Mittwoch, 19. Juni 2019

Besichtigungstour

AWO-Treff im Seniorenheim am Turm

Hirschberg, 3. September 2012. (red/pm) Am Mittwoch dem 12. September bietet die Arbeiterwohlfahrt Hirschberg-Großsachsen einen besonderen AWO Treff an. Wir besuchen das Seniorenheim am Turm – darum treffen wir uns direkt in der Cafeteria des Seniorenheimes um 14 Uhr.

Information der Arbeiterwohlfahrt Hirschberg:

„Nach dem Kaffee und Kuchen verzehrt sind, werden uns Herr Pregartner und Herr Becker von der Evangelischen Heimstiftung das Haus erlĂ€utern und zeigen.

Dieser AWO Treff ist sicher fĂŒr alle die von Interesse, die mal sehen wollen, wie das Pflegeheim jetzt so „lĂ€uft“. Die AWO lĂ€dt herzlich ein!“

Das Seniorenzentrum am Turm wurde eingeweiht

„Keine geschlossene Gesellschaft, sondern ein Teil von Hirschberg“

Das Seniorenzentrum am Turm wurde eingeweiht. Foto: Hirschbergblog.

Hirschberg, 03. Juni 2012. (red/sap) Am Freitag, 01. Juni, wurde das Seniorenzentrum am Turm in Großsachsen eingeweiht und der Hausdirektor Ingo Pregartner in sein Amt eingefĂŒhrt. Ein Tag der offenen TĂŒr ermöglichte den Besuchern die RĂ€umlichkeiten des Pfelegeheims anzuschauen und ein Festakt bot RĂŒck- und Ausblick auf ein spannendes Projekt: 27 barrierefreie Zwei- bis Drei-Zimmerwohnungen mit 52 bis 81 Quadratmetern, 49 Pflegezimmer, ein Mobiler Pflegedienst und eine Kinderbetreuungseinrichtung mit 20 PlĂ€tzen fĂŒr Kinder zwischen einem und drei Jahren sind entstanden. In weißen Zelten lud die Evangelische Heimstiftung zum Essen.

Von Sabine Prothmann

Es ist hĂŒbsch geworden, das Seniorenzentrum am Turm, neben dem Marktplatz, im Herzen von Großsachsen. Die GebĂ€ude sind hell und freundlich, im Pflegeheim herrscht eine moderne und doch gemĂŒtliche AtmosphĂ€re.

Und eigentlich ist es auch mehr ein „Generationenzentrum“, wie Thomas Becker, Regionaldirektor der Evangelischen Heimstiftung, sagte.

47 Prozent der Betten sind im Pflegeheim belegt, das heißt 23 Bewohner sind schon zehn Wochen nach der Eröffnung eingezogen.

„Das ist ein Wahnsinn, das heißt, wir wurden ausgezeichnet angenommen“, so Becker.

Und auch die Wohnungen wurden schon alle verkauft und vermietet und ein Großteils wurde bereits bezogen.

Die Bewohner der Betreuten Wohnanlage seien eingeladen, an den kulturellen Veranstaltungen und am Essen im Pflegeheim teilzunehmen und der Mobile Pflegedienst, der ebenfalls im Hause angesiedelt sei, könne in Anspruch genommen werden, erklÀrte Thomas Becker.

Bernhard Schneider fĂŒhrt Ingo Pregartner (links) ins Amt des Hausdirektors ein. Foto: Hirschbergblog.

Gleichzeitig mit der Einweihung des Hauses wurde Ingo Pregartner als Hausdirektor eingefĂŒhrt.

Denn, „man sei schließlich sparsam“, wie Bernhard Schneider, HauptgeschaftsfĂŒher der Evangelischen Heimstiftung, und aus Stuttgart angereist, erklĂ€rte und dabei lachte:

Ich komme gerne an die Bergstraße, Sie leben hier in einem gesegneten Landstrich.

Bei der evangelischen Heimstiftung sei es ĂŒblich, einen Festakt mit der Tageslosung und Lehrtext zu eröffnen und so zitierte Schneider:

Wer den Herrn fĂŒrchtet, hat eine sichere Festung.

Und dieses Motto gab er Pregartner mit auf den Weg, als Orientierung und Kompass:

Seien Sie fest im Glauben, das wird Ihnen eine innere Orientierung geben.

„Offene TĂŒren, offene Arme!“

Doch, wenn es um die Einrichtung gehe, die Menschen, Bewohner, Angehörige, dann sei genau das gegenteilige Bild einer Festung gefragt:

Offene TĂŒren, offene Arme!

Dieses Haus solle Sicherheit und Geborgenheit geben und es solle den Bewohnern eine Heimat sein.

An BĂŒrgermeister Just gewandt, sagte Schneider:

Sie haben mit dieser Einrichtung, die eigentlich Generationenzentrum am Turm heißen mĂŒsste, etwas Wunderbares geschaffen, hier begegnen sich Jung und Alt und bilden eine Gemeinschaft.

Das Zusammenkommen von Pflegeheim, betreuter Wohnanlage und Kinderbetreuung bezeichnete Schneider als innovativ.

Die Evangelische Heimstiftung habe in das Seniorenzentrum rund 4,5 Millionen Euro investiert und entstanden sei ein modernes Pflegeheim mit 49 PlÀtzen in drei Wohngruppen. Und auch ein Mobiler Dienst habe hier Heimat gefunden.

„WohlfĂŒhlen schaffen wir nicht durch Mauern und ein Haus, sondern das schaffen die Menschen“, sagte Schneider bei der AmtseinfĂŒhrung zu Ingo Pregartner. Man brauche Mitarbeiter und ein gutes Team, um starten zu können.

Ingo Pregartner ist seit Anfang 2009 bei der Evangelischen Heimstiftung tÀtig, bislang arbeitete er als Pflegedienstleiter in Heddesheim, ab vergangenen Freitag ist er nun offiziell Hausdirektor des Seniorenzentrums am Turm.

FĂ€ngt ein gesegnetes Alters erst mit 99 Jahren an, fragte Pfarrerin Ute Haizmann von der Weinheimer Peterskirche und sagte:

Hallo, wir haben alle ein gesegnetes Alter, heute und hier.

Es komme darauf an, dass „ich nicht alleine gelassen bin, dass es Menschen gibt, die mir gut tun, denen ich gut tue, egal wie alt wir sind“, so Haizmann.

Der Turm - ein markantes Wahrzeichen fĂŒr Großsachsen. Foto: Hirschbergblog.

Mit dem Seniorenzentrum am Turm verwirkliche die Gemeinde den Wunsch, eine Alternative fĂŒr den Alterswohnsitz zu geben. Und zwar fĂŒr diejenigen, die es sich vorstellen können, ihre bisherige Wohnung aufgeben zu können, sagte BĂŒrgermeister Manuel Just bei seinen Gußworten.

Ein langer und  steiniger Weg bis zur Realisierung

Just erinnerte an den langen und steinigen Weg bis zur Realisierung des Seniorenzentrum: (Lesen Sie hier unsere chronologische Dokumentation: „Wie aus Ideen und WĂŒnschen ein Plan wurde, der anders ist als geplant„)

Die Eröffnung feiern wir rund ein Jahr spÀter als geplant.

Bereits 2006 habe es aus der Mitte des Gemeinderates den Antrag auf Erstellung eines Konzepts gegeben. 2007 folgte die PrĂŒfung und die Sichtung eines geeigneten GrundstĂŒcks. 2009 habe man sich fĂŒr die Evangelische Heimstiftung und die FWD als Baufirma und Investor entschieden.

Im selben Jahr gab es auch den ersten Hirschberger Seniorentag und im April 2009 wurde der Runde Tisch gegrĂŒndet. An diesem Tisch trafen sich die Evangelische Heimstiftung, die FWD, die Gemeinde Hirschberg und auch Vertreter der AWO und der Kirchengemeinden. Unter neuem Namen werde dieser runde Tisch auch weiter existieren.

BĂŒrgermeister Just ist stolz darauf, was entstanden ist: 27 barrierefreie Zwei- bis Drei-Zimmerwohnungen mit 52 bis 81 Quadratmetern, 49 Pflegezimmer, ein Mobiler Pflegedienst und eine Kinderbetreuungseinrichtung mit 20 PlĂ€tzen fĂŒr Kinder zwischen einem und drei Jahren.

Mit dem Turm habe man ein markantes Wahrzeichen Großsachsens einbinden können. Er hoffe auf eine hohe Frequentierung des Areals. Durch die Lage direkt am Marktplatz, die verbindenden Wege, das große Schachbrett in der Mitte, habe die Gemeinde Hirschberg alles dafĂŒr getan, dass hier gelebt werden könne.

Die Lebenserwartung sei deutlich gestiegen, „diesen Ă€lteren Menschen und ihren BedĂŒrfnissen mĂŒssen wir Rechnung tragen“, sagte Just. Bis zum Jahr 2030 werde sich die Zahl der Über-65-JĂ€hrigen um 4,2 Prozent erhöhen, also um 150 Menschen. Davon wĂŒrden sicher einige im Seniorenzentrum in ihren letzten Lebensphase eine Heimat finden.

„Wir haben viel gelernt hier in Hirschberg“, sagte Gustav Bylow, BevollmĂ€chtigte der FWD Haubau Dossenheim. Bylow lobte Hirschberg als Musterbeispiel, vor allem auch durch das Wirken der Arbeitskreise:

Alles, was zu lange geschwÀtzt wurde, haben wir durch schnelles Bauen wieder eingeholt.

Es wurde eine Heiterkeit ausstrahlende Architektur geschaffen, so Bylow, und die Menschen sollen denken:

Hier ist es schön, hier will ich sein und bleiben.

Doch er sagte auch:

Bauen ist wichtig, aber noch wichtiger ist, was in den HĂ€usern geschieht.

Martina Wagner vom Konvent der Evangelischen Heimstiftung lobte das Seniorenzentrum und wĂŒnschte Ingo Pregartner, „Balance zu halten und das eigene Maß zu finden.“

Seinen Ausblick begann Ingo Pregartner mit dem Gedicht „Stufen“ von Hermann Hesse. Und zitierte:

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschĂŒtzt und der uns hilft, zu leben.

Hier im Seniorenzentrum vereine sich Jung mit Alt, das sei eine optimale Begegnung. FĂŒr die Ă€lteren Menschen biete man verschiedene Lebensformen an: Vollstationierung, Kurzeitpflege und betreute Wohnanlage.

Wir wollen keine geschlossene Gesellschaft, sondern ein Teil von Hirschberg bleiben.

Den Bewohnern möchte er ein heimeliges GefĂŒhl und die Sicherheit, gut betreut im Alter zu sein, vermitteln. Pregartner dankte den Angehörigen und Mitarbeitern fĂŒr das ungewöhnliche Engagement.

Der „Manuel-Just-GedĂ€chnisplatz“

„Hier in Hirschberg ist ein Wort noch ein Wort“, lobte Thomas Becker, Regionaldirektor der Evangelischen Heimstiftung, die Zusammenarbeit mit der Gemeinde.

BĂŒrgermeister Just habe sich stets positiv eingemischt, auch architektonisch. So mĂŒsste eigentlich die Loggia „Manuel-Just-GedĂ€chnisplatz“ genannt werden, denn auf seine Idee hin sei sie umgesetzt worden.

Es sei ein kleines, soziales Generationenzentrum entstanden. Noch befinde sich das Seniorenzentrum in der „PubertĂ€t“ und muss sich entwicklen, aber mit einer Belegung von 47 Prozent nehmen die Menschen das Seniorenzentrum an.

Neben den fachlichen lobte Becker auch die menschlichen FĂ€higkeiten:

Dies ist hier ein Vorzeigeobjekt.

Wenn eine Einrichtung gut lĂ€uft, bekommt der Hausdirketor Lob, lĂ€uft sie schlecht, bekommt der Regionaldirektor Ärger. Deshalb wĂŒnsche er Pregartner viel Lob.

Musikalisch umrahmt wurde die Veranstaltung von Franz Josef Siegel am E-Piano und am Bass GĂŒnter Stalter mit drei gut gewĂ€hlten und hervorragend gespielten und gesungenen StĂŒcken.

Das E-Piano, das kĂŒnftig in der Cafeteria des Pflegeheims stehen soll, ist ein Geschenk des Hirschbergers Michael Joswig. Anstelle von Geschenken hatte er sich zu seinem Geburtstag Geld gewĂŒnscht und das Musikinstrument gespendet.

„Ich wurde in meinem Leben mit einer schönen Stimme gesegnet“, sagte Joswig. Die Freude an der Musik möchte er gerne weitergeben.  Das E-Piano soll viel gespielt und angefasst werden, „das wĂŒnsche ich mir“.

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Serie: Sex bei Opa und Oma? Lassen Sie uns darĂŒber reden!

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Guten Tag!

Hirschberg, 11. MĂ€rz 2010. Wir starten heute eine neue Serie. Im Fokus steht die SexualitĂ€t… im Alter – die hat aber viel mit der Lebens- und Liebeserfahrung davor zu tun, weswegen auch hierzu Texte veröffentlicht werden. Zum Start der Serie haben wir unsere Autorin, Antonia Scheib-Berten, interviewt. Die Expertin weiß: SexualitĂ€t im Alter ist ein schwieriges Thema – aber eins, ĂŒber das man reden kann und sollte. Dann finden sich auch Antworten.

Von Hardy Prothmann

Frau Scheib-Berten, im neuen „Spiegel Wissen“ beschreibt ein Text eine Frau, die Demenzkranken und Behinderten als Sexualassistentin GesprĂ€che und Massagen anbietet, die auch zum Orgasmus fĂŒhren (sollen). Ihre Kunden sind Ă€lter, einige besucht die Frau im Altenheim. Ist so eine Arbeit anstĂ¶ĂŸig, ist das Prostitution?

Antonia Scherb-Berten: „Die TĂ€tigkeit der Sexualassistentin nichts Neues. In Holland gibt es diese Variante der Assistenz im Rahmen der Arbeit mit jĂŒngeren Behinderten schon seit Jahren. Teilweise wurden, zumindest in der Vergangenheit, die Kosten durch offizielle KostentrĂ€ger ĂŒbernommen.

BegrĂŒndet wurde es damit, dass auf diesem, sozusagen natĂŒrlichen Wege Spannungen abgebaut werden und somit Medikationen zur Beruhigung oder zur Aggressionshemmung ĂŒberflĂŒssig wĂŒrden.

Dass Frauen wie Nina de Vries mit Dementen reden, sie streicheln und massieren, das lĂ€sst sich wohl kaum im Bereich der AnstĂ¶ĂŸigkeit einordnen.

Der Spiegel-Text beschreibt auch eine Frau, deren 80-jĂ€hriger Ehemann Nacht fĂŒr Nacht Sex will. LĂ€sst sich das mit „Sexualassistenz“ beruhigen?

Scherb-Berten: Im benannten Fall der durch den drĂ€ngenden Mann ĂŒberforderten Ehefrau (80) wĂ€re gegebenenfalls eher die Gabe eines Medikaments zur Reduktion des Sexualtriebes fĂŒr den Patienten Ă€rztlich zu prĂŒfen. Die pflegenden Angehörigen mĂŒssen manchmal durch die Ärztin oder den Arzt vor Übergriffen geschĂŒtzt werden. Außerdem ist die ĂŒberbordende Triebhaftigkeit fĂŒr den Patienten sehr belastend und stressend.

Angehörige trauen sich leider zu wenig ĂŒber den
gesteigerten Sexualtrieb beim „Opa“ zu reden.

Leider trauen sich zu wenige Angehörige, das Thema in der Àrztlichen Beratung zu besprechen.

Es gibt FĂ€lle, in denen im Rahmen einer Demenz die SexualitĂ€t plötzlich eine neue, dominierende Rolle bekommt. Manchmal zeigt sich dies in Masturbation. Hier hilft meist schon, dem Patienten einen geschĂŒtzten Rahmen zu schaffen und ihn nicht zu bestrafen oder moralisch zu verurteilen.“

 

Antonia Scheib-Berten berÀt in Sachen Beziehung, Liebe, SexualitÀt. Bild: asb

Antonia Scheib-Berten berÀt in Sachen Beziehung, Liebe, SexualitÀt. Bild: asb

Eine Sexualassistenz dĂŒrfte aber bei vielen Menschen als unmoralisch gelten?

Scheib-Berten: „Was anstĂ¶ĂŸig ist, das liegt im Auge der Betrachterin und des Betrachters. Es gibt hier keine generelle Antwort. Als Sexualberaterin sage ich, durch Assistenz kann kranken Menschen Entspannung und GlĂŒcksgefĂŒhl geboten werden.

Wenn gelebte SexualitĂ€t natĂŒrlich im Rahmen der Paarbeziehung möglich ist, so ist dies auf jeden Fall zu bevorzugen. Liebe kaufen kann man sich natĂŒrlich nicht!“

Im Spiegelbericht werden sowohl Angehörige als auch Seniorenheime und sogar die Prostituiertenorganisation „Hydra“ mit ihren Zweifeln in Sachen „Sexualassistenz“ darstellt. Es steht zwar nicht im Text, aber die Frage ist auch in VorgesprĂ€chen zu diesem Interview aufgekommen: Ist das nicht vielleicht irgendwie „pervers“?

Scheib-Berten: „Was heißt eigentlich „pervers“? Bei Perversionen geht es um die Abgrenzung von in einer Gesellschaft herrschenden Moralvorstellungen. Vielleicht spielen auch unsere eigenen Phantasien im Zusammenhang mit den AktivitĂ€ten von Frauen wie Nina de Vries eine große Rolle. Was stellt sich die BĂŒrgerin, die Altenpflegerin, der Sohn des Patienten oder auch der Pfarrer vor, wenn er den Artikel bei Spiegel-Wissen liest? Vermutlich gehen die eigenen Phantasien weit ĂŒber das hinaus, was letztendlich geschieht.“

Es gibt auch juristische Fragen.

Rein juristisch geht es natĂŒrlich auch um die Persönlichkeitsrechte des Patienten. MĂŒsste, wenn Frau de Vries ganz offiziell zum Einsatz kommen sollte, sogar der gesetzliche Betreuer seine Zustimmung geben? Eine Frage an die Juristinnen!

Sollte keine gesetzliche Betreuung bestehen, so wĂ€re die Inanspruchnahme von Diensten einer Assistenz vielleicht nur das FortfĂŒhren einer lebenslangen Gewohnheit des Dementen. Vielleicht ist er wĂ€hrend seines gesamten erwachsenen Lebens regelmĂ€ĂŸig zu Prostituierten gegangen? WĂ€re es dann nicht sogar ein Entzug von -€ơregelmĂ€ĂŸig wiederkehrenden Diensten-€ℱ, also eine Ungleichbehandlung gegenĂŒber Nicht-Dementen?

Auch Frauen belĂ€stigen MĂ€nner durch Übergriffe.

Geht es eigentlich bei der Frage nur um MĂ€nner?

Scheib-Berten: „Interessant ist, dass bei diesem Thema nie von weiblichen Dementen die Rede ist. Dass auch Frauen ĂŒbergrifflich werden, dass mĂ€nnliche Altenpfleger in der Balintgruppe von BelĂ€stigungen durch Heimbewohnerinnen sprechen, scheint nicht im Bereich des Möglichen – ist jedoch RealitĂ€t.“

Sex und Alter ist oft ein noch grĂ¶ĂŸeres Tabuthema als Alter und Tod. Immer wieder gibt es Umfragen und Statistiken, welches Volk das sexuell aktivste ist, wer in welchem Alter wie oft… Bei gefĂŒhlten 60 oder 65 Jahren gibt es aber keine Informationen mehr. Hört ab diesem Alter das Sexualleben auf?

Scheib-Berten: „Zum einen halte ich absolut nichts von Statistiken, die es vermutlich gibt, die mich persönlich aber nicht interessieren. Wie heißt es so schön: „Traue nur der Statistik, die du selbst gefĂ€lscht hast.“ Also: Keine Konkurrenz zwischen feurigen Italienern, stolzen Spaniern und unseren deutschen MĂ€nnern! Schon gar nicht ausgetragen ĂŒber Zahlen.

In der Tat wird SexualitĂ€t und Liebe, zwei Nomen, die ich gerne auch im Zusammenhang nenne, fast ausschließlich mit Jugend, attraktiven Körpern, FortpflanzungsfĂ€higkeit und VitalitĂ€t in Verbindung gebracht. Ich erinnere mich, dass ich bereits 1993, als ich bei der pro familia in Mannheim als GeschĂ€ftsfĂŒhrerin gearbeitet habe, auf die Dringlichkeit hinwies, dass sich Sexualberater der Generation 50 plus zuwenden mĂŒssen.

SexualitÀt spielt in jedem Alter eine wichtige Rolle.

Seinerzeit wurde ich belĂ€chelt. Mittlerweile merken auch die professionellen Berater, dass SexualpĂ€dagogik ab dem mittleren Lebensalter ein wichtiger Baustein der Arbeit ist. Ich hatte eine Frau in der Beratung, die erst nach Ende der Menopause mit einem neuen Partner orgasmusfĂ€hig wurde. Welche Befreiung, welches GlĂŒck!

Fakt ist, dass die LiebesfĂ€higkeit grundsĂ€tzlich nie aufhört. Hormone beeinflussen unseren Körper und steuern auch unsere Libido. Doch das ist nur eine Seite der Stimulation. Nur in Verbindung mit gĂŒnstigen Rahmenbedingungen wird gespĂŒrte Lust zu gelebter Lust! Ein alleinstehender Mann, der kein Zielobjekt von körperlicher Lust hat, wird möglicherweise versuchen, seine sexuelle Energie umzuleiten. Eine unglĂŒckliche Paarbeziehung ist nicht gerade der richtige Ort fĂŒr körperliche NĂ€he und lebenslustige SexualitĂ€t – egal in welchem Alter.“

Was wĂŒnschen sich Ă€ltere und alte Menschen in Sachen SexualitĂ€t? Sind diese WĂŒnsche anders oder entsprechen sie den „durchschnittlichen“ Vorstellungen?

Scheib-Berten: (lacht) „Was sind die durchschnittlichen Vorstellungen? SelbstverstĂ€ndlich werden im höheren Alter keine anstrengenden Kamasutra-Übungen auf der Tagesordnung stehen, wenn die Arthrose plagt und der RĂŒcken schmerzt. Auch mĂŒssen wir unseren Fokus hinsichtlich SexualitĂ€t erweitern. Das hingebungsvolle Streicheln, das Kuscheln, das innige Sich-nahe-sein – all das subsummiere ich unter dem Begriff SexualitĂ€t.

Im Alter wird gekuschelt – aber auch genitale SexualitĂ€t gewĂŒnscht.

Dass natĂŒrlich auch genitale SexualitĂ€t gewĂŒnscht wird, das ist die Regel. Schade ist, dass Ă€ltere und alte Paare hĂ€ufig nicht ĂŒber ihre WĂŒnsche sprechen. Und tragisch ist, dass EinschrĂ€nkungen klaglos als Gegebenheiten angenommen werden. Manchmal wĂŒrde der Besuch eines kompetenten (!) Urologen ĂŒber Potenzschwierigkeiten hinweghelfen oder ein GesprĂ€ch mit der GynĂ€kologin wĂŒrde Erleichterung bringen.“

Haben alle Ă€lteren Menschen das BedĂŒrfnis nach sexueller Befriedigung?

Scheib-Berten: „Durch die BeschĂ€ftigung mit dem Thema „SexualitĂ€t im Alter“ sollte kein Leistungsdruck aufgebaut werden! Jedes Paar sollte fĂŒr sich selbst entscheiden, ob, wie und wie oft sexuelle AktivitĂ€ten ihre Beziehung bereichern. Wenn beide beschließen, in ihrem Leben einen anderen Fokus zu setzen, so ist das völlig in Ordnung! Wenn allerdings eine oder einer von beiden ein Defizit verspĂŒrt, so sollte man nochmals nĂ€her hinschauen. Interessanterweise ist es nicht immer der Mann, der sich mehr AktivitĂ€ten wĂŒnscht!

„Use it or loose it,“(Benutze es oder verliere es!) ist hier auch eine wichtige Maxime. In der Regel werden Menschen, denen SexualitĂ€t wĂ€hrend des gesamten Lebens nicht so wichtig war, auch im Alter kein Defizit verspĂŒren – falls sich nicht die Rahmenbedingungen Ă€ndern! Eine neue Liebe wirkt hier manchmal Wunder!

Warum erfĂ€hrt man so gut wie nichts zu dem Thema? An den Volkshochschulen gibt es oft sehr viele Kurse – nur das Wort Sex kommt dort meist nicht vor – schon gar nicht in Verbindung mit „Alter“.

Scheib-Berten: Das liegt zum Teil auch daran, dass dieser Begriff in der Ausschreibung möglicherweise Menschen geradezu davon abhĂ€lt, zur Veranstaltung zu kommen! Die Scheu ist hier sehr groß! Ich habe vor ein paar Jahren an der Volkshochschule einen GesprĂ€chskreis „Mut zum GlĂŒck“ angeboten. Wir beschĂ€ftigten uns auch mit dem Thema SexualitĂ€t. Sollte ich wieder angefragt werden, so stehe ich gerne zur VerfĂŒgung!“

„SexualitĂ€t im Alter“ gehört in jeden Lehrplan – alles andere ist ein Defizit.

Muss beispielsweise ein Seniorenheim nicht damit rechnen, als unseriös zu gelten, wenn dort das Thema Sex behandelt wird?

Scheib-Berten: „Ganz im Gegenteil. Ich habe bereits bei einigen TrĂ€gern Fortbildungen fĂŒr PflegekrĂ€fte, auch im ambulanten Bereich angeboten. Das Thema ist latent prĂ€sent und gerade auch jĂŒngere Pflegende sind hĂ€ufig ĂŒberfordert. Im Übrigen steht „SexualitĂ€t im Alter“ mittlerweile auf dem Lehrplan der Ausbildung zur Altenpflegerin/Altenpfleger. Wenn ein BildungstrĂ€ger dies noch nicht anbietet, so bestĂŒnde hier ein Defizit!“

Schauen Sie mal in die Zukunft. Deutschland im Jahr 2050. Wie werden die heute 20- bis 40-jĂ€hrigen dann ĂŒber SexualitĂ€t im Alter sprechen oder diese leben? Ist Sex bei Opa und Oma immer noch ein Tabuthema?

Scheib-Berten: „Ich hoffe, dass das Thema SexualitĂ€t und Alter keinen Sonderstatus mehr benötigt, weil es zur SelbstverstĂ€ndlichkeit geworden ist.“

logo_herzwerkstattZur Person:
„herzwerkstatt“ hat Antonia Scheib-Berten ihre Ehe-, Partner- und Sexualberatung genannt, die sie seit 1995 anbietet. Als erfahrene Fachfrau in Sachen Beziehung und Liebe setzt sie neben Publikationen zum Thema den Schwerpunkt ihrer Arbeit in die Einzel- und Paarberatung von Menschen jeden Lebensalters. Auch Menschen im mittleren Lebensalter, Ältere oder Angehörige finden bei ihr fachliche UnterstĂŒtzung. Die Beratung findet im geschĂŒtzten Rahmen der „herzwerkstatt“ in Weinheim statt. Termine nur nach Vereinbarung!

Weitere Informationen unter: www.herzwerkstatt.com