Samstag, 31. Juli 2021

„Hilfe, ein VerrĂŒckter“ – Martin MĂŒnch spielt als „Freigeist“

Guten Tag!

Hirschberg, 20. April 2010. Martin MĂŒnch ist ein eigenwilliger Pianist – ein Freigeist, der Musik interpretiert, statt sie nur zu spielen. In Brasilien glaubt man, dass in Deutschland „Tomaten fliegen“, so wie er Mozart spielt. MĂŒnch spielt virtuos auch ganz dunkle StĂŒcke. „Es kommt darauf an, zwischen den Zeilen zu lesen“, sagt der KĂŒnstler.

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Martin MĂŒnch spielt vielfĂ€ltig und virtuos - ob "dunkel" oder "belebt". Bild: hirschbergblog/sap

Von Sabine Prothmann

Mit „Musikalische Freigeister“ war der Klavierabend mit dem Pianisten und Komponisten Martin MĂŒnch in der Konzertreihe „Concerto Ú piu“ in der Hirschberger Alten Synagoge betitelt.

Zwischen den StĂŒcken erfĂ€hrt das Publikum Interessantes und Anekdotisches zu den Komponisten und zu deren Werken.

Freigeist der Musik.

Und schon in dem ersten Ravels „Bolero“ spĂŒrte man den Freigeist der Musik, der sich im Laufe des Abends auch immer mehr steigerte.

Martin MĂŒnch erzĂ€hlt, Maurice Ravel habe bei einem Interview erwĂ€hnt, bei der UrauffĂŒhrung seines „Boleros“ 1928 habe eine Frau mit den Worten „Hilfe, ein VerrĂŒckter“ den Saal verlassen. „Sie hat das StĂŒck verstanden“, soll der Komponist gesagt haben.

Als nĂ€chstes spielt MĂŒnch Mozarts „Fantasie in d-moll“. Seine Interpretation ist eigenwillig und lebhaft. In Brasilien, nach einem Konzert, habe man ihn gefragt, ob er sich auch in Deutschland traue auf die Weise Mozart zu spielen oder ob er dann fĂŒrchten mĂŒsse, dass Tomaten flögen.

Das große Vorbild des Russen Alexander Skrjabin sei Chopin gewesen. Doch er ging in seinen StĂŒcken ĂŒber diesen hinaus. Die ÜbergĂ€nge von der TonalitĂ€t zur AtonalitĂ€t in seinem Oeuvre nĂ€hmen eine kontinuierliche Entwicklung. Ist Skrjabin in der „Sonate Nr. 2 gis-moll op. 19“ noch eher Chopin verhaftet ist das zweite StĂŒck, das MĂŒnch nach der Pause spielt, die Sonate Nr. 9 op. 68 „Schwarze Messe“ streckenweise verstörend und expressiv. Virtuos spielt MĂŒnch diese schwierigen StĂŒcke. Und erntet damit auch Bravorufe.

MĂŒnch komponiert selbst.

Skrjabin habe ihn selbst sehr in seinen Kompositionen beeinflusst, erzĂ€hlt der KĂŒnstler.

Von Debussy spielt MĂŒnch die StĂŒcke „Danse“ und „L-€ℱIsle joyeuse“. Debussy werde als Erfinder des Impressionismus in der Musik bezeichnet. „Danse“ entsteht noch in der seiner spĂ€tromantischen Phase, die er in „L-€ℱIsle joyeuse“ ĂŒberwunden hat. Impressionismus in der Musik, heißt zwischen den Zeilen lesen, so MĂŒnch.

„Sie hören es vorher nicht, nachher nicht, sie hören es genau jetzt“, so beschreibt der Pianist seine Improvisation zu „Katharsis XXVII“.

Die Improvisationskultur habe noch bei Bach, Bruckner und Brahms hohes Ansehen genossen. Starb in der Klassik aber fast völlig aus, nachdem Robert Schumann behauptet habe, Improvisation sei keine Kunst – auch ein Seitenhieb gegen dessen Konkurrenten Liszt.

Kunst der Improvisation.

Die Improvisation erfuhr dann mit dem Jazz, der Avantgarde und der Ethno-Musik eine Wiedergeburt. MĂŒnch selbst habe 1996 seine erste klassische Improvisations-CD veröffentlicht und damit viel Beachtung gefunden.

Improvisation bezeichnet MĂŒnch als intensive musikalische Begegnung, „es ist immer etwas Neues, was sich ereignen wird, weiß ich nicht“.

Mit geschlossenen Augen „lĂ€sst“ MĂŒnch die Musik entstehen. Die KlĂ€nge sind dramatisch, bewegend. Die Töne steigern sich, verharren bei fast schmerzhaft hohen Tönen, um wieder in gefĂŒhlvolle, weiche KlĂ€nge ĂŒberzugleiten. KĂŒnstler und Zuhörer durchleben gemeinsam eine schmerzhafte Reinigung – eine Katharsis.

Nach der Pause startet MĂŒnch mit seinem Werk „MĂ€rchen und Arabesken op. 32“, das 1996 fĂŒr den Konzertsaal, aber auch fĂŒr den Musikunterricht geschaffen wurde. Anstrengende, fast atonale Sequenzen wechseln sich ab mit harmonischen fast eingĂ€ngigen Melodien. Er zeigt eine beeindruckende Bandbreite seines Schaffens.

Lust und Qual gehören zum Spiel.

Und noch einmal interpretiert der Freigeist MĂŒnch den Freigeist Mozart in dem StĂŒck „Menuett und Gigue“. Mit dem Wechsel von schnellen Passagen zu langsamen, fast gequĂ€lt gezogenen Stellen fordert der Pianist sich selbst und die Zuhörer.

Mit Ravels „La Valse“ beschließt Martin MĂŒnch sein Programm.

„La Valse“ – der Walzer schlechthin – ist Ravels Bekenntnis gegen den Krieg. Wie viele Intellektuelle habe Ravel den 1. Weltkrieg zunĂ€chst begrĂŒĂŸt, erfĂ€hrt man von MĂŒnch. Doch schon 1916 sei dessen Begeisterung gekippt. Bei einer Reise nach Wien wollte sich der KĂŒnstler mit dem ehemaligen Kriegsgegner aussöhnen. Doch anstelle von Walzerseligkeit findet er nur bedrĂŒckende EindrĂŒcke und kehrt damit ins Baskenland zurĂŒck,

Die erste Version von „La Valse“ entstand im Jahre 1919, die endgĂŒltige Fassung 2 Jahre spĂ€ter. Der „Tanz auf dem Vulkan“, wie „La Valse“ auch bezeichnet wird, beginnt musikalisch wie auch in dem szenischen Entwurf von Ravel dĂŒster. Die leichten Walzermelodien lassen dann doch bald ein helles, fröhliches Bild entstehen, das sich zum Ende wieder verdunkelt. Der schwarze Tod fordert die weißen TĂ€nzer auf und nach und nach verdunkelt sich die BĂŒhne und die Musik.

Mit großem Applaus und Bravorufen feiern die leider nur 35 Zuhörer dieses letzte StĂŒck. Dessen atemberaubende Dramaturgie der Pianist Martin MĂŒnch vor den Augen und in den Ohren des Publikums entstehen ließ.

Mit einer Zugabe von Skrjabin endet ein beeindruckender Klavierabend.

Alle Fotos: hirschbergblog/sap
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Zur Person:
Martin MĂŒnch wurde 1961 in Frankfurt am Main geboren, studierte Schulmusik und Philosophie in Mainz, danach Komposition bei Wolfgang Rihm an der Musikhochschule Karlsruhe.

Der KĂŒnstler gibt jĂ€hrlich an die 30 Konzerte. Er ist als Solist in fast allen LĂ€ndern Europas aufgetreten, u. a. im Mozarteum Salzburg und Gasteig MĂŒnchen, in Rom, Paris, Madrid, Sofia u.a. Konzertreisen fĂŒhrten ihn bis nach Brasilien, Argentinien, Japan und in die USA. Bekannt wurde er durch seine abendfĂŒllenden Interpretationen von Albéniz (gesamte Iberia-Suite), Balakirew und seine 2-tĂ€gigen Lecture-recitals ĂŒber Skrjabin (alle Sonaten).

Rundfunk- und TV-Aufnahmen bei SDR, SWF, SWR, BR, Radio Nordzypern und Klassikradio Buenos Aires mit eigenen Kompositionen und Klavierwerken des spĂ€ten 19./frĂŒhen 20. Jahrhunderts.

Sein bisher 40 StĂŒcke umfassendes Å’uvre reicht von Klavier- ĂŒber Kammermusik- bis hin zu Orchesterwerken. Die 1996 herausgekommene CD „Katharsis“ mit drei eigenwillig-prĂ€gnanten Klavierimprovisationen rief bemerkenswert positive Kritiken hervor, u. a. in der „Frankfurter Rundschau“, „Die Zeit“, „NMZ“. Die 2001 im Duo mit JérÎme Bloch eingespielte CD „barbaro cantabile“ ist ein „vierhĂ€ndiges Repertoire-Juwel“ (Rhein-Neckar-Zeitung) französischer Klaviermusik.

Martin MĂŒnch, seit 1994 Dozent fĂŒr Klavier an der UniversitĂ€t Bamberg, ist GrĂŒnder der „Jahrhundertwende-Gesellschaft“, Heidelberg, 1. Vorsitzender der Gesellschaft „piano international“ und kĂŒnstlerischer Leiter der Klavierwoche Heidelberg, des Neckar-Musikfestivals und der Pianorama Florenz 2005.

2009 gewann er mit seiner Feuerwerk-OuvertĂŒre bei der Pyromusikale Berlin den 1. Preis.