Sonntag, 09. Juni 2019

Serie: Sexualität beginnt im Kindesalter

Guten Tag!

Hirschberg, 18. März 2010. „Doktorspiele“ sind wichtige Erfahrungen fĂĽr kleine Kinder, sagt unsere Autorin und Expertin Antonia Scheib-Berten. Die kindlichen Erfahrungen helfen den Kindern, sich und ihre „Umwelt“ zu entdecken und somit eine „natĂĽrliche“ Sexualität zu entwickeln. Strafen verhindern das, „Kontrolle“ muss aber trotzdem sein.

Von Antonia Scheib-Berten

Nadine und Torben sind schon längere Zeit im Kinderzimmer. Es ist erstaunlich ruhig, kein Lachen, Toben oder Gezanke. Nach einiger Zeit will die Mutter nachschauen und findet die beiden gemeinsam im Bett liegen und kuscheln.

Die Kinder haben sich ausgezogen und die Mutter kann ein aufgebrachtes: „Was macht ihr denn da?“ nicht vermeiden. Sie schimpft laut und die Kinder sind verunsichert und weinen. Nadine und Torben sind fünf Jahre alt.*

Doktorspiele

Kinder gehen in der Regel in unbedarfter Art und Weise mit Körperlichkeit, Nähe und Sexualität um.

Unter -€šDoktorspielen-€™ verstehen wir in unserer Gesellschaft das kindliche Erforschen der Sexualität. Meist sind es eher die erwachsenen, gesellschaftlichen Phantasien, die kindliche Neugierde in strafbare sexuelle Handlungen ummünzen.

Eltern werden natürlich auch mit ihrer eigenen Sexualität konfrontiert sehen, wenn sie mit kindlicher, sexueller Neugierde in Berührung kommen. Sie stellen sich Fragen wie folgende: Ist mit meinem Kind etwas nicht in Ordnung, wenn ich es bei Doktorspielen erwische? Ist es normal, wenn ein fünfjähriger Junge an seinem Penis spielt? Wie soll ich mich verhalten, wenn ich es beobachte? Was passiert, wenn man ein Verbot ausspreche? Was ist, wenn ich Dinge erlaube, die andere Eltern verbieten?

Warum machen Kinder Doktorspiele?

Kinder sind von Anfang an sexuelle Wesen. Schon beim Stillen genieĂźen Babies die Mutterbrust und das Saugen. Zwischen dem 6. und 8. Monat fangen viele Babys an, mit ihren Geschlechtsteilen zu spielen und sind in der Lage, dabei Lust und SpaĂź zu empfinden.

Die an und für sich unnatürliche, in unserer Gesellschaft jedoch übliche Hygienemaßnahme der Plastikwindel verhindert dies, aber im Sommer, wenn die Kinder frei in der Luft liegen können, oder auch beim Wickeln werden sie beobachten können, dass Kinder ganz natürlich auch an ihre Geschlechtsteile fassen.

Das Kind empfindet seinen gesamten Körper als Einheit – alles ist gut! Erst die Erziehung, gesellschaftliche und religiöse Prägungen teilen den menschlichen Körper in -€šsaubere-€™ und -€šschmutzige-€™, also verbotene Teile auf.

Ab dem Alter von etwa zwei Jahren nimmt das Interesse der Kinder fĂĽr ihre Geschlechtsorgane weiter zu. Die Zeitspanne von 3 und 6 Jahren ist das typische Alter fĂĽr sogenannte „Doktorspiele unter Freundinnen und Freunden“.

Harmloses Vergleichen

Im Prinzip wird Arzt gespielt, es wird nachgeahmt. Der „Patient“ oder die „Patientin“ liegt auf dem Bett oder dem Boden, währenddessen der „Arzt“ oder die „Ă„rztin“ sie oder ihn grĂĽndlich untersucht. Im Prinzip geht es um das Erkunden des anderen Körpers, d. h. das Kind lernt andere Körper als den eigenen kennen, geht also ĂĽber die eigenen körperlichen Grenzen.

Die Kinder ziehen sich dazu aus, zeigen sich gegenseitig die Geschlechtsteile und betasten sich. Vielen Kindern wird hierbei erstmalig der Geschlechtsunterschied von Mädchen und Jungen deutlich. Besonders Einzelkinder, die sich nicht mit Geschwistern vergleichen können, haben hier die Möglichkeit von grundsätzlich harmlosen Vergleichen.

Die Kinder probieren vieles aus und spĂĽren so, was SpaĂź macht und was unangenehm ist. Da die Kinder in diesem Alter in der Regel gelernt haben, „Nein“ zu sagen, kann von gegenseitigem Einverständnis ausgegangen werden.

Diese Doktorspiele werden meist in dem Moment langweilig , in dem Kinder die wichtigsten Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen verstanden haben. Dann wenden sie sich wieder anderen, neuen, spannenden Dingen zu.

Grundsätzlich sind Doktorspiele oder auch Selbstbefriedigung im Klein-Kindesalter im Rahmen der Entwicklungspsychologie etwas sehr Normales. Sie sind als Teil der kindlichen Entwicklung einzustufen.

Gesellschaftliche Phänomene

Manche Erwachsenen egal in welchem Lebensalter verdrängen ihre eigenen Unternehmungen in der Kindheit diesbezüglich und reagieren so, als wäre etwas ganz Unvorstellbares passiert. Damit stigmatisieren sie das normale Verhalten des Kindes als Krankhaft oder als Sünde.

Blicken wir zurück in die 70Jahre des 20. Jahrhunderts. In antiautoritären Kinderläden wurden Kinder förmlich dazu angehalten, frühzeitig sexuelle Erkundungen vorzunehmen. Die Eltern, selbst meist in der Verklemmtheit der 30er, 40er und 50er Jahre aufgewachsen, fielen von einem Extrem ins andere. Sie wollten ihren Kindern die Freiheit bieten, die ihnen selbst verwehrt geblieben war.

Studien bei den später erwachsenen Kinderläden-Kindern ergaben, dass es ihnen häufig eher unangenehm war, diese übertriebene sexuelle Freiheit mit FKK-Strand, gemeinsamer Sauna und Nacktheit in der WG zu leben.

Wichtig scheint also, ein gesundes, natürliches Mittelmaß zu finden! Sexuelles Tabuisieren ist offensichtlich genau so schädlich wie grenzenlose Sexualisierung.

Wie man sich „am besten“ verhält

Interessant ist, sich mit dem Begriff der Sexualerziehung im Allgemeinen auseinander zu setzen. Diese fängt in der Tat viel früher an als man denkt: Bei Sexualerziehung geht es um Berührung, Trösten, Nähe und körperliche Wärme. Sexualerziehung ist das Unterstützen und Fördern der Eltern in der Körperlichkeit des Kindes.

Dein Körper ist okay. Dein Geschlechtsteil ist nicht „bä und pfui“, sondern ein Teil von der Dir. Der Inhalt deiner Windel ist nicht eklig. Auch das ist ein Teil des Kindes.

Gehen Sie mit Sexualität unverkrampft und unkompliziert um, dann ebnen sie eine ausgezeichnete Basis fĂĽr ein glĂĽckliches, erfĂĽlltes Leben und sind ein wunderbares Vorbild fĂĽr ihr Kind! Ăśberfordern sie ihr Kind nicht und beantworten sie nur Fragen, die das Kind auch stellt. Aufklärung erfolgt in Etappen – ihr eigener Instinkt wird ihnen zeigen, wann welche Themen dran sind.

Und: Vergegenwärtigen sich immer wieder dass Sexualität ein ganz natürliches, menschliches Bedürfnis ist wie Essen und Trinken.

Sexualität darf keine Abwertung erfahren

Einmischen sollten sie sich dann, wenn ihr Kind „danach“ bedrĂĽckt wirkt und stiller auftritt als sonst. Problematisch könnte es sein, falls ein Kind wesentlich älter ist und die anderen dominiert.

Spitze Gegenstände o. ä. können natürlich nicht toleriert werden. Hier sollte man behutsam eingreifen. Wichtig ist, dass die Kinder sich nur auf das einlassen, was sie möchten.

Vermeiden sie solche Aussagen wie: „Das darf man nicht. Davon bricht er ab.“, oder das früher vielfach angewandte „Davon wird man dumm.“, wenn der kleine Sohn beim Masturbieren erwischt wurde.

Vielleicht kann sich der eine oder andere Leser, vielleicht auch eine Leserin an solche Killerphrasen aus der eigenen Kindheit erinnern und die Ängste und Sorgen, die in Kinderseelen damit eingepflanzt werden. Sexuelle Spielereien dürfen unter keinen Umständen mit Drohungen und Strafen belegt werden.

Sexualität darf also nicht mit Abwertung oder Verurteilung in Verbindung gebracht werden.

Am Wichtigsten ist eine Eltern-Kind-Beziehung, die von Vertrauen, Sicherheit und Geborgenheit geprägt ist. Alles, was einem Kind diese Werte vermittelt, stellt eine positive Sexualerziehung dar. Denn was Kinder in den ersten Jahren in der Familie erlebt haben, das wird spätere Liebesbeziehungen und Sexualität prägen.

Und wenn ich es einfach verbiete?

Alle Eltern wissen, dass ein Verbot Dinge erst interessant macht. Je massiver Eltern also gegen Doktorspiele einzuschreiten versuchen, desto spannender wird es fĂĽr die Kinder werden.

Wird die sexuelle Betätigung der Kinder (Doktorspiele, Selbstbefriedigung) bestraft oder verlacht, so ist damit zu rechnen, dass generell sexuelle Regungen mit Angst vor Strafe oder Angst vor Erniedrigung besetzt werden, und zwar über die Kindheit hinaus. Menschen sind im Erwachsenenalter mit den möglichen Konsequenzen konfrontiert, die sich in der Vermeidung sexueller Kontakte, Impotenz und sexueller Lustlosigkeit äußern können.

Häufig wird den Betroffenen der Zusammenhang zwischen diesen Problemen und den frühkindlichen Erfahrungen in der Herkunftsfamilie erst im Rahmen einer Beratung oder Therapie bewusst.

Liebe und Lust als Erfahrung fĂĽrs Leben

Durch Doktorspiele lernen Kinder unter anderem, den Geschlechtsunterschied zwischen Mann und Frau zu begreifen. Als Teil der normalen kindlichen Entwicklung stellen sie nichts Beunruhigendes dar.

Eltern sollen dem Kind ermöglichen, den eigenen Körper und den anderer zu erforschen und dafür nicht bestraft zu werden. Eltern sollen selbstverständlich darauf achten dass Doktorspiele nur im Einvernehmen der Kinder gespielt werden.

Bei groĂźem Altersunterschied der Kinder oder bei auffälligem Verhalten eines Kindes „danach“ sollten Eltern das Gespräch suchen. Gegebenenfalls kann eine Beratungsstelle hilfreich zur Seite stehe

Wenn das Kind im angstfreien, natürlichen und altersentsprechenden Rahmen Erfahrungen sammeln kann, wird es im späteren Leben fähig sein, körperliche Liebe mit viel Lust zu empfinden. Sexualität sollte als eine Art und Weise begreifbar sein, Liebe zu zeigen.

Wird die sexuelle Betätigung der Kinder (Doktorspiele, Selbstbefriedigung) bestraft oder verboten, so führt dieses zu schwerwiegenden sexuellen Störungen über die Kindheit hinaus kommen.

*Nadine und Torben dienen nur als beispielhafte Namen, Anm. d. Red.

logo_herzwerkstattZur Person:
„herzwerkstatt“ hat Antonia Scheib-Berten ihre Ehe-, Partner- und Sexualberatung genannt, die sie seit 1995 anbietet.

Als erfahrene Fachfrau in Sachen Beziehung und Liebe setzt sie neben Publikationen zum Thema den Schwerpunkt ihrer Arbeit in die Einzel- und Paarberatung von Menschen jeden Lebensalters. Auch Menschen im mittleren Lebensalter, Ältere oder Angehörige finden bei ihr fachliche Unterstützung.

Die Beratung findet im geschĂĽtzten Rahmen der „herzwerkstatt“ in Weinheim statt. Termine nur nach Vereinbarung!

Weitere Informationen unter: www.herzwerkstatt.com

Serie: Sex bei Opa und Oma? Lassen Sie uns darĂĽber reden!

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Guten Tag!

Hirschberg, 11. März 2010. Wir starten heute eine neue Serie. Im Fokus steht die Sexualität… im Alter – die hat aber viel mit der Lebens- und Liebeserfahrung davor zu tun, weswegen auch hierzu Texte veröffentlicht werden. Zum Start der Serie haben wir unsere Autorin, Antonia Scheib-Berten, interviewt. Die Expertin weiĂź: Sexualität im Alter ist ein schwieriges Thema – aber eins, ĂĽber das man reden kann und sollte. Dann finden sich auch Antworten.

Von Hardy Prothmann

Frau Scheib-Berten, im neuen „Spiegel Wissen“ beschreibt ein Text eine Frau, die Demenzkranken und Behinderten als Sexualassistentin Gespräche und Massagen anbietet, die auch zum Orgasmus fĂĽhren (sollen). Ihre Kunden sind älter, einige besucht die Frau im Altenheim. Ist so eine Arbeit anstößig, ist das Prostitution?

Antonia Scherb-Berten: „Die Tätigkeit der Sexualassistentin nichts Neues. In Holland gibt es diese Variante der Assistenz im Rahmen der Arbeit mit jĂĽngeren Behinderten schon seit Jahren. Teilweise wurden, zumindest in der Vergangenheit, die Kosten durch offizielle Kostenträger ĂĽbernommen.

BegrĂĽndet wurde es damit, dass auf diesem, sozusagen natĂĽrlichen Wege Spannungen abgebaut werden und somit Medikationen zur Beruhigung oder zur Aggressionshemmung ĂĽberflĂĽssig wĂĽrden.

Dass Frauen wie Nina de Vries mit Dementen reden, sie streicheln und massieren, das lässt sich wohl kaum im Bereich der Anstößigkeit einordnen.

Der Spiegel-Text beschreibt auch eine Frau, deren 80-jähriger Ehemann Nacht fĂĽr Nacht Sex will. Lässt sich das mit „Sexualassistenz“ beruhigen?

Scherb-Berten: Im benannten Fall der durch den drängenden Mann überforderten Ehefrau (80) wäre gegebenenfalls eher die Gabe eines Medikaments zur Reduktion des Sexualtriebes für den Patienten ärztlich zu prüfen. Die pflegenden Angehörigen müssen manchmal durch die Ärztin oder den Arzt vor Übergriffen geschützt werden. Außerdem ist die überbordende Triebhaftigkeit für den Patienten sehr belastend und stressend.

Angehörige trauen sich leider zu wenig über den
gesteigerten Sexualtrieb beim „Opa“ zu reden.

Leider trauen sich zu wenige Angehörige, das Thema in der ärztlichen Beratung zu besprechen.

Es gibt Fälle, in denen im Rahmen einer Demenz die Sexualität plötzlich eine neue, dominierende Rolle bekommt. Manchmal zeigt sich dies in Masturbation. Hier hilft meist schon, dem Patienten einen geschĂĽtzten Rahmen zu schaffen und ihn nicht zu bestrafen oder moralisch zu verurteilen.“

 

Antonia Scheib-Berten berät in Sachen Beziehung, Liebe, Sexualität. Bild: asb

Antonia Scheib-Berten berät in Sachen Beziehung, Liebe, Sexualität. Bild: asb

Eine Sexualassistenz dĂĽrfte aber bei vielen Menschen als unmoralisch gelten?

Scheib-Berten: „Was anstößig ist, das liegt im Auge der Betrachterin und des Betrachters. Es gibt hier keine generelle Antwort. Als Sexualberaterin sage ich, durch Assistenz kann kranken Menschen Entspannung und GlĂĽcksgefĂĽhl geboten werden.

Wenn gelebte Sexualität natĂĽrlich im Rahmen der Paarbeziehung möglich ist, so ist dies auf jeden Fall zu bevorzugen. Liebe kaufen kann man sich natĂĽrlich nicht!“

Im Spiegelbericht werden sowohl Angehörige als auch Seniorenheime und sogar die Prostituiertenorganisation „Hydra“ mit ihren Zweifeln in Sachen „Sexualassistenz“ darstellt. Es steht zwar nicht im Text, aber die Frage ist auch in Vorgesprächen zu diesem Interview aufgekommen: Ist das nicht vielleicht irgendwie „pervers“?

Scheib-Berten: „Was heiĂźt eigentlich „pervers“? Bei Perversionen geht es um die Abgrenzung von in einer Gesellschaft herrschenden Moralvorstellungen. Vielleicht spielen auch unsere eigenen Phantasien im Zusammenhang mit den Aktivitäten von Frauen wie Nina de Vries eine groĂźe Rolle. Was stellt sich die BĂĽrgerin, die Altenpflegerin, der Sohn des Patienten oder auch der Pfarrer vor, wenn er den Artikel bei Spiegel-Wissen liest? Vermutlich gehen die eigenen Phantasien weit ĂĽber das hinaus, was letztendlich geschieht.“

Es gibt auch juristische Fragen.

Rein juristisch geht es natürlich auch um die Persönlichkeitsrechte des Patienten. Müsste, wenn Frau de Vries ganz offiziell zum Einsatz kommen sollte, sogar der gesetzliche Betreuer seine Zustimmung geben? Eine Frage an die Juristinnen!

Sollte keine gesetzliche Betreuung bestehen, so wäre die Inanspruchnahme von Diensten einer Assistenz vielleicht nur das Fortführen einer lebenslangen Gewohnheit des Dementen. Vielleicht ist er während seines gesamten erwachsenen Lebens regelmäßig zu Prostituierten gegangen? Wäre es dann nicht sogar ein Entzug von -€šregelmäßig wiederkehrenden Diensten-€™, also eine Ungleichbehandlung gegenüber Nicht-Dementen?

Auch Frauen belästigen Männer durch Übergriffe.

Geht es eigentlich bei der Frage nur um Männer?

Scheib-Berten: „Interessant ist, dass bei diesem Thema nie von weiblichen Dementen die Rede ist. Dass auch Frauen ĂĽbergrifflich werden, dass männliche Altenpfleger in der Balintgruppe von Belästigungen durch Heimbewohnerinnen sprechen, scheint nicht im Bereich des Möglichen – ist jedoch Realität.“

Sex und Alter ist oft ein noch größeres Tabuthema als Alter und Tod. Immer wieder gibt es Umfragen und Statistiken, welches Volk das sexuell aktivste ist, wer in welchem Alter wie oft… Bei gefĂĽhlten 60 oder 65 Jahren gibt es aber keine Informationen mehr. Hört ab diesem Alter das Sexualleben auf?

Scheib-Berten: „Zum einen halte ich absolut nichts von Statistiken, die es vermutlich gibt, die mich persönlich aber nicht interessieren. Wie heiĂźt es so schön: „Traue nur der Statistik, die du selbst gefälscht hast.“ Also: Keine Konkurrenz zwischen feurigen Italienern, stolzen Spaniern und unseren deutschen Männern! Schon gar nicht ausgetragen ĂĽber Zahlen.

In der Tat wird Sexualität und Liebe, zwei Nomen, die ich gerne auch im Zusammenhang nenne, fast ausschließlich mit Jugend, attraktiven Körpern, Fortpflanzungsfähigkeit und Vitalität in Verbindung gebracht. Ich erinnere mich, dass ich bereits 1993, als ich bei der pro familia in Mannheim als Geschäftsführerin gearbeitet habe, auf die Dringlichkeit hinwies, dass sich Sexualberater der Generation 50 plus zuwenden müssen.

Sexualität spielt in jedem Alter eine wichtige Rolle.

Seinerzeit wurde ich belächelt. Mittlerweile merken auch die professionellen Berater, dass Sexualpädagogik ab dem mittleren Lebensalter ein wichtiger Baustein der Arbeit ist. Ich hatte eine Frau in der Beratung, die erst nach Ende der Menopause mit einem neuen Partner orgasmusfähig wurde. Welche Befreiung, welches Glück!

Fakt ist, dass die Liebesfähigkeit grundsätzlich nie aufhört. Hormone beeinflussen unseren Körper und steuern auch unsere Libido. Doch das ist nur eine Seite der Stimulation. Nur in Verbindung mit gĂĽnstigen Rahmenbedingungen wird gespĂĽrte Lust zu gelebter Lust! Ein alleinstehender Mann, der kein Zielobjekt von körperlicher Lust hat, wird möglicherweise versuchen, seine sexuelle Energie umzuleiten. Eine unglĂĽckliche Paarbeziehung ist nicht gerade der richtige Ort fĂĽr körperliche Nähe und lebenslustige Sexualität – egal in welchem Alter.“

Was wĂĽnschen sich ältere und alte Menschen in Sachen Sexualität? Sind diese WĂĽnsche anders oder entsprechen sie den „durchschnittlichen“ Vorstellungen?

Scheib-Berten: (lacht) „Was sind die durchschnittlichen Vorstellungen? Selbstverständlich werden im höheren Alter keine anstrengenden Kamasutra-Ăśbungen auf der Tagesordnung stehen, wenn die Arthrose plagt und der RĂĽcken schmerzt. Auch mĂĽssen wir unseren Fokus hinsichtlich Sexualität erweitern. Das hingebungsvolle Streicheln, das Kuscheln, das innige Sich-nahe-sein – all das subsummiere ich unter dem Begriff Sexualität.

Im Alter wird gekuschelt – aber auch genitale Sexualität gewĂĽnscht.

Dass natĂĽrlich auch genitale Sexualität gewĂĽnscht wird, das ist die Regel. Schade ist, dass ältere und alte Paare häufig nicht ĂĽber ihre WĂĽnsche sprechen. Und tragisch ist, dass Einschränkungen klaglos als Gegebenheiten angenommen werden. Manchmal wĂĽrde der Besuch eines kompetenten (!) Urologen ĂĽber Potenzschwierigkeiten hinweghelfen oder ein Gespräch mit der Gynäkologin wĂĽrde Erleichterung bringen.“

Haben alle älteren Menschen das Bedürfnis nach sexueller Befriedigung?

Scheib-Berten: „Durch die Beschäftigung mit dem Thema „Sexualität im Alter“ sollte kein Leistungsdruck aufgebaut werden! Jedes Paar sollte fĂĽr sich selbst entscheiden, ob, wie und wie oft sexuelle Aktivitäten ihre Beziehung bereichern. Wenn beide beschlieĂźen, in ihrem Leben einen anderen Fokus zu setzen, so ist das völlig in Ordnung! Wenn allerdings eine oder einer von beiden ein Defizit verspĂĽrt, so sollte man nochmals näher hinschauen. Interessanterweise ist es nicht immer der Mann, der sich mehr Aktivitäten wĂĽnscht!

„Use it or loose it,“(Benutze es oder verliere es!) ist hier auch eine wichtige Maxime. In der Regel werden Menschen, denen Sexualität während des gesamten Lebens nicht so wichtig war, auch im Alter kein Defizit verspĂĽren – falls sich nicht die Rahmenbedingungen ändern! Eine neue Liebe wirkt hier manchmal Wunder!

Warum erfährt man so gut wie nichts zu dem Thema? An den Volkshochschulen gibt es oft sehr viele Kurse – nur das Wort Sex kommt dort meist nicht vor – schon gar nicht in Verbindung mit „Alter“.

Scheib-Berten: Das liegt zum Teil auch daran, dass dieser Begriff in der Ausschreibung möglicherweise Menschen geradezu davon abhält, zur Veranstaltung zu kommen! Die Scheu ist hier sehr groĂź! Ich habe vor ein paar Jahren an der Volkshochschule einen Gesprächskreis „Mut zum GlĂĽck“ angeboten. Wir beschäftigten uns auch mit dem Thema Sexualität. Sollte ich wieder angefragt werden, so stehe ich gerne zur VerfĂĽgung!“

„Sexualität im Alter“ gehört in jeden Lehrplan – alles andere ist ein Defizit.

Muss beispielsweise ein Seniorenheim nicht damit rechnen, als unseriös zu gelten, wenn dort das Thema Sex behandelt wird?

Scheib-Berten: „Ganz im Gegenteil. Ich habe bereits bei einigen Trägern Fortbildungen fĂĽr Pflegekräfte, auch im ambulanten Bereich angeboten. Das Thema ist latent präsent und gerade auch jĂĽngere Pflegende sind häufig ĂĽberfordert. Im Ăśbrigen steht „Sexualität im Alter“ mittlerweile auf dem Lehrplan der Ausbildung zur Altenpflegerin/Altenpfleger. Wenn ein Bildungsträger dies noch nicht anbietet, so bestĂĽnde hier ein Defizit!“

Schauen Sie mal in die Zukunft. Deutschland im Jahr 2050. Wie werden die heute 20- bis 40-jährigen dann über Sexualität im Alter sprechen oder diese leben? Ist Sex bei Opa und Oma immer noch ein Tabuthema?

Scheib-Berten: „Ich hoffe, dass das Thema Sexualität und Alter keinen Sonderstatus mehr benötigt, weil es zur Selbstverständlichkeit geworden ist.“

logo_herzwerkstattZur Person:
„herzwerkstatt“ hat Antonia Scheib-Berten ihre Ehe-, Partner- und Sexualberatung genannt, die sie seit 1995 anbietet. Als erfahrene Fachfrau in Sachen Beziehung und Liebe setzt sie neben Publikationen zum Thema den Schwerpunkt ihrer Arbeit in die Einzel- und Paarberatung von Menschen jeden Lebensalters. Auch Menschen im mittleren Lebensalter, Ă„ltere oder Angehörige finden bei ihr fachliche UnterstĂĽtzung. Die Beratung findet im geschĂĽtzten Rahmen der „herzwerkstatt“ in Weinheim statt. Termine nur nach Vereinbarung!

Weitere Informationen unter: www.herzwerkstatt.com