlassen müssen. Wenn ich es mir so recht überlege, ich das angesichts der zuhauf in den Medien vertretenen Botox-Monster sicher nicht das Falscheste.

Wir Frauen müssen irgendwann mal während der Schöpfung ganz laut „Hier!“ geschrien haben. Hier, wir nehmen das künftige Leid aller Menschen auf uns, sind einmal im Monat unrein und gebären unter Schmerzen unsere Kinder – so wurde es zumindest – und wird es manchmal auch immer noch, von den verschiedenen Religionen gepredigt. Ein gut funktionierendes Modell? Nach dem Motto: „Never change a running system“?
Und die Männer? Das starke Geschlecht? Meine lieben Damen, liebe Mütter und Verbündete. Mal ehrlich, wie vielen Männern gebt ihr die Chance eine Geburt zu überleben? Richtig. Keine. Die Menschheit wäre ausgestorben, würden wir diesen Part dem starken Geschlecht überlassen!

Wechseljahre oder Midlife Crisis. Was ist besser?

In der Jugend kämpfen sie ebenfalls mit der Pubertät, den sprießenden Pickeln und – davor bleiben wir verschont – dem einhergehenden Stimmbruch. Kommen wir in die Wechseljahre, kommen sie in die Midlife Crisis. Das klingt besser. Ist es auch.

Haben wir Schweißausbrüche, weil die Hormone versuchen, sich auf Teufel komm raus gegenseitig zu ersetzen, haben sie Schweißausbrüche, wenn die nette junge Nachbarin ein zartes, junges „Hallo“ haucht. Haben wir Schwindelanfälle, weil der Körper sich umstellt, ist ihnen schwindelig, wenn sie zu viel trinken oder sich mit Mitte fünfzig noch mal ins Cabrio setzen (das sie sich erst jetzt leisten können) und zu schnell fahren.

Was für uns der Töpferkurs zur Selbstfindung, ist für sie die neue junge Frau mit der Wahnsinnsfigur. Ist die Midlife Crisis nichts anderes, als der verzweifelte Versuch eines alternden Mannes, seine Samen nochmals erfolgreich in die Welt zu streuen? Das Resümee in der Lebensmitte? Reichen ihm Frau und Kinder? Ist der Job der richtige? Hat er alles getan, was er tun konnte? War es das jetzt? Er stellt seine Erfolge in Frage und sich in Szene. Einige setzen dann noch mal ganz neu auf.

Wenn ich detailliert darüber nachdenke, dann haben wir Frauen nicht nur die Wechseljahre sondern zu allem Überfluss die Midlife Crisis gratis dazu. Auch wir ziehen Resümee und so manche fragt sich, ob es das jetzt war, mit dem ehemaligen Adonis, der inzwischen geschätzte 120 Kilos auf die Waage bringt, auf dem Sofa sitzt und weder seinen Geist noch seinen Hintern hochbekommt.

Wir versuchen, uns zu erhalten. Sie versuchen, sich zu vermehren. Ganz simpel eigentlich, wenn man es schwarz-weiß sieht. Tun wir aber nicht, dafür sind wir Frauen. Wir sind verständnisvoll und beleuchten immer alles von allen Seiten, um es allen anderen und uns selbst Recht zu machen. Wir sind stolz darauf, was wir sind und insgeheim wissen wir, dass das vermeintlich „starke Geschlecht“ unterhalb von Weicheiern begrenzt ist. Und trotzdem lieben wir es!

Warum erzähle ich das alles? Nun ja, mit Mitte vierzig ist man eben keine dreißig mehr.
In diesem Sinne

Eure Marietta

Marietta Herzberger.

Anmerkung der Redaktion: Marietta Herzberger lebt in Weinheim und schreibt in ihren Kolumnen über den ganz normalen Wahnsinn des Alltags. Erfundene Geschichten, in denen doch das eine oder andere wahr ist. Die Personen gibt es meistens, manchmal nicht. Mal ist es, wie beschrieben, mal gnadenlos überzogen. Es sind keine „journalistischen“ Texte mit dem Anspruch auf Faktentreue, sondern Lesetext mit dem Ziel, Lesefreude zu verbreiten. Sie hat jede Menge Weisheiten gerne, zwei sind: „Machen Sie sich erst einmal unbeliebt, dann werden Sie auch ernst genommen“ – Konrad Adenauer. Und: „Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren“ – Bertolt Brecht. Wir wünschen unseren Lesern viel Lesespaß mit ihren Texten!