Dienstag, 11. Juni 2019

Wer hat Angst vorm „weißen Bus“? Falschmeldung verunsichert Eltern – die reale Bedrohung liegt im „Umfeld“


Rhein-Neckar, 26. Oktober 2011. (red) Seit ein paar Tagen „geistert“ eine Meldung durch soziale Netzwerke wie Facebook, dass vor Ort ein Mann Kinder anspreche und diese in einen „weißen Bus“ locken wolle. Was wie die mögliche Bedrohung von Kindern durch pĂ€dophile KindesentfĂŒhrer klingt, ist eine unwahre Geschichte, ein so genannter „Hoax“. Trotzdem ist die Bedrohung real – allerdings eher durch MĂ€nner im unmittelbaren „vertrauensvollen“ Umfeld der Kinder.

Von Hardy Prothmann

Egal, wie man es nennt, ob ĂŒbler Scherz, Kettenbrief, Hoax, „urban legend“ – die Geschichten funktionieren immer gleich. Ein Empörungsthema wird gesucht, eine Bedrohung, irgendetwas, das viele Menschen berĂŒhrt.

So auch die Warnung, man habe vor der Schule einen weißen Bus gesehen, ein Mann spreche Kinder an, die Mama hat gesagt, dass der Junge mitfahren muss, weil der regulĂ€re Bus nicht kommt, etwas passiert ist und so weiter. Obligatorisch ist die Aufforderung, die Nachricht weiter zu verbreiten, „um andere zu warnen“.

Und flugs verbreitet sich das GerĂŒcht – in Zeiten des Internets rasant. Der „weiße Bus“ ist mittlerweile in ganz Deutschland vor Schulen gesehen worden. Es gibt mittlerweile dutzende Varianten der Geschichte, deren Botschaft im Kern lautet: „Achtung, pĂ€dophiler KinderschĂ€nder hat es auf Dein Kind abgesehen.“

Schutzreflexe

Wer Angst vorm "weißen Bus" hat, sollte sich viel mehr vorm "weißen Talar" fĂŒrchten. Quelle: regensburg-digital.de

Der Schutzreflex ist verstĂ€ndlich. Auch ich habe die Meldung gestern gelesen und war sofort aufmerksam. Der Sohn ist mit 17 Jahren „zu groß“, aber da ist ja noch die Tochter, die beschĂŒtzt werden muss. Als ich die Nachricht zu Ende gelesen hatte, habe ich nach Hinweisen gesucht, bei der Polizei nachgefragt. Weniger, weil ich beunruhigt war, sondern aus einem journalistischen Reflex heraus. Kann das sein? Ist da was dran? Das Ergebnis: Keine Erkenntnisse. Keine Hinweise. Damit war die Sache fĂŒr mich erledigt.

Da der Bus oder vielmehr die angebliche Geschichte seine Bahnen zieht, braucht es offensichtlich doch eine „offizielle“ Entwarnung. Es gibt ihn nicht, den „weißen Bus“.

Den „weißen Bus“ gibt es nicht – wohl aber die Angst

TatsĂ€chlich gibt es große Ängste – das eigene Kind in den FĂ€ngen pĂ€dophiler Verbrecher… Eine Horror-Vorstellung fĂŒr viele Eltern. Tatsache ist aber, das sexuelle Gewaltverbrechen (mit Todesfolge) seit Jahren rĂŒcklĂ€ufig sind.

Das hat vor allem mit einer erhöhten Aufmerksamkeit zu tun, mit PrĂ€vention, mit guter Polizeiarbeit. Der allerschlimmste „Horrorfall“, der sexuelle Missbrauch mit Todesfolge ist die absolute Ausnahme. 2009 hat die „Polizeiliche Kriminalstatistik“ (PKS) in Deutschland zwei solcher FĂ€lle „erfasst“, 2010 keinen einzigen.

So erschĂŒtternd jedes einzelne Schicksal ist: Statistisch gesehen ist die Bedrohung, gemessen an einer Bevölkerungszahl von rund 80 Millionen Menschen, nicht messbar. In krassem Gegensatz dazu steht die Angst davor.

Missbrauch in der Statistik

Schaut man auf die „kalten“ statistischen Daten, fĂ€llt vor allem der „sexuelle Missbrauch von Schutzbefohlenen“ auf. Diese TĂ€ter fahren keinen „weißen Bus“, sondern sind meist im alltĂ€glichen „Umfeld“ der Kinder zu finden.

Es sind VĂ€ter, BrĂŒder, Onkel, Opas, Nachbarn, Mitarbeiter von „Jugendorganisationen“, VereinsfunktionĂ€re, Kirchen, Ärzte, Sozialarbeiter – eben alle, die „alltĂ€glich“ mit Kindern zu tun haben. Die TĂ€ter sind meist mĂ€nnlich und im direkten Kontakt mit Kindern. Nicht der „böse Unbekannte“, sondern der „Bekannte“ ist die reale, böse Bedrohung.

Das perfide an dieser Bedrohung – es sind Personen, den man eigentlich vertraut. Von denen „man das nicht denkt“.

Hier gehen die Missbrauchszahlen in die tausende. Statistisch gesehen muss man diesen Zahlen misstrauen. Ganz im Gegensatz zu den Zahlen ĂŒber entfĂŒhrte Kinder, die zu Tode kommen. Die sind sehr exakt.

Die sexuellen MissbrauchsfĂ€lle, die durch „bekannte“ Personen begangen werden, werden wegen SchamgefĂŒhls, Sorgen um die „öffentliche“ Stellung hĂ€ufig nicht angezeigt. Die Dunkelziffer ist nicht zu bemessen, man kann aber davon ausgehen, dass sie sehr hoch ist.

„Jungs“ haben es „schwerer“

Nicht nur Frauen wissen das sehr genau. Welche Frau erzĂ€hlt schon gerne, dass der Opa sie „gestreichelt“ oder sie ihre „Unschuld“ durch den „Onkel“ verloren hat? Kaum eine. Trotzdem gibt es immer mehr Frauen und MĂŒtter, die sich dem Missbrauch stellen und ihn nicht einfach „abtun“.

"Echte" Missbrauchzahlen findet man als statistische Zahlen in der Polizeilichen KriminalitĂ€tsstatistik. Jeder Fall ist erschĂŒtternd - die Zahl der FĂ€lle ist aber "gering". Die Dunkelziffer hingegen hoch. Quelle: PKS

 

FĂŒr „Jungs“ ist das bis heute noch viel schwerer. Als „Mann“ einen Missbrauch einzugestehen, ist auch durch „Rollenbilder“ sehr viel schwieriger. Mal ganz ehrlich? In wie vielen Köpfen geistert noch der Blödsinn rum, dass „Frauen genommen werden“ und „MĂ€nner nehmen“? Und was ist dann mit „MĂ€nnern“, die „(heran)genommen“ wurden? Sind das MĂ€nner oder nur einfach „Schwuchteln“?

Solche blödsinnigen Rollenbilder machen es pĂ€dophilen TĂ€tern einfach. Und die Scham der Opfer, der Familien und der Gesellschaft schĂŒtzt die TĂ€ter zusĂ€tzlich. Das ist die Perversion der Perversion.

Als eine der grĂ¶ĂŸten „Missbrauchsorganisationen“ geriet die katholische Kirche in die Kritik – die Welle der Anzeigen und „Offenbarungen“ reißt nicht ab. Und eine „ehrenwerte“ Haltung der katholischen Kirche, MissbrauchsfĂ€lle konsequent und ohne Kompromisse zu verfolgen, ist nicht zu erkennen. Ganz im Gegenteil – die Vertuschung hat Methode, selbst unter Einsatz juristischer Mittel.

Auch mein Kollege Stefan Aigner aus Regensburg ist so eine Art „Missbrauchsopfer“. Eineinhalb Jahre musste sich der freie Journalist gegen die Diözese Regensburg wehren, die ihn verklagt hatte, weil er in einem Bericht Zahlungen an die Familie eines Missbrauchsopfers als „Schweigegeld“ benannt hatte.

Aktuell hat das Oberlandesgericht Hamburg diese EinschĂ€tzung bestĂ€tigt und Stefan Aigner diese Wortwahl gestattet. Die Prozesskosten von weit ĂŒber 10.000 Euro waren geeignet, den Journalisten wirtschaftlich zu ruinieren. Vergleichsversuche im Vorfeld hat die Kirche nicht angenommen. Dem Missbrauch folgte der Wille, einen kritischen Journalisten mundtot zu machen – koste es, was es wolle.

Das bekannteste Beispiel fĂŒr „sexuellen Missbrauch Schutzbefohlener“ in unserer Region ist die „Odenwaldschule“. Nach einem Bericht von Spiegel online wurden hier „sexuelle Dienstleister fĂŒrs Wochenende eingeteilt.“

„Schulleiter, Kirchenvertreter, Ministerien – alle reden von „EinzelfĂ€llen“ des sexuellen Missbrauchs an Schulen. Inzwischen sind es ziemlich viele EinzelfĂ€lle. Die Schulen haben einen blinden Fleck, die Behörden offenbar einen toten Winkel: Wo ist die staatliche Schulaufsicht, wenn man sie braucht?“,

fragt Spiegel online in einem weiteren Artikel.

Die reale Bedrohung ist nicht der „weiße Bus“, sondern das Umfeld.

FĂŒr Eltern und ihre Kinder muss klar sein, dass nicht der „weiße Bus“ die echte Bedrohung darstellt – die tatsĂ€chliche Bedrohung liegt aber tatsĂ€chlich vor Ort im vermeintlich vertrauenswĂŒrdigen Umfeld.

Der beste Schutz der TĂ€ter ist die Scham, die viele empfinden. Der beste Schutz vor den TĂ€tern und auch nach einer Tat ist die Anzeige und notfalls auch die Öffentlichkeit – damit anderen nicht dasselbe „Schicksal“ widerfĂ€hrt.

DafĂŒr braucht es sicherlich Mut. Mehr, als eine dubiose Meldung weiter zu verbreiten, die nur das Angstthema schĂŒrt.

Wer wirklich etwas gegen Missbrauch tun will, darf einen solchen nicht verschweigen. Der Missbrauch darf kein „Tabu“-Thema sein. Und es gibt mittlerweile durch Polizei und Behörden umfangreiche Hilfen.

Auch privat sollte das Thema kein Tabu mehr sein. Hier gilt es, den Opfern Mut zu machen und sie frei von jeder Schuld zu halten.

Wer Opfer eines Missbrauchs geworden ist, hat trotzdem jedes Recht, mit WĂŒrde behandelt zu werden. Die TĂ€ter sind die Schuldigen. Wenn die Gesellschaft das begreift, wird es weniger Opfer und damit auch weniger TĂ€ter geben.

Und irgendwann verschwindet vielleicht auch die ĂŒbertragene Angst vor „weißen Bussen“.