Sonntag, 13. Juni 2021

Was Jugendschöffen auszeichnet und erwartet

Mit Menschenkenntnis zum Richter werden

Justitia (Maarten van Heemskerck, 1556). Quelle: Wikipedia


Rhein-Neckar, 15. Januar 2013. (red/pm) Deutschland ist derzeit auf der Suche nach Jugendschöffen, die fĂŒr eine fĂŒnfjĂ€hrige Amtszeit ab 2014 die rechte Hand des Richters sind. Im ersten Halbjahr 2013 werden neue Jugendschöffen gewĂ€hlt – bewerben kann man sich bereits jetzt bei den Kommunen des Rhein-Neckar-Kreises.

Von Alina Eisenhardt

Im Namen des Volkes ergeht folgendes Urteil…

Dieser Satz ertönt in deutschen Gerichtshöfen, wenn ein Angeklagter sein Urteil erhÀlt. Das Urteil wird nicht allein vom Richter gefÀllt. An seiner Seite stehen Schöffen, die ihm im Namen der Gerechtigkeit helfen, die richtige Entscheidung zu treffen.

Schöffen sind laut Duden ehrenamtlich eingesetzte Laien, die zusammen mit dem Richter die Tat des Angeklagten beurteilen und das Maß der Strafe festlegen. “Diese Laienrichter gibt es schon seit Jahrhunderten.”, sagt Robert Gunderlach, Vorsitzender der Deutsche Vereinigung der Schöffinnen und Schöffen des Landesverbandes Baden-WĂŒrttemberg e.V. Er selbst war im Landesgericht Stuttgart von 2000 – 2008 Schöffe.

Jugendschöffen sind spezialisierte Schöffen an einem Jugendgericht. Doch warum braucht man Jugendschöffen, wenn es bereits einen Berufsrichter gibt? Die Aufgabe eines Jugendschöffen ist es, anhand seiner Lebenserfahrung rechtliche ZusammenhĂ€nge erkennen und bewerten zu können. Ein Richter hat zwei Schöffen, die gleichberechtigte Stimmen haben. Das Richterteam (1 Berufsrichter, 2 Schöffen) zieht sich am Schluss der Hauptverhandlung zur Beratung zurĂŒck. Um ein Urteil auszusprechen ist eine Zwei-Drittel-Mehrheit erforderlich.

TÜV-Siegel in PĂ€dagogik

Neben den allgemeinen Voraussetzungen wie Selbstbewusstsein und Unparteilichkeit muss ein Schöffe einen Menschen in seinem sozialen Umfeld beurteilen können. Ein hohes Maß an sozialer Kompetenz ist erforderlich. Um die erforderliche Lebenserfahrung und Menschenkenntnis aufbringen zu können, muss ein Schöffe zwischen 25 und 69 Jahre alt sein, wenn er sich fĂŒr das Ehrenamt bewirbt.

Jugendschöffen sollten darĂŒber hinaus Erfahrung in der PĂ€dagogik aufweisen.

Dabei reicht es nicht, Kinder zu haben. Sie sollten in der Jugenderziehung ĂŒber eine professionell Erfahrung verfĂŒgen, wie zum Beispiel Sozialarbeiter und Lehrer sie besitzen. Man braucht sozusagen ein TÜV-Siegel in PĂ€dagogik,

sagt Robert Gunderlach.

“Man muss definitiv in sich gefestigt sein…”

Wer Interesse hat als Jugendschöffe zu arbeiten, der schickt seine Bewerbung an das zustĂ€ndige BĂŒrgermeisteramt. Diese leiten die Bewerbung dann an das Jugendamt weiter. Der Jugendhilfeausschuss des Rhein-Neckar-Kreises schlĂ€gt dabei beim Amtsgericht mindestens doppelt so viele Kandidaten vor, wie an Schöffen benötigt werden.

Probleme mit der Zahl der Bewerber gibt es dabei selten. “Die Zahl der Bewerber ist konstant. Viele Jugendschöffen bewerben sich auch fĂŒr eine zweite Periode. Erst dann mĂŒssen sie fĂŒr eine Periode aussetzen.”, erklĂ€rt Robert Gunderlach.

Das Ehrenamt kann sehr belastend sein:

Es kommt zwar auch auf den Fall und die Persönlichkeit an, aber man muss definitiv in sich gefestigt sein,

so Herr Gunderlach. Immerhin mĂŒsse man auch in schwierigen FĂ€llen, wie einer Vergewaltigung ohne Zeugen, beurteilen können, ob der Vorfall tatsĂ€chlich so geschehen ist. Ihn selbst hĂ€tten viele Wirtschaftsstrafsachen, die tief in das Leben der Menschen blicken ließen, sehr bewegt.

Mit Menschenkenntnis zum Urteil

Als Schöffe bekommt man in der Regel 12 Gerichtstermine pro Jahr zugeteilt. In fĂŒnf Jahren sind das 60 Termine. Diese können nur einige Stunden dauern, aber auch Wochen oder gar Monate.

Wenn man eine Gerichtsverhandlung hat, weiß man erst nicht, worum es geht. Erst vor der Verhandlung klĂ€rt der Richter den Jugendschöffen in einer Kurzform ĂŒber den Fall auf. Vor Gericht erfĂ€hrt man dann genau, worum es geht. “Als Jugendschöffe soll man unvoreingenommen bleiben. Man soll keine Zeit haben, sich auf einen Fall vorzubereiten, sondern seine Alltagserfahrung und seine Menschenkenntnis nutzen. Immerhin ist man kein ausgebildeter Berufsrichter”, erklĂ€rt Robert Gunderlach.

Die Verantwortung, die man als Jugendschöffe eingeht, ist sehr hoch. Man kann im Krankheitsfall nicht einfach aussetzen, oder zurĂŒcktreten, wenn man keine Lust mehr hat. In der Regel kann nur ein Umzug zu einer Entlassung aus dem Amt fĂŒhren. Möchte man das Schöffenamt tatsĂ€chlich niederlegen, entscheidet das Gericht, ob die GrĂŒnde ausreichend sind. Doch in der Regel passiert das nicht. “Immerhin treibt die Bewerber in der Regel ein gewisser Gerechtigkeitssinn an. Sie wollen sichergehen, dass es in den FĂ€llen gerecht zugeht, das sie ein Teil dieser Gerechtigkeit sein können”, so Gunderlach.

Bauernhof-Kindergarten erhÀlt Baugenehmigung und geht in die Offensive

1. Erlebnis-Tag auf dem Bauernhof

Entsteht hier bald ein Bauernhof-Kindergarten? Foto: Hirschbergblog.de

 

Hirschberg/Großsachsen, 14. Januar 2013. (red/aw) Der TrĂ€gerverein des geplanten Bauernhof-Kindergartens am Marbacher Hof hat allen Grund zur Freude. Nach Erteilung der Baugenehmigung durch das Landratsamt Rhein-Neckar kann der Umbau des bestehenden GebĂ€udes in einen Kindergarten nun bald beginnen. Um ihr Konzept sowie die Gegebenheiten vorzustellen, bietet der TrĂ€gerverein in Zukunft „Erlebnis-Samstage“ an. Interessierte Familien können sich bei einer „Ortsbegehung“ ein Bild der Kinderbetreuung auf dem Bauernhof machen. 

Der gemeinnĂŒtzige TrĂ€gerverein „Bauernhofkindergarten am Marbacher Hof e.V.“ musste einige RĂŒckschlĂ€ge wegstecken. Das „Nein“ zur Teilfinanzierung des Kinderbetreuungsprojekts auf dem Bauernhof vom Gemeinderat im April 2012 war wohl der hĂ€rteste. (Wir berichteten)  Unterkriegen ließen sich die Initiatoren davon aber nicht und suchen seither alternative Finanzierungsmöglichkeiten.

Eine abschließender Finanzierungsplan steht zwar nach wie vor aus, allerdings hat der Verein mittlerweile immerhin einen Meilenstein in Sachen „Projektrealisierung“ erreicht. Das Landratsamt Rhein-Neckar hat die Baugenehmigung erteilt, ein vorhandenes Bauernhof-GebĂ€ude in eine Kindergarten umzubauen. Die damit verbundenen EinsprĂŒche und Bedenken konnten von verschiedenen Genehmigungsbehörden nach ausreichender PrĂŒfung entkrĂ€ftet werden.

FĂŒttern, streicheln, ausmisten.

Nun will der Verein Kindern und Familien aus Großsachsen und Umgebung bereits erste Einblicke in das Konzept bieten. Dazu werden in den kommenden Wochen und Monaten drei Erlebnis-Samstage auf dem Marbacher Hof angeboten. Der erste Termin ist am 26. Januar 2013 um 14 Uhr. Rund zwei Stunden dauert die FĂŒhrung ĂŒber den Hof. Die Gegebenheiten sowie die Tiere werden vorgestellt und erlĂ€utert. Anfassen und mithelfen erlaubt. Diese Veranstaltung soll den Familien mit 3 bis 6 Jahre alten Kindern Orientierung bieten und aufzeigen, wo die Schwerpunkte dieser pĂ€dagogischen Erziehung liegen.

Dieser liegt bei dieser Art der Kinderbetreuung in der Landwirtschaft und Natur. Hier können sich Kinder auf spielerische, sinnliche und erlebnisorientierte Weise mit der Umwelt vertraut machen. Die TĂ€tigkeit im Umgang mit Tieren und Pflanzen stĂ€rke zudem die Kinder in ihrem Selbstbewusstsein und Urvertrauen, heißt es von Seiten der TrĂ€gerschaft. Davon sollen sich die Familien bei diesem Erlebnis-Besuch selbst ĂŒberzeugen.

Die Anmeldung fĂŒr diesen Erlebnis-Samstag kann gegen einen Unkostenbeitrag von mindestens 10 Euro erfolgen. Weitere Informationen finden Sie auf der Internetseite des Bauernhof-Kindergartens.

Mariettas Kolumne

Von kleinen Zielen und großer Erschöpfung

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Guten Tag!

Rhein-Neckar, 28. Februar 2011. Marietta hat sich fĂŒr’s Neue Jahr vorgenommen, sich kleinere Zielen zu stecken und vor allem Gelassenheit zu ĂŒben. Das wurde auf eine harte Probe gestellt.

Von Marietta Herzberger

Das Neue Jahr ist ja schon einige Zeit alt und ich habe Gabis Ratschlag, sich kleine Ziele zu setzen, bis jetzt erfolgreich umgesetzt.

Und siehe da: Es funktioniert. Ein kleines Ziel seit diesem Jahr ist fĂŒr mich: Gelassenheit ĂŒben. Nur nicht ĂŒber Nichtigkeiten aufregen. Ein weiteres ist, große Ziele in viele kleine aufzuteilen.

Der Weg ist das Ziel.

FrĂŒher sagte ich mir: „Marietta, wenn du die zehn Kilometer nicht in 6 Minuten 30 pro Kilometer lĂ€ufst, bist du ein Loser. Das muss drin sein.“ Das Resultat war stĂ€ndige Frustration.

Heute laufe ich entspannt zwei bis dreimal fĂŒnf Kilometer die Woche oder auch nur einmal drei Kilometer oder gar nicht – wie gesagt – kleine Ziele. Dabei fĂŒhle ich mich gut. Gerade letzte Woche haben mich zwei ĂŒbergewichtige Walker ĂŒberholt. Egal. Der Weg ist das Ziel und falscher Ehrgeiz die Bremse dahin. Der Berg ist hoch.

UnlĂ€ngst absolvierte ich meine gemĂŒtliche Runde im „Own-Zone-Bereich“, da lachte mich bei Kilometer FĂŒnf eine aparte GrĂŒnflĂ€che mit zwei ParkbĂ€nken an. Ach, dachte ich, da findest du jetzt einen Moment zu dir selbst, und ließ mich auf einer der beiden BĂ€nke nieder.

Die Schaukel, das KlettergerĂŒst und die Wippe störten mich nicht. Auch nicht die beiden kleinen, gar niedlich anzusehenden Kinder, welche friedlich nebeneinander im Sandkasten spielten. Vier Jahre alt mochten sie sein, vielleicht auch fĂŒnf.

Ein MĂ€dchen, blond gelockt wie ein Engel. Ein Junge, frecher Haarschnitt, kecke Nase, blaue Latzhose und rotes Halstuch. Niedlich! Sie hĂ€uften Sand auf, gruben Löcher, hĂ€uften Sand auf und gruben Löcher. Hach, Kinder! Meine Tochter ist schon so groß.

Das Leben ist einfach und schön.

Ihre MĂŒtter saßen auf der anderen Parkbank nebeneinander, still und im Anblick auf ihre Nachkommenschaft vertieft. Die blonde, dauergewellte, etwas fĂŒlligere Dame gehörte dem Äußeren nach wohl zu dem kleinen Engelchen.

Die rothaarige Mittdreißigerin wahrscheinlich zu dem Jungen. Soweit ich erkennen konnte, hatte sie die Augen geschlossen. Wahrscheinlich war sie vor lauter Entspannung eingenickt. Das Leben ist einfach und schön.

Es war ein Idyll der Ruhe und Entspannung. Genau das brauchte ich jetzt. Der Lauf hatte mich doch etwas erschöpft. Die Sonne kam heraus. Ich schloss meine Augen und döste gelöst vor mich hin.

„Meine Schaufel, du Loch!“ Ich öffnete ein Auge.

„Nein, die rote ist doch meine. Dir ist die gelbe“, sagte der kleine Junge kleinlaut und zeigte auf eine gelbe Schaufel, die einsam im Sand lag.

„Piss dich, du Arsch!“

Ich öffnete das andere Auge. Kamen diese unflÀtigen Worte von dem putzigen MÀdchen?

BlauĂ€ugig, blondgelockt und rosige BĂ€ckchen? Mein Blick erhaschte Unfassbares. Die kleine SĂŒĂŸe hatte sich in eine Furie verwandelt.

HasserfĂŒllt schaute sie den Jungen an; die blonde MĂ€hne hing ihr wirr ins vor Wut gerötete Gesicht, wĂ€hrend sie fleißig dabei war, ihrem Gegenspieler etwas Rotes aus den HĂ€nden zu reißen.

Mit Erfolg. Doch damit war dem noch kein Ende gesetzt. Das Herzchen begann, wild mit der Schaufel auf den Jungen einzudreschen. Der wiederum versuchte erfolglos, sich zu wehren.

Ich lass mich nicht aus der Ruhe bringen.

Wie gesagt, ich war sehr erschöpft und ĂŒbte mich in Gelassenheit. Kinder, dachte ich.

Jaja, die Mama wird das schon regeln und helfend einspringen.

Ich beschloss, mich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen und senkte meine Lider wieder hinab.

„Naomi“, ertönte es donnerschlaglaut von nebenan, „lass den verdammten Balg in Ruh-ÂŽ.“

Mein Idyll verabschiedete sich und ging schon mal heim.

Die kleine Blonde hatte jedoch nicht die Absicht, aufzuhören. Nun folgte eine etwas massivere, gar dröhnende Aufforderung: “Naomi Schwöbel, hĂ€r soford uff oder isch knall dir Ă€ni!“

Erziehung wird hier ĂŒber Zuruf geregelt.

Offenbar regelt man hier die Erziehung ĂŒber Zuruf. Die Dame dachte nĂ€mlich nicht daran, aufzustehen, lehnte sich zurĂŒck und zĂŒndete sich erst einmal eine Zigarette an.

In diesem Moment wachte wohl ihre Banknachbarin auf, erkannte die prekÀre Situation sofort und eilte zu ihrem Sohn.

Löckchen hieb immer noch auf den Kleinen ein und schrie dabei wiederholt: „Meine Schaufel. Meine Schaufel.“

Die Mutter des Jungen nahm dem kleinen Biest die Schaufel weg und zog ihren Sohn aus der Gefahrenzone. WĂ€hrend sie ihrem Sprössling den Sand aus dem Mund pulte, wandte sie sich halb zu Mutter Schwöbel um und sagte folgende Worte: „Ich glaube nicht, dass es gut ist, wenn mein Lars-Olaf weiterhin mit ihrer Tochter spielt.“

Wie gesagt, ich war sehr erschöpft. Zu erschöpft, um mich zu erheben. Vielleicht aber auch zu neugierig, um zu gehen. Es versprach, interessant zu werden.

Mama Schwöbel wurde verdĂ€chtig rot im Gesicht und stĂŒrzte sich gleich darauf mit Kriegsgeheul auf Lars-Olafs Erziehungsberechtigte. Diese ließ ĂŒberrumpelt die Schaufel fallen und von ihrem Kind ab. Die kleine blonde Bratze saß im Sand und schrie nach ihrer roten Schaufel.

Das war ein Gewusel und Gemenge vor dem Herrn. Irgendwann hatte Engelchen die rote Schaufel wieder und Lars-Olaf saß gefesselt und geknebelt auf der Wippe. Die alte Schwöbel kniete auf der Rothaarigen und war gerade dabei, deren Aufbegehren mit Sand zu ersticken. Sie nahm dazu die gelbe Schaufel. Die rote hatte ja ihre Tochter.

Nun, ich war immer noch sehr erschöpft. Voller Vertrauen auf die Vernunft und Weitsicht erwachsener Menschen, atmete ich tief durch. Der Berg ist hoch. Übe Gelassenheit.

Jemand musste wohl die Polizei gerufen haben. Ich hörte das typische Sirenengeheul. Aber da war ich schon lÀngst zu Hause.

Marietta Herzberger.

Anmerkung der Redaktion: Marietta Herzberger lebt in Weinheim und schreibt in ihren Kolumnen ĂŒber den ganz normalen Wahnsinn des Alltags. Erfundene Geschichten, in denen doch das eine oder andere wahr ist. Die Personen gibt es meistens, manchmal nicht. Mal ist es, wie beschrieben, mal gnadenlos ĂŒberzogen. Es sind keine „journalistischen“ Texte mit dem Anspruch auf Faktentreue, sondern Lesetext mit dem Ziel, Lesefreude zu verbreiten. Sie hat jede Menge Weisheiten gerne, zwei sind: „Machen Sie sich erst einmal unbeliebt, dann werden Sie auch ernst genommen“ – Konrad Adenauer. Und: „Wer kĂ€mpft, kann verlieren. Wer nicht kĂ€mpft, hat schon verloren“ – Bertolt Brecht. Wir begrĂŒĂŸen sie herzlich und freuen uns auf die Zusammenarbeit. Wir wĂŒnschen unseren Lesern viel Lesespaß mit ihren Texten!

Gabis Kolumne

Nur eine „Klamottenfrage“ oder doch viel mehr?

Guten Tag

Hirschberg, 4. Oktober 2010. Unsere Kolumnistin Gabi fragt sich, wie Kinder sich heutzutage abgrenzen, wenn Eltern oft die gleichen Klamotten tragen und die gleiche Musik hören.

„Hot ma des awwl so?“, fragte mich meine Großtante – (ich weiß weder wie man das schreibt und kann es auch nicht wörtlich ĂŒbersetzen, wusste aber sinngemĂ€ĂŸ, was sie meinte) – als ich ein Teenager war und mich kleidete, wie es gerade angesagt war.

Sie sagte nie, wie schrecklich meine Henna gefĂ€rbten Haare zu dem ĂŒbergroßen grĂŒnen Pullover, den ich heimlich aus der Altkleidersammlung meines Vaters rausgezogen hatte, aussah. Ganz im Gegenteil, als ich ihr meine neuen geschnĂŒrten Stiefel zeigte, schlurfte sie in ihre Kammer und brachte mir schwarze Altdamen-Stiefetten herbei und meinte, die wĂŒrden mir sicherlich passen.

Was junge MĂ€dchen heutzutage tragen

Ihr Verhalten beruhte nicht auf großer modischer Toleranz, nein eher auf Verwunderung, „was die junge MĂ€dchen heutzutage tragen“.

Das war bei meinem Vater ganz anders. Die tĂ€glichen Diskussionen ĂŒber meine unordentlichen Haare am Abendbrottisch, sind mir noch gut – und in keiner guten – Erinnerung. Er flippte regelrecht aus, als er sah, dass ich mir ein zweites Ohrloch hatte stechen lassen, auch wenn ich das wochenlang unter meinen „unordentlichen Haaren“ verbergen konnte.

Die alte Lederjacke, ein ErbstĂŒck von meinem Großvater, mein ganzer Stolz, verursachte bei ihm einen Wutausbruch: „Mit so was gehst du nicht in die Schule“, erklĂ€rte er keine Diskussion zulassend.

Mein erster Freund hatte lange Haare, ein absolutes „No-Go“. „Einen Langhaarigen brauchst du nicht mit nach Hause zu bringen“, lautete seine klare Anweisung.

Wie Sie es sich sicher denken können, ich trug die Lederjacke weiterhin und blieb mit meinem Freund ĂŒber ein Jahr zusammen, aber ich tat jetzt alles so, dass er weder das eine noch das andere mitbekam.

Heute bin ich mir sicher, dass er um Beides wusste, aber sich so leichter vormachen konnte, dass ich mich an seine Gebote und Verbote hielt.

Sind wir eine tolerante Generation?

Meine Kinder sind jetzt im Teenageralter. Und wir gehören wahrscheinlich zu der Generation, die sich selbst fĂŒr die toleranteste hĂ€lt.

Tragen wir doch die gleichen Jeans und Tops wie unsere Kinder. Schon jetzt holt sich meine 12jÀhrige Tochter Klamotten aus meinem Kleiderschrank und auch ich habe mir hin und wieder einen Schal oder Modeschmuck von ihr ausgeliehen.

Mein Sohn trug seine Haare eine Zeit lang recht lang und ich war richtig enttĂ€uscht, als er sie abschneiden ließ.

Dennoch gibt es bei uns natĂŒrlich Diskussionen ĂŒber Stylingfragen. So ist die GrĂ¶ĂŸe der Ohrringe, die Farbe und LĂ€nge der NĂ€gel unserer Tochter eine stĂ€ndige Streitfrage. Kreolen, die bis zur Schulter reichen und knallroter Nagellack sind absolut tabu. Und da achtet vor allem mein Mann drauf.

Ich dagegen rege mich ĂŒber zu lange Jeans, deren Hosenbeine durch das Schleifen auf dem Boden ausfranzen besonders auf. Vor allem, wenn mein Sohn mir erklĂ€rt: „Das muss so sein“. Aber alles in allem laufen zumindest diese Diskussionen bei uns ziemlich „gechillt“ ab.

Beliebt bei Teenie-Eltern ist auch die Frage, um das wann und ob von Tatoos oder Piercings. Als sich vor einem Jahr die Tochter einer Freundin eine Blume am Knöchel tĂ€towieren ließ, verkĂŒndete ich, „das wĂŒrde ich nie erlauben“. „Hast du dir schon mal ĂŒberlegt, wie sich unsere Kinder von uns abgrenzen sollen“, entgegnete meine Freundin. „Meine Mutter war noch gekleidet wie eine Mutter und nicht wie die Ă€ltere Schwester, an ihren Kleiderschrank wĂ€re ich nie gegangen. Wir dagegen tragen die gleichen Klamotten und hören die gleiche Musik.“

Das gab mir zu denken und als ich kĂŒrzlich mit meiner Tochter bummeln war und eine diesen Herbst angesagte „Jeggings“ in der Hand hielt, schĂŒttelte meine Tochter nur den Kopf und meinte: „Mama, dafĂŒr bist du dann doch etwas zu alt.“

Da legte ich das KleidungsstĂŒck schnell ins Regal zurĂŒck.

gabi