Donnerstag, 22. Oktober 2020

Die Stille nach dem „Sturm“

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Guten Tag!

Hirschberg, 15. November 2010. „Verletzte Seelen“ stehen bei amnesty international im Vordergrund. Bei der gleichnamigen Ausstellung im Ladenburger Domhof mit Kunstwerken von Bernd Gerstner, genauso wie beim Filmabend am 12. November 2010 im Olympia-Kino, der ebenfalls unter dem Namen „Verletzte Seelen“ stattfand.

Von Anna Ewald

„Ich wĂŒnsche ihnen einen angenehmen, aber auch nachdenklichen Abend.“ So bereitet Reinhard Christmann die rund 50 jungen und alten Besucher des Olympia Kinos in Leutershausen auf den Spielfilm „Sturm“ vor (2009, Buch: Urs Fiechtner, Regie: Hans-Christian Schmid). Der Abend wird nicht angenehm werden – aber sehr nachdenklich machen.


Quelle: homepage „Sturm“.

Am Anfang der Vorstellung sind im Kinoraum noch fröhliche GesprÀche zu hören. Nach dem Film ist es still. Keiner sagt etwas. Zu sehr hat die Handlung die Zuschauer beeindruckt.

„Sturm“- ernst und emotional.

Die Jugoslawienkriege haben Unrecht hinterlassen. In den Jahren dannach gilt es diese zu beseitigen: UngeklÀrte Kriegsverbrechen sollen aufgedeckt und die TÀter verhaftet werden.

Das ist auch der Job von Hannah Maynard (Kerry Fox). Sie ist AnklĂ€gerin im Kriegsverbrechertribunal in Den Haag. Angeklagter ist Ex-General Durič, der in Bosnien zahlreiche Kriegsverbrechen begangen haben soll. Doch nachdem die Richter Hannahs Zeugen Alen nicht glauben wollen, erhĂ€ngt er sich.

Szenbild aus "Sturm". Quelle: "Sturm"

Hannah gelingt es eine neue Zeugin zu finden. Alens Schwester Mira. Doch der Prozess in Den Haag erweist sich als schwierig, denn bosnisch-serbische Nationalisten verfolgen Mira und lassen sie ihre Vergangenheit nicht vergessen: Sie war ein Opfer des Kriegsverbrecher Durič, der Frauen in ein Hotel brachte und von Soldaten vergewaltigen ließ.

Alle Verbrechen könnten aufgeklĂ€rt werden, allerdings lĂ€sst das Gericht nicht zu, dass die Zeugin Mira auch zu ihrem Schicksal im Hotel angehört wird. Sie soll nicht darĂŒber aussagen.

Krieg hinterlÀsst Unrecht.

Beeindruckend war, wie deutlich es wurde, dass Rechtsprechung nicht gleich Gerechtigkeit ist. Mira und sÀmtliche anderen Frauen, die dieses Schicksal ertragen mussten, schaffen es nicht, durch das Gericht auch Gerechtigkeit zu erlangen.

Kriegsopfer vergessen das Erlebte nie wieder. Sie leiden auch nach dem Krieg noch ewig unter ihrem Schicksal. Das zeigte Mira aus dem Film. Doch auch in RealitĂ€t ist das nicht anders. „Verletzte Seelen“ bleiben ĂŒbrig. Auch nach Ende der Folter und des Kriegs.

„Und diese „verletzten Seelen“ leben heute mitten unter uns“, sagte Wiebke Dau-Schmidt von der Kinoförderung Leutershausen.

Auch heute gibt es noch nicht in jedem Land garantierte Menschenrechte. „amnesty international kann helfen, denn der grĂ¶ĂŸte Feind der Menschenrechtsverletzungen ist die Öffentlichkeit“, antwortete Reinhard Christmann auf die Frage eines Besuchers, wie man helfen könne.

Die Stille nach dem „Sturm“.

Nach dem Film sollte eigentlich noch eine Diskussion mit Urs Fiechtner ĂŒber den Film stattfinden. Aber es verlĂ€uft alles ein bisschen anders, denn der Autor ist nicht da. „Ich finde, dieser Film wirkt am besten, wenn man schweigt.“ Das bemerkt jemand aus dem Publikum. Alle anderen sehen das genauso. Sie nicken und schweigen.

Keiner fĂŒhlte sich noch in der Lage zu diskutieren, denn das ernste Thema brachte jeden zum Nachdenken. Und als die Besucher „entlassen“ werden, bleibt es immer noch ruhig. Es fĂ€llt schwer die komplexe und auch emotionale Handlung einfach wieder zu vergessen. Und jeder wird sicher noch lĂ€nger ĂŒber „Verletzte Seelen“ nachdenken.

Über den Autor:
Urs Fiechtner wurde 1955 in Bonn geboren und wuchs in Chile auf, kam allerdings wieder nach Deutschland zurĂŒck. Er hatte sich von Anfang an der Literatur verschrieben.
Fiechtner ist MitbegrĂŒnder des Ulmer Behandlungszentrums fĂŒr Folteropfer, das 1995 auf die Initiative von amnesty international und BĂŒrger aus Ulm gegrĂŒndet wurde. Es bietet professionelle Behandlung fĂŒr Menschen, die Folter und Menschenrechtsverletzungen am eigenen Leibe gespĂŒrt haben.

Tipp:
Der Film lÀuft noch heute und morgen, 15.+16. November 2010 in der Abendvorstellung um 20:15 Uhr im Olympia-Kino.

Lesetipp:
Ausstellung „Verletzte Seelen“ in Ladenburg.

Anmerkung der Redaktion: Anna Ewald (16) ist Gymnasiastin in Schriesheim, interessiert sich sehr fĂŒr Politik und Medien und absolviert ein schulbegleitendes Praktikum bei uns. Dabei lernen junge Menschen bei uns, was Journalismus ist: Handwerk, Öffentlichkeit und verantwortliche Meinung.
Wir legen dabei einen besonderen Wert auf den eigenen Blick dieser jungen Menschen. Sie berichten aus ihrer subjektiven Perspektive, was sie mit wem zu was wie erleben. Wir unterstĂŒtzen sie dabei journalistisch und redaktionell.
Hier finden Sie eine Übersicht aller Texte von Anna Ewald auf dem ladenburgblog.
Wer Interesse an einem Praktikum hat, kann sich gerne formlos bewerben – allerdings sind erst ab April 2011 wieder PlĂ€tze frei.

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist GrĂŒndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten PortrĂ€ts und Reportagen oder macht investigative StĂŒcke.